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von Bettina Herbig
Deutschland (2010) Autor, Zeichner: Jens Hader Erschienen bei: Carlsen Verlag ISBN: 3551789800 Preis: ca. 49,90€ Alpha ...Directions bei Amazon.de Anfang war… So fängt im Grunde jede Geschichte um die Entstehung der Welt an – egal ob es die Genesis, ein beliebiger anderer Schöpfungsmythos oder die Theorie des Urknalls ist. Auch in Jens Harders Alpha …directions war am Anfang und zwar die Singularität. Fast unmerklich ist sie ein kleiner Punkt auf der ersten Seite. Sie erscheint nicht, sie ist. Man nimmt erst von ihr Notiz, als sie sich langsam immer größer aufbläht, um dann in der gewaltigsten aller Explosionen zu zerbersten und Raum, Zeit und Energie zu schaffen.
Bis zu diesem Zeitpunkt kommt auch Alpha …directions vollkommen ohne Worte aus. Überhaupt braucht Jens Harder in seinem Buch nur wenige, erklärende Worte zu gebrauchen. Vielmehr lässt er die Bilder für sich sprechen. Es gelingt ihm auf geniale Weise, diese höchst komplizierten physikalischen Vorgänge in Bilder zu verpacken und diese wiederum durch Anleihen aus der Mythologie oder der Kunst zu verdeutlichen und gleichsam zu kommentieren. So etwa, wenn er den Beginn der atomaren Ära durch Zeichnungen des Atomiums in Brüssel oder eines Atompilzes als Ausblick auf das versieht, was wir letztendlich daraus machen werden. Auch wechselt zum Zeitpunkt Null nach dem Urknall die Farbgestaltung der Seiten, aus einem rötlichen Farbton wird ein Orange-Braun. Beim Lesen – wenn man bei dieser „Bilderbibel“, wie Harder sein Buch selbst bezeichnet, überhaupt von lesen reden kann – stellt man bald fest, dass sich das Stilmittel des Farbwechsels durch das gesamte Buch zieht: jeder entscheidende Entwicklungsabschnitt, jede radikale Neuerung erhält einen leicht anderen Farbton: die Geburt der ersten Sterne, die ersten nachweisbaren Fossilien im Kambrium, die ersten Blütenpflanzen in der frühen Kreide, den Beginn der Herrschaft der Säugetiere im Tertiär, um nur einige zu nennen. 
Bildgewaltig und unglaublich detailverliebt geht es auch nach der Entstehung des Universums weiter. In rasantem Tempo werden wir Zeuge, wie die Gravitationskräfte einsetzen, wie die ersten Sterne zünden, wie sich die Milchstraße bildet, wie die junge Sonnen eine sich drehende Staubscheibe um sich sammelt, in der sich die Erde und alle anderen acht Planeten bilden. Und somit haben wir den Beginn der Zeit auf unserem Planeten erreicht: das Hadaikum, das vorgeologische Zeitalter. Hier findet sich auch die wunderbare Seite nach der Entstehung des Mondes, die auf großartige Weise deutlich macht, wie es Harder versteht, mit verschiedenen Kunstrichtungen aus unterschiedlichen Epochen zu spielen und diese zu einem neuen Gesamtbild zu kombinieren: Gottvater, der Tag und Nacht voneinander trennt aus Michelangelos Schöpfungs-Zyklus, eine mittelalterliche Darstellung der Himmelssphären, Il donatore felice von René Magritte, die Himmelsscheibe von Nebra, ein Bild aus Die Reise zum Mond von Georges Méliès, einen Rover auf der Mondoberfläche und Neil Armstrong, der in die Kamera salutiert – jedes einzelne davon eine Ikone in Zusammenhang mit dem Mond. Von jetzt an wendet sich Harder einzig den Vorgängen auf der Erde zu, die noch von den gewaltigen Dämonen des Vulkanismus zerrissen und immer wieder neu geformt wird, bis die Temperatur in der Atmosphäre schließlich unter die magische Grenze von 100°C sinkt und es zum ersten Mal regnet. Nun regieren ungeheure meteorologische Phänomene den jungen Planeten, bis ein einschneidendes Ereignis die unwahrscheinlichste Entwicklung überhaupt in Gang setzt: mit der Bildung von Aminosäuren, Nukleinsäuren und ersten Kohlenhydraten werden die Voraussetzungen für das früheste Leben in der Ursuppe geschaffen, womit sämtliche Evolution ihren Anfang nimmt, denn die so entstehenden Makromoleküle können sich teilen und replizieren. Die Minimalvoraussetzungen für Leben – nämlich die Fähigkeit, sich selbst zu erhalten und zu reproduzieren – sind damit gegeben. Die Evolution, das ewige Wettrennen um die beste Anpassung an einen bestimmten Lebensraum beginnt und damit werden zwei wesentliche Faktoren eingeführt, die einander bedingen und kontrollieren: die geschlechtliche Fortpflanzung als Voraussetzung für die Neukombination des genetischen Materials und der Tod als limitierender Faktor, in aller Stille aber eindrücklich dargestellt durch das Bild zweier nebeneinander bestatteter Menschen, die sich einander zuwenden und umarmen zu scheinen. Von nun an setzt sich das Leben auf der Erde durch. Kaum ein anderer Faktor wird den Planeten so verändern. Alpha …directions ist spätestens ab hier ein bebilderte und kommentierte Ausgabe von Darwins Origin of Species. Daneben informiert Harder immer wieder über gravierende Umgruppierungen auf dem Erdmantel und erklärt so die entstehenden Klimate. Und er setzt ein neues Stilmittel ein: detailliert ausgearbeitete Stammbäume verdeutlichen die aktuellen Entwicklungsrichtungen des Lebens. 
Bahnbrechende Neubildungen, wie etwa die ersten komplexen Augen oder die ersten Gliedmaßen widmet er große Abschnitte einzelner Seiten und stellt diese in mehreren Variationen, auch technischen, dar. Somit erzählt Alpha …directions nicht die Geschichte des Lebens, sonder verdeutlicht die Bedeutung der Entwicklungen und Ereignisse aus der Rückschau und mit dem Wissen von heute. So gesellen sich etwa zu den ersten Urfischen im Silur eine Tunfischdose und ein Goldfischglas. Immer bekannter muten nun die abgebildeten Arten an, die Harder auch gerne mit anatomischen Zeichnungen versieht. Die Pflanzen erobern das Land und bald danach im Devon die ersten Landwirbeltiere. Im Karbon werden die Grundlagen für die Kohlelagerstätten der Welt und somit der industriellen Revolution gelegt, hartschalige Eier werden von den Reptilien als endgültige Trennung vom Wasser entwickelt, im Perm tauchen die ersten Zwergsaurier auf, die noch wenig mit ihren riesenhaften Verwandten aus Jura und Kreide gemein haben, und nur kurze Zeit später erscheinen mit den Cynodontiern Tiere, die erstmals Säugermerkmale tragen. In Trias, Jura und Kreide beherrschen die uns allen nicht allein durch die Popkultur so bekannten Dinosaurier den Planeten, bis diese durch einen gewaltigen Meteoriteneinschlag hinweggefegt werden. Die Erdneuzeit beginnt und damit die Herrschaft der Säugetiere, die rasch die freigewordenen Nischen besetzen. Noch erscheinen die Formen fremdartig, aber doch tragen sie die Baupläne für die vertraute Fauna in sich, die sich seit Beginn des Holozäns vor etwa 11.500 Jahren etabliert. Harders Geschichte nimmt ihr vorläufiges Ende mit dem ersten großen Auftreten des Menschen, den er als gefährlichsten Jäger aller Zeiten etabliert. Das Anthropozoikum und somit die Gegenwart ist erreicht. Ganz bewusst lässt Harder jedoch die Entwicklung des Menschen aus und setzt ihn nur als Leitorganismus für das neue Erdzeitalter ein. Gleichzeitig gibt er aber einen Ausblick auf zwei weitere Bände – Beta …civilizations und Gamma …visions – die sich mit dem Entwicklung des Menschen, sowie seiner Kulturgeschichte und einer möglichen Zukunft befassen werden.
Ist Alpha …directions nun Wissenschaft in Comicform oder Unterhaltung mit Wissensmehrwert? Das ist schwer zu sagen. Der Autor selbst erhebt zumindest keinen Anspruch auf die Verbreitung eines wissenschaftlichen Weltbildes, sondern, so sagt er selbst in seinem Nachwort, lässt einerseits seine Begeisterung für Dinosaurier aufleben und legt andererseits dar, aus welchen Erkenntnissen er sein momentanes Weltbild aufbaut. Harder redet mit Alpha …directions klar der Evolutionstheorie nach Darwin das Wort und grenzt sich kategorisch gegen die Ansichten des immer populärer werdenden Kreationismus ab, auch wenn er immer wieder auf Gottesgestalten und Schöpfungsmythen zurückgreift, aber wie gesagt stets, um die aufgezeigten geologischen und evolutiven Vorgänge zu kommentieren und zu kontrastieren oder um die „bisweilen etwas trocken und hypothetisch dahinmäandernde“ Wissenschaft mit kulturhistorischen Zitaten aufzulockern und zu ergänzen. Apropos Wissenschaft: dem astronomisch interessierten Leser dieses Artikels wird weiter oben aufgefallen sein, dass ich „die Erde und die anderen acht Planeten“ geschrieben habe. Ich höre schon den Aufschrei: „Nein, es sind doch insgesamt nur noch acht Planeten! Seit 2006 gilt Pluto doch zusammen mit einigen anderen Trans-Neptun-Objekten zur Klasse der Zwergplaneten!“ Ja, natürlich habt ihr recht – heute. Und genau da liegt der Hase im Pfeffer. Harder weiß, dass er nichts endgültiges mit Alpha …directions geschaffen hat. Stetig erweitert sich unser Bild und unser Wissen von der Entstehung der Welt im Großen wie im Kleinen und was heute gilt, kann morgen schon widerlegt sein. Und wahrscheinlich – so mutmaße ich einmal – galt Pluto damals, als Harder diese Seite geschaffen hat, noch als Planet. Wer weiß, welche spannenden Einblicke uns die Wissenschaft morgen gewährt. Alpha …directions ist in jedem Fall ein sehr lesenswertes Buch. Es vermittelt nicht nur einen Überblick über den aktuellen Erkenntnisstand in Sachen Evolution, sondern vermittelt ganz neben bei eine große Achtung vor diesen unwahrscheinlichen Zufällen, die schlussendlich auch zu unserer eigenen Existenz führten. Und genau das tut uns allen von Zeit zu Zeit wieder gut. Text Copyright Bettina Herbig 2010 Bilder Copyright Carlsen Verlag 2010 |