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The Science of Sleep

scienceofsleep Frankreich  (2006)

Regie: Michel Gondry, Buch: Michel Gondry, Kamera: Jean-Louis Bompoint, mit: Gael García Bernal, Charlotte Gainsbourg, Alain Chabat, Miou-Miou

Originaltitel: La Science des Rêves

Michel Gondrys neuer Film The Science of Sleep kämpft gegen sich selbst, so wie es der Regisseur wahrscheinlich auch tut. Das ist nur schwierig zu erkennen, weil der Film oft so effektiv von seinen Abgründen ablenkt. Da ist zum einen die Boy meets Girl-Geschichte, die so manchen Kritiker zu unzulänglichen Vergleichen mit Jean-Pierre Jeunets Märchen Amélie hingerissen hat: Gael Garcia Bernal spielt Stéphane, Mitte / Ende 20. Der kommt nach einigen Jahren bei seinem Vater in Mexiko zurück nach Paris zu seiner Mutter, weil dort angeblich ein Job als Grafiker auf ihn wartet. Er verliebt sich in seine neue Nachbarin Stéphanie (gespielt von Charlotte Gainsbourg), die ähnlich verträumt ist wie er selbst. Aber weil Stéphane zudem noch hoffnungslos kommunikationsunfähig ist, versenkt er sich in seine höchst komplizierte, ungeheuer charmante Traumwelt. Natürlich stellt sich so für drei Akte die Frage: Wird das noch was mit dem vermeintlich perfekten Paar oder nicht?

Stéphanes Traumwelt stellt aber nur die oberste Schicht von Michel Gondrys Film dar, der schon seit Anfang des Jahres durch die internationalen Festivals gereicht wird und jetzt endlich in Deutschland startet. Aber diese Oberfläche ist so faszinierend, kompliziert und einfallsreich gestaltet, dass man sie schnell als den Film an sich ansehen kann. Alles, was einem an Gondrys Videoclips das Herz aufgehen ließ wie übermütigen Hefeteig findet sich auch in The Science of Sleep. Stéphane träumt von in Stop Motion animierten Städten aus Bastelpappe; von gigantischen Schreibmaschinen, die von Spinnenbeinen bedient werden; und von Riesenhänden, die ihm wachsen, damit er sich der Kollegen bei seinem unsäglichen Job entledigen kann. Wenn sich Nachts seine Füße aus der Bettdecke schleichen, dann stecken sie am nächsten Morgen gleich in einem imaginären Eisschrank. Und mit etwas Bastelei kann er problemlos eine mäßig effektive Zeitmaschine zaubern. Mäßig effektiv deshalb, weil sie die Zeit immer nur um ein paar Sekunden zurückspult.

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All diese surrealen Spielereien setzt Gondry so wunderbar um, ohne Computereffekte und mit den simpelsten Mitteln, dass man erst gar nicht darauf achten will, was in diesem Film eigentlich vor sich geht. Es wäre nämlich ein Fehler, Stéphane mit seinen herzallerliebsten Träumen gleichzusetzen. Vieles, was er tut, fühlt sich ein bisschen merkwürdig an, und ohne die bonbonfarbene Schutzschicht drumherum würde man oft genug meinen, man habe es mit einem Stalker zu tun. Er erzählt Stéphanie beispielsweise nicht, dass er in der Wohnung gegenüber wohnt. Das ist natürlich für ein paar sehr lustige Szenen gut. Aber was, wenn er dann bei ihr einsteigt, um Geschenke zu hinterlassen? Wenn er nackt durchs Treppenhaus hechtet, um Liebesbriefchen unter ihrer Tür durchzuschieben? Es wäre also ein Fehler, in ihm nur das große Kind zu sehen. 

Denn eigentlich hat Stéphane einen Schlag weg. Das soll nicht heißen, dass er im dritten Akt austickt und zum Soziopathen mutiert. Er schafft es nur nicht, seine Gefühle für Stéphanie zu bündeln und ganz real zu handeln. Er sagt nie „Ich liebe dich“. Stattdessen versenkt er sich in Träume. Die sind so nahe an der Realität, dass es immer so scheint, als ob die Liebe nur einen halben Schritt entfernt sei. Das ist eine Illusion, denn was Stéphanie dazu sagt, das wissen wir genau so wenig wie Stéphane. Wenn überhaupt in The Science of Sleep gesprochen wird, dann aneinander vorbei. Die Figuren kommunizieren mal auf Englisch, mal auf Französisch, mal auf Spanisch, aber sie verstehen einander praktisch nie. Stéphanes Unfähigkeit, sich selbst in Worte zu fassen wird noch unterstrichen davon, dass er nie in seiner Muttersprache Spanisch kommunizieren darf.

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So ungefähr in der Mitte des Films rennt Stéphane dann einmal mit voller Wucht gegen Stéphanies Wohnungstür. Wenn man den Film zum ersten Mal sieht, ist die Szene sehr lustig. Irgendwann wird einem dann aber klar, dass es eines der wichtigsten Bilder des Films war. Und eines der traurigsten. In Stéphanes Träumen, so könnte man es sagen, stehen die Türen immer offen. Aber seine Tagträume befreien ihn nur manchmal. Oft genug sind sie stattdessen ein ganz wunderbares, herzallerliebstes Gefängnis. Hinter dem Wahrnehmungsdefizit verbirgt sich nicht nur ein unschuldiges Kind, sondern auch ein erwachsener Mann, der ganz schön eklig werden kann, der manchmal narzisstisch ist und selbstsüchtig. Wird einem erst diese Dimension des Films klar, dämmert es einem auch, wieviel Gondry hier von sich selbst preisgibt: Stéphanes Träume sind auch Gondrys Träume, und weite Strecken des Films wurden in derselben Wohnung gedreht, in der Gondry vor zehn Jahren gelebt hat. Wie groß der autobiographische Anteil am Film ist, kann man natürlich nicht sagen. Je zwiespältiger Stéphanes Figur wird, desto näher fühlt man sich aber einem echten, lebenden Menschen – mag das nun Gondry sein oder nur die eigene Projektion. Was auch darauf hinweist, wie viel Stéphanes Erfahrung mit der eigenen zu tun hat, so beunruhigend das auch ist.

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Bis der Film sich selbst vollends eingesteht, dass Liebe für Stéphane immer auch Neurose bedeutet, dauert es eine ganze Weile, wenn sich auch seine düstere Seite immer wieder andeutet. Die Zuckerwatte von Stéphanes (und Gondrys!) Imagination kämpft sich da ab an seinem Scheitern an der echten Welt. Ob dieser Schizophrenie ächzt und knarzt es dann im Gebälk des Films gewaltig. Mit der märchenhaften Wunscherfüllung von Amélie hat dieser Wettkampf von Fiktion und Wirklichkeit rein gar nichts zu tun. Am Ende ist The Science of Sleep genauso wie Eternal Sunshine of the Spotless Mind ein Film, der zwar nicht von der Unmöglichkeit der Liebe handelt, aber auf jeden Fall davon, was sie am häufigsten ist: Keinesfalls einfach so vorhanden, ohne dass man dafür etwas tun müsste, sondern nur eine Möglichkeit unter vielen. Eine Möglichkeit, die auf keinen Fall eintreten muss, egal, wie sehr man sie sich erträumt hat.

 

Text Copyright Jochen Ecke 2006
Film, Poster, Screenshots Copyright Partizan / Gaumont / France 3 Cinéma

 
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