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MTV goes PayTV

mtvvon Michael Steber

Was ist das eigentlich genau, Bezahlfernsehen? Außerhalb des Wirkungskreises von Kneipen und Bars, die mit exklusiv eingekauften Sendern und deren Sportübertragungen locken, erscheint es den meisten potenziellen Zuschauern in Zeiten des Internets wohl wie ein seltsamer Anachronismus, ausgerechnet für mehr oder weniger handelsübliches Fernsehen zu bezahlen. Und doch biedern sich immer wieder neue Sender der heimischen Mattscheibe an, jedes Mal noch ein Stückchen exklusiver, männlicher oder näher am Geschehen, was den inzwischen multimedial übersättigten Konsumenten oftmals höchstens zu einem müden Achselzucken veranlasst. Ganz anders sieht es aus, wenn ein bisher kostenfreier Sender sich in die Riege des Bezahlfernsehens einreiht und damit ein integraler Bestandteil der lieb gewonnenen Berieselung verloren zu gehen droht.

Genau dieses Schicksal droht MTV und seinen Zuschauern. Bereits ab Januar 2011 wird der Musik- und Unterhaltungssender unter dem Begriff Pay-TV laufen. Damit steht fest, dass der Sender für viele Zuschauer verloren gehen wird, liegt doch gerade für diejenigen Haushalte die Hemmschwelle außerordentlich hoch, die es abgesehen von den oft nicht bewusst wahrgenommenen Rundfunkgebühren nicht gewohnt sind, gesonderte TV-Gebühren zu bezahlen.Viele Zuschauer, die immer wieder gerne bestimmte Programminhalte von MTV gesehen haben, werden den Schritt zum Bezahlfernsehen nicht mitgehen und sich stattdessen die entsprechenden Inhalte im Internet zu Gemüte führen. Doch wäre das Verschwinden des Senders aus dem Alltag der Konsumenten überhaupt ein Verlust oder doch nur eine mediale Fußnote ohne weitere Bedeutung
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Game One

Gerade in der Entwicklung der letzten Jahre weist vieles auf den Verfall des Senders hin. Das ursprünglich 1997 in Deutschland als Musiksender initiierte Programm entfernte sich immer weiter von seinen ursprünglichen Inhalten und ließ zunehmend das M im Namen des Senders fehl am Platz erscheinen, wurden doch viel mehr amerikanische Serien, Shows und Dokusoaps als eigentliche Musikvideos gezeigt. Die Frage, ob der Sender einfach an Niveau verloren hatte oder gezwungen war, sich der Entwicklung des Internets anzupassen, in dem Musikinhalte präziser und schneller abrufbar sind, bleibt offen. Fakt ist, dass zuletzt Musikvideos nur noch am Rande und oftmals zu unattraktiven Sendezeiten liefen und dass die Masse der erwähnten amerikanischen Serien nur noch von drei auf Deutsch moderierten Sendungen unterbrochen wurde. Nichtsdestotrotz erscheinen speziell die Sendungen MTV Home und Game One wie letzte Zeugen davon, dass das deutsche MTV immer auch hervorragendes für die Popkultur geleistet hat.

Game One

Gerade die Eigengewächse des Senders waren es, die als Ikonen junger deutscher Fernsehkultur kommen und gingen, dabei aber immer einen bleibenden Eindruck hinterließen, ohne amerikanische Vorbilder nachzuäffen. Viele von ihnen konnten MTV als Sprungbrett für eine große Zukunft nutzen, so Beispiel Christian Ulmen und Nora Tschirner als ernstzunehmende Schauspieler, der leider kürzlich verstorbene Christoph Schlingensief als Allround-Künstler und Provokateur oder Benjamin von Stuckrad-Barre als gefeierter Autor und Journalist. Von diesem Geist war zuletzt nur noch wenig übrig geblieben, doch selbst manche der im Überfluss ausgestrahlten amerikanischen Inhalte hatten etwas zu bieten. Abgesehen von einigen Niveauabgründen anderer Formate waren Sendungen wie Dismissed oder MTV Made ganz einfach gute seichte Unterhaltung und nebenbei Zeugnisse amerikanischer Kultur, die jungen Menschen die seltene Möglichkeitboten, authentische englische Sprache mit Untertiteln im Fernsehen zu erleben.

Schlingensief

So hat der Sender MTV Deutschland insgesamt doch einige wichtige Akzente gesetzt und sich vielleicht in den letzten Jahren lediglich falsch entwickelt. Insofern erscheint der Schritt hin zum Bezahlfernsehen sogar als vernünftige Konsequenz, die vielleicht eine Umkehr zu mehr eigener Entwicklung ermöglicht. Noch offen bleibt hingegen, welche der bisherigen sehenswerten Inhalte in welcher Form weiter bestehen. Ein Teil der Inhalte soll dem weiterhin kostenlosen Partnersender VIVA übertragen werden, wohingegen ein anderer Teil nur noch gegen Bezahlung zugänglich sein wird. Doch gerade die beiden hervorragenden Sendungen MTV Home und Game One zeugen vom noch immer großen Potential der Moderatoren und Macher von MTV und vielleicht sind es genau diese beiden Sendungen, die mit einem Blick auf die Vergangenheit den Weg in eine innovative Zukunft weisen. Sollte dies gelingen und gleichzeitig der Musikanteil wieder erhöht werden, würde in diesem besonderen Fall vielleicht sogar die Hemmschwelle des Bezahlfernsehens sinken. Verdient hätte es MTV Deutschland allemal.

Text Copyright Michael Steber 2010

Bilder Copyright MTV

 
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