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Gorilla des Monats

bernie 
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Audioslave - Revelations

das Cover mit dem Audioslave-KontinentAudioslave: Revelations (USA, 2006) Erscheinungsdatum: 5. September 2006
ASIN: B000GW8B08
Tracks:
12

Schluss mit der Mädchenmusik!

Wo sind wir hier eigentlich? Keane, Take That, The Upper Room? Mann, das sind doch die halben Hemden, die wir – also, die anderen - früher auf dem Pausenhof verkloppt haben. Und womit? Mit Recht. Kaum zwei Alben auf dem Markt und schon in Suchtbehandlung - weil sie dem Druck nicht standhalten, siehe Keane. Das kann man sich vielleicht erlauben, wenn man eine ganze Reihe an Platinwerken im Schrank stehen und sich als eine der Ikonen einer ganzen Musikergenerationen etabliert hat.

Wie Chris Cornell etwa. Und den gibt es jetzt in Stichworten und Halbsätzen. Eine der Speerspitzen der Grunge-Bewegung mit dem einmaligen Projekt Temple Of The Dog und seiner überlebensgroßen Band Soundgarden. Grunge = konsumerfreundliches Label der cleveren Plattenindustrie für Rockmusik aus Seattle und Umgebung. Im Zuge der Soundgarden-Auflösung persönliche Lebenskrise. An Perfektion grenzendes Soloalbum Euphoria Morning. Suchthilfe. Neue Familie. Rage Against The Machine, die es jetzt kurz vorzustellen gilt.

Treibendes Drum’n’Bass. Außergewöhnlicher und patentierter Tom-Morello-Gitarrensound. Politische Agitation von Jugendikone Zack de la Rocha. Unglückliche Wegbereitung für schlimme musikalische Verfehlung Nu Metal. Macht aber nix. Rage spielten ohnehin in anderer Liga. Trotzdem – immer nur voll böse globale Ungerechtigkeit anprangern und auf Regierung kacken irgendwann auch doof. Trennung zwischen unrelaxtem de la Rocha und Musiziererjungs. Enter Chris Cornell. Der mehr als nur begabte Songwriter mit den außergewöhnlichen Stimmbändern sollte der neuen Formation, die sich nach einer kleinen Abfindung an die namensgleiche, ausgerechnet britische Band Audioslave hervortat, neue Horizonte eröffnen. Aber es dauerte. Album Nummer eins – schlicht und einfach Audioslave getauft – war zwar 2002 eine soundgewaltige Wucht, litt aber an Riffrecycling und an der Tatsache, dass man es eigentlich nicht auf einen Sitz durchhören konnte, ohne dass Steigbügel, Hammer und Amboss den Geist aufgaben. Trotzdem gab es auch hier schon vereinzelte Perlen, wie das epische Shadow On The Sun, und Cornell bewies, dass er für die Mauern von Jericho keine Trompeten gebraucht hätte. Drei Jahre später war man dann Out of Exile, aber irgendwie auch out of Ideen und Lust, gerade im langen Mittelteil der Platte. Zu allem Überfluss wirkte Chris Cornell auf weiten Teilen irgendwie stimmmäßig angeschlagen. Und dennoch waren neue Ansätze zu spüren, zum Beispiel im für den Grammy nominierten, melodiösen und geradezu leichtfüßigen Doesn’t Remind Me. Auch Tom Morello und seine Gitarre zeigten andere, beinahe klassische Seiten, teilweise fast ganz mit ohne Effekten. Nachdem Chris Cornell in der Folge eine heftige Kehlkopfentzündung ausgestanden und die Band auf der Tour - nicht zuletzt als erste kapitalistische Band in Kuba – ihre kreativen Reserven aufgefüllt hatte, gibt es nun das dritte Studiowerk – Revelations.

die Band (v.li.: Morello, Cornell, Commerford, Wilk) Und da geht es auch schon gut los. Gleich mit dem Titeltrack gibt Tim Commerford seine Bewerbung für die Bassline des Jahres ab, präsentiert Chris Cornell ein Stimmorgan in Hochform, frei von unnötigem Teer und alkoholischen Begleiterscheinungen, bringt Brad Wilk seine Drums gewohnt druckvoll und passend ein, und muss man bei Morellos Solo nach wie vor darauf hinweisen, dass es sich dabei tatsächlich um eine Gitarre handelt. Zwar gibt es hier noch nicht die Offenbarung eines völlig neuen Musikstils, doch stellt der gewiefte Zuhörer eines fest: Die Produktion besitzt mehr Tiefe. Rick Rubin hielt die Arrangements der ersten beiden Audioslave-Alben sehr direkt und schnörkellos. Brendan O’Brien hingegen, der für mich der wahre Überproduzent ist mit seinen unzähligen Pearl Jam-, Stone Temple Pilots-, Rage Against The Machine- und sonstigen Chrom de la Chrom-Alben im Lebenslauf, gibt einem mehr zu entdecken, lässt lieber noch eine Gitarrenspur im Hintergrund drauf setzen, was besonders bei der wunderbaren Untermalung von Cornells süßlicher Bridge zur Geltung kommt. Track zwei appelliert dann schon heftig an die körpereigenen Muskeln, irgendetwas Passendes zum Rhythmus zu liefern. Zu Intro und Refrain gibt es schön speckige Siebzigerjahre-Wah-Wah-Gitarren, die auch den Straßen von San Francisco gut zu Gesicht gestanden hätten; die Strophen werden flankiert von einem markigen INXS-Sound; das Solo erinnert an einen psychedeliegewordenen Kinderreim. Und sind das wirklich Congas in der Bridge, die Cornells Rufe erden? Ja, müssen es wohl sein.

Sound Of A Gun, der dritte Song im Albumbunde, zieht Commerfords Bewerbung aus Lied Nummer eins wieder zurück – denn hier gibt es die wahre Bassline des Jahres. Dazu wird auch eine der zwei Geheimzutaten für einen exzellenten Rocksong untergemischt, nämlich die Akustikgitarre. (Bei der anderen Zutat handelt es sich übrigens um die gute alte Hammondorgel, deren Einsatz man in Perfektion auf New Adventures In Hi-Fi von R.E.M. kriegt.) In Sachen Perfektion hätte Sound Of A Gun vor allem ein brillantes Zwischenspiel zu bieten. Erst macht einem Tom Morello – der sich im Gegensatz zu vielen, weniger talentierten Zeitgenossen nicht hinter Effekten versteckt, sondern diese aktiv einsetzt, um sein Instrument wahrhaft sprechen zu lassen - weiß, er hätte in seiner Gitarre zwei Plattenteller versteckt, dann kommt Cornell mit dem Bridgegesang, untermalt von lyrischen Bass- und Gitarrensaitenklängen. Es folgt, unter Hinzunahme eines reduzierten, aber kraftvollen Schlagzeugs, eine ebenfalls gemäßigte Version des Refrains, die sich allmählich unter Einbezug aller vorhandenen Instrumente und Stimmbänder zu einem gewaltigen, echowiederholten „HEY!“ erhebt. Noch im Hall gibt Wilk verhalten wieder den Rhythmus an, knirscht Morello erneut den Refrain mit. Drei Takte verstreichen, ein Schlag aufs Becken, der Finger geht zur Basssaite, die Gitarre heult auf, und das Spektakel schenkt sich selber noch eine halbe Minute Zeit, um sich voller Glücksgefühl vom Hörer zu verabschieden.

Tom MorelloMit Until We Fall lässt Chris Cornell uns spüren, in welcher Klasse er eigentlich seine gesanglichen Darbietungen verrichtet, ist es für einen Normalsterblichen doch selbst in der schamgeschützten Sphäre der alleinigen Autobahnfahrt unmöglich, die hier zu hörenden Töne dem Stimmapparat zu entlocken. Wer den Song als Ballade des Standardrepertoires abtut, der verkennt absolut die hier gebotene epische Soundkonstruktion, die nicht zuletzt Brad Wilks Talent scheinen lässt. Matt Cameron hätte es nicht schöner machen können, vor allem nicht die an Orchesterpauken erinnernden Drums im Zwischenstück. Im Text ist übrigens die Rede von „who strokes your feathers ’til you scream?“ – ein Schelm, wer Schmutziges dabei denkt.
Unter Punkt fünf gibt es dann endlich die große Offenbarung. Ist das Rock? Ja, klar, aber noch viel mehr. Funk? Yep. Vielleicht sogar ein Spritzer Soul - und definitiv eine gehörige Portion R’n’B in seiner Urform, nicht diese Perversion, die die US-Charts dominiert. Es wird geklatscht, gestampft, Cornell singt sich in einen Rausch. „Kommt mit, wir feiern eine riesige Blockparty, und alle sind eingeladen!“ - in der Tat ein Original Fire. Eigentlich müssten Audioslave allesamt Afroamerikaner sein, nach dünnen Weißärschen klingen sie hier auf alle Fälle nicht. Zwar müsste man vielleicht ein paar Partypunkte für Tom Morellos etwas unpassendes, technisiertes Gitarrensolo abziehen, doch klingt es im zweiten Teil wie ein Lachsack, und gut Lachen hat hier eigentlich jeder.

 Etwas Schmutz auf die Linse unserer rosaroten Spaßbrille gibt es im dreckigen Broken City, doch der Funk bleibt im Groove. Das liegt auch an Tim Commerfords brummeligem Li-La-Launebär-Bass, Morellos relaxtem Solo und Cornells kopfstimmigem „Du-Du-Du“ im Anschluss an den Refrain.
Wie? Wir haben nicht mehr so viel Platz? Auch keine Zeit mehr? Ja, schon gut, aber Somedays muss noch sein. Das Teil ist ein grooviger Kracher allererster Güte. Wer diese Soundrakete nicht reitet, der hat in der Welt der prallen Arrangementwucht die Hosen garantiert nicht an und lehnt die Droge Musik sogar dann ab, wenn sie ihm auf einer glitzernden Snare Drum präsentiert wird. Ist der Song wirklich dermaßen der Hammer? Ja, ist er – und noch viel mehr. Zumal Tom Morello mit seinem Solo den Aschaffenburger Handglockenchor ad absurdum führt.

Gut, dann machen wir den Rest jetzt im Schnelldurchlauf. So ein bisschen zumindest. Shape Of Things To Come stellt gewissermaßen eine Rückkehr zum klassischen, geradlinigen Audioslave-Sound dar. Textlich wandert Cornell dabei auf dem für ihn so vertrauten persönlichen Gloom&Doom-Pfad, der nur leidlich Hoffnung macht. Als Highlight gibt es gegen Ende einen schönen Break, in dem die Band ihrem Sänger für wenige Momente ganz allein das musikalische Ackerfeld überlässt. Funkelemente und ein mahlstromartiges Morello-Solo bestimmen das anfangs unbequeme Jewel Of The Summertime, doch schließlich behält der Groove die Oberhand. Etwas verschlossen und unbehaglich kommt auch Wide Awake daher, repräsentiert jedoch wohl das direkteste politische Statement, das Chris Cornell je über die textlichen Lippen gekommen ist, direkter noch als die vergleichsweise kryptischen One And The Same und Sound Of A Gun. Völlig atypisch sind die expliziten Anschuldigungen, denen hier der Vorzug gegenüber der metaphorischen Selbsterniedrigung gegeben wird, befassen sich Zeilen wie „I’ve found you guilty of a crime/of sleeping at a time/when you should have been wide awake“ doch ziemlich eindeutig mit den unverzeihlichen Versäumnissen im Rahmen der Hurricane-Katrina-Katastrophe. Zu keinem Zeitpunkt wird das Textkonstrukt jedoch plump und bereitet stattdessen vielmehr den Weg für die verzweifelten das InnenlebenKlageschreie am tragischen Ende des Songs. Nothing Left To Say But Goodbye und Moth schließlich bilden ein gemischtes Doppel, dessen erster, verspielter Teil bittersüße Erinnerungen an Cornells Solowerk Euphoria Morning weckt - mitsamt der so beliebten Hundemetapher und einer Bridge, die gekonnt den alten Queen-Sound neuinterpretiert – und mit großen Gesten aufrichtige Dankbarkeit ausdrückt. Der zweite, äußerst sperrige Teil hingegen setzt einen verbitterten Schlussstrich unter die Dämonen der Vergangenheit: „I loved the strings/that tied me down/and cut me off“ Es ist ein Finale, das tonal womöglich nicht allzu sehr mit dem Rest des Albums d’accord geht; nichtsdestoweniger ist es ein würdiges Finale.

Am Ende ist Revelations sicherlich keine Offenbarung des drastischen Wandels, kein Album to end all Alben. Es scheint vielmehr der Beginn etwas Neuen, das Keimen einer musikalischen Saat, die vor vier Jahren gesät wurde und nun endlich die ersten Blüten und Früchte zeigt, die sie uns damals versprochen hat. Auf die nächste Ernte können wir schon gespannt sein.

 

Links:

Website der Band - www.audioslave.com

Fanforum - www.audioslaved.com

 

 

Text Copyright Ruben Schmitt 2006
Coverartwork, Bilder Copyright Audioslave & Sony BMG Music Entertainment

 
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