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Gorilla des Monats

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Tonoharu

tonoharuvon Michael Steber

Auto, Zeichner: Lars Martinson

Erschienen bei: Top Shelf
ISBN: 9780980102321
Preis: 15 € Tonoharu bei Amazon.de

Was hierzulande ein eher kurioser Abschnitt im Lebenslauf des Durchschnittsbürgers sein dürfte, findet in englischsprachigen Ländern seit jeher regen Zulauf und hat sich dort zu einer legitimen und vielgenutzten Möglichkeit für eine Auszeit nach dem Studium gemausert: mehr oder weniger motivierte und junge Menschen gehen nach Japan, um dort ihre Muttersprache zu unterrichten. Egal ob Japan nun schon immer das Ziel aller Nerdträume gewesen ist oder einfach nur als das große Unbekannte herhalten muss: zu verlockend erscheint vielen jungen Amerikanern und Briten das Angebot, um auf eine solche Gelegenheit zu verzichten. Nicht anders erging es dem aus Minnesota stammenden Lars Martinson, mit dem Unterschied, dass er seine Erfahrung in dem zumindest autobiografisch angehauchten Graphic Novel Tonoharu erzählt.

Tonoharu

Auf vier Bände angelegt, von denen bisher zwei erschienen sind, beginnt die Geschichte mit den Erfahrungen eines namenlosen Erzählers, der aus dem Off sein erstes Jahr als Englischlehrer im japanischen Dorf Tonoharu Revue passieren lässt und letztlich darüber ins Grübeln gerät, ob er seinen Arbeitsvertrag verlängern oder bereits die Flinte ins Korn werfen soll. Im weiteren Verlauf widmet sich Tonoharu Daniel Wells, dem aus Connecticut stammenden Vorgänger des Erzählers, der diesem im Vorspann nur noch als Häufchen Elend vor seiner Abreise am Flughafen begegnet. Dan ist ein 25-jähriger schüchterner junger Mann, dessen Japanischkenntnisse bereits auf seiner Willkommensparty im Vergleich zu denen seines erfahrenen Vorgängers gegen Null gehen, der sich aber nur wenig später das Klagelied des Veterans anhören darf, was seine Laune weiter senkt. Ein Aufschwung scheint in Sicht, als Dan Constance kennen lernt, eine ebenso wie er aus den USA stammende Englischlehrerin mit einer Stelle in einem Dorf in der Nähe von Tonoharu. Hilflos versucht Dan, sich an Constance zu klammern, was ihm aber nicht darüber hinweg helfen kann, dass er sich generell fehl am Platz fühlt und seine Arbeitsstelle als bloße Aushilfslehrkraft ihn weder fordert noch motiviert. Zu groß erscheint ihm die kulturelle Kluft, um ernsthaft Kontakte zu Einheimischen zu knüpfen und auch im Kontakt mit anderen Ausländern, wie einem exzentrischen europäischen Künstlerehepaar, bleibt Dan ein apathischer Statist. Als zu allem Überfluss Constance trotz der Avancen von Dan immer zurückweisender reagiert, wird der Junglehrer zunehmend depressiver und stellt sein neues ebenso wie sein altes Leben in Frage, was auch seine rein sexuelle Beziehung zu einer japanischen Kollegin nicht etwa ändert, sondern noch verstärkt.

Tonoharu

Tonoharu macht zu keinem Zeitpunkt den Fehler, Japan als gelobtes Land zu idealisieren, sondern findet ganz im Gegenteil deutliche Worte für kulturelle Unterschiede und die daraus resultierenden Frustrationen. Immer wieder stellt sich Dan die Frage, warum es ihm nicht gelingt, sinnstiftende Kontakte zu Japanern aufzubauen, warum selbst die anderen in Japan lebenden Ausländer ihm fremd bleiben und ob seine Entscheidung, seine Heimat zu verlassen, nicht letztendlich nur ein Vorwand war, um seinen Problemen zu entfliehen. Von einer melancholischen Atmosphäre durchdrungen, erscheint Tonoharu mit diesen Fragestellungen gerade durch seinen stillen Protagonisten als ein sehr reflektiertes und authentisches Werk. So erkundet das Graphic Novel mit seinen einfachen, an einen unschuldigeren Robert Crumb erinnernden Zeichnungen den Lebensstil eines eigenen Typus von Mensch ebenso wie ein vielfach ersehntes Land. Die Tatsache, dass Japan dabei nicht unter einem kuriosen oder komischen Blickwinkel gesehen wird, sondern vielmehr als Grundlage der Selbstreflektion eines authentischen Protagonisten dient und die schicke Aufmachung tun ihr Übriges und machen aus Tonoharu eine ebenso tiefgehende wie erfrischende Serie zu einem längst überfälligen Thema.

Text Copyright Michael Steber
Bilder Copyright Top Shelf

 
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