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von Alexander Lachwitz Nach der Release-Party ihres ersten Comicbuchs haben wir uns die Gelegenheit nicht nehmen lassen, um mit der quirligen Zeichnerin über ihren Comicblog, ihr Buch und die diversen Nebenwirkungen, denen man als ambitionierte Zeichnerin ausgesetzt ist, zu reden. Einen Bericht über die Release-Party und einen kurzen Überblick über ihren Webcomic findet ihr hier.
Alexander Lachwitz: Dein Comicblog läuft jetzt etwas über zwei Jahre und du warst ja auch vorher schon zeichnerisch aktiv. War es im Rückblick ein harter Weg von der ersten Intention, dass du dich professionell mit der Comiczeichnerei beschäftigen willst, bis zu deiner jetzigen, ersten eigenen Printveröffentlichung?
Sarah Burrini: Ich könnte jetzt sagen 'Das Leben ist kein Ponyhof'. Es war natürlich nicht ganz so einfach, aber für mich stand halt immer außer Frage, dass ich genau das machen möchte. Ich habe sehr wohl schon daran gezweifelt, ob ich dazu geeignet bin. Die Selbstzweifel waren also schon da. Auch was die Illustration, das Freiberuflertum und das Leben vom Illustrieren angeht, war ich am Anfang natürlich sehr panisch, weil ich dachte 'OK, damit musst du jetzt dein monatliches Gehalt verdienen'. Ich bin auch nicht jemand der sofort alles super kann, ich brauche eine Weile um mich selber zu finden und um viele Sachen zu lernen. Wenn ich das aber erst mal gelernt habe, dann klappt das auch und dann fühle ich mich da relativ sicher. Ich glaube einfach, dass ich meine Zeit gebraucht habe. Meine Ausbildung in einer Trickfilmschule beispielsweise hat natürlich einiges an Zeit konsumiert. Ich konnte mich dabei nie ganz auf meine Ausbildung konzentrieren, denn ich wollte immer Comics machen, konnte mich aber gleichzeitig auch nicht auf die Comics konzentrieren, weil ich die Ausbildung machen musste. Das hat das Ganze etwas anstrengend gemacht, da es natürlich sehr mit Stress verbunden war und ich mich dann nicht so frei gefühlt habe. Aber als ich dann erst mal selbstständig war, da habe ich eigentlich immer sehr viel positiven Zuspruch bekommen. Besonders vom Zwerchfell-Verlag war das eigentlich schon immer so, dass sie gesagt haben 'Ja, wenn du jetzt mal was längeres machst, was konsistent und in sich schlüssig ist, dann drucken wir das.' Und da gab es dann kein großes 'sich anbiedern' oder 'bewerben müssen'. Die kannten die Sachen ja durchs Netz und haben dann eigentlich ohne mit der Wimper zu zucken gesagt 'Ja, machen wir'.
Alexander Lachwitz: Als Schriftsteller ohne bisherige Veröffentlichung kann man ja von verschiedenen Jung-Autoren-Initativen der Verlage profitieren. In der Comicbranche ist es leider noch nicht so weit, da der Markt naturgemäß ja auch ein viel kleinerer ist. Aber es gibt ja eine Reihe kleinerer Verlage, wie eben Zwerchfell. Was bedeutet dass für die Art wie man sich als Comiczeichner um eine Veröffentlichung bewirbt?
Sarah Burrini: Ich finde generell hat der Webcomic jetzt eine Riesenmöglichkeit gegeben, dass man seine Sachen nicht mehr in der Schublade verstecken muss. Man macht das im Grunde genommen für sich, und das ist die ehrlichste Arbeit die es geben kann. Man öffnet quasi sein Herz und zeigt das der Welt. Die Verlage können das alle sehen und natürlich werden die das auch nicht ignorieren. Die sehen halt auch was da in der Welt so vor sich geht jenseits der großen Verlagszeichner, wenn es die in Deutschland denn gibt (lacht). Zwerchfell guckt sich da auf jeden Fall gerne um und ich glaube die haben selber ein großes Interesse daran Online aktiv zu sein, wie auch immer das aussieht. Allerdings ist es in Deutschland auch immer eingeschränkt, was haben die Verlage für eine Möglichkeit? Die müssen sich auch immer Gedanken um ihre Zahlen machen, und es ist nun nicht so, dass sie die Leute direkt anschreiben und fragen ob diese bei ihnen veröffentlichen wollen. Man darf sich als Künstler und Zeichner sowieso nicht darauf verlassen zu sagen 'Ich werde irgendwann entdeckt'. Das klappt nicht, das ist zwar schade und entspricht auch nicht meinem Temperament, aber wenn man möchte, dass ein Verlag einen nimmt, dann muss man die ansprechen, ein Konzept vorbereiten, auch wenn’s ein Webcomic ist. Dann kann man immerhin sagen ‚Schaut mal, ich habe hier diesen beliebten Webcomic, ich habe schon so und so viele Leser, eine so und so große Fanbase, macht das!' Das wäre die beste Werbung die es für ein Printobjekt gibt. Und das muss man denen eben herantragen. 
Alexander Lachwitz: Wie würdest du die Zeit beschreiben bevor du dich entschlossen hast, jetzt aus dem was du hast, einen Webcomic zu machen?
Sarah Burrini: Vorher gab's nur ein Blog mit ein paar sporadischen Zeichnungen und wenn ich wirklich ganz ehrlich bin, ich hatte immer ein Gefühl der tiefen Unzufriedenheit. Denn ich wusste schon von Anfang 2001, nach dem Abitur: Ich will was erzählen! Aber was kann das sein? Wie soll ich das anpacken? Und ich möchte gern was regelmäßiges machen, oder eine Geschichte, oder einen großen Comic schreiben. Etwas wo man dann sagt 'Das bin ich'.
Joscha Sauer sagt zum Beispiel 'Ich bin Nichtlustig', bei Flix kann man tausend Sachen sagen, 'Ich bin Held', 'Ich bin Don Quichotte' dies und das und Ralph Ruthe ist 'Frühreif'. So ein eigenes Ding, das hat mir immer gefehlt und ich wusste nicht wie ich's angehen sollte. Ich war auf den Comicmessen dann fast schon immer so ein bisschen Unzufrieden und neidisch, weil ich dachte 'Wann mach ich denn bald was? Was soll ich denn machen? Ich weiß es einfach nicht wie ich’s angehen soll'. In so fern hat sich diese Anspannung, ohne dass ich das so geplant hätte, durch diesen Webcomic gelöst. Es hat sich irgendwie dann so ergeben. Bei einem Praktikum in den USA habe ich damals zum ersten mal von Webcomics erfahren. Dass es so etwas gibt wusste ich vorher noch nicht, beim Praktikum habe ich dann aber auch Webcomiczeichnerinnen kennengelernt. Da dachte ich dann 'Hmm, das ist eigentlich eine schöne Sache. Da hast du dann was regelmäßiges. Ok ich geh das dann mal an, jeden Montag ein Comic.' Früher gab's den Ponyhof nur einmal die Woche. Ich hab ja diese Figuren die ich eigentlich schon fast aufgeben wollte. Diese Kurzgeschichten mit denen, das hat bis dahin irgendwie nicht richtig funktioniert. Ich wär aber nie darauf gekommen, dass es das Format ist, sondern dachte die Figuren funktionieren so einfach nicht. Und dann bin ich das ganze eigentlich ziemlich locker angegangen und hab gedacht 'So, jetzt probierst du es mal aus mit einem Webcomic-Strip', ich wollte eigentlich auch keinen Gag-Strip machen. Ich wollte mich überhaupt nicht unter diesen Druck setzen, dass da immer am Ende eine Pointe ist. Und jetzt mache ich jedes mal irgendwie eine Pointe (lacht). Aber ich zwing mich da nicht so zu.
Alexander Lachwitz: In deinen Comics spielst du zwar die Hauptrolle, aber es ist klar zu erkennen dass du dort nur einen begrenzten Bereich aus deinem echten Privatleben zeigst. Andere Zeichner gehen da offener, oder auch gewagter mit ihrem Leben um. Beispielsweise „Es wird ein Hase“, oder auch „Beetlebum“. Glaubst du der Voeyrismus der Gesellschaft ist eine Gefahr für die Erzählmöglichkeiten von Webcomics oder gar eine Chance?
Sarah Burrini: Das ist für mich sehr schnell eine Sache gewesen von der ich wusste dass ich sie nicht so möchte. Ganz einfach auch primär, noch nicht mal wegen der Gefahr dass ich denke die Leute würden zu viel über mich wissen, weil ich denke dass mein Leben nicht so spannend ist. Es gibt wirklich solche Beispiele wie „Es wird ein Hase", die haben eine besondere Phase, und die haben es geschafft, wie auch James Kochalka, auch diese kleinen Momente zu etwas besonderem zu machen. Das sind dann diese leisen Strips, die aber auch ihre Wirkung erzielen.
Und das ist auch vollkommen in Ordnung, das ist auch schön, aber ich glaube ich habe nicht diesen Humor oder diesen Ansatz im Erzählen dafür. Ich möchte schon etwas lauter sein im Humor und es ist halt nicht so, dass man jeden Tag etwas lustiges erlebt. Wenn da dramatische Sachen passieren die mein Leben prägen möchte ich Ruhe. Ich möchte das dann lieber für mich behalten, weil ich weiß, wenn eine Sache im Netz ist, dann geht sie auch nicht wieder raus. Und ich habe auch in den USA eine von diesen Webcomiczeichnerinnen kennen gelenrt, Erika Moen, die macht eigentlich Sachen die ähnlich sind zu dem was Maike macht. Und Sie hat mir erzählt was ihr so passiert ist. Sie hat einen sehr freizügigen Comic, wo sie auch öfters über Sex und Unfälle beim Sex schreibt, oder Spielzeuge oder Sachen die sie mit ihrem Freund ausprobiert. Aber das ist alles halt so pornographisch wie Vanilleeis. Es ist wirklich lieb und nett, es ist nichts anrüchiges dabei, es ist total harmlos. Aber die Reaktionen sind umso heftiger. Denn irgendwann werden die Leser zu dem Echo von dem, was du im Comic darstellst. Das heißt, sie ist zwar wirklich eine normal zurückhaltende Person, die keinen Hehl daraus macht dass sie Sex hat, aber sie sitzt dann auf Messen und dann kommen ganz komische Leute an, die anbieten mit ihr zu schlafen. Das mag zwar einer von tausend sein, aber es sind schon komische Sachen passiert, auch wirkliche Hassmails. Es gab beispielsweise auch mal den kleinen harmlosen Ausspruch von ihr in ihrem Comic, aus dem Kontext gerissen, dass sie Transsexuelle süß findet. Das gab dann einen riesigen Aufstand in der Trans-Gender-Gemeinde, die haben ihren Stand überrumpelt und sie richtig fertig gemacht. Das ist etwas das mir dann zu hart wäre. Ich weiß, dass ein Webcomic machen, ist im Prinzip wie sich auf den Marktplatz stellen und einen Witz erzählen, oder eine Geschichte und dann wird man auch tausend Meinungen hören die verschieden sind. Aber ich möchte dann doch mein Privatleben privat halten, weil ich denke dass es a) nicht so interessant ist für die anderen und ich b) nicht die Reaktion wildfremder Menschen auf mein Privatleben brauche.
Alexander Lachwitz: Während einige Webcomics einen eher spartanischen Zeichenstil nutzen, dafür aber fast täglich etwas zeigen, wie beispielsweise Lapinot(http://lapinot.de/), hast du einen ziemlich detailierten und entsprechend aufwendigen Stil. Dazu kommt noch die gedankliche Vorarbeit bis man eine brauchbare Idee hat. Wie viel Zeit steckst du in deine Strips?
Sarah Burrini: Die Idee ist für mich das schwerste. Das Zeichnen ist für mich auch gar nicht so das Ding, das ist ja eher eine handwerkliche Fleißarbeit. Aber eben die Idee ist das schwerste, und da bewundere ich auch Lapinot total. Der hat letzten Monat bei uns übernachtet, für die Intercomic, und da hat er mir für den Ponyhof ein kleines Bild gezeichnet. Auf dem Bild ist ein perfekt runder Kreis als Ngumbe. Das hängt jetzt über meinem Arbeitsplatz und ist so schön. Ich guck den jedes mal an und denk mir so 'Boah, der ist so toll, der kann richtig gut zeichnen. Der verpackt seinen Humor auch richtig in seinen Zeichnungen.' Ich freue mich auch schon auf seine 'Handkante des Schicksals' die er dann bei Zwerchfell machen wird.
Alexander Lachwitz: Ein Webcomic bietet ja einige organisatorische Vorteile. Du hast eine Idee, zeichnest sie, scannst sie und schwups, ist sie Online, für alle verfügbar. Der gesamte Zwischenschritt über Verlag, Druck oder auch Tageszeitung entfällt, wodurch man veröffentlichen kann was man möchte. Verleitet das dazu, dass man sagt, ich experimentiere jetzt mal und zeige auch Strips bei denen ich mir nicht sicher bin ob die Idee zündet, oder ist man da eher noch vorsichtiger, da alles was Online steht der scharfen Kritik durch die Leser ausgesetzt ist?
Sarah Burrini: Ich hab genau dieses Gefühl, dass ich mit dem Webcomic gerade alles rauslassen kann was mir einfällt, was mir da vorschwebt, was ich auch nur als vage Idee habe. Ich Bremse mich da eigentlich nicht aus, ich möchte nur den Leser nicht vergessen. Worauf ich schon immer achte ist, dass es verständlich ist und dass ich nicht zu kryptisch werde oder eine Geschichte vielleicht so erzähle, dass Neueinsteiger gar nicht mehr folgen können. Ich möchte mit dem Leser auch kommunizieren und ich möchte nicht nur komplett alleine Tanzen, mich da quasi künstlerisch ausleben, sondern ich möchte auch unterhalten. Und da kann ich mich eben relativ offen ausleben.
Alexander Lachwitz: Wenn man jetzt als ersten prägnanten Punkt in deiner Karriere den Beginn deines Webcomics betrachtet und als zweiten nun dein Buch; was wäre der nächste Schritt den du anstrebst? Läuft diesbezüglich noch das Projekt „Lightning“ welches du mit deiner Cousine angefangen hast?
Sarah Burrini: Ich würde sehr gerne einen längeren Comic machen, gar nicht mal unbedingt mit dem Ponyhof. Natürlich würde ich auch gerne ein zweites Buch mit dem Ponyhof machen und längere Geschichten damit erzählen. Aber ich möchte eben auch halt einen langen Comic machen, sei es eine Graphic Novell oder etwas anderes. Ich würde gern noch vieles ausprobieren. Es würde mir auch vollkommen reichen wenn ich etwas als Zeichner umsetzen kann, ich muss es gar nicht mal selber schreiben. ‚Lightning’ zum Beispiel wurde von meiner Cousine geschrieben, und auch das Konzept hat sie selbst entwickelt. Ich zeichne da nun die ersten 40 Seiten und bin mittlerweile bei Seite 11. Der Ponyhof hat mich da ein bisschen von abgehalten. Es soll ein 80-Seitiger-Comic werden, wobei die zweiten 40 Seiten jemand anderes zeichnen soll. Und das ist schon eine Sache, die für mich wichtig war, weil der Zeichenstil ein komplett anderer ist und ich da im Moment viel lerne was semirealistisches Zeichnen angeht. Ich muss halt nicht immer Cartoons bzw. Cartoonmäßig zeichnen. Das was man zuletzt sehen konnte ist schon recht lange her, also für mich vom Zeichnen. Zudem war damals das Skript noch nicht fertig, bzw. es gab einige Änderungen, so dass die letzten Szenen, die man sah so nun auch gar nicht mehr in der Handlung vorkommen. Das Komplette Buch wird jetzt auch nicht mehr farbig, sondern Schwarzweiß sein. Das heißt ich werde da keine Chance haben mit irgendwelchen Texturen, oder so etwas zu vertuschen, was für mich aber auch gut ist, weil ich dadurch so viel mehr lerne. Das ist gerade für mich so ein Erleuchtungsprozess, wo ich auch feststelle, dass mir manche Dinge nicht so unmöglich vorkommen, wie ich das dachte und es einfach auch Spaß macht einen neuen Stil auszuprobieren. Man muss halt viel Zeichnen um lockerer da drin zu werden.
Alexander Lachwitz: Viele Autoren berichten immer wieder von den Problemen, die sie mit ihren Figuren haben, wenn diese eine Eigendynamik entwickeln und der Autor die Kontrolle verliert. Ist es dir auch schon passiert, dass sich in deinen Storys die Figuren so verselbstständigt haben, dass du gar nicht mehr weißt wie du die Handlung zu einem Ende führen kannst?
Sarah Burrini: Eigentlich ist das nur so (lacht). Entgegen dem was viele glauben habe ich kein großes Konzept wenn ich eine Storyline beginne. Wenn ich anfange ist es mir schon wichtig, dass ich Anfang und Ende ungefähr habe, was aber auch nicht bedeutet, dass das Ende sich nicht doch noch mal komplett wandeln kann, weil ich dachte 'Hey, das ist eine bessere Idee'. Es ist mir wichtig, dass ich weiß wohin es geht, aber alles andere dazwischen machen die Figuren selbst. Das klingt jetzt so ein bisschen Geisteskrank, aber es ist halt wirklich so; der einzige Ort wo ich mir die Ideen ausdenke ist nachts im Bett. Wenn ich dann halt die Augen zumache fängt der Pilz an zu reden. Das ist dann halt so, dass die Figuren für mich so eigenständig sind, dass die halt alle auch dementsprechend reagieren, ihrem Charakter gemäß. Ich denk mir da jetzt nicht 'Wie würde Ngumbe reagieren?' sondern im meinem Kopf entwickelt sich das dann. Ich weiß nicht wieso das so ist, ich hatte früher als Kind auch einen imaginären Freund, einen Vogel. Mit dem habe ich dann auch Comicgeschichten gemacht, aber den habe ich dann den ganzen Tag über begleitet. Das war ein eigenständiges kleines Wesen dass seine Eigendynamik hatte. Irgendwie ist das bis heute so geblieben. Man kann auch sehr rational an die Sache herangehen. ‚Gut, ich baue jetzt einen Charakter, ich überlege mir wie kann der sein, welche Kindheit hat der gehabt’. So was habe im Drehbuchkurs auch gelernt; wie reagiert jemand der psychologisch so gebaut ist und jene Kindheit hatte? Wie würde der jetzt diese Geschichte lenken mit seinem Verhalten? Ich finde es wichtig so etwas im Kopf zu haben, aber wenn du auf diese Art konstruierst, bedeutet das, dass du nicht so richtig in deinen Figuren drin bist. Dann wird’s auch ein bisschen konstruiert, anstrengend und gezwungen wirken. Ich versuche aber auch nichts zu erzählen, von dem ich keine Ahnung habe. Die kompletten Figuren kann man wohl so sehen wie beim Zauberer von Oz, dass die ganzen Figuren die da drin vorkommen, auch einen Aspekt von mir beinhalten. Ngumbe ist da vielleicht meine exzentrische Künstlerseite, Butterblume ist da mehr so, von der Mafiageschichte mal abgesehen, der in sich ruhende und der Pilz ist dann der, der auf Partys ausrastet. Ich kann jetzt hier keinen Holocaustüberlebenden schildern der den zweiten Weltkrieg durchlitten hat. Ich kann schlicht nichts erzählen von dem ich keine Ahnung habe, da möchte ich mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. 
Alexander Lachwitz: Stichwort Drogen, im Gegensatz zu anderen prominenten Leistungsträgern hast du aus deinem Nütellakonsum nie ein Geheimnis gemacht. Seit geraumer Zeit bist du nun aber nach eigener Aussage Clean. Wie schwer war der Entzug wirklich? Gab es keine Rückfallprobleme oder Ausweichdrogen? Immerhin steht man als Comiczeichner ja auch unter einem enormen Leistungsdruck.
Sarah Burrini: Ja also das mit Nütella habe ich durchgehalten. Aber ohne Ersatzdrogen geht es nie, das schwankt immer. Im Herbst waren es glaube ich M&M's, im Winter war es, ganz streng, eine halbe Tafel Schokolade, fast jeden Tag. Jaja...
Bei mir ist das immer so, wenn ich mich einmal überfresse an einer Sache, dann habe ich da keinen Bock mehr. Und so habe ich jetzt keinen Bock mehr, weder auf Nütella, noch auf M&M's, noch auf Ritter-Sport Nougat, weil ich das vielleicht ein bisschen zu exzessiv gemacht habe. Und im Moment fehlt mir das grad. Ich hatte jetzt Erdbeeren, Erdbeeren sind ja die willkommene langweilige Alternative, und dann wird’s wahrscheinlich Eis, also Häagen-Dazs oder Ben&Jerry's. Ich weiß, ich werde immer Schokolade brauchen, ich muss das nur wirklich sehr streng dosieren. Das war bei Nütella ja nicht möglich, dann kann ich sagen; OK ich dosiere es nach Löffeln, aber dann ist das Glas mit einem Löffel auch leer. Und das war sehr gefährlich. Da habe ich gesehen, das muss aufhören und ich sagte mir: Sarah du frisst dich zugrunde. Ich hab das von meiner Mutter, das ist quasi eine vererbte Krankheit. Sie hat nie Nütella aufs Brot gegessen, ich auch nicht. Statt dessen hat sie dann aber immer Nütella mit dem Löffel gegessen und weil das irgendwann auf mich übergesprungen ist, musste sie es dann immer verstecken. Es war egal wo, ich hab’s immer gefunden. Das war dann auch so ein bisschen ein kleines Spiel; wo ist es in der Wohnung versteckt?
Alexander Lachwitz: In einer WG merkt man im Laufe der Zeit ja so die Macken seiner Mitbewohner immer besser kennen, bis man es womöglich nicht mehr aushält. Von Ngumbe, Butti und El Pilzo haben wir ja nun schon mehrfach mitbekommen wie sie dein Leben terrorisieren. Aber was würden sie selbst sagen womit du ihr leben erschwerst?
Sarah Burrini: Sie würden sich darüber beschweren, dass ich vielleicht zu sehr Aufpasser in der WG, bzw. dass ich zu streng mit ihnen bin. Dann würden sie sich vielleicht darüber beschweren, dass ich die ganze Zeit nur arbeite, das haben sie ja auch schon hin und wieder gemacht, und meine ganzen Selbstbewußtseinschwankungen und Beziehungsproblematiken müssen sie auch erleiden. Vielleicht müssen sie da öfters ein Polster für mich sein und vielleicht ist das auch anstrengend. Sie sind wohl emotional beansprucht, das ist ja ein gegenseitiges Geben und Nehmen, aber bis jetzt... Butterblume hat das mit dem Tagebuch ja noch nicht herausgefunden, insofern weiß ich noch nicht wie da die Reaktion sein wird.
Alexander Lachwitz: Zum Abschluss, und damit wir unseren Bildungsauftrag gegenüber unseren Lesern erfüllen, würde uns noch interessieren welche Top-3-Kultur-Empfehlungen du für unsere Leser hast.
Sarah Burrini: Also, aus dem Bereich Computerspiele: Monkey Island 2; war ja klar gewesen. Filmisch: Brazil. Bücherisch: Alles von Clive Barker...
Alexander Lachwitz: Wir bedanken uns für das ausführliche Gespräch und wünschen dir und deinen Mitbewohnern auch weiterhin viel Erfolg! Text Copyright Alexander Lachwitz 2011 Bilder Copyright Sarah Burrini |