Advertisement

Gorilla des Monats

bernie 
Home arrow Filme arrow Only Yesterday
Only Yesterday
only yesterday Japan (1991), Regie: Isao Takahata, Buch:  Isao Takahata, Musik: Masaru Hoshi
Originaltitel:
Omohide Poro Poro

Spielzeit: 118 Minuten 

Erschienen bei: Universum Film
Preis: ca. 20,- Euro

Das japanische Studio Ghibli ist hierzulande vor allem für seine jüngsten episch-breiten Animationsfilme bekannt - Prinzessin Mononoke, Chihiros Reise ins Zauberland (Spirited Away) Howls Moving Castle. Die Filme des bekanntesten Regisseurs des Studios Hayao Miyazaki beeindrucken nicht nur mit ihrem perfekten Äußeren, sondern vor allem durch ihre transportierten Botschaften und die Ehrlichkeit, die sie ausstrahlen. Tatsächlich ist Miyazaki aber nicht der einzige Regisseur bei Ghibli. Isao Takahata, Regisseur von Die letzten Glühwürmchen, einem unfassbar traurigen Drama um zwei Kinder im Japan zur Zeit des zweiten Weltkriegs, ist vor allem ein Meister der leisen Töne. Und kein Film zeigt das besser als der vor kurzem endlich in Deutschland erschienene Only Yesterday - Tränen der Erinnerung.

Der deutsche Untertitel ist dabei tatsächlich eher irreführend, denn Only Yesterday ist kein trauriges Rührstück. sondern ein wunderbar nachdenklicher, humorvoller und optimistischer Film über eine junge Frau die sich an einem Scheidepunkt ihres Lebens auf ihre Kindheit zurückbesinnt - denn wer weiß, vielleicht hatte sie in der fünften Klasse doch eine klarere Sicht auf das Leben und auf das, was wirklich zählt.

Diese junge Frau namenes Taeko ist 27 Jahre alt, lebt in Tokyo und hat einen ordentlichen Job in einem Büro. Auch wenn der Mann fürs Leben fehlt ist Taeko alles andere als unzufrieden. Ihren Urlaub verbringt sie nicht wie andere am Strand; Taeko führt lieber zu Verwandten aufs Land, um bei der Färberdistelernte zu helfen. Seit sie in der fünften Klasse war träumt Taeko von Ferien auf dem Land.

only1only4

Auf der Zugfahrt beginnt Taeko dann, sich an ihre Schulzeit zu erinnern. Ob es da nun im ihren Banknachbar geht, der es mit der Hygiene nicht allzu genau nahm, die hochnäsige Klassensprecherin, ihren ersten Schwarm oder der Aufklärunsgunterricht in der Turnhalle - all diese Ereignisse sind so herrlich genau in all ihren kleinen Absurditäten beobachtet, dass man sich ein Grinsen kaum verkneifen kann. Auch häusliche Erlebnisse kommen wieder zum Vorschein - die einzige Ohrfeige die sie je von ihrem Vater bekam, ihre vorzeitig abgebrochene Schauspiel-Karriere - jede Menge Erinnerungen also, die zeigen, wie die junge Taeko zu der Frau wurde, die sie nun ist. Denn eigentlich fühlt sich Taeko auf dem Land viel wohler als im übervölkerten Tokyo; auf dem Land liebt sie die Arbeit, das Leben, sie mag den jungen Bauern Toshio, aber eigentlich gehört sie doch in die Stadt. Weil es doch so ist. Oder etwa doch nicht?

Only Yesterday ist ein Film, der in dieser Form mit echten Schauspielern garnicht möglich wäre. Denn Takahata nutzt sein Medium auf hervorragende Weise. Denn tatsächlich setzt er in den Szenen, die von der 27-jährigen Taeko erzählt werden, stark auf Realismus - das geht so weit, dass die Sprachaufnahmen bereits vor Erstellung der Animationen aufgenommen wurden, um so echte Lippensychronität zu ermöglichen - eine in Japan sehr ungewöhnliche Vorgehensweise. Die Figuren wirken ebenfalls überraschend realistisch. Die Gesichter sind weit weniger vereinfacht als in anderen japanischen Produktionen. Die Animationskünstler legten großen Wert darauf, die Bewegungen der Gesichter vergleichsweise naturalistisch zu halten.

Im starken Gegensatz dazu stehen die Szenen in Taekos Kindheit. Da sind nicht nur die Figuren weit stilisierter, auch die Hintergründe wirken weicher und wärmer. Der Effekt, den diese Feinheiten auf das Unterbewusstsein des Zuschauers ausübt, ist verblüffend und ganz wunderbar, erlebt er doch Taekos Kindheit ebenso nostalgisch und leicht verklärt wie sie selbst. Und da passt es auch ins Bild, dass Taeko nachdem sie das erste mal mit ihrem Schwarm aus der Parallelklasse gesprochen hat buchstäblich im siebten Himmel schwebt und nachts ein großes rosa Herz über ihrem Haus erstrahlt.

only3only3

Bei all diesen inneren Werten ist es fast schon unnötig, über technische Aspekte des Films zu sprechen - aber es muss einfach erwähnt werden, wie wunderschön Only Yesterday tatsächlich aussieht. Im Jahre 1991 war an Computertricks noch nicht zu denken, trotzdem sind die Animationen so liebevoll und flüssig, die Farben so perfekt gewählt und kräftig, dass man meint, einen aktuellen Animationsfilm vor sich zu sehen. Niemand würde auf de Idee kommen, dass Only Yesterday bereits 15 Jahre auf dem Buckel hat.

Wie zahlreiche andere Filme des Studio Ghibli ist auch Only Yesterday in einer sehr hübschen Aufmachung bei Universum Film erschienen - neben einer DVD mit tatsächlich interessantem Extra-Material soll besonders die deutsche Synchro Erwähnung finden. Die ist tatsächlich gut gelungen und wird dem hervorragenden Film vollends gerecht. Jeder, der glaubt, bei japanischen Animationsfilmen ginge es um Übermenschen mit bunter Frisur, die sich ununterbrochen prügeln, während sie von großäugigen Schönheiten angeschmachtet werden, wird nach Only Yesterday sein Weltbild gehörig revidieren müssen. Dieser Film sollte in keiner Sammlung fehlen. Denn spätestens wenn am Ende die Taeko aus der Erinnerung doch tatsächlich in das Schicksal der erwachsenen Taeko eingreift, dann wächst das Herz des Zuschauers zu einem saftigen Steak.

Text Copyright Thomas Nickel 2006
Screenshots, Cover Copyright 1991 Hotaru Okamoto - Yuke Tone - GNH, Copyright 2006 Universum Film GmbH 

 
< zurück   weiter >
© 2012 www.g-wie-gorilla.de
Joomla! is Free Software released under the GNU/GPL License.