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Gorilla des Monats

bernie 
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Final Fantasy XII

cover System: PlayStation 2

Japan (2006), Produktion: Akitoshi Kawazu, Director: Yasumi Matsuno, Hiroshi Minagawa, Hiryuki Ito, Art-Director: Hideo Minaba,  Charakter-Design: Akihiko Yoshida, Musik: Hitoshi Sakimoto, Stimmen: Bobby Edner, Kari Wahlgren, Gideon Emery, Steven Jay Blum, Cat Taber, Nicole Fantl, Keith Fergusen

Entwickler: Square Enix
Erschienen bei: Square Enix
ca. Preis: 56€  Final Fantasy XII vorbestellen bei Amazon.de

Ein Interview mit Director Hiroshi Minagawa findet ihr hier.

Da ist er wieder, der 800 Pfund Gorilla. Wenn Square Enix eine neue Final Fantasy-Episode veröffentlich, dann geht die Konkurrenz – auch die firmeninterne – für gewöhnlich lieber erst mal auf Tauchstation. Man will ja nicht von der gewaltigen Bugwelle des Rollenspiel-Flagschiffs überrollt werden. Denn es ist doch tatsächlich so – einen größeren Blockbuster gibt es im Medium Videospiel einfach nicht. Keine andere Serie hält so konsequent und so lange ihr hohes Produktions- und Qualitätsniveau, wird von Fans in Asien, Amerika und Europa begeistert gespielt und so eifrig diskutiert, analysiert und durchgekaut wie Final Fantasy. Ich kann jetzt schon die Aufschreie der Square Enix-Hasser hören: Klar – wenn eine Serie so erfolgreich ist wie Final Fantasy, muss es natürlich auch eine überzeugte Gegen-Fraktion geben, die alle Jahre wieder Ausverkauf, Anbiederung an den japanischen Massengeschmack oder Ideenlosigkeit beschreit. Aber sind wir mal wirklich ehrlich. Selbst das so umstrittene Final Fantasy VIII ist immer noch weitaus ehrgeiziger, phantasievoller und durchdachter als 80% der Konkurrenz. Trotz allem Erfolgsdruck experimentieren die Entwickler von Square Enix in jeder Episode aufs neue mit Kampfsystem, Design oder Narrative. Selten allerdings sind die Änderungen im Vergleich zum Vorgängertitel so drastisch ausgefallen wie bei Final Fantasy XII.  

Über Final Fantasy XII wurden bereits derartig viele Previews, Artikel, Features und Hetzschriften verfasst, dass es fast schon redundant ist, noch einmal auf die wichtigsten Fakten einzugehen. Daher nur noch einmal das Wichtigste im Schnelldurchlauf:

  • Das Spiel wurde von einem größtenteils neuen Team entwickelt. Yasumi Matsuno, Akihiko Yoshida, Hiroshi Minagawa und viele andere arbeiteten früher für Quest an den Ogre Battle-Spielen und entwickelten für Square Enix unter anderem die Kultspiele Final Fantasy Tactics und Vagrant Story.
  • Das serientypische Active Time Battle System wurde abgeschaft und durch das neue Active Dimension Battle System ersetzt. Separate Kampfbildschirme gibt es nicht mehr.
  • Das Verhalten der Partymitglieder kann über Gambits, eine sehr flexible Form der KI-Programmierung, exakt festgelegt werden.
  • Final Fantasy XII spielt in Ivalice, der Welt von Final Fantasy Tactics.
  • Auf Renderhintergründe wird komplett verzichtet, alle Szenarien werden in Echtzeit berechnet, und der Spieler hat die volle Kontrolle über die Kamera.

Was bisher allerdings nicht wirklich bekannt war: Final Fantasy XII ist ein absolut grandioses Abenteuer, das trotz aller Verschiebungen, personeller Querelen (Yasumi Matsuno, der Mann hinter den meisten Schlüsselelementen von Final Fantasy XII, verließ Square Enix bereits vor über einem Jahr) und mäßig beeindruckenden Demo-Versionen auf der ganzen Linie überzeugt, geradezu unanständig viel Spaß macht. Das fertige Spiel zeigt, dass selbst ein vergleichsweise starres Genre wie das JRPG fast von Grundauf neu definiert werden kann und auch mehr als 20 Jahre nach seinen ersten Gehversuchen frisch und originell sein kann.

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Zugegeben, Final Fantasy XII hat es seinen Kritikern auch zunächst sehr leicht gemacht. Frühe Artworks zeigten eine Ashe, die wie Yunas kleine Schwester im Minirock aussah und einen apfelkauenden androgynen Burschen, mit dem sich die wenigsten der Fans der früheren Episoden identifizieren konnten. Gegen die ersten Entwürfe von Vaan wirkt selbst Final Fantasy X-Blondie Tidus wie ein harter Bursche. Auch die Demo, die vor Monaten mit der US-Version des famosen Dragon Quest VIII ausgeliefert wurde, machte nicht unbedingt Lust auf das Spiel – hektisch, uninspiriert und auch reichlich unspektakulär trug sie nicht wirklich viel dazu, die weit verbreitete Skepsis zu lindern.

Umso beeindruckender ist da, wie souverän das gewaltige Entwicklerteam die Kurve gekriegt hat und all die kleinen und größeren Kritikpunkte ausgemerzt hat. Okay – Vaan ist immer noch nicht der Held, den sich viele Fans wünschen. Aber Vaan ist ja auch nicht der Held von Final Fantasy XII. Vaan ist eine von sechs mehr oder minder gleichberechtigten Figuren. Jedes Partymitglied – der junge Träumer Vaan, die bodenständige Penelo, der freiheitsliebende Luftpirat Balthier, die geheimnisvolle Viera Fran, die entschlossene Ashe und der abgebrühte Kämpfer Basch - spielen alle ihre Rolle im Drama um das Königreich Dalmasca und das Archadia-Imperium. Und keiner von ihnen reißt die Hauptrolle so an sich wie damals Cloud in Final Fantasy VII oder Squall in Final Fantasy VIII. Natürlich hat Ashe als letzte Überlebende des Königshauses von Dalmasca schließlich eine etwas wichtigere Rolle als Fran, die zunächst einfach als Balthiers Begleiterin eingeführt wird, oder Vaan, der unbedarfte Avatar des Spielers, der Ivalice mit ebenso großen Augen entdeckt wie der Mensch hinter dem PlayStation-Pad. Trotzdem kommen alle Figuren zu ihrem Recht, langweiliger Ballast ist keiner der sechs.

Tatsächlich sind die Helden und Schurken der neuen Final Fantasy-Episode allesamt durchaus ambivalente Zeitgenossen. Ebenso wie die Guten auch ihre negativen Eigenschaften haben, sind die Antagonisten nicht einfach böse, sondern oftmals präzise definierte Persönlichkeiten. Und wirken die Judges, die Kommandanten der imperialen Armee mit ihren unheimlichen Masken und den gewaltigen Rüstungen zunächst wie übermenschliche Bedrohungen, werden auch sie im Verlauf des Spiels die Maske ablegen und sich in verschiedenen Szenen von ganz neuen Seiten zeigen. So viele Graustufen wie Teil 12 hatte bisher kein Final Fantasy-Plot.

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Ebenso wie die Charakterisierung weit weniger überzeichnet wirkt als in den Vorgängern, ist auch die Welt Ivalice weit natürlicher geraten als beispielsweise das enorm bunte Final Fantasy X-Spira. Die Designer setzen auf erdige, natürliche Farben. Die satt-grünen Wälder, die gelb-braunen Wüstenstädte in denen man die Hitze förmlich vor dem Fernseher spürt, genauso wie weite Ebenen und Steppen könnten sich kaum mehr von den knalligen Final Fantasy X-Szenarien unterscheiden. Zahlreiche Passanten wuseln durch Basare und über weite Plätze, in Waffenläden findet man das Ladensortiment in Schränken und Vitrinen ausgestellt, davor interessierte Käufer – der Detailgrad der Szenarien ist beinahe schon unheimlich. Jeder Spieler sollte sich einmal die Zeit nehmen, einen beliebigen Laden in Rabanastre, der Hauptstadt von Dalmasca genauer unter die Lupe zu nehmen – selbst solch einen vergleichsweise unwichtigen Ort haben die Entwickler in mühevoller Kleinarbeit glaubwürdig ausstaffiert und ausgeschmückt. Schade, dass die meisten Spieler direkt zur Theke rennen, um ihre sauer verdienten Gil loszuwerden.

Ebenso beeindruckend wie der Detailgrad und das Design der Szenarien ist es, dass die alte PS2, seit jeher eine ziemliche Kompromiss-Hardware, diese Pracht so souverän auf den Bildschirm zaubert. Klar, nicht alles sieht perfekt aus. Mit eingeschaltetem Filter wirkt das ganze oft etwas unscharf; ohne schreckt die oft so gefürchtete PS2-Treppchenbildung und es kommt doch manchmal vor, dass Objekte relativ unvermittelt ins Bild ploppen. Trotzdem beeindruckt die Grafik von Final Fantasy XII auch Xbox360 verwöhnte Spieler. Ein Enchanted Arms mag technisch sauberer sein, aber Technik ist nun mal nicht alles. In erster Linie zählt nach wie vor ein gelungenes Art-Design. Hervorragende Farbwahl und Texturen in einer Qualität die man von der PS2 nie erwartet hätte, sorgen für ein wunderbar stimmiges Gesamtbild. Auch die Akustik steckt da kaum zurück – die Kompositionen von Hitoshi Sakimoto sind atmosphärisch und stimmungsvoll. Mal treibend, mal dramatisch, mal ruhig. Und auch wenn Sakimoto einen völlig anderen Stil pflegt als Nobuo Uematsu (Interview hier ), kann man sich schon nach kurzer Spielzeit keinen anderen Soundtrack mehr vorstellen. Meist untermalen die Tracks die Szenarien und sind weniger eingängig als typische Uematsu-Stücke, aber sie haben ihren eigenen Charme und fügen sich so perfekt in Final Fantasy XII ein. Und Fans klassischer Tracks können aufatmen. Berühmt-berüchtigte Stücke wie das Final Fantasy-Thema, das Kristall-Thema, das fröhliche Chocobo-Liedchen oder das überaus beliebte Stück eines überaus beliebten Bosses aus Final Fantasy V sind auch wieder mit von der Partie. 

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Die wichtigste spielerische Neuerung von Final Fantasy XII ist das bereits erwähnte Kampfsystem. Zufallskämpfe gibt es nicht mehr. Jedes Monster läuft ebenso wie die Party durch Ivalice und hat sein eigenes Verhaltensmuster. So greifen die hungrigen Wölfe vor den Toren von Rabanastre gleich an; der große Tyrannosaurier, der die Felswüste vor den Toren der Stadt unsicher macht, hat dagegen kaum Interesse an Vaan und der Party. Kommt es zum Kampf, greifen die Helden automatisch an. Soll geheilt werden, Magie zum Einsatz kommen oder Spezialattacke ausgepackt werden, kann der Spieler das Geschehen jederzeit unterbrechen und neue Befehle geben – ein ähnliches System kam schon in Spielen wie Star Wars: Knights of the Old Republic zum Einsatz. Was Final Fantasy XII aber von der Konkurrenz abhebt: Der Spieler muss sich nicht auf eine windige KI verlassen, die vergisst sich zu heilen oder kleine Mickermonster mit Magiepunkte-verschlingenden Spezialattacken angreift. Tatsächlich ist jederzeit die volle Kontrolle über die Party gewährleistet. 

Der echte Geniestreich des Kampfsystems sind die Gambits. Kommt man die ersten 10-20 Stunden noch locker ohne sie aus, sieht man bei späteren Bossen ohne kluge Planung kaum Land. Wenn ein dicker Boss und zahlreiches Kleinvieh die Dreierparty beharkt und mit dicken Attacken und fiesen Status-Veränderungen nur so um sich wirft, ist es doch praktisch, wenn die Figuren genau wissen, dass sie sofort in dem Moment, in dem beispielsweise ein Mitstreiter mit einem Konfusionszauber belegt wurde, das entsprechende Gegenmittel auspacken sollen, oder dass sie gleich die Heilmagie einsetzen sollen, wenn die Lebensenergie unter 40% sinkt. Sind die Gambits anfangs noch eine angenehme Erleichterung, da sie mechanische Tätigkeiten automatisieren, sind sie später unverzichtbar, da gerade in hektischen Bosskämpfen kaum ein Spieler so schnell und genau reagieren kann wie es ein gut gebautes Gambit ermöglicht. 

Hier findet sich übrigens auch einer der wenigen Schwachpunkte des ansonsten nahezu makellosen Abenteuers – der Schwierigkeitsgrad ist mitunter etwas unausgewogen. Normale Wald- und Wiesen-Monster setzen der Party selten echte Gegenwehr entgegen, die Bosse fordern dagegen nach einiger Spielzeit eine ganze Menge Planung und Strategie. Ohne diese und ordentliche Ausrüstung und ein gutes Repertoire an auf dem License-Board erlernten Fähigkeiten, Verbesserungen und Zaubersprüchen stellt so mancher Boss zunächst ein scheinbar unüberwindliches Hindernis dar. Umso größer ist dann aber auch die Freude, wenn man den zuvor so übermächtig erscheinenden Bösewicht endlich aufs Kreuz legt. 

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Wir haben die US-Version bisher über 40 Stunden gespielt. Durch sind wir natürlich noch lange nicht, daran sind schon die unzähligen Subquests und Monsterjagd-Missionen schuld. Bei wenigen Rollenspielen lässt man sich freudiger von der Handlung ablenken, um einfach nur die riesige Welt zu erkunden. Die fehlenden Zufallskämpfe machen das Durchqueren bereits besuchter Gebiete zu einer einzigen Freude. Auch in dieser Hinsicht bietet Final Fantasy XII mehr als die meisten Vorgänger.

Eine Klasse für sich ist übrigens auch die englische Lokalisierung. Die drei Mann starke Übersetzercrew hat wunderbare Arbeit geleistet und stimmungsvolle Dialoge in geschliffenem Englisch auf den Bildschirm gezaubert. In Anbetracht der schieren Textmenge eine mehr als reife Leistung. Wer die englische Fassung genießen will, sollte allerdings auch einen etwas umfangreicheren Wortschatz mitbringen – vorbei sind die Zeiten, als RPG-Helden in belanglosem Allerwelts-Englisch Konversation betrieben. Die Bevölkerung von Ivalice ist eloquent und hat einen Wortschatz, bei dem auch der ein oder andere muttersprachliche High-School-Abgänger sich etwas verwundert am Kopf kratzt. Ähnlich gut sind die Synchronsprecher. Hier gilt das alte Gesetz: Die guten sprechen amerikanisches Englisch, das Imperium spricht britisches – kennt man ja aus Star Wars. Hier wurden nicht irgendwelche 08/15 Zungenakrobaten verpflichtet, die zahlreiche Animes in Englisch noch unterträglicher machen als sie ohnehin schon sind. Hier haben wir tatsächlich das Vergnügen, fähige Sprecher zu hören, die den Figuren noch einmal eine ganz neue Dimension verleihen. Mit ihrer exotischen Stimme ist Fran gleich noch mal so geheimnisvoll, und Balthiers elegante Ausdrucksweise hebt ihn in meiner Wertschätzung noch weiter nach oben.

Natürlich könnte man Final Fantasy XII noch weit länger loben – für die famos inszenierten Rendervideos (die nicht nur von ungefähr an die Inszenierung eines George Lucas erinnern), die Echtzeitsequenzen, die in Sachen Schnitt und Regie die gesamte Konkurrenz alt aussehen lassen... Aber irgendwann muss auch die größte Lobhudelei einmal ein Ende haben. Wir vergeben hier ja keine Wertungen. Würden wir das aber tun, dann würde Final Fantasy XII mit Sicherheit die höchstmögliche erhalten. Und eine gute Nachricht gibt es noch zum Schluss: Wir konnten bereits die voraussichtlich im Februar erscheinende deutsche Version anspielen. Und die gefiel nicht nur mit souverän übersetzten Texten, sondern vor allem auch mit Vollbild und Originalgeschwindigkeit – ein echtes Novum, wenn man bedenkt wie erbärmlich die PAL-Versionen früherer Episoden ausfielen. Hoffen wir, dass auch Deutschland eine ähnlich exzellente Special-Edition wie den amerikanischen Fans beschert wird. Lasst euch jedenfalls nicht von verkorksten Demos, launigen Previews halbfertiger Versionen oder schlechtgelauten Final Fantasy-Hassern abschrecken. Der zwölfte Teil ist ein echtes Glanzstück. Wer diesen Genre-Meilenstein verpasst, ist selbst schuld.

 

Text Copyright 2006 Thomas Nickel
Cover, Screenshots, Artwork, Screenshots Copyright Square Enix

 

 
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