Gorilla des Monats

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auberge Frankreich (2002) 

Regie: Cédric Klapisch, Buch: Cédric Klapisch, Kamera: Dominique Colin, mit: Romain Duris, Judith Godrèche, Audrey Tautou

DVD erschienen bei: Ufa

Preis: ca. 14,- €

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Alle sprechen drüber, jeder kennt einen, der dabei war und einer von drei Studenten macht's selbst. Die Rede ist von der einfachsten Art, ein Jahr im Ausland zu verbringen, dem ERASMUS-Jahr. Das seit circa 1987 laufende europaweite Austauschprogramm ermöglicht es jedem, bis zu ein Jahr in einem anderen Land auf unserem Kontinent zu studieren, um dann als offener Weltbürger zurückzukehren. In der Theorie wird man dabei spanischer als die Spanier, deutscher als die Deutschen und britischer als die Briten. Tatäschlich verbringt man die Zeit mehr mit anderen Austauschstudenten als mit Eingeborenen, besucht die Uni extrem selten und hat dabei so viel Spaß, dass es endlich Mal Zeit wurde, dass jemand einen Film darüber dreht. Und wenn dieser Jemand dann auch noch auf den Namen Cédric Klapisch hört und der Welt bereits mehrere großartige Gesellschaftskomödien (zum Beispiel Chacun cherche son chat) beschert hat, kann das Ergebnis eigentlich nur begeistern. Tut es auch.

Xavier (Romain Duris) ist der durchschnittlichste Durchschnittsfranzose des Hexagons. Als Kind wollte er Schriftsteller werden, aus Vernunft entschied er sich stattdessen für ein Wirtschaftsstudium. Nun naht das Arbeitsleben. Und da sein zukünftiger Chef sich Spanischkenntnisse und Landeskenntnisse wünscht, entscheidet der junge Mann sich, das Zimmer im Hotel Mama und die Langzeitfreundin Martine (Audrey Tautou, damals noch ganz unbekannt in einer Nebenrolle) zu verlassen und für ein Jahr mit Erasmus nach Barcelona zu gehen.

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Bereits hier ist es bemerkenswert, wie wahrheitsgetreu Klapisch den Weg aus dem heimischen Nest ins böse Ausland zu schildern vermag, ohne dabei lediglich Bericht zu erstatten. Von den nervigen Behördengängen über den tränenreichen Abflug bis zur erfolglosen Wohnungssuche - man könnte den Film auch bei dem Vorbereitungsabend des Programms vorführen. Besonders rührend ist die Ankunft in Barcelona, als Xavier in dieser fremden Stadt steht, in der alles so einschüchternd neu ist, und sich bewusst wird, dass er an der Haltestelle "Urquinaona" in wenigen Monaten mehrere Hundert Mal vorbeigelaufen sein wird, dass sie für ihn bald ein Teil seines Zuhause darstellt. Als er dann in seine spanische WG, die Auberge Espagnole, einzieht, geht das Chaos mit dem Zuhausesein erst richtig los. Mit einer Spanierin, einem Italiener, einem Deutschen, einer Britin, einem Dänen, einer Belgierin und schließlich Xavier selbst hat man halb Europa auf einem Fleck. Sie alle sind so verschieden wie ihre Herkunftsländer und doch verbindet sie ein gemeinsames Ziel: feirn und ein Jahr lang die große Freiheit genießen. Der Franzose lässt sich von diesem Gefühl mitreißen, findet in der lesbischen Isabelle (Cécile de France) eine beste Freundin und in dem schüchternen Heimchen am Herd Anne Sophie (Judith Godrèche) sogar eine große Liebe. Als er nach einem Jahr von Aufs und Abs, Feiern und Depressionen, ignoranten kleinen Brüdern und Überraschungsbesuchen von Landesgenossen wieder nach Paris zurückkehrt, ist er ein anderer Mensch - und der Rest seines Lebens scheint plötzlich wieder offen.

Das Erstaunliche an Auberge Espagnole ist, dass es eine Länderkomödie ist, ohne eine Länderkomödie zu sein. Anstatt das Drehbuch auf Vorurteilen und Stereotypen aufzubauen, zog Klapisch es vor, die Crew zu casten und ihnen die Rollen auf den Kopf zu schreiben. Deshalb sind die WG-Bewohner vor allem aussagekräftige Charaktere, die zwar teilweise landestypische Macken haben (so ist es zum Beispiel ausgerechnet der deutsche Tobias, der für WG-Bewerber einen Fragenkatalog macht und auf seiner strengen Abarbeitung besteht), aber in erster Linie einfach junge Menschen sind. Bloß weil Wendy ständig sauber machen will und sich vor dem Feiern drückt, kommt keiner auf die Idee, ganz Großbritannien wäre so. Und ja, die Spanierin raucht Joints und geht ständig weg - aber alle anderen tun es auch. Als Gegenstück zu Barcelona ist das Paris, das Xavier hinter sich gelassen hat und die beiden Landesgenossen Anne Sophie und ihr Mann "typisch französisch" - und damit alles, wogegen der junge Europäer sich am Schluss stellen wird. Ganz gezielt kommen die Vorurteile in Gestalt von Wendys kleinem Bruder daher: dieser hat für jedes Land eine kurze Zusammenfassung übrig, was ihm beinahe den Rausschmiss aus der WG beschert.

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Was nach dem Film übrig bleibt, sind nicht Länderstereotypen oder Plotdetails, es ist dieses globale Lebensgefühl, das entsteht, wenn man ein Jahr lang ohne Ziel und Richtung, ohne gewohnte Strukturen, ohne eine richtige Sprache vor sich hin lebt. Xaviers Leben in Barcelona scheint eine einzige Achterbahnfahrt gewesen zu sein. "Da ist diese ziemlich magische Seite des Reisens, die es mit sich bringt, dass man aus seinem Schneckenhaus, aus seiner Muschel, aus seinen Vorurteilen herauskommt," sagte Klapisch in einem Interview zu dem Film, und es ist die magische Seite von L'Auberge Espagnole, die in jedem das Fernweh und den Wunsch nach Veränderung erweckt.

Text Copyright Darina Goldin 2006
Film, Stills Copyright France 2 Cinéma, Ce Qui Me Meut Motion Pictures, Bac Films, Studio Canal

 
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