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von Jochen Ecke Kurz-Reviews: Erlebnisse eines Todesmutigen: Wider besseren Wissens sieht sich Jochen in den Buchhandlungen nach verlockenden deutschen Manga-Neuerscheinungen um - und kommt mit Death Note, Homunculus und der Originalfassung von Oldboy nach Hause. Ein Tatsachenbericht.
Expeditionen ins Manga-Reich
Meine Beziehung zum Manga ist von einer auch für mich merkwürdigen Ambivalenz geprägt: Die frühen deutschen Veröffentlichungen – zusammen mit einigen Superhelden von Dino – waren für mich der Einstieg in eine finanziell ungesunde Comic-Obsession. Während die Abhängigkeit von den Erzeugnissen von Alan Moore und Grant Morrison mit den Jahren aber immer pathologischer wurde, ließ mich der Großteil der Manga-Veröffentlichungen der neueren Zeit kalt. Ungefähr so, wie heute Frauen Anfang bis Mitte dreißig wohl auch Eckpfeiler ihrer Pubertät wie die New Kids on the Block und Leggings vergessen haben und / oder gerne auch mal verleugnen. Mit anderen Worten: Ich ließ die dicken Bände bis auf wenige Ausnahmen hinter mir wie eine typische, kurzzeitig identitätsstiftende Pubertäts-Episode.
So eine unterkühlte, ungerechtfertigte Trennung führt aber zwangsläufig immer wieder zu Momenten des schlechten Gewissens – als ob man den Lieblings-Teddy unters Bett gepfeffert hätte. In regelmäßigen Abständen mache ich mich also auf die Suche nach interessanten Neuerscheinungen; ebenso regelmäßig bin ich dabei erfolglos. Das liegt wohl weniger am japanischen denn am deutschen Markt. Das hiesige Veröffentlichungskonzept scheint schon seit Jahren darauf abzuzielen, mit einem innovativen neuen Produkt so schnell wie möglich in der Langeweile einer risikoscheuen Orthodoxie anzukommen. Insofern ist es eher ein Wunder, dass all diese Mädchen und jungen Frauen, die der Boom in stetig wachsender Zahl in die Buchhnändel gebracht hat, immer noch Mangas kaufen. Wer ab und an auch nur einen halbwegs wachen Blick auf die entsprechenden Regale wirft, weiß, wovon ich schreibe: tonnenweise zielgruppengerechter Brei türmt sich da, oft von der Sorte, die in Japan selbst eigentlich keiner lesen will. Ab und an trauen sich Carlsen und EMA dann doch mal was. Eine zaghafte, teure Osamu Tezuka-Veröffentlichung hier, eine hübsche Lady Snowblood-Edition da – mehr darf man von Verlagen wohl nicht erwarten, die finanziell wahrscheinlich durchaus disponiert wären, ein bisschen mehr zu wagen. Das mag auch daran liegen, dass selbst in diesen wenigen Fällen von unerwarteter Tolldreistigkeit die Marketing-Maschine nur kurz rumpelt, dann aber doch nichts substantielles auf die Beine stellt. Das ist schade, weil auf diese Weise selbst an durchaus Konsumbereiten wie mir wohl manchmal gutes Material vorbeigeht. Wenn schon kein Hype entstehen will, bleibt also nur noch das Selbstexperiment. Bei meinem letzten Erkundungszug durch die Regale habe ich dementsprechend die folgenden drei relativen Neuerscheinungen erworben.
Death Note Autor: Tsugumi Ohba, Zeichnungen: Takeshi Obata, aus dem Japanischen von: Kay Hermann, Redaktion: Karsten Küstner
Erschienen bei: Tokyopop Preis: 6,50 € Death Note 01 bei Amazon.de
Death Note ist der große kommerzielle Ausreißer in dieser Zusammenstellung: Die Serie des Hikaru no Go-Autoren Tsugumi Ohba erscheint in Japan überaus erfolgreich in Shonen Jump, einem Manga-Magazin für Jungs mit einer Auflage von einigen Fantastilliarden. Shonen Jump-Comics sind normalerweise präzise auf die Zielgruppe hingedrechselte Belanglosigkeiten wie das völlig hirnrissige One Piece oder das erträglichere Naruto. Die dramaturgische DNS der meisten dort abgedruckten Actionserien lieferte dabei das ehrenwerte Dragon Ball: Meistens geht es um einen jungen Schelm männlichen Geschlechts, der auf der Suche nach irgendeinem MacGuffin durch die Welt stolpert und dabei abstrus stark wird. Die Vorzeichen für Death Note sind also nicht gerade berauschend. Dann kommt es aber doch einigermaßen anders. Death Note entpuppt sich als kompetent erzählter, spannender, noch dazu zutiefst amoralischer Thriller. Ein High Concept gibt es aber natürlich auch hier. Das geht ungefähr so, in den üblichen zwei Sätzen: Der Musterschüler Light Yagami findet ein Notizbuch, in das er nur Namen und Todeszeitpunkt eines potentiellen Opfers einschreiben muss - und schon fällt die Zielperson termingerecht tot um. Unter der Obhut des Dämons Ryuk, Besitzer des Buches, fängt der junge Faschist an, aus seinem Jugendzimmer Tausende von Schwerverbrechern zu töten - und hat deswegen bald die Polizei am Hals. 
Zeichner Takeshi Obata hat Sinn für imposante Weitwinkel-Simulationen und intensive Splashpages. Hier stellt er den schmächtigen, mörderischen Sohn demonstrativ über den weitaus breitschultrigeren Vater. Papa ist übrigens Polizist...
Der Held von Death Note ist also ein hochbegabter, arroganter Schönling mit Hang zur sogenannten "wohlwollenden Diktatur". Entsprechend könnte man meinen, das Identifikationspotential sei gering, gerade auch, weil die Gegenseite von einem Detektiv namens "L" geleitet wird, der in jeder Beziehung Lights Doppelgänger sein könnte. Tatsächlich macht sich beim Lesen oft eine distanzierte, kühle Stimmung breit. Oft, aber nicht immer: Man kann nicht umhin, von der lässigen Bösartigkeit Lights fasziniert zu sein, ertappt sich immer wieder in haarigen Situation bei der Projektion, und ohrfeigt sich dann, auf der Seite des Massenmörders gewesen zu sein. Moralisch ist man natürlich nie dem Protagonisten gewogen. Aber das alte Hitchcock'sche Prinzip, dass es völlig egal ist, wer in einer Notlage ist - wir fiebern so oder so mit ihm! - kommt auch hier voll zum Tragen.  A Boy and His Demon: Das faschistische Unglück nimmt hier seinen Lauf.
Weniger erbaulich als dieses perfide Spiel mit der Lesersympathie sind die Shonen Jump-Dramaturgiereste, die sich allenthalben finden. In Band zwei deutet sich beispielsweise ein albernes "Upgrade" von Lights Macht durch einen Faust'schen Pakt an. Außerdem darf man von einer Thriller-Serie mit Zielgruppe "Jungs von 12 bis 16" keine sonderlich differenzierte Abarbeitung des faschistischen Grundkonzeptes erwarten. Stattdessen gibt es hier oft clever gemachten, von Takeshi Obata zeichnerisch schick umgesetzten Suspense bis der Hausarzt kommt. Sicher die derzeit interessanteste Serie im sonst so von Kraut und Rüben bestimmten Programm von Tokyopop. Mit der Übersetzung kann man leben, aber etwas mehr Lektoratsarbeit und Dialogschliff hätten die ersten beiden Bände schon noch vertragen können. Homunculus Autor / Zeichner: Hideo Yamamoto, aus dem Japanischen von: Monika Hammond, Redaktion: Alexandra Germann
Erschienen bei: Egmont Manga & Anime Preis: 6,50 € Homunculus 1bei Amazon.de Bei EMA erscheinen lobenswerterweise schon seit geraumer Zeit immer mehr Mystery- und Horror-Manga. Hideo Yamamotos Homunculus wurde von Seiten des Verlags auch in diese Schiene eingeordnet, ist aber schon auf den ersten Blick etwas ambitionierter als die diversen drögen Ringu-Ableger. Das merkt man schon, wenn man den Band zum ersten Mal im Laden aufschlägt. Autor/Zeichner Hideo Yamamoto steigt mit einigen hinreißenden dialoglosen Seiten in seine Geschichte ein: Sein obdachloser Protagonist schläft in seinem Kleinwagen, wacht auf, putzt sich die Zähne. Er schäkert mit den anderen hiesigen Stadtstreichern, zu denen er wohl noch nicht lange gehört. Er repariert seinen Wagen, liest Bücher über Nixon und Kissinger. Und bleibt geheimnisvoll: Zu den Clochards will er nicht ganz passen, und über seine Vergangenheit verbreitet er nur lässige Lügen. Yamamoto erdet diese ersten zwanzig Seiten in präzisen, detaillierten Panels, die gleichzeitig realistisch und romantisch die Tokioter Umgebung einfangen. Seine Penner sind zwar glücklich, die Darstellung der menschlichen Ruinen aber keinesfalls verlogen. Zwar macht sich ab und an der Ansatz eines Plots bemerkbar, aber Yamamoto interessiert sich augenscheinlich mehr für die Zwischenwelt der Clochards. Das sind die eindeutig stärksten Seiten des Bandes.
 Nach der Operation, Teil 1: Die Seite zeigt eindringlich Yamamotos makellose Arbeit mit präzisen Totalen und sensibel beobachteten Details. Nicht, dass es danach langweilig würde - Homunculus wird nur etwas plotlastiger. Dem Protagonisten - irgendwann stellt er sich als Susumu vor - geht das Geld aus, und er lässt sich von einem dubiosen Hirnforscher für ein Experiment anheuern. Dabei bohrt ihm der ambitionierte junge Mann unter Teilnarkose ein Loch in dem Kopf - um angebliche "spirituelle Kräfte" freizusetzen. Bis der nicht ganz koschere Arzt endlich die Bohrmaschine ansetzt, vergeht allerdings die Hälfte des ersten Bandes. Immer wieder scheint Yamamoto abzuschweifen, wendet er sich Momenten zu, die ihn viel mehr interessieren: Die Verzweiflung des Helden etwa, als er merkt, dass er vielleicht wieder in sein altes Leben zurück muss, aus Geldmangel. Die Versuchung, die eigene Identität zu verkaufen, um seine Ruhe zu haben. Nach der Operation, Teil 2: Unser Protagonist fängt an, die Menschen um ihn herum als Metaphern ihrer selbst zu sehen.
Schließlich wendet sich die Geschichte hin zum Surrealen, denn das Experiment des jungen Forschers glückt natürlich, wenn die Veränderungen sich auch nur mit Verzögerung einstellen. Susumu fängt an, die Menschen auf der Straße als Metaphern ihrer selbst zu sehen. Das It-Girl wird zur Patchwork-Puppe aus diversen austauschbaren Körperteilen und Kleidungsstücken. Eine Frau läuft wie ein knorriger alter Baum durch die Straßen von Tokio. Und ein Yakuza-Boss zeigt sich ihm als Kampfroboter mit einem kleinen Jungen im Bauch. Den plötzlichen Wahrnehmungswandel inszeniert Yamamoto effektiv und mit einigem Sinn für Absurditäten, die er wieder geschickt im höchst realistisch umgesetzten Tokio verankert. Den Atem mag einem diese Wendung allerdings nicht so ganz nehmen, wohl auch, weil der Yakuza-Roboter, der am Ende des Bandes eine wichtige Rolle spielt, etwas unfreiwillige Komik verbreitet und etwas aus der sonst so kontrollierten, gediegenen Erzählung ausschert. Mein Interesse für den zweiten Band - und damit auf das, was Yamamoto mit dem "neuen Blick" seines Helden anfängt - ist aber auf jeden Fall geweckt. Old Boy Autor: Garon Tsuchiya, Zeichner: Nobuaki Minegishi, aus dem Japanischen von: Dorothea Überall, Redaktion: Petra Lohmann
Erschienen bei: Carlsen Manga Preis: 12,- € Old Boy 1bei Amazon.de
Intime Geständnisse: Von Chan-wook Parks Filmadaption des jetzt bei Carlsen auf Deutsch erscheinenden Original-Mangas Old Boy habe ich nur eines Nachts im deutschen Staatsfernsehen ein paar Fetzen sehen können. Ich schäme mich. Das sind aber vielleicht gute Voraussetzungen, Garon Tsuchiyas und Nobuaki Minegishis Manga-Urfassung unvoreingenommen zu begegnen. Erste Beobachtung: Zeichner Minegishi scheint ein eifriger Goseki Kojima-Schüler zu sein. Ähnlich wie der Lone Wolf and Cub-Zeichner versteht er es, Handlungen virtuos in viele kleine Panels zu atomisieren und so das Zeitempfinden beim Lesen beliebig zu manipulieren. Ab und an beschleunigt eine solche Seite, typischerweise mit 12, 13, 14 Panels, die Erzählung ungeheuer wie ein Schnitt-Stakkato im Film. Meistens aber kommt es Tsuchiya und Minegishi auf ein Verweilen an, auf einen genauen Blick. Am Anfang ist das ein Blick auf die Zelle des Helden Goto, der dort für ein Jahrzehnt ohne für ihn ersichtlichen Grund eingesperrt wird, wie der Graf von Monte Christo oder die Pop-Version einer Kafka-Figur. Dann wird es ein Blick auf die Stadt, in die Goto schließlich entlassen wird, und in der er sich auf die Suche nach seinem Entführer macht. Wo er seine Rache plant, ohne zu wissen, ob er seine Strafe nicht vielleicht verdient hatte.  In Old Boy wird zwar gerne mal im Fleisch des Protagonisten gewühlt, aber bezeichnenderweise gibt uns das keine Hinweise auf sein Inneres. Es läuft sich also nach und nach eine Thriller-Handlung warm, die auf allerlei Klischees beruht. Der Verantwortliche für Gotos Martyrium ist ein fieser Großindustrieller. Während seiner Gefangenschaft hat man Goto einen Peilsender eingesetzt. Goto findet sein Gefängnis wieder und richtet dort Verwüstungen an. Aber dann auch, obwohl es nie ausgesprochen wird: Goto ist ganz alleine in der Großstadt, und nur der Gedanke an Rache gibt seinem Leben eine erkennbare Form. Sieht man also genauer hin, scheinen Minegishis Bilder nicht nur die Katz und Maus-Spiele des Thriller-Genres abzuarbeiten, sondern immer wieder auf die eigentlich entscheidende Ebene der Geschichte hinzuweisen. Goto mit einer fremden, naiven Frau im Bett, ob vor oder nach dem Beischlaf, beide sind allein. Goto auf der Suche nach seinem Gefängnis, das er am Geschmack des Essens eines China-Restaurants identifizieren will. Ob die Frau dabei wäre oder nicht, völlig egal. Dann wieder: Goto allein in der U-Bahn. Thrill & Suspense oder Depression und Einsamkeit? Viele Seitenlayouts von Old Boy suggerieren neben dem Plot eine viel tiefergehende Wahrheit über den Helden.
Wer sich jetzt an Travis Bickle aus Taxi Driver erinnert fühlt, ist vielleicht nicht auf dem Holzweg. Gotos Obsession und seine Isolation sind vielleicht weniger differenziert erzählt als bei Martin Scorseses und Paul Schraders unseligem Alter Ego, aber mindestens genauso pathologisch. Hinter der simplen, aber effektiv erzählten Rachegeschichte versteckt sich also ähnlich wie bei bei Lone Wolf and Cub und Lady Snowblood eine tieftraurige Geschichte. Ähnlich wie bei Itto Ogami und Yuki aus Snowblood sind Gotos Emotionen in einer einzigen, allumfassenden Professionalitäts-Geste erstarrt. Leider will sich aber beim Lesen von Old Boy zumindest in diesem ersten Band lange nicht die Poesie, die stille, perverse Würde und Melancholie der besten Arbeiten von Kazuo Koike einstellen. Dafür sind die Genre-Stereotypen hier einfach zu hölzern verarbeitet, nicht tief genug empfunden. Ein würdiger Begleittitel, die B-Seite zu Koikes A-Seite sozusagen, scheint der von Carlsen mustergültig bearbeitete Old Boy aber auf jeden Fall zu werden. Text Copyright Jochen Ecke Oldboy Copyright 1997 Garon Tsuchiya & Nobuaki Minegishi Homunculus Copyright 2003 Hideo Yamamoto Deathnote Copyright 2003 Tsugumi Ohba, Takeshi Obata
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