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Rocco und seine Brüder

Rocco e i suoi fratelli Cover Small von Jochen Ecke

DVD-Review: Bei Arthaus erscheint dieser Tage eine mustergültige Edition von Luchino Viscontis Rocco und seine Brüder - und dazu gibt es von Jochen eine kleine Einführung in das Thema und ein Essay über den Film.

Rocco e i suoi fratelli Cover LargeItalien (1960)

Regie: Luchino Visconti, Buch: Suso Cechi D'Amico, Vasco Pratolini, Pasquale Festa Campanile, Massimo Franciosa, Enrico Medioli, Luchino Visconti, Kamera: Giuseppe Rotunno, mit: Alain Delon, Claudia Cardinale, Renato Salvatori, Annie Girardot

Originaltitel: Rocco e i suoi fratelli
Erschienen bei: Arthaus
Preis: ca. 20,- Euro

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Die Handvoll Filme, die Luchino Visconti in den 60er Jahren gedreht hat, haben die Filmographie vieler Regisseure gerade des New Hollywood nachhaltig verändert. Scorseses Raging Bull ist eine tiefe, der Verehrung volle Verneigung vor Rocco und seine Brüder. Und Coppolas Der Pate kann man sich ohne Il Gattopardo / Der Leopard kaum vorstellen. Scorsese geht in seiner Obsession sogar so weit, den Regie-Stil Viscontis zu imitieren: Angeblich herrscht auf seinen Sets dieselbe sakrale Stille wie bei einem Dreh Viscontis. Dabei ist der Götzendienst an dem italienischen Aristokratensohn sehr nachvollziehbar, betrachtet man seine Karriere: Visconti begann in den 1940ern Jahren als Assistent Jean Renoirs und begründete dann den Neorealismo mit - Ossessione und La terra trema heißen seine beiden Filme aus dieser Bewegung, die aber beide von Anfang an schon in eine andere Richtung streben, hin zum Melodram und der leidenschaftlichen Ästhetisierung. Über Jahrzehnte hinweg ließ er sich auf immer neue formale und inhaltliche Abenteuer ein, erlebte in den 60er Jahren einen zweiten Höhepunkt mit den genannten Filmen, und drehte Filme über Deutschland, die so treffend sind, dass sie ein Deutscher selbst wohl kaum zustande gebracht hätte - Die Verdammten etwa, oder die radikal modernistische Mann-Verfilmung Der Tod in Venedig.

 Familientragödie
Ein letzter glücklicher Moment in der Familie: eigentlich ist dieses Bild eine Lüge, und jeder Anwesende weiß es.
Rocco und seine Brüder beginnt und endet mehr oder weniger mit einer solchen katastrophalen Feier.

Rocco und seine Brüder aus dem Jahr 1960 entsagt noch deutlicher jeder Trennung zwischen dem zu diesem Zeitpunkt fast schon traditionellen Konzept des Neorealismus und der überbordenden Expressivität von Viscontis zahlreichen Arbeiten für das italienische Theater. Während Inszenierung und Schauspiel manchmal ins epische, im positiven melodramatische wachsen, ist das Thema des Films ganz und gar modernistisch und leidenschaftlich auf soziale Relevanz bedacht: Es geht um fünf Brüder aus Sizilien, die mit ihrer Mutter nach dem Tod des Vaters nach Milano ziehen, um dem Elend des Südens zu entkommen. Diese kleine Völkerwanderung des Films steht pars pro toto für eine ganz konkrete, riesengroße soziale Umwälzung im Italien der 50er und 60er Jahre, die sich daraus erklären lässt, dass man im Süden Italiens noch in den 40er und 50er Jahren lebte wie im 19. Jahrhundert. Es war das Land, das die Moderne vergessen hatte, und das zu diesem Zeitpunkt so arm war, dass der Hunger jede traditionelle Bindung an die Heimat abtötete.

Cardinale
Claudia Cardinales Ginetta ist eine moderne Frau, die in der Stadt aufgewachsen ist - entsprechend lässt sie sich von den Parondi-Machos nicht sehr viel bieten.

Die Familie Parondi wird also in Milano mit einem Schlag mit dem modernen Italien konfrontiert, und das hat verheerende Folgen. Rocco und seine Brüder ist die Geschichte einer langsamen, schleichenden Katastrophe - 170 packende, äußerst intensive Minuten lang ist der Film - aber schon mit der ersten Einstellung macht Visconti klar, wohin die Reise geht. Da kommen die Parondis auf dem Mailänder Hauptbahnhof an, und die Kamera zeigt ihren ankommenden Zug zum ersten Mal durch ein Gitter. Milano wird zum Gefängnis.

Zu Beginn des Films sehen wir die Familie noch zusammen, und alle fünf Brüder sind auf ihre Art engelsgleich, unschuldig, naiv. Sie finden eine enge, furchtbar heruntergekommene Kellerwohnung, aber darüber jammert keiner von ihnen. Visconti zeigt die neuen Plattenbauten der fünfziger Jahre und das zusammengepferchte Leben darin, aber er moralisiert nie. Die Schlussfolgerungen sind sowieso offensichtlich genug. Man schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch, aber es will keinem von ihnen so richtig gelingen, im modernen Leben anzukommen.  Die erste Arbeit die sie finden: Schnee schippen. Rocco arbeitet schließlich in einer Bügelei, und kichernd fragen ihn die Mädchen dort, ob er denn auch wirklich lesen kann. Die Pakete, die er ausfährt, kommen regelmäßig beim falschen Empfänger an. Als die Familie aus der Wohnung geworfen wird, ist das dann tatsächlich ein Grund zur Freude: die Sozialwohnung, die ihnen die Stadt überlässt, ist größer und schöner. Wenn man schon im sozialen Abstieg nach den wenigen Vorteilen sucht, was bleibt einem dann anderes als die Verlockungen von Liebe und, ganz besonders, des schnell verdienten Geldes?

Delon
Latente Homoerotik gehört von Anfang an zu Viscontis Filmen - zu Beginn dieser Szene zeigt er erst einmal drei der Parondis eine ganze Weile lang unter der Dusche.

Schnell Geld verdienen, das funktioniert nur mit dubiosen Geschäften und Pseudo-Berufen. Für die Parondis ist es das Boxen, das schnell Geld und Berühmtheit bringen soll, das sie auf ihre Wut und ihren Körper reduziert - die Klischee-Süditaliener. Ihr großes Talent dafür aber bleibt unbestreitbar. Erst steigt Simone in das Geschäft ein, aber er ist zu vergnügungssüchtig, raucht und trinkt und verschwindet tagelang mit der Prostituierten Nadia (unglaublich gespielt von Annie Girardot). Erst nach und nach wird innerhalb der episodenhaften Struktur des Films klar, warum Alain Delons Rocco so deutlich im Titel ausgestellt wird: Während um ihn herum alle nach und nach kläglich am neuen Leben scheitern, muss er die brachliegende Vaterrolle übernehmen. Als er das begreift, ist die Familie aber schon klinisch tot.

 Boxen! Boxen! Boxen!
Wer wissen will, woher Scorseses Kamera- und Lichtkonzept für die Boxkämpfe von Raging Bull stammt, sollte sich Rocco und seine Brüder ansehen - dort begegnet uns auch das Eifersuchtsmotiv zum ersten Mal.

Ein mittelmäßiger Regisseur würde dieses Wachkoma der Parondis möglichst früh ausstellen und keinen Zweifel daran lassen, dass auch Rocco scheitern muss. Genau das macht Visconti aber nicht: Rocco und seine Brüder zieht am Zuschauer vorbei wie das echte Leben, eine Kette kleiner Ereignisse, fast alle gleichberechtigt. Dass manche davon echte Katastrophen sind, wird einem erst ganz zum Schluss bewusst, zusammen mit Rocco und der Mutter, wenn es zu spät ist. Und dann schlägt Viscontis Melodrama zu, mit bedrückender Wucht und zum Heulen furchtbar: Der Film wird zum Eifersuchtsdrama, einer der Brüder wird zum Vergewaltiger, dann zum Mörder, und eine ganze Generation geht verloren. Sieht man Rocco und seine Brüder zum zweiten Mal, kommen einem schon die Tränen, wenn man die Familie zu Beginn aus dem Zug steigen sieht, wenn die Brüder zum ersten Mal voll unschuldigem Begehren Nadia sehen, sich am frühen Morgen auf den Weg zum Schneeschaufeln machen. 

Long Way Down
Melodram in luftiger Höhe: Auf dem Dach des Mailänder Doms droht Nadia, sich umzubringen. Viscontis und Rotunnos Bilder leben von der Spannung zwischen der Schönheit der Kirche und des Platzes und dem Tod, den diese Schönheit gleichzeitig bedeuten könnte.

Das neue digitale Master der Arthaus-DVD wird dabei endlich der Fotografie Giuseppe Rotunnos gerecht. Alte Video- und DVD-Releases ließen die feinen Grautöne und die Weichheit des Bildes nur erahnen; wenn der Film in dieser neuen Fassung dagegen zum ersten Mal zu Großaufnahmen schneidet, vergeht man fast vor Schönheit, die Rotunno mit seiner Lichtsetzung den Gesichtern der Schauspieler entlockt. Visconti mag zwar auch hier an Originalschauplätzen, in heruntergekommenen Turnhallen und auf Baustellen und in Plattenbauten gedreht haben, aber er gewinnt all diesen Orten eine berauschende Ästhetik ab - was ihm allenthalben als Ästhetizismus vorgeworfen wurde. Das Kamera- und Lichtkonzept ist aber viel zu lebendig, zu ausdrucksstark, um in die verkürzende Schublade des l'art pour l'art geworfen zu werden.

Nicht nur die Bildqualität, eigentlich alles an der neuen Arthaus-Edition des Filmes ist makellos und auf dem Standard einer Criterion Collection. Die Visconti-Dokumentation auf der zweiten Disc, zusammengestellt von seinem langjährigen Begleiter Carlo Lizzani, ist mit 60 Minuten zwar bei weitem nicht lang genug, um ein sehr geschäftiges Leben zu fassen, aber dennoch informativ und unterhaltsam. Die drei Interviews - mit der Drehbuchautorin Suso Cecchi D'Amico, Kameramann Rotunno und Claudia Cardinale - sind allerdings nicht direkt auf den Film bezogen, sondern auf ihre Karriere als ganzes, und als solche hauptsächlich für Kenner des italienischen Films interessant. Dafür fallen sie allerdings durchaus tiefgründig und angenehm umfangreich aus - die D'Amico redet sogar fast 80 Minuten. Bei all den jetzt erscheinden, wunderbar gestalteten Premium-Editionen wirkt es fast so, als hätte Arthaus seit Jahren nur auf diese plötzliche Qualitätsexplosion hingearbeitet. Ihre Fassung von Rocco und seine Brüder ist jedenfalls die wahrscheinlich international beste eines Films, der an Vitalität und tiefempfundener Traurigkeit nicht nur in Viscontis Werk kaum zu übertreffen ist.

Text Copyright Jochen Ecke
Stills, Film, Verpackungsartwork Copyright Arthaus / Kinowelt

 
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