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Gorilla des Monats

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Ariane - Liebe am Nachmittag
Liebe am Nachmittag CoverUSA (1957), Regie: Billy Wilder, Buch: I.A.L. Diamond & Billy Wilder, Kamera: William C. Mellor, mit: Audrey Hepburn, Gary Cooper, Maurice Chevalier
 
Erschienen bei: Sony / MGM, Preis: ca. 15,- Euro
 
Die Grausamkeiten und Schönheiten der Liebe (und ganz besonders der Balz) entstehen aus dem Rollenspiel heraus: weil wir Eroberungsrituale mitmachen, weil wir bluffen, antäuschen, uns wieder zurückziehen, um uns dann wieder vorzutasten, vor allem aber, weil wir (natürlich möglichst subtil) imponieren wollen – und dazu die eigene Biographie kräftig aufbauschen oder sogar neu erfinden. Dieses Rollenspiel ist der Kern der klassischen Komödie (das ist die Sorte, bei der am Ende geheiratet wird), aus dem all ihre Verwechslungen, ihre nur beinahe katastrophalen Fehleinschätzungen, aber auch am Ende die Erkenntnis der eigenen Identität entstehen – und natürlich der Identität des oder der Anderen. Billy Wilder wusste das ganz genau, denn praktisch alle seine Filme spielen ganz explizit mit erfundenen Identitäten und Persönlichkeitsprojektionen. Jack Lemmon und Tony Curtis verbergen ihr wahres Ich, indem sie sich in Manche mögen’s heiß als Frauen verkleiden; Lemmon in Das Apartment wäre gern ein Karrierist, ein player; und in Irma la Douce versucht er sich sogar als Zuhälter, der Liebe wegen. Audrey Hepburn hat in Wilders Liebe am Nachmittag (1957), der jetzt in Deutschland auf DVD erschienen ist, ganz ähnliche Probleme.

Erstes Bild
Eine typische Wilder-Wohnung: Verwinkelt, voller Kunstwerke, angefüllt mit der persönlichen Geschichte der Bewohner.
 
Die Hepburn spielt hier Ariane, die mädchenhafte Tochter eines Pariser Privatdetektivs, der sein Geld hauptsächlich mit, wie er es selbst nennt, dem „Schmutz“ anderer Leute verdient – sprich, er demaskiert Ehebrecher. Väterchens Aktenschränke bieten der gelangweilten Ariane überreichlich Stoff für romantische Tagträumereien, denn was der Vater für moralisch verwerflich hält, ist für die junge Frau Ausdruck größter Leidenschaft, von der Sorte, die sie selbst gerne in ihrem Leben hätte. Dafür ergibt sich natürlich bald Gelegenheit: Sie lernt unter abenteuerlichen Umständen einen amerikanischen Multimillionär kennen (Gary Cooper), einen Hallodri, der in jeder zweiten Akte ihres Vaters vorkommt und deswegen auch von ihm gleich als “utterly no good“ abgeurteilt wird. “Utterly no good“ heißt für die junge Dame selbstverständlich übersetzt „genau richtig” – deswegen dehnt sie ihre nachmittäglichen Besuche bei dem Lebemann immer mehr aus, und ist dabei überzeugt, sie müsste es ihm an moralischer Abgebrühtheit gleichtun, um den Fisch an Land zu ziehen.
 
Tür auf oder ich hau dich durch
Rasende Eifersucht spornt diesen Herrn zu für ihn ungekannten sportlichen Höchstleistungen an.
 
Sie erfindet also mit sichtlicher Freude an der hormongetränkten Spielerei eine neue Identität, die anfangs gut anschlägt. Gerade weil Cooper kaum glauben kann, dass die blutjunge Ariane schon einige Hundertschaften an Liebhabern hatte (und somit eine Frau ihm an Zynismus in Liebesdingen gleich kommen könnte), verfällt er ihr hoffnungslos. Ab dem zweiten Akt besteht dann das große Vergnügen des Films darin, das von Ariane mehr oder minder gezielt gesponnene Netzwerk aus Flunkereien, Halbwahrheiten, aber auch Selbstlügen auseinander zuklamüsern, was Wilder und seinem Co-Autoren Izzy Diamond (ihre erste Kollaboration, es folgte eine ganze Reihe von sagenhaften Filmen) mit unglaublicher Eleganz und Leichtigkeit gelingt.

Liebe am Nachmittag ist dabei auch ein vorzügliches Beispiel dafür, wie aus formaler Brillanz ein Höchstmaß an Spaß entstehen kann: Eindeutig von Lubitsch inspiriert wiederholen sich etliche Szenen immer und immer wieder, werden mit neuen Bedeutungen aufgeladen, fördern den Eindruck eines überaus wohlgeordneten, perfekt orchestrierten Chaos. Immer wieder spielt da eine Zigeuner-Kombo dieselben romantischen Gassenhauer, immer wieder kommt irgendjemand die Hoteltreppe hochgelaufen, um für Ärger zu sorgen, immer wieder gondelt ein Kleinstwagen, Arianes Cellokasten ragt monolithisch aus dem Dach, durch die Pariser Nacht.

 
Demaskierung
Enttarnt? Nicht wirklich: Die Hepburn trägt in Liebe am Nachmittag mehr als eine Maske gleichzeitig.
 
Überhaupt, Paris: Kaum ein anderer Film fängt so perfekt ein, was diese Stadt in ihrer mythologisierten Version für eine Bedeutung für den amerikanischen Film der 50er Jahre hatte. Paris ist hier – noch gelungener als in Irma la Douce – eine merkwürdige Welt des Glamours, die perfekte Bühne für die wagemutigen Spielchen zwischen Mann und Frau, nicht klebrig-süß, eher leicht frivol-verheißungsvoll. Bei Wilder ist Paris zudem kein Plastik-Disneyland, sondern eine Traumstadt mit Substanz und Geschichte, eine Stadt der mit Kunstwerken übervollen Wohnungen, der eleganten Hotelzimmer, der geistreichen, lebensweisen Menschen, allen voran der famose Maurice Chevalier als Arianes Vater. Unterstützt wird dieser Eindruck einer traumhaften, idealisierten Version von Paris und seinen Bewohnern durch William C. Mellors wunderbare Fotographie, die alles unter leichtem Weichzeichner schimmern lässt wie ein besonders hübsches, aber auch etwas dekadentes Stück Schmuck im Schaufenster.

Da ist es dann auch beinahe egal, dass Cooper 1957 schon leicht das Verfallsdatum überschritten hatte und grundsätzlich etwas zu rau für den avisierten öligen Charme seiner Figur daherkommt (Wilder wollte eigentlich Cary Grant für die Rolle); genauso wenig sollte es uns kümmern, dass die DVD leider wie ihr schon seit Jahren erhältliches amerikanisches Pendant extralos ist. Dafür bietet das tadellose Mastering eine sehr ordentliche Reproduktion von Mellors und Wilders Bildern. Und spätestens, wenn einem die ersten paar Minuten des Films beispielsweise vermitteln, dass „selbst Existenzialisten es manchmal tun“, hat man derartige Kinkerlitzchen sowieso ganz aus dem Gedächtnis verbannt.
 
 Unterm Tisch
Weichgezeichnete Turtelei unterm Telefontisch: Hier geht es nicht wirklich um verlorene Pantoffeln.
 
Text Copyright 2006 Jochen Ecke
Film, Verpackungsartwork, Screenshots Copyright MGM/Sony
 
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