Advertisement

Gorilla des Monats

bernie 
Home arrow Comics arrow DMZ
DMZ

Vol. 1 Vol. 2 DMZ Vol. 1: On The Ground
DMZ Vol. 2: Body of A Journalist


Autor: Brian Wood
Artwork: Riccardo Burchielli, Kristian Donaldson und Brian Wood
Erschienen bei: Vertigo Comics

DMZ (engl.) bei Amazon.de

DMZ (deutsch) bei Amazon.de

DMZ. Das ist kein neuer Kinderstar am Gangstarap-Himmel, sondern eine „demilitarized zone“, eine „entmilitarisierte Zone“. Das kennt man aus Star Trek. Auf der einen Seite die Föderation, auf der anderen die Cardassianer. Dazwischen? Da gibt es Planeten mit ohne Militärpräsenz, praktisch eine vertraglich geregelte Pufferzone.


In DMZ, der Comic-Serie von Vertigo, gibt es auch Föderation und Cardassianer, nur heißen sie da „United States of America“ und die „Free States“. Die führen einen asymmetrischen Krieg. Will heißen: Es gibt nicht nur eine einzige Front mit links Partei Nummer eins und rechts Partei Nummer zwei, sondern es existieren an ganz vielen Stellen Brandherde. Und weil diese Herde im Gebiet der heutigen USA brennen, kann man getrost von einem Bürgerkrieg reden. Denn die Free States sind Amerikaner, denen die US-amerikanische Imperialpolitik des 21. Jahrhunderts gewaltig auf den Sack geht, zumal darüber die Bedürfnisse im eigenen Land kolossal vernachlässigt werden. Angestachelt durch diverse Interessensgruppen - ganz egal, ob religiös oder politisch motiviert (Mit der Trennung von Staatsgeschäften und Kirche nehmen es die gottesfürchtigen Führer dieses Landes ja nicht immer so genau.) -, machten sich die Milizen der Free States auf, ihr Amerika unter ihre eigenen Fittiche zu nehmen. Das ging auch ganz gut voran, vor allem weil man sie erstens nicht ernst nahm und zweitens die zurückbeorderten Truppen aus Übersee nicht so wirklich gebockt auf noch mehr Kämpfe waren.

Was? DMZ? Jaja, dazu kommen wir jetzt. Der Free-States-Siegeszug ging natürlich nicht unendlich weiter, wodurch es an etlichen Orten zu vorübergehenden, unsicheren Patt-Situationen gekommen ist - die oben erwähnten Brandherde. Und die größte Patt-Situation gibt es auf dem Schachbrett New York. Dabei rangieren die weißen Figuren der Freien Staaten auf der New-Jersey-und-Inland-Seite; die schwarzen USA-Spielsteine sind in Brooklyn, Long Island & Co. platziert. Dazwischen liegt Manhattan, unsere DMZ. Mit ohne Militärpräsenz, wie bei Star Trek. Und wie bei Star Trek versucht natürlich jede der beiden Kriegsparteien, dieses Gebiet für sich zu beanspruchen. Das Problem dabei? Es klappt nicht. Wie sollte es auch? US-Truppen können nicht einmal irakische Dörfer und Kleinstädte behaupten, ganz zu schweigen von der labyrinthartigen Millionenmetropole Manhattan.

Und in dieses Labyrinth stürzt unser Protagonist, der Phototechniker Matty Roth. Der soll als unwissender Praktikant und bislang gut behüteter junger Mann unvermittelt einen Starjournalisten auf dem Weg zum Pulitzerpreis begleiten, was zwar nicht ganz realistisch ist, aber den Plot vorantreibt. Mit Weg ist hier ein Hubschrauberflug in die DMZ von Manhattan gemeint, und Pulitzerpreis bedeutet Tod. Denn unmittelbar nach der Landung wird man unter Beschuss genommen. Ob nun Free-States-Soldaten oder Milizen der DMZ-Bewohner den Waffenstillstand gebrochen haben, ist eigentlich egal, denn das Resultat bleibt gleich: Nur Matty überlebt und strandet auf der gar nicht mal so einsamen Insel namens Manhattan. Und weil ihm seine US-amerikanischen Freunde nicht erzählen, dass „Sicherung der Absturzstelle“ in Wahrheit „Bombardierung der Absturzstelle mit Tod zahlreicher Zivilisten“ bedeutet, bleibt Matty in der DMZ und berichtet fortan als vom Himmel gefallener Reporter ungefiltert und frei von Kriegspropaganda über das dortige Leben.

die Karteextreme Perspektiven Speedlines

DMZ, das jüngste Kind von Independent-Star Brian Wood, hat viele Facetten. Zunächst einmal diktieren quasi Setting und inhaltliche Prämisse eine politische Komponente. Der Autor kanalisiert hier jedoch weder Vorlieben für links noch für rechts, weder pro- noch contra-Irak-Feldzug – vielmehr zeigt er, dass Scharlatane auf allen Seiten zu finden sind und Lügen zum Handwerkszeug politischer Handlung gehören. Auch militante Naturschützer, denen Bäume über Menschenleben gehen, bekommen ihr Pensum an Seitenhieben ab.

Direkt unter dieser Politik-Erzählschicht kommt ein humanistisches Plädoyer für den kulturellen Selbsterhaltungstrieb der Menschen. Verlassen von allen Staatsdienern, festsitzend im abgeriegelten Manhattan, abgeschnitten von den Luxusgütern der so genannten zivilisierten Welt, bauen sich die Bewohner der DMZ ihre eigene, ehrliche Welt, die trotz der Existenz von Block-Milizen und Scharfschützen Dachterassenrestaurants, Kunstausstellungen oder auch selbstproduzierte Musikalben beinhaltet, also den Traum eines jeden Hipsters. Brian Wood gewährt uns einen faszinierenden Blick darauf, was passieren kann, wenn eine Gruppe von Menschen praktisch von Grund auf neu eine Zivilisation samt Wertesystem aufbauen muss.

Weiter im Text – DMZ ist ebenso eine Geschichte vom Erwachsenwerden seiner Hauptfigur, Matty Roth, und das in zweierlei Hinsicht. Zum einen wird der Anfang- oder Mittzwanziger, der von Beruf vermutlich Sohn ist, mehr oder minder unvermittelt aus seiner beschützten Umgebung des wohlhabenden väterlichen Hauses gerissen. In der DMZ muss er auf eigene Faust und eigenverantwortlich klarkommen, muss sich um eine Bleibe kümmern, muss Tauschgeschäfte durchführen, um etwas zum Beißen zu haben, muss sich ein Netzwerk von Bekanntschaften aufbauen, um zu überleben – muss „ein Mann werden“, wie der gesellschaftlich anerkannte Slogan lautet. Zum anderen ist es ein geistiges Erwachsenwerden – Oder eher Erwachen? -, das hier vonstatten geht. Matty durchblickt nach und nach die Lügen und Verschleierungen, die ihm Regierung und Presse all die Jahre aufgetischt haben, erblickt die Wahrheit auf der Straße und konfrontiert sowohl den leiblichen Vater Roth als auch den metaphorischen Vater Staat. Ja, hier läuft Brian Wood zu alter Rebellenform auf, die wir so seit seinem Debüt mit Channel Zero nicht mehr gesehen haben.

Und schließlich stellt DMZ eine Liebeserklärung dar, eine Liebeserklärung an New York. Es ist eine Story, die den „insane shit“ (Wood) zeigt, der nur in der schillernden Metropole New York passieren kann. Für den Autor stand es nie zur Debatte, die Geschichte woanders spielen zu lassen. Das ist nicht verwunderlich, repräsentiert Brian Wood in der Comicszene doch das Modellobjekt des urbanen Autors. Die Stadt ist also der Star. Und ein Star muss gut aussehen.

Dass Big Apple das tut, ist der Verdienst von Riccardo Burchielli, der mit DMZ sein Debüt auf dem US-Markt gibt. Und der Italiener ist gleich die Entdeckung des Jahres. Sein hier vorgetragener Zeichenstil ist eine überaus reizvolle, leicht bekömmliche Mischung aus europäischem Detailreichtum und südamerikanisch-lockerer Figurenzeichnung. Das Storytelling ist enorm filmisch, teilweise könnten die Panels Stills aus einem Zeichentrickfilm sein. Deutlich wird das immer wieder an verschiedenen Erzählkniffen wie dem Wechsel in die Ego-Perspektive durch einen Kamerasucher oder dem Einfang der Protagonisten durch eine Spiegelfläche. Durch vereinzelt extrem perspektivisch angelegte Darstellungen wird ein Gefühl von Dreidimensionalität vermittelt. Japanisch angehauchte Speedlines und das Verlassen von Panelbegrenzungen sorgen für Dynamik. Fokus auf einzelne Charaktere wird gesetzt, indem der Hintergrund komplett schwarz eingefärbt wird und die entsprechende Figur eine weiße Outline erhält, ganz im Gedenken an bekannte Zeichengrößen wie etwa Chris Bachalo. Ganz und gar nicht zu vernachlässigen ist Colorist Jeromy Cox, der durch eine breite Farbpalette die detaillierte Reproduktion New Yorks zum Leben erweckt, trotz des unbeschichteten Recyclingpapiers, der Nemesis jeglichen Glanzes, das hier zum Druck verwendet wird. Besonders schön sind seine Orange-Abstufungen in den Jahreszeiten Sommer und Herbst. Auch Brian Wood leistet seinen Beitrag. Im ersten Paperback tauchen sporadisch von ihm gestaltete Seiten auf, die meistens Hintergründe über die DMZ enthüllen. Zwar ist Woods Zeichenstil deutlich grober und von stärkerem Einsatz der Farbe Schwarz geprägt als der Burchiellis, doch passt das Ganze erstaunlich gut ins Gesamtbild der Serie. Die zweite Sammlung enthält sogar eine komplett von Wood gestaltete Ausgabe, die einem nach Art eines Reise- und Kulturführers Personen und Orte der DMZ näher bringt. Hierbei kommt besonders das Talent des Autors, der unter anderem an der optischen Gestaltung GTA-Reihe beteiligt war, für graphisches Design zum Tragen.

filmische MittelDesign by Wood

DMZ ist der Topseller unter Vertigos New-Wave-Publikationen (American Virgin, DMZ, Exterminators, Loveless und Testament) – und das bestimmt nicht zu Unrecht. Die Serie präsentiert uns nicht nur ein bislang einzigartiges Setting mit einem hohen Grad an Echtheit, sondern gibt einem das Gefühl, dass jederzeit alles passieren kann. Bis auf zwei Personen – Matty und seine Freundin und Stadtführerin Zee – scheinen sämtliche Figuren entbehrlich zu sein, die Gegebenheiten können sich mit jeder Ausgabe ändern, und jegliche erfolgte Änderung ist von Konsequenz. Und dieses Grundprinzip war ja bislang auch der Serie Fables mehr als nur zuträglich. 

Inzwischen ist auch die deutsche Ausgabe bei Panini erschienen. Die präsentiert sich gewohnt hochwertig: Feines Hochglanzpapier und ein dickerer Umschlag machen mehr her als der erste US-Paperback, die Übersetzung ist ordentlich gelungen. Der erste Paperback ist bereits zu haben, der zweite erscheint in Kürze.

Die US-Ausgabe von DMZ erscheint monatlich bei Vertigo Comics zum Einzelheftpreis von $2,99. DMZ Vol. 1: On The Ground enthält neben dem Eröffnungsdreiteiler noch zwei Einzelausgaben, die sich mit den oben genannten militanten Tree Huggers und einer Schnitzeljagd durch Manhattan beschäftigen. In DMZ Vol. 2: Body of A Journalist gibt es neben dem gleichnamigen fünfteiligen Storyarc, in dem Matty Roth zum Spielball der Kriegsparteien wird, und der angesprochenen Guide-Ausgabe noch ein von Kristian Donaldson gezeichnetes Heft, in dem uns mehr über Zee verraten wird.

Links:

 
Verwandte Vertigo-Artikel


Text Copyright 2006 Ruben Schmitt
Coverartwork, Auszüge Copyright DC Comics/Brian Wood & Riccardo Burchielli

 
< zurück   weiter >
© 2012 www.g-wie-gorilla.de
Joomla! is Free Software released under the GNU/GPL License.