|
Erscheinungsdatum: 20. Oktober 2006 Label: EMI ASIN: B000IAZ3EA Tracks: 13 ca. Preis: 17,-€ Born in the UK bei Amazon.de 27,-€ Born in the UK Limited Edition bei Amazon.de
Mit ‘One Plus One Is One’ war 2004 das letzte Badly Drawn Boy Album bei XL Recordings erschienen. Die 14 Songs brachen damals nicht nur mit ihren langsamen Melodien und bewusst unterproduzierten Orchestrierungen ein weiteres Mal mit den Erwartungen der Damon Gough-Fangemeinde: Auch das Erscheinungsdatum entsprach nicht mehr ganz der eigentlichen Arbeitsdevise des Musikers. Ein normaler Mensch müsse sich jeden Tag aufs Neue der Realität seiner Arbeit stellen und könne sich menschliche, geschweige denn kreative Tiefphasen nur schwer erlauben – da sei es doch nur logisch, dass auch ein Musiker zumindest einmal im Jahr eine popelige CD mit ein bisschen mehr als zehn Songs zustande zu bringen in der Lage sein muss. So in etwa bestätigte Damon Gough kurz nach dem Erscheinen seines dritten Albums, Have You Fed the Fish? in mehreren Interviews sein Versprechen, mindestens ein Album pro Jahr abzuliefern. Schon das Nachfolgewerk, ‚One Plus One Is One’, erreichte sein Publikum aber erst anderthalb Jahre später – sehr zum Verdruss des Künstlers selbst. Die erneut von Andy Votel (Produzent des Debüt-Albums ‚The Hour of Bewilderbeast’ und Coverdesigner der Nachfolgewerke) abgemischten Songs eigentlich schon ein gutes halbes Jahr zuvor fertig gewesen. Alleine Goughs damaliges Label, XL Recordings, stellte sich mit der Veröffentlichung quer und verzichtete zudem völlig auf eine öffentliche Erklärung für die Entscheidung. Gough sah seine vielversprechende Karriere im Auftrieb des Mercury-Preises (für ‚Hour of Bewilderbeast’) und jeder Menge positiver Publicity aus dem ‚About A Boy’-Soundtrack durch derartige Bummelei als gefährdet und zog Konsequenzen: Das nächste Badly Drawn Boy-Album sollte nun wirklich dem guten Vorsatz entsprechend pünktlich ein Jahr später bei EMI erscheinen. Doch dann wurde es unverhofft ganze zwei Jahre lang still um den musikalischen Mützenträger. Hatte er sich zuvor noch über Schreibblockaden und kreative Tiefs mittels sarkastischer Querverweise auf diverse seiner Kollegen lustig gemacht, musste er sich irgendwann 2005 eingestehen, dass sein beinahe fertiggestelltes neues Album nicht funktionierte und trotz aufwendiger Produktionsarbeit nur ein wahres Zuhause hatte: Den wenig besuchten Kinderfriedhof popkultureller Fehlgeburten. Es folgte eine kurze, schwarze Phase in der Gough sich die für Künstler eben üblichen Gefechte mit seinem Schatten lieferte, und bei der Frage, ob es in der Musikbranche überhaupt Platz für ihn gebe die Stirn in nikotinverschwitzte Falten legte. Der Fangemeinde fiel all das trotz einiger weniger Brückenkonzerte und Galaauftritte natürlich hinter den unverändert charmanten Trademark-Stoffmützen auf Goughs Schädel nicht wirklich auf. Irgendwann akzeptierte der Badly Drawn Boy seinen Schatten schließlich als unvermeidliches Übel einer lichtbetriebenen Existenz, holte sich die Hälfte des Chill-Out Duos Lemon Jelly an Bord und nahm in kürzester Zeit das konsequenteste und stimmigste Badly Drawn Boy-Album seit ‚Hour of Bewilderbeast’ auf. Dabei dürfte man nach dem blauäugigen Monolog des Einstiegstracks ‚Swimming Pool’ bereits durchaus mit Berechtigung besorgt sein, es ein weiteres Mal mit einem leisen und unangenehm ex-cathedra klingenden Album im Stil des Vorgängers ‚One Plus One Is One’ zu tun zu haben, dem am ehesten noch die Bezeichnung ‚verfrühtes Alterswerk’ gerecht wird: "Do you think it matters where you were born? -No, not really. It only matters that you can be proud of where you came from. I don’t think I know who I am anymore. - What about the world? What do you mean? - Well, if the world was a better place, some of these bad things wouldn’t happen. - Yeah, but there’s good things all around. You just have to look around longer and harder sometimes." Der Name des Albums ‘Born in the UK’ mit seinem eindeutigen Liebesgeständnis an Bruce Springsteen mag zunächst ebenfalls an die simple Eindeutigkeit des Vorgängers ‚One Plus One Is One’ erinnern, das sich Familie und das Weiterbestehen zwischenmenschlicher Beziehungen in ihrer zeitlichen und kinderbezogenen Erweiterung zum Thema gemacht hatte. Damals blieben die Textzeilen jedoch bewusst eindeutig und einfach, wurden trotz ihrer Simplizität und teils schon etwas zu platt getretenen Inhalte (‚To live in the hearts of those that you loved is not to die’) noch mehrmals in Folge wiederholt und verstanden es dabei recht gut, sich mit ihrer eigentlichen Thematik nur am Rande und wenig konsequenzverheißend auseinander zu setzen. Damon Goughs neue Lieblingsphrase ‚Born in the UK’, wird im gleichnamigen Track dagegen als etwas weitaus vielschichtigeres und äußerst persönlichkeitsrelevantes präsentiert. Es handelt sich nicht wie bei Springsteen um einen politischen Song mit einem fiktiven, aber austauschbaren Charakter, der allgemeine, gesellschaftliche Missstände aufzeigen will. Vielmehr werden hier unterschiedliche kulturelle Phänomene aus Goughs Jugend in Großbritannien angerissen, die einen bleibenden Eindruck bei ihm hinterlassen haben. Aber noch trotz all der königlichen Glorie, trotz all der zweifelhaften Gefühle zwischen Abscheu und Zugehörigkeit stellt er schließlich fest, dass die britische Flagge eigentlich gar nichts für ihn bedeutet. Dass der Geburtsort eines Menschen sehr viel weniger als das, was ihn persönlich berührt und an der Hand geführt hat zu bedeuten hat, wurde ja bereits im nun gar nicht mehr so blauäugig wirkenden Prolog geäußert. Politik und Kulturgeschichte wird hier vom Individuum zwar nicht unbedingt völlig gelöst (denn niemand kann sich vollständig seinem geographischen Umfeld entziehen), dafür aber in der inhaltlichen Gewichtung deutlich der zwischenmenschlichen Erfahrung untergeordnet: In den restlichen 10 Songs wird kein einziges Wort mehr über England, Großbritannien oder die Nasenkrümmung der Queen verloren. Vielmehr singt er über einen verstorbenen Freund, persönliche Neuorientierung in der Beziehung mit seiner Frau und nimmt nach dieser persönlichen Bilanz mit einem abgeklärten, nicht unbedingt durch und durch optimistischen Blick in die Zukunft Abschied von einem langen ersten Lebensabschnitt. Ein Statement, das sich aus dem Mund eines Badly Drawn Boy, der sich über die vorausgegangenen Alben hin seinen Weg von leicht kryptischem, sarkastischem, aber atmosphärisch tauglichem Songwriting hin zu klarem, nüchternem und alltagsbezogenem Folk vorgearbeitet hat, durchaus sehen lassen kann. Umso merkwürdiger, dass Gough noch immer mit John Lennon verglichen wird – die politische Ebene hat eigenlich beinahe keinen Platz mehr im Badly Drawn Boy-Universum. Maximal findet man sie in sarkastisch gebrochenen, aber nichtsdestotrotz herzlichen visuellen Songhintermalungen. Im Video zu ‚Year of the Rat’ beispielsweise, der einzigen Auskopplung aus ‚One Plus One Is One’: Hier rettete Gough als knopfäugige Zeichentrickfigur gleich die ganze Welt, indem er alle Streithähne die ihm über den Weg liefen umarmte, nur um zum Schluss doch wieder an das Alltägliche und Private erinnert zu werden, als sich sein vernachlässigter Hund mit verärgertem Gesicht über das Ausbleiben von Streicheleinheiten beschwert. Die melodische Klarheit lässt sich dagegen schon eher mit dem leichtfüßigen Stil Lennons in Verbindung bringen. Damon Gough arbeitet auf seinem neuen Album mit unkomplizierten Melodien, die sich zunächst nicht sonderlich voneinander zu unterscheiden scheinen, nach dem dritten Durchhören aber schon allesamt ihre persönliche Note entfalten und einem fest ans Herz wachsen. Auch die Arrangements der Songs weisen weitaus mehr Tiefe auf, als man ihnen vielleicht beim Probehören zugestehen würde. Da gibt es mal drastische Rhythmus-Wechsel, die nicht immer so leicht herauszuhören sind wie im bedächtigen ‚Without a Kiss’. Mal setzt sich das eigentlich sehr melodisch anmutende Arrangement nur aus geschickt aneinandergereihten, harten, beinahe chaotischen Gitarrenriffs zusammen, oder es werden versteckt inhaltliche Referenzen zu anderen Badly Drawn Boy-Songs gezogen, indem deren Melodien für einen Augenblick angedeutet, aber im immer stärkeren Fluss der neuen Songs wieder verworfen werden und untergehen. ‚Born in the UK’ wird vielerorts als Versuch gewertet, dem Mainstream zu entsprechen. Dabei sind die 13 neuen Tracks nicht einmal ansatzweise so leicht zugänglich wie die unzähligen Single-Auskopplungen aus dem verspielten und stellenweise bis ins Groteske überproduzierte ‚Have You Fed the Fish?’. Sie besitzen sicher nicht mehr die Betulichkeit und Formstarre des Vorgängers ‚One Plus One Is One’, stellen mit ihrer Fülle von brauchbaren Lyrics und der vielschichtigeren Produktionsweise aber einen weitaus ernstzunehmenderen Versuch eines ‚erwachsenen’ Albums dar. Text Copyright Michael Ecke 2006 Cover Copyright: Badly Drawn Boys |