|
USA (2006)
Regie: Sofia Coppola, Buch: Sofia Coppola, Kamera: Lance Acord, mit: Kirsten Dunst, Marianne Faithfull, Steve Coogan, Jason Schwartzman Wenn im Vorfeld eines Filmstarts kaum ein Wort über den Plot des Films verloren wird, nimmt dies niemanden wunder. Man will keine Wendungen vorzeitig preisgeben. Man spricht über die Inspiration der Regisseurin, die Vorbereitung der Schauspieler und die locker entspannte Atmosphäre am Set. Derlei gab es auch bei Sofia Coppolas jüngsten Film Marie Antoinette viel zu berichten, bevor der Film der Presse vorgeführt wurde: Versailles war angemietet, die Schuhe von Manolo Blahnik, die Musik das Beste, was England Anfang der 1980er zu bieten hatte (Bow Wow Wow, Siouxie and the Banshees) und Alain Delon lehnte die Rolle Ludwigs des XV. ab, weil eine Amerikanerin seiner Meinung nach keine Filme über Frankreich machen kann. Wer interessiert sich da schon für eine Geschichte, die jeder kennt. Und, in der Tat, mit der Geschichte behelligt Sofia Coppola niemanden. Auch nicht, nachdem der Film im Kino beginnt. Man fährt die Stationen auf dem Lebensweg der französischen Königin ab. Die Heirat, ihr legendärer Wortwechsel mit Madame Dubarry, der Mätresse des Königs (Asia Argento), die Affäre mit von Fersen. Handlungsstränge scheinen ins Leere zu laufen. Wann immer man mit Folgen rechnet, wartet man vergebens. Ob Marie Antoinette (Kirsten Dunst) ihre Position am französischen Hofe ohne einen Erben festigen kann wird von ihrer Mutter Maria Theresia (Marianne Faithful) und ihrem Botschafter zur entscheidenden Angelegenheit im ersten Teil des Films gemacht. Doch dann passiert nichts. Kein klimaktischer Moment entscheidet über Marie Antoinettes Glück. Jahre gehen ins Land und als Marie Antoinette eine Tochter zur Welt bringt, ist sie bereits Königin.   Marie Antoinette erzählt eine Geschichte ohne Plot. Wir sehen eine "und dann und dann und dann"-Reihung von Szenen aus dem Leben der französischen Königin. Nichts, was sie tut, hat direkte Konsequenzen. Sie verschwendet, sie feiert, sie übt sich in Laura Ashley-Landwirtschaft. Sie ändert sich, aber ohne einer narrativen Marschroute zu folgen. Sie trennt sich von der Liebe ihre Lebens, Axel von Fersen (Jamie Dornan), ohne dass der Soundtrack anschwillt. Hauptsächlich sehen wir das, was in der Erzähltheorie als erzählerischer Überfluss bezeichnet wird - rokokostyle. Kostümpracht, Szenen wie gemalt und tausend bunte Törtchen. Wichtig sind die Details der Erzählung, nicht die Intrigen. Bezeichnenderweise spart Coppola die Halsbandaffäre aus, eine spektakuläre Geschichte von doppeltem Spiel, missbrauchten Leidenschaften und einem Millionen teuren Collier, in die Marie Antoinette verwickelt war. Während Helmut Käutner in Das Glas Wasser mit Liselotte Pulver und Gustav Gründgens ein charmant bösartiges Spiel von "Ursachen und Wirkungen" (so der Untertitel der Kurzgeschichte von Eugene Scribe, die dem Film zugrunde liegt) um ein einziges Requisit entspinnt, überfüllt Coppola ihren Film mit visuellen Details, die keine Relevanz haben.
  Marie Antoinette hat zweifellos das Potential dazu, ein sehr langweiliger Film zu sein. Doch nicht jeder Film braucht einen Plot. Wer interessiert sich für den Plot, wenn die Frauen Wong Kar-wais stilvoll leiden? Wer hinterfragt die Handlungsstränge, wenn die Helden des Heroic Bloodshed-Kinos im Regen Hongkongs verbluten? Coppola wagt etwas, das im Hollywoodkino selten ist: zweckfreie Ästhetik. Sie verbindet Blümchenpastell und Zuckerrokoko mit stimmigen Bildern und einem gepflegten Soundtrack zur visuellen Traumwandlerei Marie Antoinette.
Ein Film, der der Folgerichtigkeit die kalte Schulter zeigt und das ästhetische Organ des Kinogängers betört. Chapeau. Text Copyright Karin Dannecker 2006 Poster, Screenshots Copyright Sony Pictures |