The Exterminators Vol. 1: Bug Brothers
Autor: Simon Oliver, Zeichnungen: Tony Moore, Farben: Brian Buccellato, Lettering: Pat Brousseau Erschienen bei: DC / Vertigo Comics Preis: 9,99 US$ / 8,49 € The Exterminators Volume 1 Bug Brothers bei Amazon.de Simon Oliver beginnt sein Schaben-Epos The Exterminators eher ungeschickt: nämlich mit dem Subtext. Da krabbeln in den ersten Panels grause Insekten über allerlei Zivilisationsmüll, darunter gleich drei Schneekugeln, die mit den Namen großer amerikanischer Städte etikettiert sind, und über eine Zeitschrift mit einem Foto der Twin Towers. Das ist an sich schon hart an der Grenze, der nämlich, wo die Hiebe mit dem Holzhammer langsam anfangen wehzutun. Dummerweise setzt Oliver noch einen drauf: Im Voice Over (Text Over?) erzählt uns Protagonist Henry James (!) allerhand über den Untergang des Römischen Reichs, ausgelöst durch eine Rattenplage, die als Gastgeschenk die Pest im Gepäck hatte. Als Programmansage für die neue Vertigo-Serie über Ungeziefervernichter kann man das gerade noch mal so als „unglücklich“ durchgehen lassen. Trotzdem sollte der sonst durchaus routiniert arbeitende Simon Oliver eigentlich selbst wissen, dass „Subtext“ möglichst viel mit dem Adjektiv „subtil“ zu tun haben sollte.  
Oliver steigt danach dankenswerterweise zügig in seine durchaus dichte Handlung ein: Dass Henry James nach längerem Knastaufenthalt in die Ungeziefervernichtungsfirma seines Stiefvaters eingestiegen ist, erfahren wir nur durch indirekte Exposition, während wir ihn auf seinem ersten Insekten-Genozid begleiten. Sein Partner und Mentor dabei heißt AJ. Eine fiese, krasse Karikatur ist das, der hässliche Amerikaner an sich: sexistisch, militaristisch, drogenabhängig, gewalttätig, und noch dazu ein Würstchen. Je länger die beiden zusammenarbeiten, desto klarer wird, dass Oliver seine Serie generell als Karikaturensammlung angelegt hat. The Exterminators ist fast durchgängig bevölkert von Knallchargen, von asiatischen Kriegsverbrechern und tonnenschweren Frauen (“Can you get up?“ “Not since 1992 she hasn’t“), von Buddhisten mit Cowboy-Attitüde und kapitalistischen Super-Lesben. Der Ex-Knacki Henry ist so der einzig halbwegs normale Mensch in einem Universum, das wie die Realität aussieht, aber immer einen halben bis ganzen Schritt extremer ausfällt. In der Darstellung dieses Bizarroversums setzen Oliver und sein ziemlich talentierter Zeichner Tony Moore (siehe den ersten Band The Walking Dead ) mit Nachdruck auf einen erheblichen Ekel-Faktor. Mit ein paar Schaben ist es bei diesem Duo nicht getan: Während seines ersten Jobs darf Henry auf einer Splashpage ein Pelztier zerreißen, Gedärme und anderes organisches Material inklusive; AJ spießt vor den Augen eines Kleinkindes eine Riesenratte mit dem Messer auf; und bei einem Auftrag im Altersheim findet Henry eine angekettete alte Frau, die bei lebendigem Leib von Insekten aufgefressen wird. Ganz klar wird dabei allerdings nicht, ob Oliver seine Parade der Abscheulichkeiten im Exploitation-Sinne gerne als Comedy wahrgenommen hätte oder als Schlag in die Magengrube. Wahrscheinlich wäre ihm beides gleichzeitig am liebsten. Leider überwiegt aber bisweilen der Eindruck von allzu kalkulierten Schweinereien, die weder richtig witzig noch richtig bedrückend sind und allein von Tony Moores Sinn fürs Abgründige gerettet werden. Vielleicht findet Oliver noch die richtige Balance im Verlauf der Serie.  
Die besten Absichten scheint er jedenfalls zu haben, denn sonst ist vieles an diesem ersten Band wohl durchdacht. Innerhalb weniger Seiten lernen wir eine Vielzahl von interessanten und amüsanten Figuren kennen, von Moore visuell fein unterschieden und mit großem Wiedererkennungswert versehen. Ruckzuck kommt auch trotz aller Episodenhaftigkeit der ersten Kapitel ein übergeordneter Plot ins Laufen – es wird wohl im Verlauf der Serie um mutierte Angriffsschaben gehen, die im Millionen-Rudel die Menschheit angreifen. Auf dem Papier klingt das ausgezeichnet. Noch besser wird es, als Henry bei einem Insekten-Opfer eine Kassette mit vier Schlössern findet, verziert mit einem Käfer und einem Hakenkreuz. Böse Nazi-Krabbeltiere? Dafür sind wir immer zu haben. Wenn das alles nur noch ein bisschen mehr Spaß machen würde. The Exterminators weiß noch nicht so ganz, wie ernst es sich selbst nehmen will, und der Tanz auf dem Vulkan, der dem offensichtlichen Vorbild Preacher damals gelungen ist – immer hart an der Grenze zur Farce – fällt entsprechend noch etwas altbacken aus. Das mag auch daran liegen, dass ein Preacher von Seite eins an sympathische, komplexe Hallodris zur Identifikation anbot, während Henry James hier eher blass und uninteressant bleibt. Die Menschen in seiner Umgebung sind im Gegenzug zu stereotyp gezeichnet, um Projektionsfläche zu bieten. Noch dazu nagt eine gewisse Frauenfeindlichkeit am Wohlwollen des Lesers: Alle Figuren weiblichen Geschlechts fallen entweder in die Kategorie „schutzbedürftiges Heimchen“ oder „betrügerische, verführerische Schlampe“. Unschön, und auch nicht mit dem karikierenden Ansatz der Serie zu begründen. Glücksgefühle wollen sich so beim Lesen einfach nicht einstellen, obwohl sich sowohl Autor als auch Zeichner redlich und mit einiger Kompetenz um derartige Stoffausschüttungen bemühen. Ein hoffnungsloser Fall wie American Virgin scheint The Exterminators aber auch nicht zu sein. Vielleicht klappt es ja in Band zwei sowohl mit der Subtilität als auch mit der emotionalen Bindung. Das Zeug dazu hätte die Serie allemal. Links
Die Webseite des Zeichners Tony Moore - www.tonymooreillustration.com Die Webseite des Publishers DC Comics/ Vertigo - www.dccomics.com/vertigo Verwandte Artikel Text Copyright 2006 Jochen Ecke The Exterminators, Coverartwork, Auszüge Copyright Simon Oliver & Tony Moore |