Gorilla des Monats

hairilla
Home arrow Filme arrow Cookie's Fortune
Cookie's Fortune
Cookies Fortune USA (1999)

Regie: Robert Altman, Buch: Anne Rapp, Kamera: Toyomichi Kurita, mit: Glenn Close, Julianne Moore, Liv Tyler, Chris O'Donnel

Originaltitel: Cookie's Fortune
Erschienen bei: Art House
Preis: ca. 14,-€

Cookie's Fortune bei Amazon.de

Als ich in den letzten Tagen über das Ableben von Robert Altman las, da überkam mich ein Moment der Melancholie. Kaum ein anderer Regisseur hat, obwohl außerhalb Hollywoods arbeitend, meinen Blick für das Erzählen im Kino so sehr geprägt wie der ewige “New Hollywoodler” mit seinen atemberaubend einfach wirkenden Ensemble-Stücken, die doch in ihrer Inszenierung zumindest auf den zweiten Blick so spektakulär sind. Allen voran sein spätes magnus opum Short Cuts oder seine berühmte Kriegssatire M.A.S.H. sind kaum aus der heutigen Filmwelt wegzudenken. Dennoch ist es einer seiner wirklich späten Filme, der mein Bild von Robert Altman besonders geprägt hat. Einer dieser Filme, die am Bewusstsein der meisten Menschen vorbeigehen, bei denen man aber aus irgendeinem persönlichen Grund hängen bleibt wie bei kaum einen anderen. Es ist seine Ode an die eigene kleine Welt der Südstaaten-Kleinstädte und ihren Umgang mit den ihm verhassten (Selbst-)Lügen der Gesellschaft, mit all ihren Schrulligkeiten, es ist sein persönlicher Blues, der es einem einfach macht, ganz unverhofft den scharf-bitteren Bourbon-Geschmack auf seiner Zunge zu verspüren: Cookie’s Fortune aus dem Jahre 1999.

Alles dreht sich um den Schein, den es, auch in Cookie’s Fortune, kleinbürgerlich zu wahren gilt. Dies ist nicht neu, Altmans Filme handeln ja häufig von durch Menschen teilweise engagiert konstruierten (Schutz-)Oberflächen, die eine andere, verletzliche, menschliche Realität verdecken sollen. Dies beginnt mit dem Zynismus der Militär-Ärzte bei M.A.S.H. in ihrem Versuch, dem Horror und der (körperlichen wie seelischen) Grausamkeit des Korea-Krieges zu entkommen, und endet mit den Hollywood-Produzenten in The Player, die schleimig ihre Liebe zum Kino herausspielen, um am Ende doch das durchzusetzen, was nicht konsequent, aber publikumswirksam erscheint, und sei es eine deus ex machina-Rettung aus dem Todestrakt eines Gefängnisses, wie es in Altmans Film im Film am Ende von The Player geschieht.

cookie1cookie2

In Cookie’s Fortune kulminiert dieser Drang des Menschen, seine eigene Oberfläche zu konstruieren, um das eigentliche Ich zu verdecken, in der Figur der Camille Dixon, die mit schwungvollem Overacting von Glenn Close verkörpert wird und so etwas wie das Auge des Wirbelsturms aus narrativem Chaos ist. Sie belügt sich selbst und ihre Umwelt mit dem aristokratischen Gehabe einer südstaatlichen Plantagenbesitzerin. Mitten im Süden, in einem Ort, der so passend Holly Springs heißt, versucht Camille den Eindruck des Adligen in sich zu erhalten. Es ist eine Lüge, denn die Zeit ist vorangegangen und Willis Richland, verkörpert von dem großartigen Charles S. Dutton, ist nicht der Haus-Neger der Familie, sondern ein guter Freund und so etwas wie der letzte Sohn ihrer Mutter, der titelgebenden Cookie (Patricia Neal). Doch sie behandelt den alternden Mann wie einen Sklaven, das ewige Kleinkind in ihrem Besitz. Dabei herrscht zwischen Cookie und Willis ein fast familiäres Verhältnis. Als sich Cookie noch zu Anfang des Films aus Liebe zu ihrem verstorbenen Mann erschießt. Leider aber findet Camille den Leichnam von Cookie und liest als einzige den Abschiedsbrief, den Cookie an Willis richtete.

An dieser Stelle kommt es zu dem Moment, der für mich wie kein anderer das Kino Altmans in sich trägt: In ihrer panischen Überreaktion isst Camille den Brief und stellt das gewünschte Ableben als Mord dar, um ihre Interessen zu wahren und das Familienbild nicht zu beschmutzen. Sie ändert den Schein, lässt das Wahre hinter einer Konstruktion verschwinden. Dabei scheint es vordergründig darum zu gehen, dass sie vermeiden will, ein Selbstmord könnte die Familie beschmutzen. Aber auch dies ist nur ein Vorwand, denn im Kern geht es nur um ihre Selbstdarstellung als perfekte Frau, die sich anmaßt, das Osterstück nicht nur für die Kirche zu inszenieren, sondern es auch umzuschreiben und sich neben Oscar Wilde als Autor zu nennen (noch so ein Selbstdarsteller, wenn auch einer mit Talent!). Sie will mit der Inszenierung dieser heeren Rettung der Familienehre nicht zuletzt sich selbst überzeugen, dass sie das Richtige tut. An einer Stelle betet sie sogar für Willis, dass er doch frei kommen möge, wenn er unschuldig ist, oder in der Hölle schmore, wenn nicht. Genau diese Dinge legte Altman immer wieder so treffend und stilsicher offen vor uns dar: Er deckte die Schichten der Lüge in unserer Gesellschaft über das Medium auf, welches eben genau über solche Schein und Sein – Diskrepanzen funktioniert.

cookie3cookie4

Mit seinen filmischen Mitteln schafft es Altman so ganz nebenbei, die wild durcheinander agierenden Schauspieler und Dialoge sowie die wuchernden Handlungsstränge im Griff zu behalten und so zu präsentieren, dass der Zuschauer immer auf der Höhe des Geschehens bleibt. Fast wirkt er wie der beruhigende Anker, der hinter dem Treiben steht, es kaum kontrolliert, aber fast in eine Form hinein komplementiert, die in sich perfekt für das Gezeigte zu sein scheint. In Cookie’s Fortune sind dies die abbremsenden Momente des Blues, kontemplative Sequenzen, die mit Wehmut auf das Gezeigte zu reagieren scheinen und so etwas wie die Antwort auf die andauernden Konstruktionen neuer Wirklichkeiten durch die Hauptfiguren zu geben scheinen: Das immer wiederkehrende Lament der übergewichtigen Blues-Sängerin, die kleinen, eingespielten Rituale zwischen den Menschen, sie enthalten das Wahre der Figuren. Eine Wirklichkeit zu suchen, das mag vergeblich sein, denn niemand findet sie hinter den (Selbst-)-Konstruktionen.

Aber das Wahre findet sich irgendwo in dem Momenthaften, Ehrlichen im Umgang der Menschen untereinander. Der Sheriff weiß gleich zu Anfang des Filmes schon, dass Willis unschuldig sein muss. “Because I’ve fished with him”, ist seine Erklärung. Das bringt dies auf den Punkt. In diesem kleinen Film wird aus der Anklage des filmischen Werks Altmans auch ein wehmütiger Blick auf die Lösung im Kleinen angeboten. In Cookie’s Fortune und seiner heruntergekommenen Bar, so scheint es, hat Robert Altman seinen Blues gefunden. Diese Fähigkeit hat den Film bei mir besonders aufleuchten lassen. Mehr als jede gesellschaftliche Anklage zuvor oder danach…

Text Copyright 2006 Knut Brockmann
Cover, Screenshots Copyright Elysian Dreams, Kudzu, Moonstone Entertainment, Sandcastle 5 Productions
Dieser Inhalt ist unter einer Creative Commons-Lizenz lizenziert.

 
< zurück   weiter >
© 2010 www.g-wie-gorilla.de
Joomla! is Free Software released under the GNU/GPL License.