Gorilla des Monats

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The Wind That Shakes the Barley

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Regie: Ken Loach, Buch: Paul Laverty, Kamera: Barry Ackroyd, mit: Cillian Murphy, Padraic Delaney, Liam Cunningham, Gerard Kearney, William Ruane

Eine klischeehaft grüne Landschaft, nicht allzu sonnig vielleicht, aber zusammen mit den jungen Männern, die darin begeistert Hurling spielen, durchaus eine Szenerie reif für den Reisekatalog: Komm nach Irland! Die kaum Zwanzigjährigen rennen, schwitzen, lachen. Gleich gibt's Abendbrot. Doch wer Ken Loach kennt, weiß, so idyllisch bleibt's nicht lange. Engländer marschieren auf den Hof, stellen die Spieler an die Wand und schlagen schließlich einen davon tot.

Stopp mal. Warum sind britische Truppen in der Stadt und tun und lassen was sie wollen, ohne dass jemand ihnen Einhalt gebietet? Die wenigsten Nichtinsulaner wissen heutzutage noch, dass Irland bis 1921 britische Kolonie war und jahrhundertelang um seine Unabhängigkeit kämpfte. Die Insel als Teil des Commonwealth zu behalten, war schon immer eine blutige Sache - bereits 1649 massakrierte Oliver Cromwell sämtliche waffentragenden Männer der Stadt Drogheda, ganz gleich ob Soldaten, Bauern oder Priester. In den folgenden zweihundert Jahren erlebte die katholische Urbevölkerung Irlands ein politisches Auf und Ab, abhängig davon, wie religionsfreundlich der jeweilige britische Herrscher sich zeigte. Durchweg blieb das Land Kolonie und wurde später sogar Teil des Königreichs Großbritannien. Als dann 1846 fast ein Viertel der irischen Bevölkerung während der großen Hungersnot (der "Potato Famine") stirbt, ohne dass aus England auch nur im Ansatz Hilfe kommt, beginnt mit doppelter Härte eine erneute Rebellion. Sie wird bis zum Good Friday Agreement 1998 nicht wirklich aufhören.

Kurz nach dem Ersten Weltkrieg wirkt dank der Stärkung des House of Commons die Unabhängigkeit von Großbritannien zum Greifen nah. Doch als die Unionisten, die zum Königreich gehören wollen, 23 von 30 Sitzen im irischen Parlament belegen, scheint es für viele unmöglich, diese auf politischem Weg noch zu erreichen. Der Widerstand verlagert sich in den Untergrund, ab 1918 führen die Iren einen Guerilla-Krieg, den die britische Armee mit brutalen Methoden zu stoppen versucht.

Hier, 1920, beginnt The Wind That Shakes the Barley, der sechste Film, den Ken Loach nach einem Skript von Paul Laverty gedreht hat. Wir befinden uns in Ulster, dem Teil des Landes, der später als Nordirland vom Rest des Landes abgetrennt werden wird. Nachdem der junge Damien O'Donovan (Cillian Murphy) mehrfach die Gewalttätigkeit der königlichen Armee miterlebt, entscheidet er sich, seine Arztkarriere in London aufzugeben und zusammen mit seinem älteren Bruder Teddy (Pádraic Delaney) dem organisierten Widerstand beizutreten.

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Exemplarisch für die turbulenten Geschehnisse der folgenden zwei Jahre zeigt der Film den Weg Teddys bunt zusammengewürfelter Truppe Widerstandskämpfer in ihrem persönlichen Unabhängigkeitskrieg. Waffen müssen beschafft und Leute trainiert werden. Aus dem Haufen Bauernjungen, die mit ihren Cricketschlägern Krieg spielen, wird in kürzester Zeit Teil einer paramilitarischen Organisation, die britische Transporter in die Luft jagt, während drüben in Belfast und London über das zukünftige Schicksal des Landes debattiert wird.

Persönliches, wie etwa die immer größer werdende Kluft zwischen den beiden Brüdern oder die zarte Liebesgeschichte zwischen Damien und der mutigen Sinead, findet ihren Platz zwischen der Gewalt, tritt aber stets in den Hintergrund. Den gebrochenen, zweifelnden Damien sieht man nur selten - nicht öfter, als er selbst es braucht, um in dem Blutbad um ihn herum nicht wahnsinnig zu werden. Am Ende, wie so oft bei Ken Loach, wird aus der politischen Handlung eine persönliche Tragödie, bei der historische Ereignisse als Schicksal fungieren. Die moderne Version von Kain und Abel zeigt vor allem den Spalt, den die neue irisch-irische Grenze durch die Bevölkerung getrieben hat. Eine Patentlösung für den Konflikt gibt es nicht. Statt bis zum Schluss Partei zu ergreifen zeigt der Film als letztes die Wahrnehmung einer Zivilistin.

Eine schwierige Rolle fällt Cillian Murphy zu, der mit Damien einen jungen Mann verkörpert, der als formloser Mitläufer anfängt und als starke, wenn auch noch immer jugendlich-idealistische Persönlichkeit von der Leinwand abtritt. Auch der Rest des Ensembles, größtenteils kaum bekannte irische Schauspieler, spielt sich sprichwörtlich die Seele aus dem Leib. Sie streiten, stottern, vergessen in politischen Diskussionen ihren Text und improvisieren, singen im Dunkeln Volkslieder, während einer von Ihnen gefoltert wird, bringen zum ersten Mal einen Menschen um, trauern um tote Kameraden und freuen sich über kleinste Erfolge. Als der Abspann läuft, kommen unweigerlich die Worte von Sinead O'Connor in den Kopf, eigentlich der Potato Famine gewidmet, aber ohne Weiteres auf die gesamte irische Geschichte übertragbar: "And if there's ever gonna be healing, there has to be remembering and then grieving." Für Erinnerung sorgt Ken Loach zu Genüge. Nach dem Film ist klar, wie die IRA zu einer terroristischen Untergrundorganisation geworden ist, sich gespalten hat und wofür sie bis zum Schluss kämpfte.

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Die französisch-spanisch-italienisch-deutsch-britisch-irische Koproduktion nimmt sich einen schwierigen Stoffs an, den man in 124 Minuten kaum umfassend beleuchten kann. Was der Film, anders als zum Beispiel Steven Spielbergs München jedoch bewusst nicht in Frage stellt, ist, ob die Iren mit ihrem Kampf recht haben, ob der Zweck auch in diesem Fall die Mittel heiligt. Im Gegenteil, Loach geht von der These aus, dass ein Guerilla-Krieg gerechtfertigt ist, wenn man keine anderen Mittel zur Verteidigung hat. So sieht man die Geschehnisse auch aus einer ausschließlich irisch-katholischen Perspektive. Zu keinem Zeitpunkt wird den britischen Gegenspielern die gleiche Menschlichkeit zugestanden wie den Hauptcharakteren. Auch wird es weitgehend unter den Tisch gekehrt, dass die Bevölkerung von Ulster in den zwanziger Jahren größtenteils aus anglikanischen Unionisten bestand, die eine Vereinigung mit Großbritannien mit Kusshand akzeptiert hätten. Bereits 1912 unterschrieben 450.000 Einwohner eine Petition, Ulster aus dem zukünftigen unabhängigen Staat Irland auszulassen.

Es liegt auf der Hand, dass es zum größten Teil die gleichen Engländer sind, die vor mehreren Generationen vom Königshaus auf der Insel angesiedelt worden sind, und die das ganze zwanzigste Jahrhundert hindurch die katholische Bevölkerung stark diskriminieren werden, doch machen sie die politische Situation der zwanziger Jahre ungleich viel komplizierter als der Film sie wiederzugeben vermag. Die armen unterdrückten Katholiken gegen die bösen britischen Besatzer, das ist schon seit fünfhundert Jahren nicht mehr der Konflikt.

The Wind that Shakes the Barley erzählt eine spannende und rührende Geschichte, er ist handwerklich hervorragend gemacht und großartig gespielt, doch einen Anspruch auf Vollständigkeit darf man an ihn nicht stellen. Wenn Loach den Zuschauer jedoch dazu bewegen kann, sich weiter mit der irischen Geschichte zu befassen, hat der Film seinen Zweck mehr als erfüllt. Da ist es sogar nicht mehr nötig, ihn in den aktuellen politischen Zusammenhang zu stellen.

Text Copyright 2006 Darina Goldin
Poster, Screenshots Copyright Pathé International

 
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