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Gorilla des Monats

bernie 
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Aimee Mann - One More Drifter in the Snow

onemoredrifter von Jochen Ecke

Review: Coverversionen von amerikanischen Weihnachtsliedern, die man im Radio sofort wegschalten würde - von Aimee Mann? Eine ganze Platte davon? Das funktioniert. So gut, dass Jochen wahrscheinlich noch bis nächsten April im Auto 'White Christmas' hören wird.

onemoredrifterErscheinungsdatum: 3. November 2005
Label:
V2 Records/Rough Trade
ASIN:
B000IB0CK4
Tracks: 10
Preis: ca. 15,- € One More Drifter in the Snow bei Amazon.de


'Calling on Mary’ ist der wichtigste (und beste) Song auf Aimee Manns neuem Album, obwohl sie ihn ganz ans Ende der Playlist gesetzt hat. Bis auf einen zweiten neuen Titel namens ‚Christmastime’ besteht die Platte sonst allein aus Coverversionen von klassischen Weihnachtsliedern. Trotzdem ist One More Drifter in the Snow durch und durch ein Aimee Mann-Album mit überaus gelungenem roten Faden, beinahe sogar ein Konzeptalbum, und vielleicht ist es sogar berührender als ihr ehrgeiziges The Forgotten Arm. Wie das funktionieren kann? Das ist gar nicht mal so einfach zu erklären. Erster, wichtiger Punkt: Die Zusammenstellung der Songs ist nicht willkürlich und wird in einen klaren Rahmen gestellt, der aus 'Calling on Mary' am Ende des Albums und dem ersten Track besteht. “Whatever happened to Christmas?“, fragt Mann da gleich zu Beginn, und so fängt dieses Weihnachtsalbum schon ganz merkwürdig an - mit der Abwesenheit von Weihnachten. Ein ganzheitliches Weihnachten mit Musik und Familie und Harmonie gibt es hier nicht (mehr). Übrig geblieben ist nur die Sehnsucht danach. Ein bisschen mehr als eine halbe Stunde später endet die Platte dann mit den folgenden Zeilen:

    And to all the lost souls down below /
    Merry Christmas, Merry Christmas /
    What’s one more drifter in the snow /
    Merry Christmas, Merry Christmas /

    If there’s a star above me /
    It can look like love /
    When they light up the Christmas tree


Der Text hier ist von einer sagenhaften Zweideutigkeit, genau wie das ganze Album. Da scheint erst jemand angesprochen zu werden, mit “And to all the lost souls down below“; und die Botschaft an die Traurigen, die Verlorenen, ist von großer Freude: frohe Weihnachten, frohe Weihnachten. Mit der nächsten Zeile wird aber wieder angezweifelt, dass die beiden ersten Zeilen überhaupt zusammgehörten. Die Idee von Kommunikation bricht so plötzlich in sich zusammen, und übrig bleibt nur ein abgeklärtes Statement: Wer ganz unten angekommen ist, wird sich ganz sicher nicht um die Leidenden um ihn herum kümmern. Ein Stück Treibholz mehr oder weniger, was ist das schon? Einsamkeit und endgültig verpatzte Chancen stehen in diesem Song nebeneinander mit der Möglichkeit, nur der Möglichkeit, einer frohen Weihnacht. Dazu bräuchte es aber ein Wunder. Ein Wunder, an das das lyrische Ich hier glauben muss, obwohl es sich vorher abgeklärt gegeben hat (“I’m not the miracle kind.“) Schließlich bleibt ihm aber gar nichts anderes übrig, als um Erlösung zu bitten:

    Calling on Mary is voluntary /
    ’Less you’re alone like me


Das ist die Klammer, die Aimee Mann um die Songs auf One More Drifter in the Snow legt. Beim Hören des Albums kann so gar kein Gefühl von Kitsch aufkommen, weil die unbedingte Möglichkeit (und für manche die Realität!) des Alleinseins immer mitschwingt, genauso wie eine gewisse Abgeklärtheit: über Weihnachten als Massenillusion. Dass Weihnachten immer auch das Vorgaukeln von Harmonie, das Herbeiträumen von romantischen Schneelandschaften ist, wird ziemlich klar vorausgesetzt.

Entsprechend liegt die Schönheit in den Songs, in der Musik, aber nie in einem konkreten wunderschönen Weihnachtsfest. Die Lieder sind nach diesem Muster geschickt ausgewählt: ’Winter Wonderland’ steht auf der Liste, und ’White Christmas’, genauso wie ’I’ll Be Home for Christmas’. Das sind Songs, die von einem imaginären Wunderland handeln, von dem Wunsch nach einer idealen, unerreichbaren weißen Weihnacht, und schließlich von der Unmöglichkeit, zum Fest „zuhause“ zu sein. Eine Unmöglichkeit, die sich das lyrische Ich nicht eingestehen will. Diese Ambivalenz, dieses Potenzial zur Traurigkeit war schon immer Teil dieser Musik, aber es ist Aimee Manns Verdienst, sie zum ersten Mal so explizit herausgestellt zu haben. Manns und Paul Bryans Arrangements machen die Entdeckung der Illusion in den Texten spürbar: Sie fahren das Tempo der Songs zurück, spielen Manns Stimme in den Vordergrund. Es klingeln keine Weihnachtsglocken, und Streicher kommen auch kaum zum Einsatz. Stattdessen werden die Weihnachtslieder begleitet von Akustikgitarren, vom Klavier, einer Steel Guitar, einem Banjo. Das heißt aber nicht, dass Bryan und Mann die Titel vergewaltigen. Sie machen einfach Aimee Mann-Songs aus ihnen. Und die waren schon immer verteufelt smooth, voll süßer Traurigkeit und wundervoller Melodien.

Während man, würde man die Songs dieses Albums in ihren herkömmlichen Versionen im Radio hören, wohl voll Ekel vor dem Klischee schnell den Sender wechseln würde, deckt Mann auf One More Drifter in the Snow auf, was für wunderbare Musik sich unter der dicken Kruste jahrzehntelanger Überstrapazierung versteckt. Sie rehabilitiert diese Weihnachtslieder, schenkt ihnen eine Wiedergeburt als Songs, die sich nicht nur kitschig-nostalgisch auf eine harmonische Vergangenheit beziehen müssen, die es nie gegeben hat. Stattdessen ist jeder Track auf dieser Platte – bis auf den explizit als Anachronismus herausgestellten ’God Rest Ye Merry Gentlemen’ – plötzlich ganz und gar modern, scheint von dem Weihnachten zu handeln, das jeder von uns heute erlebt. Einem Weihnachten der Möglichkeiten, die immer auch ihr Gegenteil beinhalten: “If there’s a star above me / It can look like love / When they light up the Christmas tree.“

Text Copyright Jochen Ecke 2006 
Cover Copyright Aimee Mann / SuperEgo Records

 
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