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Prestige - Die Meister der Magie
prestigeUSA (2006)

Regie: Christopher Nolan, Buch: Jonathan Nolan, Christopher Nolan, Kamera: Wally Pfister, mit: Hugh Jackman, Christian Bale, Michael Caine, Piper Perabo, Scarlett Johansson, David Bowie, Andy Serkis

Originaltitel: The Prestige 

Unsere Freunde der amerikanischen Kunst warten seit vielen Jahren auf den “großen amerikanischen Roman”, eine nationalistisch anmutende Suche nach dem langen Stück Prosa, das die USA perfekt verkörpert und als Antwort auf die Briten mit ihren großen Schriftstellern gesehen werden kann. Viele Autoren wurden schon als Hoffnungsträger ausgerufen, aber so ganz offiziell gibt es diesen großen Roman noch immer nicht, auch wenn er im Zuge solcher Werke wie Moby Dick, The Adventures of Hucklebery Finn oder The Great Gatsby immer wieder entdeckt und dann von anderen wieder verworfen wurde. Der Begriff der “Great American Novel” hat sich über die Jahre verselbstständigt und auch viel von seinem nationalistischen Kolorit eingebüßt. Es scheint, als würde er als eine Art ultimative Wertschätzung eine ganz eigene Kategorie oder gar ein Genre für die amerikanische Literaturkritik bilden. Typische Bücher, die in diesem Bezug genannt werden, sind Romane wie The World According to Garp von John Irving oder der an anderer Stelle hier schon erwähnte The Amazing Adventures of Kavalier and Clay von Michael Chabon. Was diese Romane gemein haben, sind große Handlungsbögen epischen Ausmaßes, wichtige, aber auch humoristische literarische Verweisstrukturen und große Bilder bzw. Motive. Bei Irving ist es der Schriftsteller, klug verwoben mit autobiographischen Elementen und gleichzeitig ironischer Kommentar auf die Lesart eines Buches als unbewusster autobiographischer Ausdruck. Bei Chabon ist es der Magier, der Illusionist, dessen Bild sich über den Roman hinweg immer wieder findet, vor allem aber am Anfang wichtig ist, wenn der tschechische Flüchtling Kavalier bei einem alternden Magier die Entfesselungskunst lernt. Dies verarbeitet er später, nach seiner Flucht aus dem Dritten Reich, in seinen amerikanischen Superhelden-Comics rund um die Figur des “Eskapisten”, da dieser als besondere Fähigkeit die absolute Entfesselung beherrscht und damit gegen Hitlers Nazi-Deutschland antritt. Auch hier spielt die autobiographische Beziehung zwischen dem fiktiven Autor Kavalier und der Comic-Figur eine zentrale Rolle in der Psychologisierung der Charaktere. Solche Strukturen, die bei den Amerikanern fast reflexartig zum Ausruf der großen heimischen Novelle genutzt werden, sind typisch für den englischsprachigen Roman. Sie haben ihre Wurzeln auch in England, bei Dickens zum Beispiel. Sie sind so etwas wie die Triebfedern eines guten, unterhaltsamen und intelligenten Romans mit epischen Ansprüchen.

Was dies alles mit dem Film The Prestige zu tun hat, fragen Sie sich, geneigter Leser? Vieles, denn die zentrale Rolle in dieser Roman-Adaption spielt wieder das Motiv des Magiers, hier gedoppelt in zwei narrativen Medien, aber gleichzeitig zutiefst verwoben im Konzept des großen Romans.

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Arrangiert

Michael Caine, dieser Mann, der selbst den dümmlichsten Spruch zu einer gewichtigen Aussage umdeuten kann, teilt uns gleich zu Anfang des Filmes mit, dass ein Zaubertrick aus drei Teilen besteht. Am Anfang steht der Aufbau im realen Raum, dann kommt die Transformation und zum Schluss das Prestigio, englisch "prestige". Der Anfang gilt dem vornehmlich alltäglichen Element, welches gerne auch vom Publikum untersucht werden darf. Danach wird es vom Magier transformiert in eine unmögliche, magische Form. Zum Schluss nun kommt das Wichtigste, die Auflösung des Prestigios, eine Art magischer Show-Off, in dem der finale Verblüffungseffekt auf den Trick aufgesetzt wird. Im Film The Prestige ist dies mit dem zentralen Zauberstück am besten zu umschreiben, dem “transportierten Mann”. Zwei Türen befinden sich auf der Bühne, normale Türen, durch die man hindurchgehen kann und bei denen man sowohl die Vorderseite als auch die Rückseite sehen kann. Dies wird in der ersten Phase des Tricks vorgeführt. Dann folgt der Trick, der Magier geht durch die Türe hindurch, wirft einen Gummiball in Richtung der anderen Tür, verschließt sie mit einem Knall und ist verschwunden. Dies ist die Transformation der Tür zu einem magischen Gegenstand, durch die der Magier verschwindet. Doch gleich folgt das Prestigio: Die andere Tür geht auf, der Magier tritt durch diese hindurch und fängt den Ball auf. Es ist kaum eine Sekunde vergangen, direkt steht der Magier am anderen Ende der Bühne. Wie kann das sein?

Dies fragt sich auch der von Hugh Jackman dargestellte Magier Robert Angier, ein als “Der große Danton” auftretender Aristokrat, dessen Stärke auf der Show, dem Darstellen des Tricks beruht. Denn der Trick stammt von seinem größten Widersacher und ehemaligen Freund vor der großen Zerstrittenheit aufgrund Liebe und Gram, dem bürgerlichen Alfred Borden (Christian Bale), der als “Der Professor” in kleineren Spelunken auftritt, obwohl er der bessere Magier von beiden ist. Ihm fehlt aber das Gefühl für die Show, was aber leider auch für die Zuschauer sorgt.

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Diese Rivalität bildet das Zentrum des Films. Zwei ehemals befreundete Magier mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen kämpfen um die Gunst der Londoner zum Ende des letzten Jahrhunderts, wobei der eine einen Trick erfindet, den der andere nicht verstehen, sondern nur schwach nachahmen kann. Denn auf der anderen Seite kommt wirklich der selbe Magier aus der Tür, von Angier erklärt werden kann der Trick aber nur über einen Doppelgänger, der aber nicht die selbe Verletzung an der Hand haben könnte. So verzweifelt Angier an dem Versuch, Bordens Trick zu durchschauen. Dennoch hat er mit seiner minderwertigen Doppelgänger-Variante mehr Erfolg. Beide Magier manipulieren die Shows des jeweilig anderen und verlieren ihre Liebsten im Kampfesgetümmel um die beste Magie. Während Angier versucht, hinter Bordens besten Trick zu kommen, versucht dieser frustriert, erfolgreicher zu sein.

Erzählt wird die Geschichte über verschachtelte Rückblenden, ein Versuch, den Roman nachzubilden, der ähnlich wie Bram Stokers Dracula in Tagebucheinträgen und Briefform geschrieben ist. Der Film dagegen besteht aus einer immer wieder unterbrochenen großen Rückblende, in der Borden, verurteilt zum Tode wegen Mordes an Angier, dessen Tagebuch liest. Interessant ist, dass weite Teile daraus bestehen, dass Angier seine Lektüre des gestohlenen Tagebuchs seines Erzrivalen Borden liest, womit also in einer weiteren Rückblende dessen Sichtweise in die Filmhandlung implementiert wird. Das höchste Lob, was man Christopher Nolan als Co-Autor und Regisseur machen kann, ist, dass die Erzählung seines Films immer einfach und nachvollziehbar bleibt. Trotz des komplizierten Plot-Aufbaus wirkt The Prestige wie ein klassischer Hollywood-Film, dessen Erzählweise fast unsichtbar wird, aber den Zuschauer gleichzeitig immer bei der Stange hält. Was bei seinem Vorgänger Memento noch ein wenig wie ein “funky gadget” wirkte, ist hier fast mühelos umgesetzt, so als sei es nur nebenbei geschehen.

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Desillusioniert

Ganz anders ist dies aber mit dem Motiv des Magiers und des magischen Tricks als treibendes Element der filmischen Erzählung. Dieser wird in aller symbolischer Pracht ausgeweidet. Auch hier folgt der Film ganz bewusst der Dreiteilung des magischen Tricks, wobei das so frappierend deutlich gemacht wird, dass sich die bewusste Ebene des Selbstbezüglichen penetrant zwischen die Hirnrinden des Zuschauers schiebt. Solche Ideen sind nett und zeugen von einer intelligenten Sichtweise auf Kinofilme, doch scheinen die Nolans wie kleine Kinder erst dann zufrieden zu sein, wenn sie uns ihre Errungenschaften direkt unter die Nase halten dürfen. Genau hier findet sich dann wieder das Syndrom des großen Romans. Es reicht nicht, seine Handlung zu konstruieren, es muss deutlich werden, wie großartig und intelligent man das doch gelöst hat. So kommt es zu ähnlichen Auswüchsen wie vor einigen Jahren mit den Thrillern, die sich in überraschenden Twists am Ende des Films überbieten mussten. Klar, in Form des Prestigios stehen die Twists hier im Mittelpunkt, aber was sich auf mehreren hundert Seiten verteilt, ist in 130 Minuten Film einfach zu stark in den Mittelpunkt gerückt. Nolan wirft nur so um sich mit bedeutsamen Hinweisen auf das Ende des Films und zelebriert den magischen Twist seiner Handlung so sehr, dass man sich schon fast fragt, ob er sich seines Drehbuchs nicht doch zu unsicher gewesen ist. Betrachtet man The Prestige in Relation zu Nolans früheren Werken, so wirkt der Film wie eine Umkehrung der Entwicklung eines Regisseurs wie Wes Anderson. Der hat mit seinem letzten Film Life Aquantic with Steve Zizou das erste Mal bewiesen, dass er so viel Vertrauen in Drehbuch und Schauspieler entwickeln kann, dass er mit seiner Regie nicht immer auf die kleinen Skurilitäten und Verrücktheiten des Filmes hinweisen muss. Siehe da, der Film hatte genau das Quentchen Klasse, die seinen Vorgängern The Royal Tenenbaums und Rushmore zum wirklich guten Film fehlte. Dieses Vertrauen scheint Nolan verloren zu haben, und damit verliert der Film einiges an Potential.

Christopher Nolan hat vieles auf seinem Weg vom Buch hin zum Film richtig gemacht, jedenfalls wenn man voraussetzt, dass er mit seinem Film Erzählkino der alten Garde schaffen wollte. Er hat den Roman stark gekürzt, fast runter bis auf eine Kurzgeschichte, er hat wichtige Elemente des Buches für die filmische Aufbereitung geändert, ohne dem Sinn des Textes untreu zu werden. Die Figuren wurden nicht mit den psychologischen Umschreibungen eines Romans überlastet, stattdessen hat Nolan es der exquisiten Schauspielerriege mit einem überraschend stark aufspielenden Hugh Jackman an der Spitze überlassen, ihre Skizzen vor den manchmal leblos wirkenden, aber sehr geschmackvollen Bildern mit Leben zu füllen. Das alles passt perfekt und zeugt davon, dass Regie, Drehbuch und auch Schnitt wie Kamera ihr Metier beherrschen. Nur in einem wuchteten sie zu viel literarischen Ballast mit in das Kino. Das große Motiv passt nicht in die restliche Erzählung. Es gibt dem Film einen selbstbewussten Schub, der manchmal weit über das hinausgeht, was einem künstlerischen Werk gut tut. Die andauernde Gleichsetzung von magischem Trick und dem Magier auf der einen Seite und der Illusionsmaschine Kino und ihren Regisseuren auf der anderen wirkt ermüdend, penetrant und teilweise auch pompös. Dies konterkariert das Bemühen des Films, so etwas wie eine stimmige und dementsprechend notwendig ironiebefreite Geschichte zu erzählen. Es zerstört den Film nicht, nimmt dem Endergebnis aber einiges an Klasse. Nolan dürfte es egal sein, bei der amerikanischen Kritik kommt literarischer Ballast dieser Form aufgrund der ewigen Suche nach dem Grals-Roman häufig gut an, und damit klingelt es in den Kassen.


Text Copyright 2007 Knut Brockmann
Poster, Screenshots Copyright Warner Bros.
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