|

System: GameBoy Advance, PSP Japan (2004), Produktion: Takeshi Santo, Gamedesign: Shinichi Ito Szenario: Yoshifumi Hashimoto, Ikki Yamanobe, Yujiro Tabata, Takahiro Hasebe, Charakter-Design: Sunaho Tobe, Kaoru Hagiya, Yukio Takatsu, etc. Originaltitel: Riviera: Yakusoku no Chi Entwickler: Sting Erschienen bei: Atlus / THQ ca. Preis: $30(GBA-Version), PSP-Konvertierung: ca. 40€ Riviera - The Promised Land (PSP) bei Amazon.de Manchmal kommen Entwickler auf die seltsamsten Genre-Mischungen... da werden RPGs mit Rennspielen kombiniert, Jump'n Runs kommen auf einmal mit Extremsport-Einlagen daher und Sting, ein kleiner japanischer Entwickler den Dreamcastologen vielleicht noch von den beiden Evolution-Episoden kennen verquirlte 2002 fröhlich Elemente aus Rollenspiel, Adventure, digitalem Comic und eine Prise Dating-Sim zu einem Wonderswan Color-Abenteuer das überraschend viel taugt! Klingt obskur und seltsam? Bei US-Publisher Atlus sah man das jedenfalls nicht so eng und hat die Umsetzung für den GameBoy Advance liebevoll ins englische übertragen. Vom klassischen Rollenspiel hat Sting das einfache, aber angenehm tiefgründige Rundenkampfsystem übernommen. Dabei fällt individuelles Aufrüsten der Figuren überraschenderweise komplett flach. Ihr wählt von euren insgesamt fünf Partymitglieder drei aus, die in den Kampf ziehen und dazu noch vier Gegenstände die eingesetzt werden. Das können Waffen sein, aber auch Zauberbücher oder ganz profane Heilmittel. Jeder dieser Gegenstände hat nur eine begrenzte Haltbarkeit, dazu ist euer Inventar generell begrenzt. Und da der wiederholte Item-Einsatz zum Aufleveln nötig ist erkennen RPG-Veteranen schnell, dass dieses System ordentliche Ansprüche an Taktik und Planung stellt.  Rose begleitet Held Ein seit Beginn des Abenteuers und steht ihm mit gutem Rat zur Seite.
Das ungewöhnlichste am Spiel ist die indirekte Steuerung - man hat nie die direkte Kontrolle über die Figuren. Normalerweise latscht die Truppe in einen Bildschirm und hat da mehrere Möglichkeiten - Weitergehen, alles untersuchen, einen Kampf bestreiten... bisher hab ich die Freiheit rumzulaufen nicht vermisst und auf diese Art entgeht man auf jeden Fall lästigen Zufallskämpfen.Die Übersicht ist dank eingebauter Karte sehr gut, alle paar Bildschirme kommt zudem eine Speichermöglichkeit. Die Handlung reißt Anfangs keinen vom Hocker, die Tatsache, dass die beiden Burschen mit denen das Spiel beginnt Engel sind gibt gar Anlass zum gruseln - es dürfte allgemein bekannt sein, welch grausige Stories sich diverse Japaner im Zusammenhang mit der Engel-Thematik schon aus den Fingern gesogen haben... Zum Glück werden diese Klippen souverän umschifft - der lästige Engel-Goth-Schwermut ist nicht zu finden, der Held ist angenehm planlos und albern, die vier Mädels die ihn begleiten sind ebenfalls überaschend charmant und lassen sich nur widerwillig in die bekannten Klischees stopfen. Die Figuren sind auch der Faktor, von dem Riviera in erster Linie lebt. Da der digitale Comic- und Adventure-Anteil sehr hoch ist würde ein solches Spiel mit einer langweiligen Besetzung gnadenlos durchfallen. Die Besetzung wirkt auf den ersten Blick auch fast wie die übliche Damentruppe mit Farbkodierung. Die rothaarige ist aufbrausend, die grünhaarige eher sanftmütig und die blonde kommt recht flusenhirnig daher. Ist aber zum Glück nicht so - die Figuren sind überzeugend geschrieben und überraschen immer wieder mit Details, die über die gewöhnlichen Klischees hinausgehen. Und da eine gelungene Charakterisierung der Protagonisten beim Adventure/RPG-Genre jede Menge spielerischer Fehler wettmachen können ist es gut zu sehen, dass Riviera in dieser Beziehung ordentlich punktet.  Spezialattacken sind mit hübschem Artwork und echter Sprachausgabe ordentlich in Szene gesetzt.
Denn spielerisch ist Riviera nett, hat aber die ein- oder andere Macke die eigentlich vermeidbar gewesen wäre. Das begrenzte Inventar ist verschmerzbar, lästiger ist da schon die künstliche Einschränkung des Forscherdrangs - will man eine Kiste öffnen, ein Gebüsch untersuchen oder eine Mauerritze unter die Lupe nehmen kostet das jeweils einen Aktionspunkt - die stehen aber nur begrenzt zur Verfügung und können beispielsweise durch gute Leistungen im Kampf aufgestockt werden. Dummerweise kommt es immer mal wieder vor, dass jede Menge Kisten und anderer interessanter Firlefanz in der Gegend rumstehen, man selbst hat die Aktionspunkte aber schon längst aufgebraucht und muss gezwungenermaßen den Interessanten Krempel links liegen lassen - ein Alptraum für Perfektionisten und notorische Rollenspiel-Leermacher. Weitaus spaßiger ist da das kommunikative Element. Die umfangreichen Dialoge mit der weiblichen Begleitung führt der Held im Multiple Choice-Prinzip. Dabei gilt das alte Prinzip, dass manche Antworten Punkte bei der ein- oder anderen Dame bringen, eine andere dagegen in Rage versetzen. Und je nachdem, wie man sich den Begleiterinnen gegenüber verhält ändern sich Handlungsdetails und man hat selbst zu einem gewissen Maße Kontrolle über die Charakterentwicklung und wird nicht in ein Final Fantasy-artiges Korsett gepress.  In den Dialogen werden Portraits weingeblendet um die Gemütslage der Sprecher zu vermitteln.
Ein Spiel wie Riviera ist nun natürlich bei weitem nicht jedemanns Sache. Das Interface ist oftmals etwas umständlich, das begrenzte Inventar und die Möglichkeit, Gegenstände permanent zu verlieren verschaffen dem Perfektionisten Kopfschmerzen und die inhaltlich starke, spielerisch aber eher eingeschränkte Interaktivität verschreckt vielleicht auch den ein- oder anderen. Meinen Nerv hat Riviera überraschend gut getroffen, und damit ist das Spiel ein klassisches Beispiel des durchwachsenen Abenteuers. Mancher mag seine Spiel- und Film-Steaks durchwachsen - klar, ein paar knorpelige Stellen sind dabei, dafür ist das inhaltliche Fleisch an anderen Stellen ums saftiger. Riviera ist eben ein angenehmes, kleines, charmantes Exoten-Abenteuer für Zwischendurch. Und auf sowas stehen wir ja. Und das Beste kommt ganz zum Schluss: Seit kurzem ist Riviera endlich auch offiziell in Deutschland zu haben: Über THQ und 505Games ist die PSP-Konvertierung seit Ende Juni in den Läden. Spielerisch handelt es sich dabei um eine 1:1-Umsetzung, die Grafik gewinnt aber noch einmal ordentlich: Sie nutzt das größere PSP-Display voll aus und gefällt dank weit höherer Auflösung weit besser als die ohnehin schon charmante GBA-Optik. Die Sprites hätten dagegen etwas mehr Feintuning vertragen können. Dafür überzeugt der neu eingespielte Soundtrack voll und ganz, dazu gibts auch noch durchgehende Sprachausgabe! Leider gibt das aber auch Anlass zur Kritik: Enthielt die PSP-Version in der US-Veröffentlichung noch englische UND japanische Sprecher wurden der fernöstliche O-Ton für Europa dreisterweise einfach von der UMD entfernt. Dafür ein lautes "Buh". Ebenfalls schade: Die Mühe, die Texte zu übersetzen hat man sich ebenfalls nicht gemacht. Gut, Riviera ist ein Nischentitel, aber schade ist es schon, wenn man einen guten Teil der potenziellen Käufer noch zusätzlich durch die Sprachbarriere ausschließt. Ist euer Englisch aber firm, dann greift zu. Auch etliche Jahre nach dem Erstrelease gibt es immer noch kein Spiel, das sich mit dem originellen Riviera vergleichen lässt. Und die technisch saubere PSP-Konvertierung ist quasi eure Chance, die Abenteuer von Ein und seinen Damen doch noch zu erleben.
Text Copyright 2005 Thomas Nickel Spiel, Screenshots Copyright Sting / Atlus |