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Skript: Warren Ellis, Künstlerische Gestaltung: J.H. Williams III, Farben: José Villarrubia, Lettering: Todd Klein
Erschienen bei: Wildstorm Comics Preis: $14,99 / 12,95 € Desolation Jones Volume 1: Made in England bei Amazon.de
Natürlich gab es viele, die Warren Ellis’ neue fortlaufende Serie Desolation Jones gleich als ein zweites Transmetropolitan bezeichnen wollten. Ob die Reihe noch derartige Wellen schlagen wird, kann man jetzt nicht sagen, aber ich möchte es bezweifeln. Ellis ist zu sehr ein „gemachter Mann“, als dass er noch einmal - wie in den Neunzigern mit seinem Guerilla-Journalisten Spider Jerusalem – derart für Furore sorgen könnte. Aber nicht nur die Bedeutung, sondern auch den Inhalt betreffend hatte die comicalische Presse sofort den ein oder anderen Vergleich parat. Man muss gar nicht lange suchen, schon ein Zitat auf der Rückseite des Paperbacks will einem etwas von „James Bond in Chinatown (among 700 other things)“ erzählen. Persönlich würde ich jedoch eher ein paar dieser 700 anderen Sachen favorisieren und werfe daher ein weiteres Zitat ein:
„Das Kennzeichen […] ist sein Sinn für in einer Falle sitzende Menschen – gefangen in einem Netz von Paranoia und Angst, unfähig, Schuld von Unschuld zu unterscheiden, echte Identität von falscher. Die Bösen sind anziehend und sympathisch […]. Seine Helden und Heldinnen sind schwach, verstört. Die Umwelt ist düster und verschlossen, die Schauplätze andeutungsweise bedrückend. Am Ende wird das Böse aufgedeckt, aber das Überleben der Guten bleibt unklar und zwiespältig.“ Michael Jones sitzt tatsächlich in einer Falle. Vielleicht nicht Falle, sondern vielmehr Exil. Er ist ein ehemaliger, in Ungnade gefallener und aussortierter britischer Geheimagent, der mit hunderten anderer Ex-Spione, Ex-Nachrichtendienstler, Ex-Soldaten und Ex-Sonstnochwas sein Dasein in Los Angeles fristet. Ellis legt seinem Protagonisten das Konzept des Super-Modernismus in den Mund, lässt ihn über Orte philosophieren, in denen man nicht verweilt, die nur dazu da sind, durchfahren zu werden, nicht, um dort anzuhalten - Orte wie Los Angeles. Doch dieses Konzept gilt nicht für Jones und seine Mitgefangenen; sie kommen trotz all der Straßen dort nicht mehr heraus. Und somit lässt schon die fünfte Seite mit ihrem quasi-mystischen Monolog erahnen, dass in Desolation Jones nicht unbedingt das von Bedeutung ist, was man vordergründig sieht. Michael Jones ist allerdings, um auf obiges Zitat zurückzukommen, durchaus dazu fähig, Schuld von Unschuld zu unterscheiden, echte Identität von falscher. Nicht umsonst nimmt er in der Untergrund-Gemeinschaft die Rolle eines Privatdetektivs ein. Und als solcher muss er einem ehemaligen Militär-Colonel dessen gestohlenes Eigentum wiederbeschaffen – und dabei handelt es sich um nichts weniger als privat gedrehte Pornofilme von Adolf Hitler. Sicher, so etwas gehört mittlerweile zum Einmaleins des postmodernen Geschichtenerzählens, doch handelt es sich bei diesen bizarren Artefakten eher um ausschmückendes Beiwerk. Überhaupt ist der ganze dazugehörige verschlungene Plot, der auch den dysfunktionalen Drei-Töchter-Verbund des Colonels und ein paar Ex-Soldaten, die jetzt groß einen auf Porno machen wollen, umfasst, nicht viel mehr als eine schmückende Bühne. Eine Bühne für die schillernden Charaktere, für die bösen wie auch für die guten.  Doch eigentlich kann man es sich mit dieser Kategorisierung bei Desolation Jones nicht ganz so einfach machen. Zwar gibt es Figuren, denen eindeutig die Sympathie des Lesers zuteil werden soll, doch sind das letztendlich alles Personen, die, ohne mit der Wimper zu zucken, Menschen erschießen, abstechen oder in die Luft jagen. Nicht zuletzt trifft dies auch auf Michael Jones zu, der seine Ziele durchaus mit kalkulierter, brutaler Gewalt zu erreichen weiß. Und vielleicht ist es dann doch nicht ganz falsch, dass er Probleme hat, zu unterscheiden – wohl nicht zwischen Schuld und Unschuld, aber zumindest sein moralisches Wertesystem scheint nicht ganz konfliktfrei zu sein. Denn so stark, selbstbewusst, zielstrebig und brutal Jones bei seinen Ermittlungen und zahlreichen Gefechten auch sein mag, so kommt immer wieder seine empathische Seite ans Licht. Besonders deutlich wird dies bei seiner Beziehung zu Emily Crowe, die, genetisch bedingt, allen Menschen Angst und ein Gefühl von Unwohlsein einjagt – allen, bis auf Michael Jones. Er ist der einzige, dem sie sich anvertrauen kann, und Jones ist für sie da (Crowe: „I’m literally fucking begging you, because I’m so lonely I can’t stand myself.“ – Jones: „Ssh. No need to beg. Never beg. I’m right here. […] I’ll stay till morning. I’ll be here when you wake up. Okay?“). Und hier liegt Jones’ Schwäche, seine Verwundbarkeit, vielleicht die einzige Art, wie man ihn treffen kann. Und, so viel sei gesagt, er wird im Laufe der Geschichte getroffen. Er ist schließlich doch der schwache Held, wie es im Zitat weiter oben heißt. Aber Michael Jones bleibt widersprüchlich, denn andererseits ist seine Empathie, sein Mitgefühl für die wenigen Menschen, die ihm nahe stehen, vermutlich der entscheidende Faktor, der ihn überhaupt noch am Leben lässt.
Der Titel nämlich, Desolation Jones, erhält seinen Namen vom so genannten Desolation Test, den Michael Jones zwar als Erster überlebt hat, der ihn aber praktisch aller seiner Gefühle beraubt und als Schatten seiner Selbst zurückgelassen hat. Die dazugehörige Szene, im Rückblick und aus Jones’ Ego-Perspektive erzählt, stellt dann auch den Gipfel in Sachen Intensität dar. Skript und Zeichnungen arbeiten dabei so beängstigend gut Hand in Hand, dass man selbst beim Lesen fast wie gelähmt wirkt und auf ein baldiges Ende der Tortur hofft. Und es ist genau diese durchdringende Art des Storytellings, die Desolation Jones zu einem Ereignis macht. Nicht die verworrene – wenn auch nicht undurchschaubare – Handlung, nicht die bizarren Orte und auch keine schnippischen One-Liner sind hier die Hauptattraktion, sondern das Erlebnis, ins Geschehen hineingezogen zu werden, mit den Charakteren in einem Raum zu sein, von ihnen quasi angesprochen zu werden und mit ihnen zu empfinden. Natürlich, wer würde nicht gerne einmal mit einem Porno-Star am Tisch sitzen wollen? Hier ist es aber so, dass man dieser Nicole stundenlang zuhören könnte und traurig ist, wenn dann doch der unvermeidliche Szenenwechsel erfolgt. Selten waren sechs Seiten, gefüllt praktisch nur mit Frontalaufnahmen eines Gesichts, derart faszinierend und fesselnd.
Warren Ellis ist dabei nicht der alleinige Architekt dieses Kunstwerks. In einer gerechten Welt hätte jedes von J.H. Williams III gezeichnete und José Villarrubia colorierte Heft eine Startauflage von einer Million, die Kunsthallen würden sich um deren Werke reißen, und Arte brächte jedes Jahr ein entsprechendes Feature. Leider müssen die beiden darauf vertrauen, dass ihnen Gerechtigkeit auf Websites wie dieser hier widerfährt. Doch wie soll man ein derart vielschichtiges und cleveres Artwork standesgemäß würdigen? Williams III verwendet bei der Figurenzeichnung in Desolation Jones über weite Strecken seinen ihm eigenen „Hauptstil“, der mit zahlreichen kleinen Tuschestrichen alles merkwürdig zerbrechlich aussehen lässt, durchaus dem frühen Jae Lee nicht unähnlich, aber in seinen Einstellungen bedeutend vielseitiger. Auf das Level der Exzellenz begibt das Artwork-Kreativteam sich dann mit subtilen und weniger subtilen Mitteln. Weniger subtil – aber dennoch meist faszinierend und ohne Gimmick-Charakter - etwa ist es, wenn Charaktere plötzlich mit Kreide oder Holzstift gemalt statt mit Bleistift und Tusche gezeichnet erscheinen oder die Farbgebung duo- oder monochromatisch gehalten wird. Zur Kategorie „mehr subtil“ ist im Gegenzug beispielsweise zu zählen, wenn auf der Seite mit Jones’ Super-Modernismus-Erklärung alle Panels durch eine rote Linie verbunden sind, die mal Fahrbahnmarkierung, mal Spiegelung, mal Straße auf einer Karte, mal Rücklicht repräsentiert. Oder auch die Darstellung der eingesperrten und vereinsamten Emily in immer kleiner werdenden, rechteckigen Panels, gleichbedeutend mit ihrem emotionalen Gefängnis. Da ist es dann schon beinahe eine Schande, dass der nächste Storyarc nicht von J.H. Williams III, sondern von Danijel Zezelj gestaltet wird – no offense meant, Danijel. Villarrubia und seine breite Farbpalette bleiben allerdings erhalten. Was bislang ebenfalls erhalten geblieben ist, ist schließlich noch die Frage nach der Herkunft des oben angeführten Zitats, das bestimmende Elemente von Desolation Jones so treffend wiederzugeben scheint („Am Ende wird das Böse aufgedeckt, aber das Überleben der Guten bleibt unklar und zwiespältig“ kann übrigens in dieser Form ohne Wenn und Aber stehen bleiben.): Das Zitat stammt von Robert Sklar* und ist ein Versuch seinerseits, das Genre – oder doch nur Stilrichtung? – Film Noir zu beschreiben. Und irgendwie ist Desolation Jones nichts anderes als der Versuch, über das Medium Comic eine Form des Neo Noir das 21. Jahrhundert zu finden. *aus Robert Sklar, Movie-made America: A Cultural History of American Movies, Random House (1975, überarbeitet 1994) Verwandter Artikel Review: Ocean Graphic Novel von Ellis und Zeichner Chris Sprouse Links www.the-engine.net Das Internet-Forum des Desolation Jones-Autoren Warren Ellis www.warrenellis.com Ellis' offizielle Webseite www.dccomics.com/wildstorm Die Internet-Seite des amerikanischen Verlags DC Comics/Wildstorm Text Copyright Ruben Schmitt 2007 Cover, Artwork Copyright Warren Ellis & J.H. Williams III, Wildstorm Productions |