Ocean
Autor: Warren Ellis, Zeichnungen: Chris Sprouse, Tusche: Karl Story, Farben: Randy Mayor, Wendy Broome, Tony Avina Im US-Original erschienen bei: DC / Wildstorm Deutsche Fassung erschienen bei: Panini Comics Übersetzung: Gerlinde Althoff Preis: 16,95 € Der britische Comic-Autor Warren Ellis konnte der Vergangenheit noch nie sonderlich viel abgewinnen. Nein, seien wir präziser: anscheinend findet er nichts abscheulicher als die Idee, früher sei alles besser gewesen. In einer verflossenen Inkarnation seines Online-Forums führte er in seiner Signatur über ein Jahr lang das Sprüchlein “Defect from the Old | Create the New.“ In seinen Superheldengeschichten, die sich oft wie in Planetary mit der Vergangenheit und den Archetypen des Genres beschäftigen, verfällt er nie in selige Nostalgie wie beispielsweise Alan Moore in seinem ähnlich metafiktionalen Tom Strong. Genauso wie Moore ist der etwas jüngere Ellis aber popkulturell sozialisiert; und genauso wie Moore ist es ihm unmöglich, dieser Sozialisation zu entkommen. Das schafft interessante Spannungen in seinen Arbeiten, und diese Spannungen finden sich auch in der Science Fiction Graphic Novel Ocean, die vor kurzem in deutscher Übersetzung bei Panini erschienen ist.  Links: Im Eismeer von Europa schlafen unsere bösartigen Vorfahren. Chris Sprouse arbeitet - wie häufig in Ocean - mit einem Widescreen-ähnlichen Panelformat und filmischen Heransprüngen von Totalen zu größeren Aufnahmen. Rechts: Dekompression ahoi - Ellis leistet sich in den ersten Kapiteln eine atmosphärisch dichte, langsame Exposition, was auf Kosten der späteren Auflösung geht.
Da ist zum einen, sozusagen in der linken Ecke des Boxrings, der Ellis’sche Fetisch für Pop, der hier voll zum Tragen kommt. Der Brite hat – wie viele andere seiner Generation – ein Kubrick-Trauma, und speziell 2001: A Space Odyssey lässt ihn nicht los. Ellis' Graphic Novel Orbiter (gezeichnet von Colleen Doran) war schon ein Quasi-Remake dieses Schlüsselfilms der 1960er Jahre. Ocean bedient sich noch ein ganzes Stück schamloser bei Kubrick, samplet mit einigem Fleiß Prämisse, Design und formale Gestaltung des Films. Das funktioniert dann ungefähr folgendermaßen: Der Monolith in 2001 wird in Ocean ersetzt durch unzählige schwarze Sarkophage auf einem Jupiter-Mond. Und der amoklaufende Computer HAL 9000 findet sein Update in einer Raumstation der Doors Corporation, deren Besatzung auf Zeitvertrag die eigene Persönlichkeit abgegeben hat und zentral per Computer kontrolliert wird. Ocean macht aber keinen Hehl daraus, postmodernen Kubrick-Remix zu betreiben; zahllose direkte Bildzitate und Verweise lassen keinen Zweifel an einem bewussten Umgang mit dem gesampleten Material. Was uns zu der Frage führt, was Ellis und sein Zeichner Chris Sprouse denn nun an bedeutungsvoller Variation mit einbringen. Das ist der richtige Zeitpunkt, um einen Blick in die rechte Ecke des Boxrings zu werfen. Da lauert nämlich Ellis’ Abneigung gegenüber positiven Konzepten von Vergangenheit und Nostalgie, und sein sehr öffentlicher Atheismus. Diese Aversionen sind Gift für das Kubrick’sche Prinzip, denn 2001 pocht immer wieder auf einer Rückkehr zu einer unschuldigen Kindlichkeit und setzt den Monolithen gleich mit einer Idee von Gott: Der Block ist gestiftet von den Eltern der Menschheit, und aus deren grauer Vergangenheit kommt, wenn auch nicht unbedingt die Vernunft, dann zumindest der Fortschritt. Die Sarkophage in Ocean beherbergen deshalb auch nicht unsere gutmütigen, lange vermissten Eltern, sondern menschenähnliche Wesen, über eine Milliarde Jahre alt, die vor ihrem langen Winterschlaf problemlos dazu fähig waren, ganze Planeten zu vernichten. Was sie auch getan haben. Und direkt neben ihren Cryo-Särgen warten auch ihre Lieblingswaffen darauf, wieder aktiviert zu werden. Auf dem Jupitermond Europa gibt es also tatsächlich Weapons of Mass Destruction. Deswegen bedarf es auch eines redlichen Waffeninspektors, um der Sache auf den Grund zu gehen. Diesen Part übernimmt der Protagonist Nathan Kane, eine Art Weltraum-Shaft mit einer kuriosen Abneigung gegenüber Waffen, die Ellis im zweiten Akt relativ hanebüchen herbeipsychologisiert. Kanes Kontrahenten sind die Junior Executives der Doors Corporation, die ausnehmend gerne die Worte “reverse engineering“ und „außerirdische Massenvernichtungswaffen“ in einem Atemzug hören. Ellis übernimmt also nicht den Kubrick’schen Antagonismus von Mensch und Maschine, weil er für ihn nicht nachvollziehbar ist. Im Gegenteil, Technik (gemeint ist: der technische Fortschritt) bedeutet bei Ellis fast immer etwas positives, faszinierendes. Stattdessen wählt der Autor als Zentrum der Graphic Novel eine Auseinandersetzung zwischen Menschen. Generell verschreibt er den Konzepten von 2001 eine Pluralismus-Kur. Aus der einen künstlichen Bewusstseinsform HAL 9000 werden Dutzende von gleichgeschalteten Doors-Angestellten; aus einem schwarzen Block bei Kubrick werden in Ocean Millionen. Ein Heer von patriarchischen Fascho-Monolithen, das ist die Implikation. Leider bleiben diese für Ellis typischen Motive nur angedeutet, werden ein bisschen schlampig und skizzenhaft hingeworfen, aber nicht wirklich zuende gedacht.   Links: Chris Sprouse hat offensichtlich ausgiebig das Kubrick'sche Industriedesign studiert. Gerade in den frühen Kapiteln gelingen ihm immer wieder Kompositionen, in denen nicht allein die menschlichen Protagonisten im Zentrum stehen, sondern auch die Schönheit der modernen Technik. Rechts: Die Detaildichte, die Sprouse in diesem Minenschacht umsetzen darf, geht in der klinisch reinen Umgebung der Raumstationen und Schiffe leider verloren.
Statt der Neuschreibung von 2001 gewinnt dann also doch die Popkultur den Boxkampf, um genau zu sein: der omnipräsente Joss Whedon gibt auf der linken Seite des Rings den siegreichen Coach. Der dominante Eindruck, den Ocean hinterlässt, ist trotz aller vielversprechender Ansätze im Subtext der von 2001 via Firefly. Da kämpft unter der Führung Nathan Kanes eine kleine Außenseiterbande gegen die gewalttätige Vergangenheit und eine übermächtige Corporation, die praktisch Staatsgewalt hat. Nichts macht Kane und Konsorten mehr Spaß, als wenn sie sich anarchisch den Autoritäten widersetzen dürfen. Und es gibt so viel witty banter, dass man irgendwann den Eindruck gewinnt, fiktionale Figuren könnten unmöglich auch noch auf andere Weise kommunizieren. Ellis ist zudem darum bemüht, das Schnellfeuertempo der Dialoge auch auf die Struktur des Comics zu übertragen, und entsprechend fühlt sich Ocean spätestens ab Kapitel zwei an wie eine einzige lange, atemlose Szene. Das liest sich durchaus vergnüglich, vor allem, weil Ellis mittlerweile extrem routiniert und manchmal sogar überraschend mit den Konventionen des Action-Genres umgehen kann. Aber schon beim ersten Lesen fallen Schlampigkeiten im Plotting auf, welche die etwas bräsige Auflösung der Geschichte unangenehm in die Nähe von deus ex machina rücken. Beim zweiten Lesen ärgert man sich dann eher über die verpasste Chance eines Anti-2001. Spätestens dann nimmt man Ellis auch die Entscheidung zum Spektakel übel, so gediegen es auch vom wie immer wunderbaren Chris Sprouse umgesetzt sein mag. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Ellis keine Lust hatte, die Themen und Motive von Ocean konsequent zu reflektieren. Das ist umso merkwürdiger, als dass er schon immer ein Autor der Ideen war, der nur allzu gerne laut nachdenkt. Die nach Ocean entstandenen Arbeiten Desolation Jones und Fell beweisen, dass er sich aus dieser nachlässigen Phase befreien konnte. Es wäre auch schade, wäre jemand, der so wenig mit der Vergangenheit anfangen kann wie Ellis, auf lange Sicht mit der Erfüllung langweiliger alter Konventionen zufrieden gewesen. Paninis Fassung der Graphic Novel ist sorgfältig gestaltet. Man hat sich bemüht, das aufwendige Lettering der amerikanischen Fassung gleichwertig nachzuempfinden (verantwortlich dafür war Alessandro Benedetti), und das schwere, matt glänzende Papier ist von etwas höherer Qualität als beim Original. Dafür drängt sich bei Gerlinde Althoffs Übersetzung bisweilen der Eindruck von übermäßiger Hast auf. Da wird aus dem englischen "technical term" im Deutschen "der technische Ausdruck", wo es doch eigentlich um einen "Fachausdruck" geht. Im dritten Kapitel wird die Sprache der Aliens auf Basis von "Pärchen" entschlüsselt, eine unglückliche Begriffswahl, die eher nach Händchenhalten denn nach Linguistik klingt. An anderen Stellen funktionieren die verbalen Schlagabtausche zwischen den Figuren dann aber auch im Deutschen sehr gut. Eine eher durchwachsene Bearbeitung also, der vor allem etwas mehr redaktionelle Betreuung gut getan hätte. Verwandter Artikel Review: Desolation Jones - Made in England Links www.the-engine.net Das Internet-Forum des Ocean-Autoren Warren Ellis www.warrenellis.com Ellis' offizielle Webseite www.dccomics.com/wildstorm Die Internet-Seite des amerikanischen Verlags DC Comics/Wildstorm www.paninicomics.de Der Internet-Auftritt des deutschen Verlegers Panini Comics Text Copyright 2006 Jochen Ecke Ocean, Coverartwork, Auszüge Copyright Warren Ellis and Chris Sprouse |