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Arturo Perez-Reverte – Alatriste Verlag: btb 2006 ISBN: 3442733545 Preis: € 12,00 Alatriste bei Amazon.de
Auf einmal war er da. Schnauzbärtig, den Hut mit der breiten Krempe über die schweren Augen ins Gesicht gezogen, mit gezogenem Degen, bereit, sich allem zu stellen, was ihm begegnen würde. Zwischen in schickem schwarz-silber gebundenen Verschwörungskrimis und Beziehungsromanzen des Prekariats stand er in der Buchhandlung: El Capitán Alatriste. Ein Veteran aus Zeiten, in denen das Kämpfen noch geholfen hat.
Mitte der 1990er begann der spanische Autor Pérez-Reverte eine Serie, die von den Abenteuern des Söldners Alatriste erzählt. Nachdem er für seinen König in Flandern gekämpft hat, kehrt Alatriste nach Madrid zurück. Es erwarten ihn jedoch weder Orden noch Ruhm, sondern ein Leben von der Hand in den Mund. Rätselhafte Geheimaufträge, eine unheilvolle Verstrickung in die Machtkämpfe zwischen Hof und Inquisition und die verhängnisvolle Schwäche seines Schützlings folgen, und schon befinden wir uns in Madrid 1623. Spanien steht auf dem Höhepunkt seiner Macht, es plündert die fantastischen Schätze der Neuen Welt und verschwendet sie für selbstzerstörerische Kriege in Europa und die Selbstdarstellung des machthungrigen Adels zu Hause. Velasquez malt die Meninas, de Quevedo sticht seine Konkurrenten mit Degen und Vers aus, und man duelliert sich um die Sitzplätze für das neueste Stück von Lope de Vega. Zwei Jahre bevor d'Artagnan die Gascogne verlässt, um bei den Musketieren des Königs von Frankreich sein Glück zu suchen, kreuzt Alatriste seinen Degen in einer faszinierenden Welt voll Pracht und Niedertracht. "Er mag nicht der ehrlichste oder der frommste aller Männer sein, doch er war mutig", beginnt Pérez-Reverte seine Abenteuer-Serie, mit der er Dumas, Sabatini und d'Orczy die Ehre erweist. Capitan Alatriste ist traurig wie Athos, gewandt wie Errol Flynn, aufrecht und zugleich verschlagen wie es nur der Held eines Mantel-und-Degen-Romans sein kann.
Perez-Reverte gelingt das Husarenstück, mit all den Abenteuer-Romanen, die er verschlungen haben muss, die Alastriste-Serie nicht zu einer Arena postmoderner Poserei zu machen, sondern eine lebendige Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte, die den warmen Wein der Trinkgelage und den kalten Geruch von blutigem Stahl atmet.
Die Gefahren der popkulturellen Sozialisation thematisiert Perez-Reverte sogar explizit in Der Club Dumas, Pérez-Revertes wohl bekanntestem Roman. Dort droht sich der Buchjäger Lucas Corso in den Plot der Drei Musketiere zu verstricken. Die anderen Figuren, die sich mit den Charakteren des Dumas-Roman identifizieren, sind hohl, verloren und seltsam lächerlich. Auch Corso selbst versteht die Welt in literarischen Kategorien: alles, was passiert, assoziert er automatisch mit einem Romanplot. Seine Freundschaft mit da Ponte beruht auf Verweisen zu Moby Dick, und in einem Zweikampf, in dem er unterliegt, wartet er darauf, dass jemand die Seite umschlägt. Corso findet sich in einer Welt der Zitate, die er selbst mitkonstruiert hat, und ist ihr scheinbar hilflos ausgeliefert. "You've looked at too many Dürer engravings, Corso. And see where that's got you," sagt die Frau, die er nur als Irene Adler kennt, unter dem Namen der Frau, die Sherlock Holmes besiegte. Die Literatur liefert Corso, und damit dem Leser, Modelle, mit denen er sich die Welt erklären kann, die ihn aber gleichzeitig einengen und bedrohen. Ein literarisches Vorbild wie der Abenteuerroman inspiriert, das Genre ist beliebt und bietet viele Anknüpfungspunkte, gleichzeitig droht es aber auch die Geschichte, die Pérez-Reverte zu erzählen hat, zu gängeln.
Bislang bietet Pérez-Reverte den Klauen der Stereotypen und den Verführungen schablonenhafter Plots erfolgreich die Stirn. Man hat nie das Gefühl, Alastriste schon einmal gelesen zu haben. Gleichzeitig erreicht Pérez-Reverte dieselbe atemlose Begeisterung für seine Geschichte wie Alexandre Dumas mit den Drei Musketieren. Duelle, Intrigen, Cliffhanger und Diego Alatriste y Tenorio, der es mir antat wie schon lange kein Charakter mehr, liessen mich den ersten Band der Serie erst aus der Hand legen, als ich die 250 Seiten zu Ende gelesen hatte. Egal, wie oft es totgesagt wurde: Das Genre der Helden stirbt nie. Alatriste erscheint in kurzen Romanen von etwas über zweihundert Seiten (in Serie wie seine Vorbilder aus dem 19. Jahrhundert). Der deutsche Verlag btb fasste die ersten drei Romane zum Band Alatriste zusammen. 2006 veröffentlichte Pérez-Reverte den neuesten Alatriste-Roman, Corsarios de Levante. 2007 kommt der erste Film zur Serie in die Kinos: Ganz einfach Alatriste lautet der Titel, dessen Trailer sepiagetönte Bilder, gewaltige Hüte und Viggo Mortensen in der Hauptrolle verspricht. Der Dumas Club ist bereits in mehreren Auflagen erschienen. Roman Polanskis Verfilmung Die Neun Pforten lässt die (interessantere) Hälfte des Plots unter den Tisch fallen und steckt Hollywood-Okkultthriller wie den Da Vinci Code trotzdem locker in die Tasche. Text Copyright Karin Dannecker 2007 Cover Copyright btb |