John Cassavetes Collection No. 1
Schatten USA (1959) Buch & Regie: John Cassavetes, Kamera: Erich Kollmar, mit: Ben Carruthers, Lelia Goldoni, Hugh Hurd Originaltitel: Shadows Gesichter USA (1968) Buch & Regie: John Cassavetes, Kamera: Maurice McEndree, Al Ruban, mit: Gena Rowlands, John Marley, Lynn Carlin Originaltitel: Faces Eine Frau unter Einfluss USA (1974) Buch & Regie: John Cassavetes, Kamera: Mitch Breit, Al Ruban, mit: Peter Falk, Gena Rowlands, Fred Draper Originaltitel: A Woman Under the Influence Erschienen bei Koch Media Preis: 36,49 € John Cassavetes Collection 1 bei Amazon.de
Spielen
Gesichter: Zwei Männer mittleren Alters spielen „Jungs“ vor einer jungen Frau. Wie sie früher doch albern waren! Wie sie jede haben konnten! Wie man doch damals das Spiel mit der eigenen Identität noch nicht so ernst nehmen, noch nicht so gesetzt sein musste! Die beiden sind betrunken, völlig enthemmt. Aber irgendetwas stimmt nicht. Das Spiel der Darsteller scheint zugleich unglaublich echt und doch viel zu viel, zu dick aufgetragen, als hätte man den Wahrhaftigkeits-Regler auf Stufe "11" gedreht.
Die Frage ist nur, warum dieser Eindruck entsteht. Da hampeln drei Menschen durch die Wiederkehr der Jugend als Midlife Crisis-Farce. Dabei scheinen sie glaubwürdiger als manche echte Menschen, die man kennt. Und gerade deswegen wirken sie wie Schauspieler, die gerade eine Improvisationsübung machen. Sie sind beides.
Wahrscheinlich können sie gar nicht anders: In den Filmen John Cassavetes’ besteht kein Unterschied zwischen dem „echten Leben“ und der Schauspielerei. Jede Szene ist eine improvisierte Übung, eine Studie über das alltägliche Rollenspiel. In den Schauspiel-Etüden wird der Alltag zum Exzess getrieben. Für die drei Filme dieser Box, Schatten, Gesichter und Eine Frau unter Einfluss ist dabei Grundvoraussetzung, dass unsere Identität ständig Verhandlungssache ist. Daran lässt Cassavetes keine Sekunde einen Zweifel: unsere Subjektivität und unser Außenbild ist instabil, ständig schwankend, und das findet er furchtbar und wunderbar zugleich.
  Schatten: Im selben Jahr wie Truffaut in Jules et Jim inszeniert auch Cassavetes eine Ménage à trois - aber eine sehr viel losere, noch unbeständigere, die sofort wieder zerfällt.
Frauen
Eine Frau unter Einfluss: Mabel (Gena Rowlands) kann nicht akzeptieren, dass sie nach außen eine stabile Persönlichkeit präsentieren muss. Sie kann nur spielen, ohne jedes Maß, ohne jede Berechnung, will ständig ausprobieren, Versuche starten. Nur ihre Kinder verstehen das wirklich. Vielleicht ist die Mutterrolle deswegen auch die einzige, die sie mit großer Freude annehmen kann.
Gesichter: Maria Forst (Lynn Carlin) hat jahrzehntelang die Rolle der Hausfrau gespielt, zugelassen, dass ihr Ehemann ihre Identität definiert. Ihr Mann verlässt sie, ohne dass wir wissen warum – vielleicht weil ihre Front nach all der Zeit zu viele Risse zeigt?
Über den ganzen Film hinweg spielt sich Maria selbst als Nebensache, als unwichtig. Zum Beispiel, wenn sie mit ihren Freundinnen ausgeht: Während diese mit einem viel jüngeren Mann oberflächliche Anzüglichkeiten austauschen, hört man kaum einen Ton von ihr, sieht sie fast nicht. Bis es schließlich doch sie ist, die mit dem jüngeren Mann schläft. Und sich gleich danach so sehr für identitätslos erklärt, dass sie eine Überdosis Schlaftabletten nimmt. Der jüngere Mann holt sie wieder ins Leben zurück, und sie muss sich schließlich doch der Frage stellen, wie ihre neue Identität aussehen könnte. Wenigstens nimmt sie die Frage ernst. Ihr Mann nicht.  Faces: Die beiden Herren mittleren Alters lachen die junge Frau an - oder besser auf sie herab. Der Film erscheint an vielen Stellen wie eine Bestandsaufnahme über das Lachen, über völlig grundloses, neurotisches Amüsement.
Männer
Eine Frau unter Einfluss: Nick Longhetti (Peter Falk) spielt seinem Team – Kanalarbeitern – den harten Mann vor, als er seinem Chef am Telefon einen Nachteinsatz absagt. Er wird gleich darauf einknicken und den Job doch annehmen. Wenn niemand zusieht, kann er später gegenüber seiner seelisch höchst instabilen Frau Mabel (Gena Rowlands) sehr sensibel sein. Sobald er aber beobachtet wird, beurteilt wird – von seiner Mutter, seinen Mitarbeitern – ist er gefangen in einer klassischen, grobschlächtigen, zerstörerisch selbstsicheren Männerrolle.
Schatten: Drei junge Kerle verbringen ihr Leben nur damit, durch die Straßen New Yorks zu ziehen und immer wieder Frauen zu verführen, die immer gleichen frivolen Spielchen spielend. Lelia (Lelia Goldoni) lässt sich zwar mit in die Wohnung nehmen, aber fängt dann an, das Rollenspiel zwischen Mann und Frau an sich in Frage zu stellen, indem sie ihre eigene Instabilität bewusst nach außen trägt. Bei den Männern erregt sie damit nur Unverständnis und die Idee, man müsse sie „bändigen“.
Die Männer sind oft die großen Verlierer in diesen drei Filmen, weil sie die Ernsthaftigkeit des Spielens, des Ausprobierens von Rollen nicht anerkennen wollen.  Faces: Maria wird nach ihrer Auferstehung von ihrer Überdosis von dem jüngeren Mann sofort als Mutterfigur vereinnahmt. Trotzdem scheint für einen Moment die Möglichkeit von Ehrlichkeit in der Luft zu sein, die aber sofort wieder zunichte gemacht wird.
Rennen und Einfangen
In Schatten, Gesichter und Eine Frau unter Einfluss wird ständig gerannt, gelaufen, gestürzt, als würden die Figuren ihrem eigenen Leben, ihrem eigenen Ich hinterherlaufen. Sie bekommen es nie zu fassen. In der ständigen Bewegung liegt aber auch eine große, für die Mühe entschädigende Lust. Zuerst für die Schauspieler, weil sie ihren ganzen Körper einsetzen dürfen, weil sie sich ganz und gar in die Figuren versenken können, improvisieren dürfen, den ganzen Raum nutzen können. Diese Freude überträgt sich auf die Figuren, lässt sie elektrisiert und überlebensgroß erscheinen, obwohl sie ungeschminkt auftreten, sich immer in echten Häusern, echten Straßen, echten Clubs bewegen. Hier trifft diese Lust am Spiel den Zuschauer.
Cassavetes (Hand-)Kamera kann vor lauter Bewegung, vor lauter Vitalität vor der Linse fast nie ganz mit den Menschen mithalten. Sie sucht nach dem Wichtigen, rennt mit, schwenkt in teils irrwitziger Geschwindigkeit, aber sie ist nie beliebig wie in vielen digitalen Experimenten der Gegenwart. Im Gegenteil, sie ist immer präzise aufgestellt, genau im richtigen Winkel gesetzt, aber sie soll auch nicht alles sehen. Cassavetes will nicht nur simple Tiefenschärfe, dank der sich seine Schauspieler in Totalen hemmungslos bewegen können, er will auch bedingungslose Bewegungsfreiheit selbst in Großaufnahmen. Dafür nimmt er in Kauf, dass seine Schauspieler immer wieder aus der Bildschärfe fallen, oder dass Totalen über fünf, sieben, zehn Sekunden unscharf eingeschnitten werden, weil der Kameramann beim Dreh einen „Fehler“ gemacht hat (der für Cassavetes wohl kein Fehler ist, sondern nur der Beweis, etwas richtig gemacht zu haben). Man kann nicht nur alles an Spielhandlung sehen, auch der Aufnahmeprozess bleibt immer wahrnehmbar. Das grobe Korn des Filmmaterials ist ständig eindeutig sichtbar, gibt dem Film eine fast schon spürbare Oberfläche. Es ist in vielen Momenten deshalb so ein prominenter Teil des Bildes, weil Cassavetes fast ganz auf künstliches Licht verzichtet und stattdessen die Blende seiner Kamera weit aufreißt. Die Kamera hat also genau wie die Schauspieler eine Doppelrolle: Sie soll unbedingt den Moment einfangen, etwas Wahrhaftiges sichtbar machen; aber sie soll gleichzeitig auch nicht verstecken, dass sie da ist, dass gespielt und aufgezeichnet wird.
 Eine Frau unter Einfluss: Cassavetes inszeniert die Entfremdung, den Subjektivitätsverlust von Gena Rowlands Figur auch in seinen Bildern, das allerdings sehr subtil: Diese Weitwinkelaufnahme lässt sie am Ende des Tisches winzig erscheinen, und die unscharfe, unruhige Bewegung im Vordergrund wirkt beengend.
Cassavetes Kino ergeht sich also nie in dem plumpen Versuch, „echt“ oder „realistisch“ zu sein. Es bleibt immer ein erhebliches Maß an Überhöhung bestehen. Seine Filme sind voll deutlich markierter Übertreibung, voll grisseliger, rauer Ästhetisierung. Die scheinbare Formlosigkeit erweist sich also schon nach kurzer Zeit als akribischer, extrem präziser Formalismus, wenn auch von der äußerst unorthodoxen Sorte. Ein Formalismus, der vor allem einer Sache dient: Die Freude und das Leid am Spielen zu zeigen, das moderne Leben als Freestyle-Sprint; ein Lauf, bei dem Glück und Unglück immer die gleiche Stelle und den gleichen Zeitpunkt einnehmen. Ein Lauf, der nicht endet. Die letzten Einstellungen dieser drei Filme weigern sich alle, den metaphorischen Zieleinlauf zu geben. “What you have just seen was an improvisation”, steht im Abspann von Schatten. In den zahllosen Filmen des amerikanischen Independent-Kinos, das mit Schatten mehr oder weniger seinen Anfang fand, hält dieser Improvisations-Marathon bis heute an. Die Box ist, wie bei Koch Media üblich, hochwertig aufbereitet und das beiliegende Booklet zeugt von großem Enthusiasmus, sowie einiger Fachkunde. Auf den DVDs finden sich die von der UCLA restaurierten Fassungen der Filme, was sich bei den ersten beiden Filmen in hervorragender Wiedergabe der grobkörnigen Schwarzweiß-Photographie niederschlägt. Die Farben von Eine Frau unter Einfluss strahlen dank der Restaurierung betörend schön. Leider konnte man sich bei Koch aber nicht dazu durchringen, selbst Extras zu produzieren oder beispielsweise die Bonus-Materialien der amerikanischen Criterion-Fassung einzukaufen.
Text Copyright Jochen Ecke Stills, Film, Verpackungsartwork Copyright Koch Media |