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The Red Star 1: Die Schlacht vor Kar Dathras Tor
Skript: Christian Gossett & Brad Kayl Bleistiftzeichnungen: Christian Gossett 3D-Kunst: A.D. Coulter 3D-Modelle: Jon Moberly Farben: Snakebite Compositing: Snakebite
Übersetzung: Christian Langhagen Lettering: Amigo Grafik Erschienen bei: Cross Cult Preis: 26,00 € The Red Star - Die Schlacht vor Kar Dathras Tor bei Amazon.de Christian Gossett hat der Welt Darth Mauls Doppelklingenlichtschwert gebracht. Zwar nicht das finale Design, doch für den ersten Entwurf zumindest zeichnete er im wahrsten Sinne des Wortes verantwortlich. Schon allein deshalb gehört ihm ein Denkmal gesetzt. Doch Gossett baut lieber selber Denkmale. Denn sein künstlerisches Schaffen in Form der Comicserie The Red Star ist zuerst einmal ein Verneigen vor und – in des Autors/Zeichners eigenen Worten – ein Tribut an die russische Künstleravantgarde der ersten 30 Jahre des 20. Jahrhunderts. Diese Leute waren mit ihren progressiven und von der neuen, kommunistischen Regierung geförderten Ideen aufgebrochen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Letztendlich mussten sie jedoch am Regime Stalins zerbrechen. Natürlich schmälert dies die Bedeutung der russisch-avantgardistischen Kunst in keinster Weise. Und so hatte sich an der Schwelle zum 21. Jahrhundert das amerikanische Künstlerteam Red Star aufgemacht – gestützt durch jahrelange Recherche seitens Christian Gossett -, eine neue Form der Geschichte Russlands zu Papier zu bringen. Ironischerweise sollten diese Comic-Kreativen dabei selber zu einer Avantgarde des Mediums werden, wie man später noch sehen wird.  Zunächst sollte man jedoch noch einmal Darth Mauls Lichtschwert heranziehen. Genau wie dessen charakteristisches Zweiklingendesign ist nämlich Dualität in The Red Star 1: Die Schlacht vor Kar Dathras Tor ein bestimmendes Thema. Dies beginnt schon bei den beiden Hauptfiguren des Epos, Maya Antares und ihrem verstorbenen Ehemann Markus. Die in Rückblenden erzählte Geschichte dessen Todes führt den Leser zum zweiten großen Dualismus - oder vielleicht eher Antagonismus: dem kriegerischen Konflikt zwischen den Vereinigten Republiken des Roten Sterns (V.R.R.S.) und Al’Istaan. Schon hier lässt sich erahnen, dass The Red Star keine beliebige Erzählung aus einer nicht minder beliebigen Welt ist, sondern vielmehr in einem Paralleluniversum spielt, das sich zwar in Technik und Mystik deutlich von dem unseren unterscheidet, in den politischen Zusammenhängen doch erstaunlich vertraut ist. Die Vereinigten Republiken nehmen ganz klar die Position Russlands beziehungsweise der UdSSR ein; Al’Istaan ist im Gegenzug gleichbedeutend mit Afghanistan, das jahrelang unter sowjetischer Besatzung ausgebeutet wurde. Zeitlich anzusiedeln ist die Handlung dabei wohl etwa 50 bis 60 Jahre nach dem Großen Patriotischen Krieg, wie auch in unserem Russland die Bezeichnung für den Zweiten Weltkrieg lautet. Von einer technologischen Warte aus gesehen, präsentiert sich das Red Star-Universum allerdings als ein bedeutend mächtigerer Ort. Die Schlachten werden nämlich nicht durch popelige Kampfkreuzer zur See oder Einmannflugzeuge geschlagen. Vielmehr prägen kilometerlange Wolkenbrüter das Bild am Himmel, die entweder schwarmartig ganze Panzerflotten mit ihren Landekapseln ausspucken oder durch bordeigene, apokalyptische Waffen das Schlachtfeld in eine einzige Feuerhölle verwandeln. Wohlstand hat dieser technische Fortschritt den Einwohnern der V.R.R.S. allerdings nicht gebracht, was nicht zuletzt an den im Inneren der Brüter schuftenden Zwangsarbeiter festzumachen ist. Die größte Eigenart aber der hier präsentierten Welt ist die Tatsache, dass einige Menschen über Zauberkräfte verfügen, die sie, ganz nach persönlichen Fähigkeiten, in die Lage versetzen, auf Objekte telekinetische Macht auszuüben oder gar den eigenen Körper in reine Energie zu transformieren. Maya Antares ist eine dieser Kriegszauberinnen, die ihre Magie im militärischen Sinne gemäß streng einzuhaltenden Zauberprotokollen einsetzen. Diese Vorgänge erinnern beim Lesen durchaus an die rundenbasierten Kämpfe in Rollenspielen, was dem Science-Fiction-Setting von The Red Star einen nicht zu vernachlässigenden Fantasy-Touch hinzufügt. Weitere Betonung erfährt diese übernatürliche Komponente im späteren Verlauf der Geschichte durch das Auftauchen zweier (schon wieder: zwei) mächtiger, geisterhafter Wesen, die sich um die Seele des gefallenen Markus Antares streiten. 
An diesem Konflikt ist dann auch sehr gut ein weiteres Charakteristikum der Serie festzumachen, denn ein Großteil der Ereignisse und Handlungen von The Red Star ist metaphorisch zu betrachten. Die beiden Geister etwa hören auf die Namen Pravda beziehungsweise Troika. Ersteres war eine sozialdemokratische Arbeiterzeitung, die der Zensur entgegenwirken sollte (Pravda: Wahrheit); zweites war die Bezeichnung für De-facto-Standgerichte, die möglichst rasch so genannte Anti-Sowjet-Elemente außerhalb eines rechtlichen Rahmens beseitigen sollten. Ihr Kampf um den toten Markus steht stellvertretend dafür, für was Kriegsopfer gebraucht oder eher missbraucht werden können: Als Initialzündung für Friedensbewegungen oder aber militärische, glorifizierende Propaganda. Leider übertreiben Gossett und sein Co-Autor Brad Kayl es bisweilen mit ihrer In-Your-Face-Symbolik, etwa wenn Maya – deren Figur nach dem Frauenideal des sowjetischen Staates entworfen wurde – sich während eines Zauberprotokolls vollständig in Energie verwandelt, um die Feindschiffe vom Himmel zu holen. Denn man kann dem Leser schon zumuten, dass er selber die Allegorie zur vollständigen Selbstaufgabe, um dem Staat zu dienen, erkennt. Das Ganze noch in großen Lettern über die Seite zu schreiben, dafür besteht wirklich kein Anlass. Gut, da hatte sicherlich das Verlangen das Sagen, als Comic-Neulinge von den Großen anerkannt zu werden – und als Entschuldigung bekommt man dafür auch immerhin noch eine ordentliche Portion an unprätentiöser, spektakulärer Action, etwa den Abwurf von Alexandra Goncharovas (die dritte starke Frauenfigur) Panzerbataillon, der ganz in der Tradition der 80er-Jahre-harte-Sau-Filme gehalten ist. 
Jetzt wäre es auch an der Zeit, noch einmal einen Satz aus dem ersten Absatz dieses Textes hervorzukramen, der da lautete: „Ironischerweise sollten diese Comic-Kreativen dabei selber zu einer Avantgarde des Mediums werden, wie man später noch sehen wird.“ Denn Verneigungen vor russischen Künstlern hin, politische Symbolik her – der wahre Grund für den unmittelbaren Erfolg von The Red Star waren das Artwork und die daraus resultierende Erzählweise. Die künstlerische Gestaltung nämlich ist ein beeindruckendes Amalgam aus Bleistiftzeichnungen, digitalem Inking, computergenerierten 3D-Modellen und Photoshop-Kolorierung, zusammengebracht durch Compositing, wie man es aus all den beliebten DVD-Extras-FX-Dokumentationen kennt. Als Resultat dieses zeitraubenden und für das Jahr 2000 äußerst innovativen Prozesses steht bis heute ein Comic, der eher einem Multimillionendollar-Zeichentrickfilm ähnelt, als dass man ihm dem Jack-Kirby-Medium zuschreiben würde. Das Team Red Star nahm dadurch eine in der Tat avantgardistische Vorreiterrolle ein, denn all die verwendeten Techniken haben mittlerweile Einzug in den Comic-Mainstream gefunden, sei es das Kolorieren ungetuschter Zeichnungen (Conan von Dark Horse), das digitale Inking (All Star Superman, We3 von DC beziehungsweise Vertigo) oder etwa der exzessive Einsatz von dreidimensionalen Modellen (Brandon Petersons Arbeit an Ultimate Extinction und Ultimate Vision von Marvel). Dadurch, dass man dem Artwork Platz zur Entfaltung geben wollte, entstand zudem noch das Phänomen der Dekomprimierung. Im schlimmsten Fall verlängert und verwässert dies eine Geschichte, um sie auf Paperback-Länge zu bringen; im besten Fall diktiert es ein klares Pacing und schafft gezielt Atmosphäre. The Red Star tendiert sicherlich zu zweitem. Dekomprimierung gab es als Stilmittel zwar schon länger, doch erlebte es nicht zuletzt durch diese Serie eine Renaissance, wenn auch mit leider nur wenig guten Vertretern. Weniger avantgardistisch als vielmehr prophetisch ist übrigens der Al’Istaan-Konflikt, mit seinen technisch überlegenen, imperialistischen V.R.R.S.-Streitkräften auf der einen und dem tiefreligiösen Volk der Nistaani, die sich ohne Zögern für ihre Führer sowohl im Diesseits als auch Jenseits opfern, auf der anderen Seite. Denn zwischen Erstpublikation von Die Schlacht vor Kar Dathras Tor und all dem Post-9/11-Wahnsinn lag mehr als ein Jahr. Und vielleicht sollte man angesichts all dieser Fakten doch noch einmal über diese Denkmal-Sache nachdenken.
Die vorliegende deutsche Fassung aus dem Cross Cult-Verlag ist, ganz in der Tradition des Originals, ein mustergültiges Beispiel an aufwändiger Publikation. Sicherlich sind €26,- für 160 Seiten kein Pappenstiel, doch handelt es sich immerhin um einen Hardcover im Überformat, was wohl der einzige Weg ist, um dem Artwork und seinem Spiel mit Größe gerecht zu werden. Das enthaltene Bonusmaterial präsentiert sich dazu mit Lexikon, kommentierten Produktionsskizzen und –blaupausen, einem Compositing-Dokumentations-Spread, ausführlicher Quellenangabe und interessanten Interviews, deren Lektüre mehr Zeit als das Lesen zweier Einzelausgaben von The Red Star erfordert, vom Feinsten. Neben der vierteiligen Storyline um die Schlacht vor Kar Dathras Tor ist auch noch #5 enthalten, die dem Leser einen Blick auf die Zwangsarbeiter im Inneren der Wolkenbrüter gewährt. Am Ende dieser Ausgabe wird tatsächlich eine Art Superheldenmotiv in den Fokus gerückt, was jedoch kein Anbiedern an die primäre Comicleserschaft bedeutet, sondern eher eine Erweiterung der Geschichte um ein Motiv darstellt, das in Richtung eines Götter- und Helden-Pantheons zielt. Die Übersetzung von Christian Langhagen sollte – ohne die englische Originalfassung zu kennen – eine gute sein, denn sie ermöglicht ein flüssiges, atmosphärisch passendes Lesen der Geschichte, das keine nervigen Stopps erfordert, um über unangebrachte Präteritumsformen oder so gar nicht übliche Wörter zu stutzen. Links http://www.theredstar.com/ - Offizielle Seite zur Serie http://www.cross-cult.de/ - Offizielle Seite des deutschen Verlages Text Copyright 2007 Ruben Schmitt The Red Star, Coverartwork, Auszüge Copyright Christian Gossett, Cross Cult |