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Gorilla des Monats

bernie 
Min-Woo Hyung

minwooAuf der Buchmesse in Frankfurt traf ich Min-Woo Hyung - ich unterhielt mich mit dem sympathischen Manhwa-Zeicher über seinen Comic Priest, internationale Einflüsse, die Verarbeitung seiner koreanischen Identität in seinen Comics und seine Lieblingsfilme  – klingt gut, oder?

Thomas Nickel: Sie bearbeiten mit dem Western-Motiv bei Priest ein amerikanisches Thema, werfen dieses durch die italienische Linse der Arbeit von Sergio Leone und setzen das Ganze dann aus koreanischer Perspektive um.

Min-Woo Hyung: Seit meiner Kindheit hab ich mir bereits unzählige Filme aus dem Westen angesehen und war dann mit der Zeit recht gut in der Lage, die koreanische und die westlichen Kulturen zu vermischen. Und eben das hat mir auch bei meinen Comics sehr geholfen.

Thomas Nickel: Wie koreanisch ist Priest? Wieviel von Ihrer eigenen nationalen Identität fließt in den Comic?

Min-Woo Hyung: Ich halte Priest eigentlich nicht für einen typisch koreanischen Comic. In Sachen Handlung habe ich mich ziemlich stark von japanischen Manga inspirieren lassen. Im Grunde sehe ich Comics - ob Manga, Manhwa oder US-Comic - als ein großes Medium und unterteile eigentlich weniger in die ganzen einzelnen Gebiete. Daher ist Priest im Grunde ein internationaler Comic.

Thomas Nickel: Mal direkt zu Priest... Sie setzen sehr stark auf die Farbe Schwarz und auf Schwarz-Weiß-Kontraste. Dazu sind die Designs sehr eckig, selbst die Sprechblasen sind nicht rund. Ist das generell Ihr persönlicher Stil oder haben Sie den extra für Priest entwickelt?

Min-Woo Hyung: Ich habe erst bei Priest angefangen, auf diese Weise zu zeichnen – ich wollte die Panels wirklich füllen und Leerstellen nach Möglichkeit vermeiden. Zu dem recht eckigen Zeichenstil hat mich Hellboy gebracht, der ja auch wie viele andere westliche Comics recht eckig daherkommt – ich habe den Comic gelesen und wollte das auch einmal ausprobieren, zunächst als Experiment. Und schließlich hat das ganze recht gut zu Priest gepasst. Die Sprechblasen habe ich so entworfen, damit sie sich harmonischer in die Panels einfügen.

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Der bärtige Teufel erinnert an Hellboy-Rasputin und ist ein übler Bursche.

Thomas Nickel: Da Sie Hellboy erwähnen... Mir ist Ihre Darstellung des Teufels in Priest sehr aufgefallen – er hat mich spontan stark an die Hellboy-Figur Rasputin erinnern. Ist das eine Hommage?

Min-Woo Hyung: Im Grunde hat die Figur zwei Vorbilder: Einerseits der bereits erwähnte Rasputin, andererseits Robert de Niro im Film Angel Heart. Daraus ist dann diese Figur entstanden – ich dachte mir, ein Teufel, der eher indirekt in die Handlung eingreift, könnte so aussehen.

Thomas Nickel: Wie ist es für Sie, als koreanischen Autor mit dieser christlichen Mythologie zu arbeiten? Recherchieren Sie dafür viel oder lassen Sie sich von Ihrer Phantasie leiten?

Min-Woo Hyung: Nun, in Korea gibt es im Gegensatz zu anderen asiatischen Ländern relativ viele katholische Christen, daher war es nicht allzu schwer, die Grundlagen zu recherchieren. Ich mache das dann auch selber, ich suche mir meine Informationen selbst zusammen.

Thomas Nickel: Priest ist ein recht dekomprimierter Comic – die Handlung ist auf jede Menge Seiten verteilt, Ereignisse werden sehr ausführlich dargestellt. Wie stehen Sie denn zum Thema Kompression/Dekompression?

Min-Woo Hyung: Da ich zwar in Korea lebe, aber sehr viele westliche Comics lese, ist es eigentlich mein Ziel, eine gute Mitte zwischen den beiden Extremen zu finden.

Thomas Nickel: Wie gehen Sie beim Geschichtenschreiben vor? Wieviel der Geschichte steht bereits, wenn Sie anfangen? Oder improvisieren Sie lieber und lassen sich vom Feedback der Leser leiten?

Min-Woo Hyung: Ein grobes Handlungsgerüst steht bereits in meinem Kopf, ich behalte mir aber trotzdem gerne die Freiheit vor, hier und da etwas zu modifizieren, wenn ich merke, dass beispielsweise bestimmte Figuren beim Leser großen Anklang finden.

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Stilvolle Perspektive: Wehende Mäntel und rauchende Waffenläufe sprechen für sich.

Thomas Nickel: Erzählen Sie doch mal von ihrem Arbeitsalltag. Wie lange zeichnen Sie am Tag, wie lange arbeiten Sie an einem Band Ihrer Comics?

Min-Woo Hyung: Ich glaube ehrlich gesagt, dass ich etwas langsamer arbeite als andere Zeichner. Ich zeichne pro Jahr zwei, höchstens vielleicht drei Bände. Einen festgelegten Arbeitsalltag habe ich nicht – es hängt schon auch etwas davon ab, wie viel Lust ich gerade aufs Zeichnen hab. Und wenn ich mal spontan eine Idee habe, kann es auch vorkommen, dass ich an einem Tag mal besonders viel zeichne.

Thomas Nickel: Und wie ist die Zusammenarbeit mit dem Verlag und ihrem Redakteur? Inwiefern haben Sie bei Ihrer Geschichte freie Hand?

Min-Woo Hyung: Da genieße ich eigentlich alle Freiheiten – wirklich Druck vom Verlag bekomme ich nicht.

Thomas Nickel: Was ziehen Sie denn vor? Kurze, abgeschlossene Geschichten oder lieber endlos weiterlaufende Serien wie sie in Amerika beliebt sind?

Min-Woo Hyung: Lange Geschichten mag ich nicht wirklich... da ziehe ich kurze Geschichten ganz sicher vor.

Thomas Nickel: Wie stehen Sie denn zum Thema Gewalt in Comics? Bei Priest geht es ja recht heftig zur Sache. Nutzen Sie die Gewalt als Aufmacher, um die Actionfans etwas zu locken?

Min-Woo Hyung: Naja, ich hab nun mal eine Faible für gewalttätige Geschichten und ich glaube, dass der Grad an Gewalt auch einfach zu der in Priest erzählten Handlung passt.

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Der Überfall  auf den Zug ist mit jeder Menge Dynamik inszeniert.

Thomas Nickel: Ich habe gehört, Sie sind ein großer Fan des italienischen Regisseurs Sergio Leone. Wie stark schlägt sich das in Ihrem Werk nieder?

Min-Woo Hyung: (Spontan auf englisch) Sergio Leone? I like him! (weiter auf koreanisch) Ich mag seine Filme sehr. Und ich habe wohl vor allem das sehr trockene Setting und die einsame Atmosphäre seiner Filme in meinen Comics. Aber ansonsten hat Leone jetzt wenig Einfluss auf mein Werk. Von anderen Filmen wie zum Beispiel Hellraiser steckt da mehr in meinen Arbeiten.

Thomas Nickel: Was sind denn Ihre Film-Präferenzen? Amerikanische oder koreanische Filme?

Min-Woo Hyung: Eher ausländische – in diesem Fall amerikanische Filme.

Thomas Nickel: Noch eine Frage zu Ihrem Selbstverständnis: Sehen Sie sich eher als Künstler oder als Handwerker, der ein Produkt für eine bestimmte Zielgruppe herstellt?

Min-Woo Hyung: Ich glaube, ich hab da beide Seiten in mir, ich halte beide Seiten für sehr relevant. Aber ich glaube, im Grunde neige ich vielleicht eher zum Handwerker, der ein Produkt herstellt.

Thomas Nickel: Haben Sie damit gerechnet, dass Ihre Arbeit einen solchen internationalen Anklang findet?

Min-Woo Hyung: Anfangs habe ich nicht wirklich damit gerechnet. Ich halte mich jetzt auch nicht für einen internationalen Künstler, weil ich jetzt hier auf der Buchmesse bin. Ich denke, ich hatte teilweise einfach wirklich Glück, dass die düstere Atmosphäre von Priest international so gut ankam.

coverThomas Nickel: Wollen Sie sich auch mal irgendwann in einem anderen Medium – TV oder Videospiel – versuchen?

Min-Woo Hyung: Naja, ich glaube, ich bleibe erst mal beim Comic. Das kann ich im Grunde am Besten.
 
Thomas Nickel: Sie leben heute also von Comics... Bereuen Sie diese Entscheidung?

Min-Woo Hyung: Wirklich zufrieden bin ich nicht, aber andererseits habe ich mich auch nie wirklich darüber beschwert.

Thomas Nickel: Eine letzte Frage noch: Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Min-Woo Hyung: Zunächst will ich erst einmal Priest weiter zeichnen, daneben will ich aber demnächst mit einer neuen Arbeit anfangen. Allerdings habe ich noch nicht wirklich entschieden, worum es da gehen wird.

Thomas Nickel: Na, dann bin ich mal gespannt. Vielen Dank für das interessante Interview!

 

Text Copyright 2005 Thomas Nickel
Comic, Coverartwork, Scans Copyright Tokyopop

Der Artikel erschien das erste mal in der Zeitschrift MangasZene 

 

 
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