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geschaffen von: Tiziane Sclavi Erscheint bei: Carlsen Comics (bis 2002), Edition Schwarzer Klecks (aktuell) Preis: DM 6,- (Carlsen), € 6,- (Schwarzer Klecks) Übernatürliche Kräfte gab es schon immer, da brauchen wir uns gar nichts vorzumachen. Und bereits 1986, lange Zeit bevor Inspector Scully ihren Partner Mulder für völlig abgedreht erklären konnte, ging ein ehemaliger Inspektor des Scotland Yard der Sache auf die Spur. Die Rede ist von Dylan Dog, dem selbsternannten Detektiv für Apträume (indagatore dell'incubo), der seit nunmehr zwanzig Jahren die Bahnfahrten über einer Million Italiener versüßt. Als Graffiti an Wänden, Acrylgemälde eines Straßenkünstlers und gleich in mehreren verschiedenen Ausgaben am Kiosk - der charismatische Frauenheld im roten Hemd ist aus der italienischen Kultur nicht mehr wegzudenken.
Das Konzept ist, wie bei allen "ein Mann ein Abenteuer" (un uomo un avventura) Serien des Comicverlags Sergio Bonelli Editore, denkbar einfach. Dylan ist ein mitelloser Detektiv mit diversen Leichen und Phobien im Keller, der mal allein, mal zusammen mit seinem skurillen Assistenten Groucho die verschiedensten Abenteuer durchlebt. Es gibt schöne Frauen, flotte Sprüche, 35 Pfund am Tag, viel Horror und immer wieder ein Fünkchen Action. Das alles in noblem Schwarzweiß, Handtaschenformat und jeden Monat neu. Genau das gleiche also, wie alle anderen langlaufenden Serien des Verlags. Und doch hat es ausgerechnet Dylan es zum Lieblingscomic der Südländer geschafft. Nicht ohne Grund.  
Was die Serie von anderen abhebt, ist vor allem ihre grenzenlose Selbstironie. Ja, Dylan Dog hat, wie so viele Comichelden, immer das Gleiche an. Das liegt aber daran, dass er sich nach dem Tod seiner Frau zwölf identische Outfits gekauft hat. Um sich zu entspannen, spielt er uncoolerweise Flöte oder bastelt Modellschiffe. Trinken hat er, nachdem er seine Sucht besiegt hat, aufgegeben, dafür versucht er jetzt regelmäßig wieder anzufangen zu rauchen, um cooler zu wirken. Nein, Dylan nimmt sich selbst nicht allzu ernst. Wie denn auch, wenn selbst als er die Flöte von Hameln spielt, nur Monster darauf reagieren? Ganz bewusst hat der Autor und Journalist Tiziano Sclavi hier einen Nichthelden geschaffen, eine Gegenfigur zum Strahlemann Tex Willer. Das ist eine andere Urgestein der italienischen fumetti. Seit fast sechzig Jahren gibt Tex das Alphamännchen des gleichnamigen Western-Comics, und doch ist er neben unserem Detektiv nur eine Schablone. Dylan hat Alpträume, Flugangst, wegen der er kaum London verlässt, Höhenangst, Angst im Dunkeln. Er gewinnt selten. Es ist erstaunlich, weshalb er überhaupt immer wieder heil aus seinen Fällen herauskommt - dafür sterben andere umso häufiger. Der Tod, in der Gestalt eines traditionellen Skeletts mit Roben oder als die wunderschöne Frau namens Hope, ist in den Comics omnipräsent. Er ist der wahre Gegenspieler, und eines Tages wird er Dylan holen, das ist sicher. Alles andere sind Monster des Tages, die die feste Sitcom-Welt besuchen und wieder verschwinden. Es gibt Zombies, Vampire, Werwölfe, Gespenster, Hexen, Jack the Ripper, Frankenstein, Dr. Jekyll, gerne mal alles auf einmal. Dass übernatürliches Zeug existiert ist gar keine Frage. Die wahren Monster sind jedoch meist die Menschen - und Dylan durchaus einer von ihnen.
Aussagen wie "Einfache Leute, die wir jeden Tag auf der Straße sehen, die wir selbst sind, können zu Monstern werden," (244) fassen die Stimmung der Comics schon ganz gut zusammen. Und diese wiederum sind voll von pompös-platten Aussagen wie dieser hier. Doch nichts da, bloß weil Tiziano Sclavi und damit auch Dylan große Worte toll finden, hält seine Umwelt diese nicht für normal. Im Gegenteil, das erste, was sein Kumpel Fat zu Dylan sagt ist "Erspar mir dein Geschwafel" (40). Unser Held ist ein Ausgestoßener, der eine Existenz am Rande der Gesellschaft führt, die zum größten Teil gar nicht an Monster glaubt.

Ganz und gar eine Parodie seiner selbst ist Dylans Assistent Groucho (aus rechtlichen Gründen im Ausland oft umbenannt), der einst als Groucho Marx-Doppelgänger im Fernsehen auftratt und in dieser Rolle hängengeblieben ist. Am liebsten erzählt er Dylan schlechte Witze oder verunsichert die Kundschaft, wofür er schon häufiger mal einen Teller an den Kopf geworfen kriegt. Dennoch ist Groucho aus den Comics nicht wegzudenken, er ist doch eine ruhige, entspannte Person, die jede Situation sofort deutlich entschärft. Als Dylan zum Beispiel im ersten "albo gigante", Dylan Dog im Riesenformat, seinen persönlichen Alptraum durchlebt, träumt Groucho von seinen nichtlustigen Anekdoten. Inzwischen besitzt der Komiker sogar seine eigene Reihe, auch wenn diese nur für Leute geeignet ist, die mehr Geduld mit ihm haben als Dylan selbst. Doch "Ach was," sagt der Arbeitgeber aus der aktuellen, 245. Ausgabe, "wenigstens macht er noch Späße. Am Friedhof der Freaks geht's viel zu ernst zu."    Der Tod sieht aus wie bei Terry Pratchett - wenn er nicht gerade eine blonde Schönheit ist; Dylans Mitstreiter: Groucho und Inspektor Bloch.
Dylans Arbeitgeber im Februar 2007 ist sozusagen Quasimodo, aber das macht nichts. Stets kurz vorm Hungertod stehend, muss der junge Mann sowieso alles annehmen, auch wenn ein schmieriger Magieladenbetreiber ihn durch eine andere Dimension schickt. Aber auch gewöhnliche Menschen beschäftigen Dylan, allem voran natürlich schöne Frauen. Denn Dylan liebt Frauen. Fast in jeder Ausgabe taucht eine neue Femme Fatale auf, in die der Protagonist Hals über Kopf verliebt. Und zwar wirklich. Denn Dylan ist kein Playboy, sondern ein hoffnungsloser Romantiker, stets meint er es ernst und kriegt die Angebetete für die Dauer des Comics meistens auch. Einmal, wie die Jubiläumsausgabe zum zehnten Geburtstag komplett in Farbe erzählt, heiratete er sogar eine irische Terroristin, die kurz darauf im Gefängnis verschied. Das war für Dylan der Auslöser, Scotland Yard zu verlassen und Privatdetektiv zu werden. Seitdem hatte er auf jeden Fall mehr Sex als jeder Mann in London.
Als Horrorcomic ist Dylan mehr oder weniger dem Film entsprungen. Und Sclavi macht kein Geheimnis aus den Werken, die ihn beeinflusst haben. Da wäre in erster Linie David Lynch (insbesondere Elephant Man), Todd Brownings Freaks, Alfred Hitchcock (erst neulich fanden wir uns in einer Ausgabe buchstäblich in Psycho wieder). Geschmeichelt von Umberto Ecos offener Verehrung baut Sclavi auch häufiger Zitate dieses Meisters ein. Dylan selbst ist optisch dem Schauspieler Rupert Everett nachempfunden, sein Name dem Autor Dylan Thomas entliehen, seine Adresse, Craven Road 7, dem Regisseur Wes Craven. Der Nachname Dog stammt übrigens aus einem Buch von Mickey Spillane, das Sclavi nie gelesen hat, dessen Titel aber hängen geblieben ist: Dog figlio di. Für lange Zeit war "Dylan Dog" der provisorische Name für jeden beliebigen Sclavi-Helden, bis er schließlich an dem ewig 33-jährigen Detektiven hängenblieb.
Bei dem Hintergrund wundert es keinen, dass Dylan selbst sich schließlich als Zitat in einem Film wiedergefunden hat. Zwar ist Michele Soavis Dellamorte Dellamore nicht direkt eine Verfilmung, doch mit Rupert Everett in der Hauptrolle und im typischen Dylan-Aufzug ist der Film mehr als nur eine Hommage an die erfolgreiche Comicserie. Zumal die Handlung auf einem Roman von Tiziano Sclavi basiert, der wiederum aus der Dylan-Geschichte Orrore nero (schwarzer Horror) entstammt, in der Dellamorte vorkommt. Die Kreise schließen sich.  Rupert Everett in Person - kein Wunder, dass Dylan alle Frauen kriegt!
Optisch halten die wunderschönen Coverillustrationen von Claudio Villa (bis Ausgabe 41) und später Angelo Stano die einzelnen Ausgaben zusammen. Für die amerikanische Version wurde Mike Mignola bemüht. Im Inneren findet man eine Vielzahl an Autoren und Künstlern, die sich an dem Setting versuchen, ähnlich wie die verschiedensten Regisseure einzelne Episoden einer TV-Serie drehen. Die schönsten Geschichten erzählt nach wie vor Tiziano Sclavi selbst, der schließlich einen guten Teil seiner Person auf Dylan projiziert hat. Die Qualität der Zeichnungen lässt sich weniger an einem Namen festmachen. Sie rangiert von schnell gemachten, beinahe skizzenhaft erzählten Billigproduktionen bis hin zu aufwendig schattierten, detailreichen Meisterwerken, für die offensichtlich mehr als ein Monat Zeit zur Verfügung stand. Doch auch hier kann man sich an Sclavi als Autor festhalten. Dieser ist gerüchteweise als Texter ein ziemlicher Pedant, der seitenlange Beschreibungen eines einzelnen Panels verschickt, damit alles nachher auch wirklich so aussieht, wie er es möchte.   Für die Ausgabe von Dark Horse wurden die Originaltitelbilder von Mike Mignola neu interpretiert.
Wer nun ernsthaft Interesse an den Comics bekommen hat, braucht nicht unbedingt Italienisch zu lernen, auch wenn es auf die Dauer natürlich nicht schaden kann. Schon vor einiger Zeit hat Carlsen zwanzig Ausgaben übersetzt, nun hat der Verlag Schwarzer Klecks übernommen und ist bei Nummer 52. Der Preis ist leider mehr doppelt als so hoch wie bei den Originalen, doch auch die Leserschaft um mehrere Zehnerpotenzen kleiner, was die 6 € für knapp hundert Seiten rechtfertigt. Zu bemängeln ist lediglich, dass keiner der beiden Verlage die Originalreihenfolge einhält (Accade domani, Nummer 40, ist zum Beispiel Band 25 geworden), durch den abgeschlossenen Charakter der einzelnen Episoden ist dies jedoch nicht weiter ein Problem. Auch in Italien geht man schließlich zum Wühltisch und nimmt sich irgendeine Nummer mit. Besonders zum Reinschnuppern geeignet ist die (in Deutschland) achte Ausgabe: 'Johnny Freak'. Text Copyright 2007 Darina Goldin Dylan Dog Copyright Tiziano Sclavi Dellamorte dellamore Copyright Audiofilm, Bibo Productions, Canal+, Eurimages, K.G. Productions, Silvio Berlusconi Communications, Urania Film |