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UK, seit 1989
Umfang: 36 Episoden (je 50-60 Minuten), 25 TV-Filme (je 90-100 Minuten), Buch: Clive Exton, Anthony Horowitz, David Renwick u.a., basierend auf den Erzählungen von Agatha Christie Regie: Adam Goodman, Simon Hinkley u.a.., Musik: Christopher Gunning, Produzent: Brian Eastman Darsteller: David Suchet, Hugh Frazer, Phillip Jackson, Pauline Moran, Zoe Wannamaker
Boxen: Agatha Christie's Hercule Poirot Collection - Vol. 1 (3 DVDs) (29,95€) Agatha Christie's Hercule Poirot Collection - Vol. 2 (3 DVDs) (29.95€) Mit über 50 Kurzgeschichten und 30 Romanen zählt Agatha Christies belgischer Sonderling Hercule Poirot zu den meistbeschäftigsten Detektiven der Literaturgeschichte. Kaum jemand hätte im frühen zwanzigsten Jahrhundert erwartet, dass der kleine, eierköpfige Dandy mit dem hochglanzpoliertem Schnurrbart bis in die späten Siebziger die britische Unterwelt hinter schwedische Gardinen bringen würde, aber Poirot wurde, dank feinsinniger Charakterisierung, wendungsreicher Plots und innovativer Erzählmethoden, im Handumdrehen zu einer festen Institution im weiten Feld der Nachttischlektüre. Selbst Christies persönliche Lieblingsfigur Miss Marple konnte in Sachen Popularität nicht annähernd mit dem sympathischen Narzissten vom Kontinent mithalten. Poirot war allgegenwärtig.
Zu dumm nur, dass über lange Jahre hinweg kein einziger Regisseur fähig war, dem befremdlichen Genie filmisches Leben einzuhauchen. Peter Ustinov als brüllender Hühne mit schütterem Haar ist nun mal, so spaßig er die Rolle des Poirot auch in einem halben Dutzend Filmen gespielt hat, nicht gerade die Idealbesetzung für einen untersetzten, höflichen Belgier. Poirot ist ein Charakter, der sich in den Romanen oft am Rande der Absurdität bewegt. Aber so befremdlich seine obsessiven Tendenzen, schlagartigen Stimmungsschwankungen und grenzenlose Selbstverliebtheit auch oft sein mögen, so offensichtlich ist doch, dass Christie ihn nie als Witzfigur darstellen wollte. Der literarische Poirot ist sich seiner Andersartigkeit durchaus bewusst, und balanciert gelegentliche bizarre Verhaltensweisen mit einem gesunden Sinn für Ironie, beeindruckender Menschenkenntnis und nahezu ritterlichem Mitgefühl aus. In den Filmen blieb von dieser Charakterisierung aber herzlich wenig übrig, und Poirot wurde in schönster Regelmäßigkeit zum zweidimensionalen, komischen Kauz umfunktioniert.
 Das Dreamteam: Links untersuchen Captain Hastings, Inspector Japp und Poirot einen Juwelenraub, im rechten Bild inspiziert der Meisterdetektiv zusammen mit seiner Sekretärin Miss Lemon einen Golfplatz.
1989 sollte sich dieser Zustand aber schlagartig ändern, nachdem ein paar kreative Köpfe der britischen Produktionsgesellschaft Granada ihre kleinen grauen Zellen bemüht hatten, um endlich den definitiven Poirot auf die Bildschirme zu bringen. Angespornt vom gigantischen Erfolg ihrer relativ werktreuen Sherlock Holmes-Adaption mit dem großartigen Jeremy Brett wollte das Team rund um Produzent Brian Eastman den filmischen Poirot neu definieren.
Und das ist ihnen auch mit Bravour gelungen. Zu verdanken ist dieses beeindruckende Kunststück vor allem Hauptdarsteller David Suchet, der den exzentrischen Belgier von Anfang an mit einer unvergleichlichen Authenzität darstellte. Vom Aussehen, über den schwer definierbaren frankobelgischen Akzent bis hin zur Gangart und Mimik hält sich der britische Mime strikt an die Vorgaben von Agatha Christie. Suchet ist dermaßen besessen von der korrekten Darstellung seines Charakters, dass er sogar sogar auf marginale Details achtet, wie z.B. die Menge der Zuckerwürfel, die Poirot in seinem Tee auflöst. Vor allem aber spielt er den legendären Detektiv nicht als verschrobenen Sonderling. Suchets Poirot driftet nie ins Lächerliche ab, ist freundlich, zuvorkommend, humorvoll, und hat stets ein schelmisches Glitzern in den Augen.
  Eine alltägliche Situation: Poirot ist mal wieder pikiert.
Auch in Sachen Handlung wird den Christie-Geschichten der höchstmögliche Respekt gezollt. Christie stellt selten die Täterpsychologie oder schlüpfrige Motive in den Vordergrund und konzentriert sich stattdessen auf komplexe Rätsel voller roter Heringe, Widersprüche, und Ungereimtheiten. Oft ist die Frage, wie ein Verbrechen überhaupt begangen werden konnte genau so wichtig wie die Suche nach dem Täter. Poirot-Geschichten sind eben nicht nur „Whodunnits“, sondern auch „Howdunnits“. Konzepte wie die 'Locked Room Mystery' (jemand wird in einem verschlossenen Raum ohne Zutrittsmöglichkeit getötet) sind Klassiker des Genres, und nur wenige Autoren führen das Publikum so gekonnt an der Nase herum wie Agatha Christie. Zum Glück hat das Produktionsteam die Stärken der literarischen Vorlage genau erkannt und wenig am eigentlichen Handlungsverlauf geändert. Lediglich in Geschichten mit speziellen narrativen Konzepten müssen die TV-Fassungen im Vergleich zu den Büchern Federn lassen. In einer sehr bekannten Geschichte (deren Namen wir hier mit Absicht nicht nennen) wird z.B. am Ende der Ich-Erzähler, der Poirot während seiner Ermittlungen assistiert, am Ende als Mörder geoutet. Brillantes Konzept für einen Roman, nicht so brillant für einen Film, in dem sich entsprechende erzählerische Kunstgriffe wesentlich schwieriger anwenden lassen. Die Autoren der Adaptionen tun in solchen Fällen ihr Bestes, um entsprechende Plot-Twists auf den Bildschirm herüberzuretten, aber es gelingt ihnen nicht immer, die Qualität der Vorlagen hundertprozentig zu bewahren.
Zum Ausgleich übertrumpft die TV-Fassung ihre literarischen Pendants allerdings mit einem hervorragendem regulärem Ensemble. In den Büchern war Poirot ein Einzelgänger ohne konstante Wegbegleiter. Während es in den frühen Kurzgeschichten noch regelmäßige Auftritte von Poirots Assistenten Captain Arthur Hastings, seiner Sekretärin Felicity Lemon und des brachialen aber gutherzigen Chief Inspectors Japp gab, wurden diese Figuren von Christie später eher sporadisch, und irgendwann nur noch alle Jubeljahre verwendet. Besonders Hastings, ein Charakter, der Anfangs das Herzstück der Poirot-Geschichten darstellte, wurde vor seinem Comeback im allerletzten Poirot-Roman „Curtain“ (bzw. „Vorhang“) von der Autorin gut 40 Jahre lang aufs Abstellgleis geschoben.
  Von europäischen Metropolen bis in die tiefste Wüste: Poirot löst seine Fälle auf der ganzen Welt.
Das ist durchaus verständlich, denn Hastings Rolle als naiver Ich-Erzähler war in den Büchern nichts weiter als eine Variation des Watson-Charakters aus den Sherlock-Holmes-Geschichten. Auch Chief Inspector Japp und Miss Lemon hatten mit Inspector Lestrade und der Haushälterin Mrs. Hudson ihre Gegenstücke in Conan Doyles Werken. Und je mehr sich der Charakter des Poirot verselbständigte, je mehr Christie mit neuen Erzählperspektiven experimentierte, desto weniger passten diese Figuren ins Gesamtbild.
In einer Fernsehsendung kann das Konzept des einsamen Helden aber nur begrenzt funktionieren. Konsistente Charakterisierung und ein gut eingespieltes Ensemble geben einer Serie oft erst das gewisse etwas, und so tauchen Hastings, Japp und Lemon in nahezu jeder Adaption auf, egal ob sie im Roman nun eine Rolle hatten oder nicht.
Und eine bessere Entscheidung hätte das Produktionsteam wirklich nicht fällen können. Ob es nun eher an den Darstellern Hugh Frazer (Hastings), Phillip Jackson (Japp), und Pauline Moran (Lemon), oder den pointierten Dialogen liegt, lässt sich kaum sagen, aber fest steht, dass selbst die schwächeren Geschichten durch das Protagonistenquartett immens aufgewertet werden. Mit diesem Ensemble entwickeln sich sogar die schwächeren Erzählungen der alten Agatha zur grandiosen Unterhaltung. Die Autoren haben oft sehr bewusst um das Skelett der Christie-Geschichten herum interessante, oft humorvolle Subplots konstruiert, und so dem Ganzen einen zusätzlichen Unterhaltungswert verschafft, fernab vom kriminalistischen Rätsel. Und Puristen können trotzdem aufatmen, denn besagte Puzzles bleiben unberührt. Die Poirot-Serie ist eine durchweg gelungene Mischung aus Werktreue und spielerischer Neuinterpretation, und als solche stellt sie die perfekte Ergänzung zu den Büchern dar.
Oder zumindest tat sie das. Denn seit 2003 hat ein neues Regime die Produktion der Poirot-Adaptionen übernommen, das für den verspielten Charme der vorherigen Episoden und TV-Filme relativ wenig übrig hat. Das heißt im Klartext, dass Hastings und Co. inzwischen nur noch auftreten, wenn sie tatsächlich eine Rolle in der entsprechenden Vorlage hatten. Und obwohl auch die aktuellen Filme immer noch von höchster Qualität sind, ist der Verlust der alten Garde schmerzhaft zu spüren. Der nach wie vor brillante David Suchet, das prunkvolle Dreißiger-Jahre-Setting und die gewohnt überraschenden Plots heben die aktuellen Filme nach wie vor weit übers TV-Mittelmaß hinaus, aber die Atmosphäre der früheren Folgen ist einfach nicht mehr vorhanden.
  Ein Mann mit Methode: Die Verdächtigen sind versammelt, jetzt kann Poirot den Täter mit einem seiner patentierten Monologe überführen.
Im Allgemeinen gilt für die acht Fernsehfilme, welche bisher unter dem neuen Regime entstanden sind, eine einfach Faustregel: Wenn die Vorlage stimmig ist, kann sich die Fernsehfassung sehen lassen. Wenn nicht, sollte man eher Abstand nehmen. Episoden wie 'Death on the Nile' (bzw. 'Tod auf dem Nil') beweisen aber, dass die Serie, auch wenn sie sich komplett auf Poirot konzentriert, immer noch hervorragend unterhalten kann.
Warten wir also ab, wie sich Poirot in Zukunft weiterentwickelt. Inzwischen fehlen Suchet nur noch acht Romane zur Komplettierung des Kanons, darunter so bekannte Geschichten wie Mord im Orient Express und Vorhang. Bleibt also zu hoffen, dass wir in den entsprechenden Filmen noch das eine oder andere vertraute Gesicht sehen.
Wer sich ein Bild vom guten Hercule machen will kommt übrigens ausnahmsweise auch ohne Import zum Zug. Über Polyband sind bisher zwei Collections mit Episoden aus der Anfangsära des TV-Evergreens erschienen, die wir jedem Freund manierlicher Detektivarbeit ans Herz legen können. Text Copyright 2007 Peter Clausen Cover, Screenshots Copyright ITV, Granada |