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Gorilla des Monats

bernie 
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Superhero

superhero Anthony McCarten: Superhero
erschienen bei:  Diogenes
ISBN: 3-257-86158-3
Preis:  € 19,90 Superhero bei Amazon.de

Donald ist 14 und hat Leukämie. Für ihn ist diese Krankheit nicht greifbar, er setzt sich damit nicht auseinander, weiß eigentlich nur, dass er nicht mehr viel Zeit auf der Welt hat. Das macht ihn in den Augen der Welt und der Leserschaft in der ersten Hälfte des Buches zum totalen Kotzbrocken, irgendwie hat man wirklich keine Lust, weiterzulesen. Seine hilflosen Eltern werden von ihm abgeblockt, der Psychologe, der sich um ihn kümmern soll ebenso. Das einzige, was Donald beschäftigt, sind Comics. Er erfindet einen Superhelden und nennt ihn Miracle Man, doch der ist im Prinzip ebenso hilflos wie Donald selbst, aber es ist die einzige Art und Weise, durch die er sich ausdrücken kann. Die zweite Sache, die Donald ruhelos macht, ist Sex. Er will partout nicht als Jungfrau von dieser Welt gehen, und pubertätsgesteuert wie er nunmal ist, bringt er diese ungestillte Sehnsucht in Form von Zeichnungen zum Ausdruck. Klar, dass seine Eltern entsetzt und pikiert beim Anblick seiner Werke sind und so den wahren Inhalt seines Comics völlig übersehen – Donalds Innerstes, das er dadurch offenbart.

Sein Psychologe heißt Dr. Adrian King (der irgendwie nicht nur vom Vornamen her von einem gewissen neurotischen TV-Detektiv inspiriert ist), Anfang 50, getrennt von seiner Frau lebend, verklemmt, kunstbegeistert. Er begegnet dem äußerlich wütenden und unausstehlichen Donald mit Interesse und bekommt ihn schließlich an seiner Vorliebe für Bilder zu fassen. Und als Donald so viel Vertrauen zu ihm fasst, dass er ihm seinen größten Wunsch offenbart, fasst Adrian einen halsbrecherischen Plan: Er muss dafür sorgen, dass Donald vor seinem unausweichlichen Tod seine Unschuld verliert. Und er beginnt, sich in Londons Halbwelt nach der geeigneten Dame umzusehen.

Er trifft auf Tanya, eine sehr gebildete Edelhure, die sich Donalds annehmen will, und eine moralisch unerhörte Nacht- und Nebelaktion beginnt, die nur in einer Katastrophe enden kann. Adrian tut es für den Jungen und weiß, dass er seinen Job aufs Spiel setzt. Und als Donald auf der Rückfahrt zum Krankenhaus, aus dem Adrian ihn „entführt“ hat, einfach aus dem Auto verschwindet, weiß er, dass sein letztes Stündlein als Arzt geschlagen hat.

Hat jemand etwa gedacht, dass es anders hätte laufen können? Dass er unbemerkt wieder ins Bett hätte schlüpfen können, so glücklich über das Erlebte, dass am nächsten Morgen wie durch ein Wunder der Krebs auf dem Rückzug ist und Adrian insgeheim als Held für seine Selbstlosigkeit gefeiert wird? Donald wusste schon immer, dass das Gute eigentlich keine Chance hat.
Als Adrian am Ende Donalds Comic in der Hand hält, und als einziger versteht, dass er da ein Dokument über dessen Leben und auch die letzte Nacht liest, da weiß er, dass Donald immer die Oberhand hatte. Dass er stärker gewesen ist als alle zusammen und genau wusste, was er wollte.
Zu Beginn erscheint vielleicht Adrian als eigentlicher Superheld des Buches, weil er den Jungen vielleicht zu retten vermag, der Leser schöpft Hoffnung. Aber schon Donalds Abneigung gegen die ewigen Rettungen-in-letzter-Sekunde im Kino lassen eins klar werden: Ein Happy End wird es nicht geben. Zumindest nicht ganz. Donald schafft sich sein eigenes Happy End, seine eigene Rettung in letzter Sekunde, bei der sein Sieg über die Krankheit völlig unwichtig ist. Und das kleine Arschloch vom Anfang des Buches, dem die Welt so egal war, der wird jetzt zum Superhelden. In einer Art und Weise, die der Leser nur bewundern kann.

Keine Emotionen, keine Gefühlsduselei. Es wird beobachtet und nachgedacht, nicht mitgelitten. Der Roman ist geschrieben wie ein Comic-Skript, das alles überflüssige von vorn herein aussperrt. Gebt Superhero nicht nach den ersten Seiten auf, lasst es auf Euch wirken und bringt es zu Ende. Es lohnt sich, so unbarmherzig die Geschichte sein mag.

Text Copyright Anna-Selina Sander 2007
Cover Copyright  Diogenes

 

 
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