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Gorilla des Monats

bernie 
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Kickback
Kickback Cover LargeKickback

Autor, Zeichner & Colorist: David Lloyd, Lettering: Dan Jackson
Im US-Original erschienen bei: Dark Horse

Deutsche Fassung erschienen bei: Ehapa Comic Collection
Preis: 10,- € Kickback bei Amazon.de

Genre-Film, Genre-Comic und -literatur: Das heißt, Geschichten mit Formeln zu erzählen. Sich auf Konventionen verlassen. Klischees mit offenen Armen in Empfang nehmen. Das heißt aber auch, die Klischees und Formeln und Konventionen fantasievoll, hoffentlich überraschend und bedeutungsvoll einzusetzen. Mit der Form etwas über das Formlose, das heißt das "echte Leben" zu erzählen. Dass so ein lebendiges, sinnstiftendes Genre-Kino gar nicht mal so einfach ist, bekommen wir tagtäglich in den Medien zu sehen, wenn uns diverse Mordkommissionen anöden und Feuergefechte in den Schlaf wiegen. Wo verläuft also die Linie zwischen funktionstüchtiger, fesselnder Genrekost und dröger Pflichterfüllung aus dem Baukasten? Das lässt sich ausgezeichnet an David Lloyds Comic-Noir Kickback festmachen.

Auf der einen Seite steht auch bei Lloyd, dem V for Vendetta-Zeichner, der hier zum ersten Mal auch selbst als Autor fungiert, die Pflichterfüllung. Kickback, das heißt übersetzt soviel wie "Bestechungsgeld", gezahlt von einer institutionalisierten Mafia an die Polizeitruppe einer düsteren, namenlosen amerikanischen Großstadt. "Kickback", das bekommt auch Joe Canelli, der Protagonist dieser Geschichte. Fürs Stillhalten. "The arrangement" nennt sein Vorgesetzter das, den Waffenstillstand zwischen Gangstern und Polizei. Umso überraschter sind Joe und die anderen korrupten Polizisten, als die Gangster-Seite plötzlich anfängt, systematisch Polizisten zu töten. Das setzt eine ganze Kette weiterer Standardsituationen in Gang: Joe untersucht den Fall, obwohl ihn sein Vorgesetzter expressis verbis um das Gegenteil bittet. Und wird dadurch mehr oder weniger vogelfrei. Seine gefährliche Lage bringt nach und nach Erinnerungen an ein Kindheitstrauma um den Tod von Joes Eltern zurück, das er genauso wie den Fall aufarbeiten muss, um endlich der Korruption zu entkommen.

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So weit, so ungemein bekannt und vertraut. Lloyd hat keinerlei Scheu vor dem Bewährten, und so erinnert Joes Traumatisierung gleich von der ersten Seite des Bandes an Tippi Hedrens Sexualneurose in Hitchcocks Marnie. Die Psychologisierung direkt aus den frühen 60er Jahren, die wirklich alles an Joes Handeln an seinen Verlustängsten und seiner Selbstverachtung festmacht und dieselben symbolisch bis zum Gehtnichtmehr auflädt, ist einerseits in ihrer Ernsthaftigkeit erfrischend naiv. Andererseits ist sie aber auch von großer narrativer Klarheit. Lloyd weiß genau was er will. Kickback unterscheidet sich von gewöhnlicher Genre-Fiktion also schon in zwei Punkten: Erstens, es zeigt eine klare erzählerische Absicht, die konsequent umgesetzt wird.

Und zweitens, Lloyd greift tief in die formale Trickkiste, um diese konsequente Umsetzung zu erreichen. Jede Seite ist aufgeladen mit einer Vielzahl von graphischen Erzählmitteln, mit denen er eine beeindruckende symbolische wie metaphorische Dichte erzeugt. Beispielsweise nimmt er in seinen Bildern konstant Rückbezug auf Joes Neurose, die schon auf Seite eins mit Zielkreuzen und leeren Räumen visualisiert wird. Diese Kreuzformen tauchen überall wieder auf, am deutlichsten an einer Stahlbrücke, über die Joe hechtet und deren Stahlträger allesamt das Symbol seines inneren Konflikts bilden. Generell sind die Räume, in denen sich Joe bewegt, fast alle sehr feinsinnig mit Bedeutung aufgeladen. An einer Stelle steht er in einem Autostau, und der wütende Mann hinter ihm, der auf sein Lenkrad einschlägt, steht für Joes eigene Frustration. Das ist noch der plakativste Moment, an dem Joes innerer Zustand durch die Welt um ihn herum visualisiert wird. Sein Gesicht ist dagegen fast immer völlig ausdruckslos. Beim ersten Lesen vermutet man deswegen schon, er sei ein ziemlich kalter Fisch.

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Kickback zeichnet sich also auch durch eine spannende externe Psychologisierung seiner Figuren aus, die nur auf den ersten Blick etwas simpel ausfällt und praktisch nie über den Dialog funktioniert. Die Komplexität von Lloyds Arbeit liegt nicht im Text, in den Wortaustauschen - die knapp und zweckmäßig ausfallen - sondern in seiner visuellen Dichte, die sich schon beim zweiten Lesen als ein erheblicher Reichtum an Bedeutungen und Ambivalenzen herausstellt. Besonders gelungen ist dabei das safe house, in das sich Joe gegen Ende des Bandes zurückzieht. Das gutbürgerlich anmutende Anwesen steht auf einer Klippe, die zum Teil ins Meer weggebrochen ist. Öffnet man die Hintertür, geht es steil bergab, hundert Meter bis zum Wasserspiegel. Besser kann man sowohl Joes Zustand als auch den der korrupten Gesellschaft, in der er lebt, kaum in ein Bild fassen. Genre-Arbeit, das heißt bei Lloyd also: die Klischees mit allen visuellen Mitteln wieder lebendig und wirksam werden zu lassen, ihnen ihre Vertrautheit zu nehmen.

Sicherlich kann man Kickback auch einige wenige Dinge zu Last legen. So reicht die visuelle Charakterisierung nicht ganz aus, um Joe zu einer funktionierenden Identifikationsfigur zu machen. Die virtuose Eindringlichkeit in der graphischen Gestaltung findet nicht ganz ihre Entsprechung auf der Textebene. Manche Klischees handhabt Lloyd zudem besser als andere - seine Frauenfiguren beispielweise sind relativ dröge. Trotzdem ist Kickback ein beeindruckendes Debüt als Autor/Zeichner in Personalunion, eine Arbeit, bei der sich tatsächlich nicht unterscheiden lässt, wo Lloyd der Texter aufhört und Lloyd der Zeichner anfängt. Ein echtes Comic also, das nach dem ersten Lesen immer weiter wächst und eine zweite, dritte, vierte Lektüre einfordert. Es ist zu hoffen, dass Lloyd bei dieser Linie bleibt.

Text Copyright 2007 Jochen Ecke
Kickback, cover and excerpts copyright 2006 David Lloyd

 
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