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Pluto (Naoki Urasawa)
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Autor, Zeichner: Naoki Urasawa, Osamu Tezuka (Vorlage - Astroboy)

Die Szenerie kennt man von jedem zweiten Cover der Time, oder unzähligen, sich unermüdlich einander abwechselnden Dokumentationen und Live-Berichterstattungen einschlägiger Nachrichtenkanäle: Eine arabisch anmutende Stadt in Trümmern, überall staubiger Wind und grell-gelber Sand, dazu für westliche Augen schon längst nicht mehr in diesem Umfeld fremd wirkende ausländische Soldaten, die, schwer bewaffnet und gepanzert, die Umgebung zu sichern versuchen. Unvermittelt trifft einer der Soldaten, die um die von Einschusslöchern und zersplittertem Mauerwerk entstellten Häuserblöcke hasten, auf eine immobile, die Schultern wie ausgekugelt von sich hängen lassende Gestalt. Der Mann ist mit seinen schwarz gelockten Haaren und kantigen Gesichtszügen eindeutig als von orientalischer Abstammung klassifizierbar. Ausgehungerte Gesichtszüge und mehrere schwarz klaffende Zahnlücken lassen vermuten, dass er seinen anklagenden Blick durchaus ernst meint. Der Soldat hingegen mit seiner großen Hakennase und müden Augenpartie, die Rückschlüsse auf eine ungeschickte Verteilung genetischen Materials zuließe, wirkt vertraut europäisch, und könnte wohl auch in jedem Wartesaal des ansässigen Arbeitsamtes anzutreffen sein.

Als der Mann den Soldaten anspricht, wird er mit jedem Satz lauter und panischer:
„Hier gibt’s keine Terroristen. Aber Kinder - die gab’s hier! Ihr habt eine Bombe auf mein schlafendes Kind geworfen!“ 

Er nähert sich dem Soldaten, dessen Miene auch als ihn der Mann am Kragen packt und unter Tränen weiter lauthals beschimpft unverändert kalt bleibt. „Von wegen ‚ein unterdrücktes Volk befreien’! Kinder in ihrem Schlaf umzubringen, das ist eure Gerechtigkeit! Wenn da ein bisschen Menschlichkeit in dir ist, verstehst du doch wohl, wie ich mich fühle!“ Schließlich lässt sich der Soldat zu einer Reaktion herab und antwortet mit gesenktem Blick. „Ich bin ein Roboter.“

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Diese kurze Episode ist eine Rückblende aus dem zweiten Band der seit 2003 im Magazin Big Comics Spirits monatlich bei Shogakkan fortgesetzten Serie Pluto von Naoki Urasawa, der deutschen Lesern über Serien wie 20th Century Boys und Monster ein Begriff sein sollte. Der Ausschnitt ist Teil der Erinnerung des deutschen Roboter-Detektivs und zentralen Protagonisten mit dem charmanten Namen „Gesicht“ an dessen Zeit als Soldat im zentralasiatischen Konflikt – eine militärische Auseinandersetzung des industrialisierten Westens mit Ländern, die angeblich Massenvernichtungswaffen in Form von Robotern horteten - eine überdeutliche Parabel auf den Irak-Krieg. Der für Europol arbeitende Gesicht ist einer der sieben leistungsstärksten und damit auch potentiell gefährlichsten Roboter der Welt. Mit einer Einschränkung: Bei Naoki Urasawa gelten die asimovschen Robotergesetze. Will heißen: Gefährlich für andere Roboter, ja, gefährlich für Menschen, eigentlich nein. Denn ein Roboter darf einem Menschen kein Leid zufügen, geschweige denn ihn töten.

Umso schwieriger gestaltet sich für Gesicht also die Aufklärung zweier verwandter Mordfälle, welche die Prämisse der Geschichte ausmachen: Der ebenfalls zur Gruppe der leistungsstärksten Roboter gehörende Automaton Montblanc, der sich nach seinen Heldentaten im zentralasiatischen Konflikt in die Schweizer Alpen zurückgezogen hatte, um dort naturschützerischen Tätigkeiten nachzugehen, wurde nach einem unerklärlichen Waldbrand in Einzelteile zerlegt und mit wenig modischen Hörnern auf der Kopfpartie aufgefunden. Das Gleiche unelegante Bild inklusive künstlichem Hornaufsatz, nur weitaus blutiger bietet sich den Ermittlern im Falle des ermordeten menschlichen Anführers der Bewegung für Roboterrechte, Bernard Ranke. Doch der Tatort weist keinerlei Spuren eines menschlichen Täters auf, keine Haare, kein Blut, keine DNS-Abdrücke. Zudem fällt es schwer, das unter Gewaltanwendung verbogene Stahlfundament der Wohnung als Machwerk eines steroidgepushten Menschen zu interpretieren.

Einer nach dem anderen werden die sieben stärksten Roboter der Welt kompromisslos und ohne scheinbare Mühe eliminiert. Zur gleichen Zeit schaltet der offenbar gleiche Täter die bedeutendsten Figuren der Bewegung für Roboterrechte aus. Für die menschlichen Mitglieder der Fahndungsgruppen steht fest, dass sich der unerhörte Fall von vor sieben Jahren, als zum ersten Mal ein Roboter einen Menschen tötete, wiederholt hat. Die Ermittlungen des von Alpträumen geplagten Gesicht jedoch deuten in eine völlig andere Richtung.

Soweit mag sich Pluto nach einer belanglosen Science Fiction Geschichte im Krimi-Format eines Monster anhören. Doch das Cover der japanischen Taschenbuch-Ausgabe ziert mit Naoki Urasawa nicht nur der Name eines einzigen populären Manga-Autors. Direkt neben ihn gesellen sich die vier prominenten Kanji für ‚Osamu Tezuka’, seines Zeichens verantwortlich für die Prägung des Begriffs Story-Manga und dominanteste Figur des japanischen Nachkriegsmanga. Im Jahr 1964 begann Osamu Tezuka eine Geschichte namens 'Chijo saidai no robotto' ('Der stärkste Roboter der Welt’) für seine Reihe Tetsuwan Atomu, die in Deutschland und vielen anderen Ländern unter dem Titel Astro Boy erschienen ist. Ganz recht: Pluto ist ein Remake eben dieser Astro Boy-Geschichte, die in Japan noch immer eins der beliebtesten Abenteuer des 10.000 PS-Super Roboters darstellt. Urasawas neueste Geschichte war 2003 Teil einer medienübergreifenden Geburtstagsfeier Astros, der seiner Entstehungsgeschichte zufolge in genau diesem Jahr gebaut wurde. Anders als die gleichzeitig gestartete neue TV-Serie und diverse Videospielumsetzungen überdauerte Urasawas Pluto jedoch den Mediengagcharakter des Jahres 2003, und eine neue Episode der Serie in Big Comic Spirits wirft ihren Schatten noch immer mit massiven Werbeplakaten in den japanischen U-Bahnen voraus.

Wagt man einen Blick in eins der vier bisher erschienenen Taschenbücher, erinnert aber zunächst herzlich wenig an den knuddelig weichen Disney-Stil Tezukas. Die Hauptfigur ist ein halbkahler Detektiv mit verschlafenen Augen – man nimmt ihm sein Roboter-Dasein zunächst beinahe nicht ab –, die Umgebungen und Hintergründe bestechen mit großem Detailreichtum und Realismus, und von Astro Boy ist auf den ersten Blick weit und breit nichts zu sehen. Das liegt daran, dass er bei Urasawa wie ein völlig normaler Junge auftritt, ganz ohne den pubertär-revolutionären Punk-Haarschnitt des Originals. Auch formt er nicht auf jeder zweiten Seite seine Beine zu Düsenjets um. Ganz allgemein verzichtet Urasawas Astro Boy auf gesellschaftliche No-nos wie das Schießen von Schrotkugeln aus dem Gesäß. Ganz im Gegenteil: Die Roboter in Pluto möchten so menschlich wirken wie nur möglich. Zu diesem Zweck trinken sie trotz fehlender Geschmacksknospen Tee, essen Eis und gehen während längerer Unterhaltungen der Etikette zuliebe zur Toilette. Seitdem sie von den Menschen im zentralasiatischen Konflikt dazu missbraucht wurden, als Kraftmesser der beteiligten Länder große Mengen ihresgleichen zu töten, haben sie sogar begonnen, ihr Handeln zu hinterfragen und starke menschliche Gefühle wie Skrupel, Trauer und Freundschaft zu entwickeln. In dieser Beziehung ist Astro / Atom seinen Roboterkollegen schon weit voraus: Als er sich den Gedächtnischip Gesichts einsetzt ist er von dessen Vergangenheit so überwältigt, dass er in Tränen ausbricht.

Doch Atom oder Astroy Boy ist in Pluto alles andere als die Haupfigur. Wer Werke wie 20th Century Boys oder Monster gelesen hat, weiß, dass es in Urasawas neueren Manga oft schwer fällt, eine eindeutige Hauptfigur auszumachen – oft taucht ein vermeintlicher Anwärter auf den Titel über die Dauer eines ganzen Bands nicht auf und wird in seiner Gewichtung von ebenso fein ausgearbeiteten neuen Nebenfiguren ersetzt. Ein anderes Mal fällt der Fokus der Erzählung auf einen bereits bekannten Charakter, der über mehrere Kapitel weiter ausgebaut wird und anderen wichtigen Figuren den Schneid abzukaufen scheint. 

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Urasawas Version des ‚Stärksten Roboters der Welt’ bedient sich weitaus moderneren Erzählstrategien als es Tezukas Original tat. Das in 20th Century Boys bereits ausgiebigst angewendete Spiel mit verschiedenen erzählerischen Zeitebenen findet sich in Pluto in perfektionierter Form wieder. Doch die Postmoderne macht für ihn hier noch nicht halt – Rückblenden wie die oben beschriebene Szene werden über die Erinnerung von Robotern präsentiert. Und da es nur ein leichtes für geneigte fremde Parteien ist, deren Gedächtnischips zu löschen oder zu modifizieren, muss der Leser auch den Wahrheitsgehalt der dargestellten Handlung anzweifeln. Gesichts Ermittlungen gehen letztlich nicht nur den geraden Weg der Aussortierung möglicher Verdächtiger, sondern auch tief in seine eigene, durchaus anzweifelbare Vergangenheit.
Naoki Urasawa wird von Mangakolumnisten und Kritikern mit Recht als einer der modernsten Autoren des japanischen Marktes bezeichnet. Urasawas klarer, dem Realismus Katsuhiro Otomos entliehener Zeichenstil enthält im Ansatz gerade so viel der menschlichen Wärme Tezukas, um nicht in der Gefühlskälte des 80er Jahre New Wave Manga zu erfrieren.

Pluto war von Urasawa selbst zunächst als einfaches Remake geplant. Die ersten Charakterskizzen entsprachen weitgehendst den Designs Tezukas, und die Erzählung sollte ähnlich linear wie das Original verlaufen. Dieses ist aus heutiger Sicht jedoch eine sehr einfache Geschichte, die auch zum Zeitpunkt ihrer Entstehung für niemand anderes als Kinder geschrieben wurde. Anders als in Pluto ist die Identität des Mörders dort von Anfang an bekannt, und die Handlung ist eine Aneinanderreihung von spektakulären Kämpfen zwischen ebenso spektakulär gestalteten Super-Robotern. So ist Gesichts Auftritt im Original auf ein paar Seiten beschränkt, in denen er sich die Kleider vom Leib reißt und Pluto heldenhaft unzählige Kanonenrohre, die aus seiner Brust klappen entgegenstreckt – mit mäßigem Erfolg. Ihm bleiben gerade noch zwei Seiten zu leben. Tezukas Original verlässt seine jungen Leser mit der einfachen Moral, dass potentiell nützliche Entwicklungen wie Roboter in den Händen des falschen Menschen zu einer gefährlichen Waffe werden können.
Gegen eine Direktumsetzung des Stoffes setzte sich jedoch Tezukas Enkel Makoto Tezuka ein, und forderte von Urasawa die Courage, die Grenzen einer simplen Hommage zu durchbrechen und eine Urasawas restlichem Werk würdige Fassung zu zeichnen. Urasawa willigte ein. Ein dankenswerter Entschluss. Denn mit Pluto legt er sein bisher erwachsenstes Werk hin und beweist, dass er nicht nur eine erzählerisch kreative Größe ist, die auf dem japanischen Markt ihresgleichen sucht; er zeigt auch, dass er dazu imstande ist, die Relevanz eines bald fünfzig Jahre alten Stoffs für Kinder zu erkennen und für ein erwachsenes Publikum schmackhaft neu aufzubereiten. Pluto legt mit Tezukas ‚Stärkstem Roboter der Welt’ nicht nur ein wichtiges Stück Manga-Geschichte neu auf, sondern ist auch auf gutem Weg, selbst in die Chroniken des Mediums einzugehen.

 Pluto erscheint ab September auch in Deutschland bei EMA / Egmont Manga & Anime - dem Verlag sei nach dem mäßigen Erfolg von 20th Century Boys und Monster für diesen mutigen Schritt gedankt.


Text Copyright 2007 Michael Ecke
Cover, Scans Copyright Naoki Urasawa

 
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