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Gorilla des Monats

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Blessing Bell
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Japan (2002)

Regie: SABU, Buch: SABU, Kamera: Masao Nakabori, Musik: Yasuhisa Murase, Schnitt: Soichi Ueno, mit: Susumu Terajiama, Seijun Suzuki, Naomi Nishida, Ryoko Shinoharam Tooru Masuoka
Originaltitel: Kofuku no kane

Erschienen bei: Alive
Preis: 19.95 € (zusammen mit Monday) Monday / Blessing Bell bei Amazon.de

Eine kleine Kneipe, unterhalb der Bahnbrücke: Wie in einem Stillleben sitzen hier vier Figuren. Ein Mann, dessen Weg durch die namenlose japanische Stadt wir nun schon seit gut einer Stunde verfolgen, ein dicklicher Herr im Anzug, ein jüngerer Kerl in etwas verlotterten Klamotten und die Wirtin, eine Endvierzigerin, die genauso wie die Ausstattung ihres Etablissements schon weit bessere Tage gesehen hat, jetzt aber fast wie eine heruntergekommene Skurrilität wirkt. Plötzlich, als der junge Mann gehen will, bricht ein Streit los. Er will nicht zahlen, sondern weiter anschreiben lassen, die Wirtin dagegen will ihr Geld sehen. Man merkt den beiden an, dass dies nicht der erste Streit dieser Art ist. Man kennt sich, hat sich arrangiert, was aber nicht bedeutet, dass ein solcher Streit nicht dazugehören würde. Nur wird dieses Mal der Streit unterbrochen: der Mann im Anzug spricht leise dazwischen, wird sogar dafür böse von der Seite angepflaumt. Er, so sagt er, würde die Rechnung übernehmen. Das wollen die beiden Streitenden dann doch nicht. Aber der Mann besteht darauf. Er habe keine Verwendung mehr für das Geld. Soeben habe er erfahren, dass er Krebs habe und alles zu spät sei.

Blessing BellBlessing Bell

Geld ist eines der Themen, welche Blessing Bell von SABU durchziehen. Der Film beginnt mit dem Wanderer Igarashi, der einem Roadmovie gleich auf seiner Reise einigen Menschen begegnet, zumeist sogar wieder trifft. Gespielt wird die wortkarge Figur, die bis zum Ende nur beobachtet und nachdenkt, aber nie selbst spricht, von dem bekannten japanischen Schauspieler Susumu Terajiama, der vor allem als Nr. 2 in den ebenso zahlreichen wie bemerkenswerten Yakuza- und Gangster-Balladen von Takeshi Kitano bekannt geworden ist. Wir stellen in den ersten Minuten des Films fest, dass er seine scheinbar ziellose Reise im Industriegebiet begonnen hat, nachdem er vor den verschlossenen Türen seines soeben pleite gegangenen Arbeitgebers gestanden hat. Arbeitslos. Es scheint, als wüsste seine Figur nicht, damit umzugehen. Was ist denn nun der Sinn im Leben, wenn man nicht mehr an der kapitalistischen Welt teilhaben darf?

Diese Frage ist in Japan weitaus existenzieller als wir es uns hier vorstellen können. Ohne echtes funktionierendes soziales Netz ist man dort gezwungen, irgendwie für Geld zu sorgen. Aus diesem Grund erscheint es nur valide, dass ein Kollege gleich versucht, sich mit dem Messer zu erstechen. Geld ist in dieser Welt gleichzusetzen mit Sinn im Leben. Oder doch nicht?

SABU inszeniert seinen Film mit unmittelbaren Bildern. Er nutzt diese in den 90er Jahren entstandene vorherrschende Ästhetik des japanischen Independent-Films, um seine Geschichte möglichst fühlbar zu machen: zurückhaltende Einstellungen, nahe an Regisseure wie Ozu angelehnt etwas von der Figuren entfernt aufgenommen, mit einer starken Schärfentiefe, das ganze modern aus der Hüfte gefilmt, aber selten deutlich verwackelt. Dafür ist Blessing Bell, wieder dem klassischen japanischen Kino entlehnt, mit einem Hang zu langen, häufig auch statisch in Szene gesetzten Einstellungen gedreht. Zudem entwickelt der Film ein Auge für das häufig Abgekürzte, einen Sinn für die Dehnung eines scheinbar unwichtigen Moments, mit dem Ziel, dem Zuschauer einen Moment der Kontemplation zu erlauben. Das Ganze wirkt auf uns Westler wie ein perfektes Setup für den “realistischen” Film. Doch weit gefehlt. Wie so einige Regisseure seiner Generation, genannt seien hier nur Hirokazu Kore’eda , Shunji Iwai oder Toshiaki Toyoda, nutzt SABU diesen scheinbaren Realismus, um ihn über die Handlung und kleine, aber sehr genau implementierte visuelle Spitzen wieder einzureißen. Realismus, ein im asiatischen Kino sehr vorsichtig zu verwendendes Wort, existiert nur innerhalb einer strengen Symbol-Welt, die wiederum der Logik nach nicht zeigt, sondern andeutet. Im asiatischen Film existiert die neo-realistische Debatte oder die Unmittelbarkeit eines Ken Loach nicht.

Dazu passt es, dass die Reise eine der Unwahrscheinlichkeiten ist. Sowohl die Anordnungen der Treffen als auch die Dichte der Ereignisse um den Wandernden herum erscheint inszeniert, unecht. Dadurch erhält seine Reise eine symbolische Tiefe, die jedes Treffen, jeden Nebencharakter mit einer Bedeutung auflädt, die diese Figur für sich alleine stehend nicht hätte. Die Reise, eine mystische, nach innen gerichtete Handlung, verbindet die einzelnen als Charaktere dargestellten Aspekte. Und so scheint es dann auch, als ginge es dem grübelnden Mann um nichts weniger als den Sinn im Leben. Obwohl wir nie erfahren, woran er wirklich denkt, spiegelt die Außenwelt seine innere Beschaffenheit. Wie ist es denn möglich, ohne Arbeit, ohne Geld, einen Sinn im Leben zu finden?

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Um diesen Sinn herum gruppieren sich die einzelnen Figuren. Da ist der reiche Verbrecher, der aus dem Gefängnis entlassen wird, und dem seine ganze Macht trotzdem nicht nützt, oder der andere Yakuza, der sterbend danach fragt, was denn der Zweck seines Daseins als Verbrecher auf dieser Welt war. Da ist die alleinerziehende Mutter oder der Geist des alten Mannes (gespielt von Regielegende Seijun Suzuki!), dessen Glück seine Frau war. Aber dann ist da auch dieser andere Mann, der ebenfalls ohne Job dasteht, und der auf der Brücke steht und verzweifelt dem Zug hinterherschaut, der, überfüllt, die Massen an Arbeitern in die Stadt und wieder aus dieser heraus transportiert. Früher gehörte er dazu. Jetzt bleibt ihm nichts. Er ist allein, er hat keine Bestimmung mehr und keiner steht ihm bei. Wie auch, er hat keinen Charakter neben seiner Rolle als business man. Dazu noch redet er gestelzt. Selbstmord scheint die einzige Antwort zu sein.

Was bedeutet also Glück und Lebenssinn? Immer wieder erscheint die Verbindung des Geldes mit Glück. Doch wie sich zeigt ist Geld nicht fähig, ein Leben zu strukturieren oder einen Menschen glücklich zu machen. Es ist nur in der Lage, einem Menschen noch mehr Kummer zu bereiten, wenn es fehlt. Der arbeitslose Wanderer steht nun vor der Frage, was ihn als Menschen definiert. Will er wirklich aufgeben? Ist der verlorene Job ein so einschneidendes Erlebnis, dass er keinen gesellschaftlichen Sinn mehr erfüllen kann? Hat der gleiche Zug, der den Selbstmörder früher zur Arbeit und wieder zurück brachte, nicht auch etwas dämonisches, wenn er über die Bar rattert und alle, die Wirtin, den jungen Trinker und den Krebskranken durchschüttelt, als bräche er gleich durch die Decke? Gegen Ende des Films, da hat der Mann seinen Moment der Erleuchtung. Aus seinem ziellosen Wandern wird ein klar zielgerichtetes Rennen. Er hat seinen Platz und seine Antwort gefunden. Blessing Bell wirkt an dieser Stelle wie eine Meditation. Durch die Aufgabe aller weltlichen Richtungen, durch das Fehlen eines offensichtlichen Ziels, hat der Arbeitslose zu seiner Bestimmung, zum klaren Verständnis seines Lebens gefunden. Was genau das ist? Das sollte jeder selbst sehen. Es ist auf jeden Fall das Finale eines bewegenden und zugleich involvierenden Films.

Text Copyright 2007 Knut Brockmann
Poster, Screenshots Copyright
Rapid Eye Movies (rem)
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