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Gorilla des Monats

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Brick
Brick Cover Large USA (2005)

Regie & Buch: Rian Johnson, Kamera: Steve Yedlin, Musik: Nathan Johnson, mit: Joseph Gordon-Levitt, Norah Zehetner, Lukas Haas, Emilie de Ravin

Erschienen bei: Senator / Autobahn
Preis: 19,95€ Brick (Steelbook, 2 DVDs) bei Amazon.de

Er funktioniert unverschämt gut, dieser kleine Film Noir. Jeder detektivische Schritt, den der glücklose Protagonist Brendan Frye unternimmt, führt zu neuen Enthüllungen, neuen Wahrheiten. Und mit den Wahrheiten kommt ganz selbstverständlich die Ungewissheit, wird die Welt um den Detektiv immer feindlicher und fremder und gewalttätiger. Was ihm dabei wehtut, körperlich wie seelisch, das tut auch uns weh. Irgendwann scheint in diesem Film die ganze Welt nur noch aus Schmerzen zu bestehen. Aber warum entwickelt Brick diese unmittelbare Wucht, die uns bei den meisten Filmen aus dem klassischen Hollywood mittlerweile verwehrt bleibt? Indem er das allzu vertraute am Noir für uns fremd und neu macht. Regisseur Rian Johnson betreibt in seinem wunderbaren Erstlingsfilm kein nostalgisches Retro-Noir mit Fedoras und Trenchcoats. Er verlegt die fiesen, dunklen Großstadt-Geschichten der klassischen schwarzen Serie auch nicht einfach nur in eine Gegenwarts-Metropole. Sein Detektiv geht auf die High School.

Wer allerdings denkt, mit den Pubertierenden käme zwangsläufig ein parodistisches Element ins Spiel oder zumindest unfreiwillige Komik, der liegt völlig falsch. Denn jenseits des nur auf den ersten Blick simplen high concept ist Brick so geradeheraus hardboiled wie er es nur sein könnte. Das Muster liefert The Maltese Falcon, sowohl der ursprüngliche Roman von Dashiell Hammett als auch John Hustons 1941er Verfilmung: Eine schöne, unschuldige Frau ist verschwunden – in diesem Fall Emily (Emilie de Ravin), die Ex des Protagonisten Brendan (Joseph Gordon-Levitt). Am Telefon bittet sie ihn aufgelöst und mit kryptischen Worten um Hilfe; später leugnet sie, überhaupt in Schwierigkeiten zu sein. Dann ist sie tot. Zu diesem Zeitpunkt steckt Brendan schon mittendrin in seinen Ermittlungen, die für ihn und für uns nach und nach eine Pennäler-Welt enthüllen, die gleichzeitig von erbärmlicher Komik und bitterer Härte geprägt ist. Brendan macht Geschäfte mit dem Boss der High School-Drogenszene, der sich selbst „The Pin“ nennt (Lukas Haas) und sich zur David Lynch-Figur stilisiert hat, mit schwarzem Mantel und holzverkleidetem unterirdischen Hauptquartier. An allen Ecken und Enden bieten sich potentielle Mörder an, die immer auch Emilys Liebhaber waren. Und je obsessiver Brendans Suche nach Emily wird, desto schuldiger macht er sich selbst.

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Wie fast immer im Noir sind es dann auch in Brick Fragen nach Wahrheit, Schuld und Identität, die den eigentlichen Film ausmachen, nicht die (dennoch schlüssige) Handlung selbst. Im wie, im Prozess des Enthüllens steckt für Brendan nicht nur die Erkenntnis der Ereignisse, wie sie sich wirklich zugetragen haben, sondern auch die ausweglose Verstrickung in dieselben. Diese nur auf den ersten Blick widersprüchliche Tragik der Detektivfigur entwickelt sich nicht nur im Dialog und im Schauspiel, sondern auch in der cleveren Kameraarbeit. Immer wieder fotografieren Johnson und sein Kameramann Steven Yedlin beispielsweise Szenen mit direktem Gegenlicht, provozieren Lens Flares und heftige Überstrahlung. Das Licht, das der Detektiv auf die Welt wirft (in einer späten Szene des Films darf man das sogar wörtlich nehmen), macht nichts sichtbar, im Gegenteil: es verbrennt ihn und alles um ihn herum, macht die Wahrheit in der blendenden Überbelichtung unsichtbar. Brendan heißt wahrscheinlich nicht von ungefähr mit Nachnamen „Frye“.

Nicht nur solche überdeutlichen Zeichen deuten darauf hin, dass mit Rian Johnson ein Macher von ungeheuer spannenden Bildern aufgetaucht ist. Seine Kameraarbeit ist praktisch rein filmisch, in kaum einer Weise einem anderen Medium verpflichtet. Bei ihm gibt es fast keine malerischen Establishing Shots oder Bilder, die für sich alleine eine ästhetische Wirkung entfalten – die Schönheit liegt hier in der Zeitlichkeit, in der Kamerabewegung und im Schnitt. Da gibt es eine Szene, in der Brendan von einem Schlägertypen immer wieder zu Boden geschlagen wird und trotzdem wieder aufsteht, um erneut darauf zu bestehen, zum „Pin“ gebracht zu werden. Mit jedem weiteren Schlag des Ganoven schwenkt und fährt die Kamera blitzschnell zu neuen Bildern, lässt Brendan wieder und wieder aus dem Bildkader fallen, damit er sich mit ziemlich komischem Effekt doch noch zurück in die Handlung schleppen kann. Ein Standbild davon zu machen wäre sinnlos: seine Wirkung entfaltet der Moment nur aus der Bewegung heraus. Johnson und Yedlin machen also neue Bilder, die aufregend genug sind, dass sie den expressiven Schwarz-Weiß-Kontrast des klassischen Noir gar nicht mehr brauchen. Bei Yedlin wird stattdessen knapp an der Grenze zur Unterbelichtung gearbeitet, mit reflektiertem und gestreutem Licht. Die meiste Zeit über ist die Welt von Brick deswegen dominiert von feinen Abstufungen von Grau.

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Die Bilder schaffen für sich schon eine poetische Struktur, reimen sich, wiederholen sich, werden mit neuer Bedeutung aufgeladen. Man hat zügig vergessen, dass man sich hier angeblich mit einer High School-Welt konfrontiert sieht; im Gegenteil, es wird immer klarer, dass das gelogen ist. In Wirklichkeit sind wir in Johnson und Yedlin-Country. Der Dialog und das Schauspiel tragen dann noch ihren Teil zur lyrischen Entrückung bei. Brendan und Kompagnons unterhalten sich in blitzschnellem, höchst poliertem Hammett-Stil. Sie nuscheln und nöhlen. Sie klatschen einander verbal an die Wand mit Sprüchen, die echten Menschen (wenn überhaupt) erst nach zwanzig Minuten Nachdenken einfallen würden. Was Johnson dabei aus seinen jungen Darstellern an Coolness und Poker Face herausholt, ist schlichtweg phänomenal. Besonders Hauptdarsteller Joseph Gordon-Levitt, Lukas Haas als „The Pin“ und Nora Zehetner als kindliche Femme fatale spielen die klassischen Rollen mit einer erstaunlichen, alles andere als anachronistisch wirkenden Lässigkeit. Nichts an diesem Film wirkt von gestern, keine Spur von Nostalgie oder spielerisch-beliebigem postmodernem Zugriff. Das klassische dunkle Melodram vibriert plötzlich wieder vor Vitalität und Relevanz.

All das serviert uns das augenscheinlich äußerst ambitionierte neue Senator-Label Autobahn in der weltweit besten DVD-Fassung des Films. Die zwei Discs des Steelbooks sind sorgfältig und liebevoll aufbereitet und randvoll mit größtenteils tatsächlich sinnvollen, unterhaltsamen Extras: Das wacklige Mini DV-Making of beispielsweise zeigt uns hauptsächlich echtes Material von den Dreharbeiten, keine Selbstbeweihräucherung der Akteure vor Filmpostern. Generell machen die Mitwirkenden des Independent-Projekts, das für unter 500 000 US$ entstand, in den Extras einen angenehm bodenständigen, aber gleichzeitig höchst passionierten Eindruck. Rian Johnsons schwer zu ertragendes Talent wird dabei zum Glück etwas abgefedert durch die Dreingabe eines Frühwerks namens Origami Master, das frappierend an die eigenen ersten Gehversuche mit einer Kamera erinnert. Entsprechend freuen wir uns schon auf seinen neuen Film The Brothers Bloom, den er gerade vorbereitet, aber auch auf die zukünftigen Veröffentlichungen des Autobahn-Labels. Nach Hard Candy und Brick ist als nächstes John Cameron Mitchells Shortbus angekündigt. Brick jedenfalls ist jetzt schon eine der schönsten Veröffentlichungen des Jahres.

Link

http://www.rcjohnso.com/ Die Homepage von Regisseur Rian Johnson. Ein Forum ist angeschlossen.

http://forum.cinefacts.de/forumdisplay.php?f=161 Das Cinefacts-Forum des Autobahn-Labels.

Text Copyright 2007 Jochen Ecke
Brick, Screenshots, Package Artwork Copyright Bergman Lustig Productions, Focus Features, Senator Entertainment AG / Autobahn

 
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