Gorilla des Monats

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C.R.A.Z.Y. - Verrücktes Leben

crazyKanada (2005)

Regie: Jean-Marc Valleé, Kamera: Pierre Mignot, Skript: Jean-Marc Valleé, mit: Michel Côte, Marc-André Groudin, Danielle Proulx

Erschienen bei: Concorde
Preis: 13,45€

Zunächst einmal ist der Film von Jean-Marc Valleé nicht mit dem gleichnamigen und unglaublich schlimmen deutschen Film zu verwechseln. Auch hier geht es zwar um einen pubertierenden Jugendlichen, aber dieser ist Gott sei Dank nicht der Feder von Benjamin Lebert entsprungen. Crazy in dieser kanadischen Komödie ist nicht etwa ein Modewort, sondern zum Beispiel die Tatsache, dass hier in einer Familie fünf Söhne aufwachsen (die Anfangsbuchstaben deren Namen ergeben den Filmtitel) - und allesamt Charaktere für sich. Die Eltern selbst sind auch nicht unbedingt uncrazy. Vater Gervais hat eigener Aussage nach zu viele männliche Hormone abbekommen und legt außerdem eine religionsartige Liebe zu Musik (vor allem "Crazy" von Patsy Cline hat's ihm angetan) an den Tag. Mutter Laurianne stellt den Ruhepol der Familie dar, ist aber über jedes Maß hinaus gläubig und zwar auf die simple, naive Art. Als Zac, der Hauptdarsteller, als viertes Kind an Weihnachten zur Welt kommt, glaubt sie gar, der Sohn hätte eine gewisse göttliche Gabe abgekriegt. Der kleine wächst als Papas und Mamas Liebling auf - bis sich langsam manifestiert, dass der Junge schwul ist. Undenkbar in einem Haus, in dem es die größte Sünde ist, den anderen als Schwuchtel zu bezeichnen!

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Der Lebenswandel kapituliert Zac also sofort zum Problemsohn nummer eins, der zu Psychologen geschicht wird und stets unter Beobachtung zu stehen hat, dass er auch ja keinen Mann anrührt. Und er selbst kämft von nun an darum, die Liebe und Anerkennung seines strengen Vaters wiederzugewinnen. Aber da C.r.a.z.y. kein durchschnittlicher Coming-Out-Streifen ist, machen Zacs Irrungen und Wirrungen auf dem Weg zum Familienglück wirklich spaß, ohne ins Cliche´e abzurutschen. Schließlich haben wir es hier nicht mit einem Einzelgänger, sondern mit einer ganzen Familie zu tun! Zacs Brüder sind allesamt schräge Typen: Der eine ein scheuer Intellektueller, der stets als Klassenbester endet, der andere ein Sportler mit plumpen Sprüchen aber einem Schrank voller Trophäen. Für drittjüngsten Antoine blieb also kaum was übrig, als gegen alle Werte zu rebellieren und zu einem drogensüchtigen Nichtsnutz zu werden. Nesthäckchen Yann scheint normal zu sein, hat sich mit seiner Figur aber den Spitznamen "Fettklößchen" verdient. Wir begleiten die Familie aus Quebec fast dreißig Jahre lang - niemand wäre so töricht zu glauben, dass ein schwuler Sohn das schlimmste ist, was den Beaulieus in dieser Zeit passiert!

C.r.a.z.y. führt den Zuschauer mit einem nostalgisch-verklärten Blick nicht nur durch die Familienerlebnisse, sondern auch durch die französisch-kanadische Geschichte. Während draußen in den 60er Jahren die Stille Revolution stattfindet, beginnt das Leben drin mit den Stones und Jefferson Airplane. In den 70er Jahren wird eine der schönsten Szenen des Films von "Major Tom" begleitet, Zac imitiert Bowie und sieht, als er in den 80ern dann schließlich zu sich selbst findet, selbst aus wie Robert Smith. Seint sein Vater steht während dieser Zeit natürlich ungebrochen auf Patsy Cline. Tatsächlich wurde ein großer Teil des Filmbudgets dafür verwendet, die Rechte an den vielen verwendeten Songs zu erwerben. Die Pop- und Kultur der vergehenden Zeit aus C.r.a.z.y. wegzudenken wäre völlig unmöglich, sie schimmert in Kleidung, Frisuren, Ambiente durch, ohne jemals peinlich in den Vordergrund gerückt zu werden. Erwähnenswert auch der relativ junge Marc-Andre´ Grondin, der Zac von der Pubertät an bis zum Schluss hervorragend verkörpert. Nicht nur das Make-Up lässt den Darsteller, wie sonst so oft, altern, er wird tatsächlich erwachener und reifer.

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In den 80ern ist die Handlung zu Ende, doch dass der Film erst 2005 in die Kinos gekommen ist, macht sich in jeder Einstellung bemerkbar. Manche nennen die Machart postmodern, ich bevorzuge diesmal die Bezeichnung "hippe zeitgenössische Tragikomödie für intellektuelle Junggebliebene". In diese Kathegorie reiht C.r.a.z.y. sich gleich nach Elizabethtown, The Royal Tannenbaums oder My Name Is Tanino ein. Erkennungsmerkmale sind neben der omnipräsenten Popmusik und der Irgendwie-doch-Coming-of-Age-Familiengeschichte vor allem ungewohnte Froschperspektiven, um die heikle Lage der Charaktere darzustellen, Slow Motion, um Peinlichkeiten gefühlsecht wiederzugeben und immer wieder eingeschobene Traumsequenzen, die auch mach völlig utopisch ausfallen dürfen. Der Film zeigt gar nicht die Wahrheit, nur Zacs verschrobene Sicht darauf. Dadurch verbirgt C.r.a.z.y. genau wie seine Artgenossen, die eigentliche Tiefgründigkeit hinter einem Schleier aus Spaß und Naivität. Und schenkt uns knapp zwei Stunden Seligkeit.

Wer des Französischen, oder besser, des Québequoise mächtig ist, wählt übrigens am besten den Originalton der DVD. Das Quebequoise der Darsteller macht es wert, und auch Sprachwitze wie "keine Zigaretten, kein Alkohol, kein Fluchen mehr... Scheiße, ich hab den Tabak in der Kneipe vergessen!" sind nicht mehr lustig, wenn man fluchen mit ficken übersetzt. Und... "Fettklößchen" - ja, wirklich "Fettklößchen" - kann als Übersetzung gar nicht ernst gemeint sein. Dass Crazy auch dann noch funktioniert, zeugt von wahrer Größe.

Text Copyright Darina Goldin 2007
Cover, Screenshots Copyright Concorde 

 
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