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The Portent - Zeichen des Unheils

portentThe Portent 1 - Zeichen des Unheils: Das Reich der Geister

Skript, Zeichnungen: Peter Bergting, Übersetzung: Frauke Pfeiffer

Erschienen bei: Cross Cult
Preis:
19,80 € The Portent: Das Reich der Geister bei Amazon.de

Joseph Campbell konnte ja nichts dafür, was in seiner unglücklichen Nachfolge diverse Autoren zweifelhafter Drehbuch-Baukästen durch die Banalisierung seiner Theorien verbrochen haben. Denn egal was uns selbsternannte "Drehbuch-Gurus" wie McKee und Kompagnons erzählen wollen, Mythen funktionieren nur bedingt nach einem simplen Schema H wie „Heldenfahrt“. Oder anders ausgedrückt, rein mechanische Pflichterfüllung der traditionellen Mythenstrukturen (naiv-ritterlicher Held, weise Helferlein, diverse Hindernisse etc.) lässt eher selten die Synapsen feuern und aktiviert maximal das Unterbewusstsein von leicht zu beeindruckenden Zwölfjährigen. Tatsächlich ist es nicht die durchschaubare Struktur der Erzählungen, durch die sich Odysseus’, Lancelots oder Beowulfs Erlebnisse so nachhaltig in unseren Köpfen festgesetzt haben, sondern gerade das irrationale, amoralische und unheimliche Element an ihnen.

Das muss auch dem schwedischen Autor/Zeichner Peter Bergting bewusst gewesen sein, als er an diesem ersten Band seiner Fantasy-Reihe The Portent arbeitete. Sein Comic erfüllt natürlich auch die Oberflächenkriterien für eine mythische Erzählung. Da gibt es einen jungen Helden namens Milo, der angeblich auszieht, um einen bösen Geist zu bekämpfen. Ihm zur Seite stehen verschiedene Helferfiguren, die ihn eine Weile auf seiner Reise begleiten. Milos Fahrt stellt sich in der Folge natürlich nicht nur als harmlose Trimmdichpfad-Begehung heraus, sondern hat für ihn in all ihrer Beschwerlichkeit auch einen moralisch-erzieherischen Wert - er lernt, mit Verantwortung umzugehen. Die Frage ist nur: klingt das alles jetzt so furchtbar spannend?

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Eher doch nicht, möchte man sagen. Trotzdem ist Bergtings erstaunliches Comic-Debüt eine ziemlich aufregende Entdeckung. The Portent schöpft sein Aufreger-Potential aber sicher nicht aus seiner Struktur oder seinem Plot. Das liegt daran, dass es gar keinen einheitlichen „Plot“ gibt, sondern eher eine Vielzahl davon. Das Jonglieren mit diesen Plots macht Bergting erhebliches Talent aus, den drögen Heldenmythos neu aufzuladen, das allzu vertraute doch tatsächlich wieder geheimnisvoll und unheimlich wirken zu lassen. Diesen Effekt erreicht er mit einer solchen Masse an unterschiedlichen Mitteln, dass sie sich kaum alle im Rahmen einer so knappen Besprechung erfassen lassen. Drei gemeinsame Nenner scheinen aber viele von ihnen zu haben: die Auslassung, die Vielstimmigkeit - und dadurch die beständige Umdeutung der Erzählung sowohl durch ihre Figuren als auch durch den Leser.

„Held“ Milo wird auf den ersten Seiten der Geschichte nicht lange mit einer Biographie versehen, sondern befindet sich schon auf mehr oder minder wortloser Wanderschaft. Seinen Namen erfahren wir nicht direkt von einem Erzähler oder von ihm selbst, sondern von einer Fee am Wegesrand. Niemand muss das Fabelwesen dazu auffordern, den Namen zu flüstern: die Fee tut es einfach, und wir Leser wissen nicht warum. Zwei Geister, denen Milo gleich darauf begegnet, verhalten sich ähnlich geheimnisvoll und deuten nur an, die Handlungen des jungen Mannes könnten katastrophale Folgen für sie haben, unternehmen aber nichts gegen ihn. Andere finstere Gestalten, deren Bekanntschaft Milo macht, interpretieren den „Helden“ direkt als Eindringling und Zerstörer und greifen ihn an. Als Milo aber schließlich in einer beinahe verlassenen alten Festung eintrifft, wird er dort uneingeschränkt als der prophezeite Held empfangen.

Spätestens damit sind wir Leser vollends im Dunklen, wen wir da eigentlich begleiten: einen Retter? Einen Zerstörer? Keins von beiden? Milo kann und mag sich zudem nicht selbst erklären, und der Erzähler schweigt sich auch aus. The Portent bleibt so bis zur letzten Seite eine Gechichte der Ungewissheit, fordert ständig die eigene Interpretation und Neu-Interpretation ein, mag sich beharrlich nicht für einen einzelnen Blickwinkel auf die Ereignisse entscheiden. Dieses vielstimmige Prinzip treibt Bergting aber nur ganz unterschwellig voran. Er stellt seine Mittel nicht unmittelbar aus, und das macht sie nur effektiver: Man gruselt sich beim Lesen dieses Bandes und gewinnt einen ehrfurchtsvollen Abstand zu seinen geheimnisvollen Ereignissen, ohne dass man so recht weiß warum. Das ist ganz großes Mythen-Tennis.

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Bleibt noch zu sagen, dass Bergtings frühreife Meisterschaft sich auch in den tollen Zeichnungen äußert. Der Schwede mag zwar sichtlich stark von Mike Mignola und Michael Kaluta beeinflusst sein, aber er übernimmt von den beiden Großmeistern nicht nur die graphischen Oberflächenwerte, sondern auch deren effizientes Panelling und Rhythmusgefühl, ihren Sinn für Komposition und insbesondere Mignolas Tendenz zur Flächigkeit, zum offenen, weiten Horizont. Bergtings Kolorierung dagegen scheint an der Arbeit des Hellboy-Farbmeisters Dave Stewart geschult zu sein, beschränkt sich aber auch nicht auf bloße Imitation: Während die Farben in den Hellboy-Bänden ganz bewusst schattierungslos gehalten sind und so auf den maximalen graphisch-flächigen Effekt abzielen, legt Bergting großen Wert auf die plastischen Möglichkeiten der Kolorierung. Wir haben selten solch stimmungsvolle, still-erhabene Landschaftsbilder in Comics gesehen, geschweige denn derart unheimliche verlassene Festungen oder Tempel. Nicht nur Bergtings Erzählung birgt ein großes Geheimnis, sondern auch seine Bilder.

The Portent ist also eine mehr als würdige Ergänzung im sowieso schon sehr geschmackssicheren Verlagsprogramm von CrossCult. Wie bei den Herausgebern üblich wird der Band als schön gestalteter Hardcover im Kleinformat veröffentlicht. Das ist nicht der einzige Vorteil gegenüber der US-Veröffentlichung bei Image Comics; im Bonus-Teil findet sich neben dem Zusatzmaterial des US-Paperbacks nämlich zudem noch ein lesenswertes Interview mit Bergting, geführt von der deutschen Übersetzerin Frauke Pfeiffer. Die leistet auf den Seiten davor grundsolide Arbeit, mit nur ein paar wenigen Ausfällen: Das englische Konditional der ersten Seiten beispielsweise, das im Zusammenhang dort eine gewohnheitsmäßige Handlung ausdrückt, wird in der deutschen Fassung leider zum Konjunktiv, der fehl am Platze ist. „Die Familien von kürzlich Verstorbenen würden sich in deren Häusern versammeln“, heißt es da zum Beispiel. Richtig wäre im Deutschen einfach nur ein Präteritum, also zum Beispiel „Die Familien von kürzlich Verstorbenen versammelten sich gewöhnlich in deren Häusern.“ Das ist aber der einzige verfälschende Moment in einer ansonsten ordentlichen deutschen Übertragung. Selbst US-Puristen dürfen also diesmal der deutschen Veröffentlichung den Vorzug geben.

Links:

http://web.mac.com/bergting/iWeb/Bergting/Welcome.html Peter Bergtings Seite
http://www.cross-cult.de/ - Offizielle Seite des deutschen Verlages

Text Copyright 2007 Jochen Ecke
The Portent, Coverartwork, Auszüge Copyright Peter Bergting, Cross Cult

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