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Gorilla des Monats

bernie 
Rom
romeUSA / UK 2005

Buch: Bruno Heller, Regie: Michael Apted, Allen Coulter, Alan Poul, Musik: Jeff Beal, Darsteller: Polly Walker, Kevin McKidd, Ray Stevenson, James Purefoy, Max Pirkis, Lindsay Duncan, Tobias Menzies, David Bamber, Ciarán Hinds, Kenneth Cranham, Karl Johnson

DVD-Preis: ca. 50 € Rom - Die komplette erste Staffel (Uncut, 6 DVDs)

„Gallia est omnis divisa in partes tres...“ Etliche Lateinschüler erinnern sich voll kaltem Grausen an so manche lange Lateinstunde, in der sie sich unter der Knute des gestrengen Lehrkörpers mühsam durch verschachtelte Relativsätze voller Ablativi absoluti und Gerundien quälten. Dabei verbirgt sich hinter Caesars wohlfeiler Prosa eine blutige Realität, die bisher keine noch so aufwendige Verfilmung angemessen eingefangen hat. Eine ordentliche Herausforderung für HBO, die BBC und den italienischen Staatssender RAI. Nachdem HBO schon mit Deadwood das Westerngenre entglorifizierte, hat man sich nun des alten Roms angenommen. Und bereits nach den ersten Minuten von Rome, in denen wir einen blutigen Kampf zwischen perfekt gedrillten Legionären und entschlossenen Galliern miterleben, ist klar, dass Produzent John Millius und Autor Bruno Heller sich nicht mit Halbheiten zufrieden geben. Vergesst die braven Sandalenfilme Hollywoods, Rome zeigt den ehemaligen Mittelpunkt der Welt ungeschminkt, dreckig, laut, lebensfroh, grausam und gleichzeitig unglaublich anziehend und faszinierend.

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Im Jahre 52 v. Chr. hat Caesar halb Gallien entvölkert und unter römische Herrschaft gebracht. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung, leistet auch kein kleines Dorf den Eindringlingen erbitterten Widerstand. Gallien ist unterworfen, die Welt liegt Caesar zu Füßen und in Rom beobachten die Aristokraten mit Sorge, was Caesar, der Liebling des gemeinen Volkes, als nächstes tut. Mit tausenden treu ergebenen Legionären und einer prall gefüllten Kriegskasse, ist die Alleinherrschaft in Rom ein ebenso erstrebenswertes wie machbares Ziel. Denn das politische System der römischen Republik, das für einen kleinen Stadtstaat absolut ausreichend war, ist auf Grund des stetigen Wachstums des römischen Herrschaftsgebietes und des Gier der herrschenden Klasse nach über 700 Jahren brüchig und marode und wartet nur auf einen entschlossenen Politiker, der den Sprung an die Spitze der Macht wagt. Wilde Zeiten und ein perfektes Setting für Gewalt, Liebe, Intrigen – all das eben, was eine zünftige Historie ausmacht. 

Hauptfiguren sind weder Caesar, noch sein erster Mann, Mark Anton, auch nicht seine Widersacher Pompeius, Cicero oder Cato, sondern zwei einfache Soldaten: Lucius Vorenus und Titus Pullo. Aber auch diese beiden sind keine Erfindung der Autoren. Caesar selbst erzählt uns: „Erant in ea legione fortissimi viri, centuriones, qui primis ordinibus appropinquarent, Titus Pullo et Lucius Vorenus.“ – zu deutsch „In dieser Legion dienten zwei außerordentlich tapfere Centurionen, die schon vor der Beförderung zum höchsten Rang standen, Titus Pullo und Lucius Vorenus.“ Während Vorenus in der Serie als äußerst fähiger und hoch dekorierter, aber auch besonnener Centurio angelegt ist, stellt Pullo als rauflustiger, unbeherrschter, aber sehr menschlicher einfacher Legionär das gefühlsbetonte Gegenstück zum rationalen Vorenus dar. Diese beiden konträren Gestalten sind der Zugang des Zuschauers zu dieser ebenso vertrauten, wie exotischen Welt.

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Denn das Rom von Rome hat nichts mit den auf Hochglanz polierten Marmormetropolen der Hollywood-Produktionen der 50er und 60er Jahre zu tun. Rom ist ein übergroßes Dorf, das über Nacht irgendwie zur Herrscherin der Welt wurde – es ist laut, schmutzig, chaotisch und voll. Man meint fast, den Gestank der Straßen zu riechen, wenn auf dem Forum Vieh geschlachtet wird und der Unrat sich an den Straßenrändern türmt. Selbst die Häuser der reichen Patrizier sind stets in schummriges Fackel- und Kerzenlicht getaucht, die perfekte Beleuchtung für ausschweifende Intrigen und Machtspielchen. Rome spielt nun mal einige Jahre bevor Augustus – der hier noch als pubertierender Jüngling Octavian von seiner intriganten Mutter Atia auf einer strengen Ziegenhodendiät zwecks Stählung des männlichen Gliedes gehalten wird – der Stadt einen üppigen Gold- und Marmorüberzug spendierte. Überhaupt ist der Charakter der Stadt wunderbar eingefangen, alleine der Vorspann mit seinen animierten Graffitis vermittelt den römischen Alltag besser, als so manche trockene Geschichtsstunde. In dieser Welt leben echte, hart arbeitende Menschen, mit ihren Fehlern und Ambitionen.

Da ist zum Beispiel Cicero: einerseits ein arroganter Emporkömmling, gleichzeitig aber auch ein begnadeter Redner und ein Realist, der die Zeichen der Zeit erkennt und nicht länger als notwendig für eine verlorene Sache kämpft. Oder Cato – ein mürrischer, eigenwilliger Stoiker, der seine moralischen Grundsätze bis zum bitteren Ende aufrechterhält. Und nicht zu vergessen die Damen der Oberschicht, denen zwar die direkte politische Einflussnahme verwehrt ist, die aber dennoch hinter den Kulissen die Fäden ziehen und die scheinbar Mächtigen nach Strich und Faden manipulieren und dabei noch weitaus rücksichtsloser und subtiler vorgehen, als Machtpolitiker wie Caesar und Pompeius. Es gibt keinen echten Sympathieträger, es gibt keine strahlenden Helden und keine abgrundtief bösen Schurken in Rom. Jeder Figur versucht, das Beste für sich aus den gegebenen Umständen zu machen – sie unterscheiden sich lediglich in ihrer Skrupellosigkeit.

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Glaubhaft wird das alles nicht nur durch die aufwendigen, realistischen Kulissen und die gelungene Regiearbeit, vor allem die Schauspieler spielen sich tatsächlich die Seele aus dem Leib, um den überlebensgroßen Figuren der Geschichte, deren Handeln sich noch in unserer heutigen Lebenswirklichkeit widerspiegelt – oder was glaubt ihr, warum der siebte Monat des Jahres ausgerechnet Juli heißt? Kenneth Cranham spielt Pompeius als gealterten Helden, der seinen Zenit schon vor Jahren überschritten hat und dies selbst auch ahnt, dass er keine politische Zukunft mehr hat. Tobias Menzies’ Brutus, heute der Prototyp des Verräters, ist ein Opfer der Umstände, der Politik und ihren Intrigen. Mark Anton, gespielt von James Purefoy, ein unglaublich sympathischer und gewinnender Lebemann, begrüßt Brutus gerne schon mal mit einem jovialen „Brutus, you old cock!“ – aber als verlässlicher und draufgängerischer Heerführer, genießt er dennoch Caesars vollstes Vertrauen. Auffällig ist dabei, dass die Hauptrollen ausnahmslos mit britischen Schauspielern besetzt wurden. So kommt der englische Originalton griffiger und mit einer Spur mehr Profil daher, als die dennoch sehr ordentliche deutsche Synchro.

Natürlich darf man an eine Unterhaltungsserie nicht den Anspruch einer absoluten geschichtlichen Korrektheit stellen. Daher überrascht es umso mehr, wie exzellent die Produzenten von Rome recherchiert und wie genau die zahlreichen Ausstatter die Welt des alten Roms wiederauferstehen lassen. Die farbenprächtigen Kostüme, die aufwendigen Requisiten und die ausladenden Frisuren der Patrizierinnen schaffen ein stimmungsvolles Bild einer lebendigen Welt. Dabei schrecken die Produzenten auch nicht vor schockierenden Bildern zurück. Brutale Kämpfe, bei denen die Kameras keine grausames Detail auslassen, derbes, obzönes italisches Theater und zahlreiche nackte Tatsachen bei Mann und Frau sind das Letzte, was man von einer amerikanischen TV-Serie oder gar einem Kinofilm erwarten würde. Das Rome-Team nimmt sich das nötige Maß an kreativer Freiheit bei der Interpretation historischer Figuren und ändert auch gelegentlich mal geschichtliche „Fakten“. Der echte Caesar wurde nun mal nicht in der Curia auf dem Forum, sondern weit davon entfernt auf den Stufen des Pompeius-Theaters ermordet – für die Dramaturgie der Handlung ist die Curia allerdings einfach stimmungsvoller. Wer sich partout über kleine Ungereimtheiten aufregen möchte, findet sicherlich genügend Kritikpunkte, trotzdem wird er keine gelungenere Repräsentation des republikanischen Roms, weder auf Kinoleinwand noch auf dem Fernsehschirm finden.

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Mittlerweile ist auch in Deutschland eine exzellente DVD-Box erhältlich. Für etwa 40 Euro bekommt der Käufer nicht nur die 12 ungeschnittenen Folgen der ersten Staffel, sowie ein paar hübsch aufgemachte Dokumentationen, sondern auch eine aufwendig gearbeitete Holzkiste, in der die sechs Silberscheiben untergebracht sind. Rome gehört ein fester Platz in jeder DVD-Sammlung. Lasst euch nicht von schlechten Erfahrungen im Lateinunterricht abschrecken und gönnt euch einen 12 Folgen langen Urlaub in der ehemaligen Hauptstadt der Welt.

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Text Copyright 2007 Bettina Herbig, Thomas Nickel
Cover, Screenshots Copyright HBO, BBC, RAI

 

 
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