Advertisement

Gorilla des Monats

bernie 
Home arrow Filme arrow Gewalt und Leidenschaft
Gewalt und Leidenschaft
Gewalt und LeidenschaftItalien (1974)

Regie: Luchino Visconti, Kamera: Pasqualino De Santis, Skript: Enrico Medioli, Suso Cecchi d'Amico, Luchino Visconti, mit: Burt Lancaster, Helmut Berger, Silvana Mangano, Claudia Marsani, Stefano Patrizi, Elvira Cortese

Originaltitel: Gruppo di famiglia in un interno

Erschienen bei: Koch Media
Preis: 14,95 € Gewalt und Leidenschaft bei Amazon.de

Er mag edel und stark wirken wie ein alter italienischer Fürst, dieser namenlose amerikanische Professor (Burt Lancaster), der seit Jahren zurückgezogen in einem prunkvollen römischen Stadthaus wohnt – aber er ist es nicht. Schon in der ersten Szene von Viscontis spätem Film Gewalt und Leidenschaft wird er gleich doppelt manipuliert: zwei zwielichtige Kunsthändler nutzen seine Leidenschaft für die Malerei des 18. Jahrhunderts aus, um ihm für einen völlig überzogenen Preis ein Bild zu verkaufen. Daneben sitzt auf einer Couch eine distinguierte italienische Dame mittleren Alters und beobachtet die zweifelhaften Verhandlungen wortlos. Die Kunsthändler verschwinden alsbald wieder, aber die Dame bleibt, sehr zum Erstaunen des Professors. Die Signora gehörte gar nicht zu den beiden Herren, nein, sie hat sich nur mit ihnen in die Wohnung geschlichen. Jetzt zwingt sie den Professor dazu, ihr das zweite stattliche Apartment im Haus zu vermieten. Und plötzlich wimmelt es in der ehemaligen splendid isolation des Professors nur so vor höchst ungeniert agierenden Gestalten: es stellt sich heraus, dass die Wohnung für Konrad (Helmut Berger) gedacht war, den Gigolo der Signora – und mit ihm kommen weite Teile ihrer Familie.

Das Szenario ist ziemlich untypisch für Visconti, vor allem aus einem Grund: der Professor, mehr oder minder eindeutig das Double des Intellektuellen Visconti, wird zum Handeln gezwungen. Er ist zumindest noch ein letztes Mal in die (Außen-)Welt, die Welt der jungen Leute, involviert. Im Gegensatz beispielsweise zu von Aschenbach in Der Tod in Venedig ist der bürgerliche Intellektuelle also diesmal nicht der stille, leidende Beobachter. Visconti erzählt uns auch nichts darüber, wie das Leben des Professors außerhalb dieses Ausnahmezustands aussehen könnte – sein Thema in Gewalt und Leidenschaft ist der heftige Bruch; nicht die langsame Entwicklung, sondern die ausgewiesene Manipulation des Professors. Da verwundert es nicht, dass Visconti sich zuvor im Theater mit dem britischen Dramatiker Harold Pinter auseinandergesetzt hatte. Aus dessen Arbeit scheint er das Grundkonzept seines vorletzten Films übernommen zu haben: Gerade in den frühen Stücken Pinters brechen immer wieder Fremde in ein an sich schon latent instabiles geschlossenes System ein und machen als Katalysator die Machtgefüge und moralischen Abgründe dieser Systeme sichtbar.

Gewalt und LeidenschaftGewalt und Leidenschaft 

Was erfahren wir also über den Professor durch den Katalysator seiner neuen „Familie“, die sich so schlagartig um ihn versammelt? Ziemlich wenig, wenn man nur auf seine Dialogzeilen hört: da gibt er fast nichts von sich preis. Gegen Ende des Films erzählt er ein wenig von seiner Vergangenheit, aber das ist kaum aufschlussreich. Seine offensichtliche leidenschaftliche Verstrickung in die Gegenwart lässt er ganz unkommentiert. Wir können also nur sein Handeln interpretieren und in seinem Gesicht lesen. Gerade was letzteres angeht, sorgt Visconti ausgiebig für Gelegenheiten: Wie kaum ein anderer seiner Filme ist Gewalt und Leidenschaft in der Inszenierung so sehr auf die Reaktionen, die Großaufnahmen einer einzelnen Figur ausgerichtet. Immer wieder legt Visconti großen Wert darauf, von Gruppenaufnahmen in der Totale zu Lancasters Großaufnahme zu zoomen – gerade im ersten Drittel des Films reduzieren sich so viele Einstellungen am Ende, kurz vor dem Schnitt, auf den Blick des Professors. Viscontis Inszenierung hier ist vitaler und dynamischer als beispielsweise bei Der Tod in Venedig.

Und dann ist da noch das Handeln des Professors, das sich wohl nur wegen einer Person ergibt: Konrad. Der arrogante, verzweifelte junge Mann, so wird es angedeutet, stand während seiner Studentenzeit in engem Kontakt mit linksradikalen Terroristen. Er ist völlig desillusioniert über das Scheitern der 68er, und diese Verzweiflung an der Welt teilt er mit dem Professor – sie äußert sich bei Konrad nur anders, in Selbstzerstörung und vulgärem Verhalten. Es ist kaum zu bezweifeln, dass sich der Professor in diese gebrochene, oft eigentlich unerträgliche Gestalt verliebt, auch wenn das nie ausgesprochen wird. Das ist wohl auch der einzige Grund, warum er das Schmierentheater um seine neuen Mieter überhaupt erduldet: seine Bibliothek wird unter Wasser gesetzt, sein Personal vereinnahmt, und trotzdem lügt er später gegenüber der Polizei, um Konrad zu schützen. In dem Verhältnis der beiden zeigt sich, dass die Gegenüberstellung von jung und alt, die oft in der Kritik als plakativ abgeurteilt wurde, eigentlich gar nicht so einfache Schlüsse zulässt. Worin sich die Jungen und die Alten ähneln, worin sie gleich sind und wo sie sich völlig voneinander unterscheiden, das lässt sich hier fast nie mit Bestimmtheit sagen – im besten Falle sind die Übergänge fließend. Widersprüche können immer nur für einen Augenblick überwunden werden: Wenn Konrad beispielsweise dem Professor für einen Augenblick die Hand auf die Schulter legt, als sie zusammen ein Gemälde betrachten. Aber selbst da weiß man nicht, wie kalkuliert die Geste war.

Gewalt und LeidenschaftGewalt und Leidenschaft 

Die deutsche DVD-Fassung von Koch Media ist überzeugend. Das Bild ist ordentlich; die wenigen Schnitte der damaligen deutschen Kinofassung wurden akribisch rückgängig gemacht. Das eigens für die DVD-Veröffentlichung aufgezeichnete Interview mit Helmut Berger zeigt ihn erstaunlich offen und, ganz unterschwellig, auch sehr wehmütig über seine Zeit als Viscontis Liebhaber. Fritz Göttlers Essay im beiliegenden Booklet ist leidenschaftlich, schwärmerisch, aber gleichzeitig wohlinformiert und präzise. Eine sehr empfehlenswerte Veröffentlichung dieses Films also, der so zügig, nachdrücklich und ökonomisch inszeniert ist wie kaum eines der großen Visconti-Epen der sechziger Jahre – was ihn aber nicht weniger dicht oder faszinierend macht.  

Text Copyright Jochen Ecke 2007
Cover, Screenshots, Film Copyright Rusconi Film S.p.a., Gaumont International, Koch Media

 
< zurück   weiter >
© 2012 www.g-wie-gorilla.de
Joomla! is Free Software released under the GNU/GPL License.