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Joss Whedon
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Joss Whedon
Seite 2

whedonIm Oktober 2005 durfte ich inmitten einer gesprächigen Interviewgruppe dem großen Geek-Swami Joss Whedon gegenübertreten. Was dabei herauskam lest ihr hier:

Peter Clausen:
Okay, fangen wir mit einer einfachen Frage an. Nach der Absetzung von Firefly hat Ihnen Alan Tudyk (Wash) den Notfallknopf von der Brücke der Serenity gegeben, um die Crew im Falle eines Wunders wieder zusammenzurufen. Haben sie ihn gedrückt, als Sie das grüne Licht für den Kinofilm bekommen haben?

Joss Whedon: Es ist komisch. Ich habe ihn gedrückt, und dann stellte sich heraus, dass es nur ein Requisit war und keiner mich hören konnte. Dann musste ich stattdessen das Telefon benutzen. Aber stimmt, ich glaube, ich habe den Knopf immer noch in meinem Büro. Aber wie gesagt – er hat nicht im geringsten funktioniert. Und das nach all der Mühe... (plötzlich zeigt Joss Whedon mit der Hand auf ein Mitglied der Gruppe). Los!

Gruppe: Ich? In Ordnung. Eine der ersten Szenen im Film ist eine sehr lange Kamerafahrt. Wie lange hat es gedauert, bis Sie dieses Segment im Kasten hatten?

Joss Whedon: Nun, das waren eigentlich sogar zwei Kamerafahrten, weil wir das Ober- und Untergeschoss des Schiffes nebeneinander gebaut hatten. Wir mussten also einen Schnitt verstecken. Die erste Hälfte hatten wir nach 30 Takes gedreht, die Zweite nach 16. Beeindruckenderweise wurden nur zwei davon wegen Kameraproblemen vorzeitig beendet. Unser Kameramann war wirklich toll, gerade wenn man bedenkt, dass er die halbe Zeit rückwärts treppauf laufen musste. Solche langen Einstellungen sind furchterregend, denn wenn die Schauspieler eine Zeitlang alles so machen wie man es sich vorstellt, verkrampft sich der Magen und man denkt „Was passiert jetzt? Bitte zieht es durch. Bitte!“. Und dann kommt das letzte Wort: „Ich weiß, wir gehen zu einem... Text bitte?“. Und man brüllt nur noch: NEIIIIIIIIIN!!! Solche langen Einstellungen sind grausam.

Gruppe: Warum haben Sie es dann gemacht?

Joss Whedon: Ich habe es gemacht, weil ich die Geschichte so strukturieren wollte, dass wir uns am Beginn in Rivers Welt befinden. Dort ist alles sehr fragmentiert, und wir wissen nie, wo wir sind. Doch wenn wir auf der Serenity ankommen, will ich den Zuschauern zeigen: „Hier sind wir, das ist ein echter Ort, alle und alles gehören zusammen“. Egal wie sehr das Schiff auseinanderfällt, egal wie hart Mal ist, das ist ein Ort, dem wir vertrauen können, ein Platz, wo sich River wohlfühlt. Ein Kritiker hat das Ganze auch als einen Siegeslauf bezeichnet – das hat mir gut gefallen (plötzlich zeigt Joss mit dem Finger auf ein weiteres Gruppenmitglied). Los!

Gruppe: Ääähh...

Joss Whedon: (freundlich lachend) Ich sollte nicht der einzige sein, der hier Angst hat.

Gruppe: (zeigt auf sein Firefly-Shirt mit dem Aufdruck „I am really, really nervous“). Ich bin sehr eingeschüchtert.

Joss Whedon: Ich hätte nicht gedacht, dass das Shirt mir antworten würde! Toll!

crew
Die Serenity-Crew beim geselligen Miteinander

Gruppe: Ja, also, ich wollte etwas zum Thema Musik fragen. Sie hatten mehr als fünf Seiten mit Anmerkungen zur Musik geschrieben, und der erste Komponist bei Serenity wurde...

Joss Whedon: Ich glaube, der gesuchte Begriff ist wohl „vor die Tür gesetzt“. Stimmt, am Anfang habe ich mit Carter Burwell (Being John Malkovich, Adaptation, praktisch alle Coen-Filme) zusammengearbeitet. Und ich war sehr traurig darüber, dass wir am Ende einfach nicht zusammengepasst haben. Ich habe Carter vor langer Zeit kennengelernt, während der Dreharbeiten zum Buffy-Kinofilm. Ich bin seit langem ein großer Fan von ihm, und er hat Dutzende fantastische Soundtracks geschrieben, und wir wollten immer mal was gemeinsam machen. Ich dachte sein Stil würde wirklich gut zu Serenity passen, aber er hat einen sehr spezifischen, modernen Kompositionsstil. Und leider wurde mir dann irgendwann klar, nachdem Carter schon eine ganze Zeit am Film gearbeitet hatte, dass ich etwas altmodisches brauchte, das mehr im Stil von John Williams war. Musik also, die exakt auf den Moment passt, ohne es offensichtlich zu machen. Moderne Musik ist eher im Hans Zimmer-Stil – Zehn Minuten Emotion, du kannst sie eigentlich überall in den Film packen. Wenn es dich traurig machen soll, fühlst du dich traurig, wenn es eine Actionszene ist, passt es auch dazu. Die alte Schule setzt auch auf ruhige Momente, spezifische Themen für die Charaktere und Ähnliches. So etwas brauchte ich.

Und so bin ich dann bei David Newman gelandet, einem echten Renaissance-Menschen. Er hat schon an dermaßen vielen unterschiedlichen Projekten gearbeitet, dass er einfach alles machen kann. Carter ist jemand, der mit seiner Musik den Film dominiert, und das ist nicht abwertend gemeint, aber David versucht eher, das Geschehen auf der Leinwand zu ergänzen, und das hat am Ende einfach besser gepasst. Äääähhh... Ich habe für diese Antwort übrigens auch noch eine lange Fassung...

poster
Das amerikanische Filmposter

Gruppe: Wie genau sind Ihre Vorstellungen von einem Charakter, wenn Sie mit dem Schreiben beginnen? Visualisieren Sie die Figur in ihrem Kopf? Wissen Sie schon, wie eine Episode endet, wenn Sie mit dem Schreiben beginnen?

Joss Whedon: Okay, ich beantworte den zweiten Teil zuerst – denn ich bin verrückt was das angeht – ich weiß das Ende normalerweise von Anfang an. Ich kann kein Wort schreiben, solange ich nicht weiß, in welche Richtung ich mich bewege, denn dieses Wort könnte genau jenes sein, das mich zum Ziel führt. Ich werde nie einen verflochtenen Roman über die Reise einer Familie durch die Wildnis schreiben, denn ich weiß nicht, was mich auf der anderen Seite erwartet. Ich bin ein Strukturfanatiker. Ich mache nicht nur Notizen, sondern Tabellen und Graphen. Wer tritt in welcher Szene auf? Was wissen sie? Was wissen wir? Wann treffen sie aufeinander? Wann ist es lustig, wann ist es spannend? Und dann habe ich da noch jede Menge Farben, es ist eigentlich ziemlich cool.

Wenn ich eine Figur erfinde, dann stelle ich mir einen Look vor, keine bestimmte Person. Serenity habe ich natürlich mit bestimmten Schauspielern im Kopf geschrieben, und das hat einiges erleichtert. Aber normalerweise brauche ich eine Grundidee, ein Outfit, einen Namen. Und das ist sehr schwer für mich, denn Namen sind extrem wichtig. Ich hatte schon drei Tage lang eine Schreibblockade, als ich auf der Suche nach einem passenden Namen war. Das schlimmste Beispiel dafür ist der Operative aus Serenity. Bei ihm habe ich eine halbe Ewigkeit nach dem Namen gesucht, und als ich dann endlich einen gefunden hatte, der mir gefiel, erschien es mir einfach nur noch furchtbar unpassend, wenn Leute ihn mit seinem Namen anredeten, und dann wurde mir klar warum: Weil er keinen Namen hat! Und das ist gut so, denn der Name erzählt den Zuschauern so viel über die Figur. Als ich die Serie gemacht habe, wurde ich vom Sender gebeten, Jaynes Namen zu ändern, um Verwirrung zu vermeiden. Das habe ich nicht gemacht. Vielleicht haben sie uns deswegen abgesetzt...



 
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