UK 1976Umfang: 13 Folgen, Buch: Robert Graves, Jack Pulman, Regie: Herbert Wise, Musik: Harry Rabinowitz, Darsteller: Derek Jacobi, Siân Phillips, Brian Blessed, George Baker, John Hurt, Margaret Tyzack, Ian Ogilvy, Patrick Stewart Erschienen bei: Euro Video DVD-Preis: 36,45 € Ich, Claudius - Kaiser und Gott bei Amazon.de
HBOs Erfolgsserie Rome setzt auf Spektakel. Bombastische Kulissen, ausschweifende Gelage, viel Gewalt und Sex zeichnen ein ungemein üppiges Bild vom Ende der römischen Republik. Üppig ist auch Ich, Claudius - Kaiser und Gott aus dem Jahre 1976. Aber auf andere Art. Die britische TV-Version des gleichnamigen Romans von Robert Graves und dessen Nachfolger Claudius the God setzt fast genau an dem Punkt an, an dem die zweite Staffel von Rome enden wird: Octavian, der spätere Augustus besiegt die Flotte von Mark Anton und Cleopatra bei Actium und wird daraufhin zum Princeps - dem ersten Bürger und begründet das Claudisch-Julische Kaisergeschlecht. Und wer glaubt, das damit die Intrigen, die Gewalt und die politischen Ränkespiele die das Ende der Republik markierten vorbei seien, der wird hier eines Besseren belehrt. Kaiser Claudius ist ein seltsamer Mann. Zeit seines Lebens nahm den Stotterer niemand ernst - von seiner Familie als unwichtiger Sonderling ignoriert, blieb er von den Nachfolge-Intrigen, die das Kaiserhaus noch zu Augustus Lebzeiten prägte, verschont und widmete sein Leben der Wissenschaft - mehrere Historien soll er verfasst haben, von denen aber heute keine mehr erhalten ist. Und dann auf einmal findet er sich doch plötzlich in der Rolle des Kaisers wieder: Nach dem Tod seines berühmt-berüchtigten Vorgängers Caligula, setzt die Prätorianergarde, die persönliche Elite des Kaisers, Claudius auf den Thron, um nicht ihrer Macht und ihres Einflusses beraubt zu werden. Tja, und da sitzt er nun auf einmal - der ehemalige Stotterer, von allen verachtet und unterschätzt - auf einmal ist er der mächtigste Mann der Welt. Soweit die historische Überlieferung. In der Serie ist er bereits ein alter Mann mit ergrautem Haar, der an jeder Ecke einen Attentäter oder einen Vergiftungsversuch vermutet. Nach einer Prophezeiung der Sibylle von Cumae beginnt er nun, die Geschichte seiner eigenen Familie aufzuschreiben - 1900 Jahre später (das wäre dann etwa in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts) würde die Welt dann endlich auf ihn hören. Und jetzt schreibt er - grauhaarig, etwas paranoid, aber dennoch hochintelligent - und bringt die Geschichte des römischen Kaiserhauses seit Augustus zu Papier. Und wir hängen dabei wissbegierig an seiner Schreibfeder...  
Wer gerade noch gebannt vor der bereits oft erwähnten HBO-Großproduktion saß, der muss sich für die Geschichte von Claudius zugegebenermaßen erst etwas umstellen - trotz aller inhaltlichen Nähe könnten die beiden Serien in Sachen Inszenierung kaum weiter voneinander entfernt sein. Wo Rome auf aufwändige Kulissen, tonnenweise Statisten und neben der exzellenten Charakterzeichnung auch auf eine ganze Menge Action setzt, präsentiert sich Claudius in erster Linie als Kammerspiel. Das ganze findet größtenteils in geschlossenen Räumen statt, bei denen man durchaus auch einmal sieht, dass es sich lediglich um Sperrholzkulissen handelt. Claudius mutet über große Strecken sehr wie ein abgefilmtes Theaterstück an. Da ist es natürlich nur passend, dass sich vor der Kamera die Créme de la Créme des brischen Theaters tummelt: Derek Jacobi, Siân Phillips, Brian Blessed, John Hurt, Patrick Stewart - Freunde britischer Schauspielkunst bekommen leuchtende Augen. So erklärt es sich auch, dass Ich, Claudius auch ohne das ganze protzige Drumherum zeitgenössischer TV-Kost so stark vor den Bildschirm fesselt - die famosen Schauspieler holen aus ihren Rollen alles heraus: Brian Blesseds Darstellung von Augustus vermischt die Propaganda des Herrschers als große Vaterfigur seiner Familie und Roms wunderbar mit der aufbrausenden Art ,für die Blessed später so bekannt wurde. Siân Phillips Livia ist eine Frau ohne jeden Skrupel, die alles dafür tut, um einen ihrer Söhne nach Augustus an die Macht zu bringen, um natürlich weiterhin schön im Hintergrund die Fäden zu ziehen. Der Großteil der Handlung vollzieht sich bei Ich, Claudius in den Dialogen, viele Ereignisse werden lediglich als Mauerschau wiedergegeben. Das hat (neben dem finanziellen Aspekt) vor allem den Vorteil, dass sich die Serie auf das konzentrieren muss, worauf es ankommt - auf die Figuren.  
Bei der Charakterisierung der Figuren lehnt sich die Serie und der Roman vor allem an die Aufzeichnungen des Historikers Sueton an und zeichnet auch die ein- oder andere Figur etwas weich - die negativeren Seiten des Charakters von Claudius werden etwas unter den Tisch gekehrt, die Darstellung von sowieso schon negativ belasteten Menschen wie Caligula oder später Nero entspricht den meisten Klischees, die auch von vielen früheren Hollywood-Produktionen hochgehalten wurden. Was der Wahrheit entspricht kann heute natürlich niemand mehr sagen - was für Menschen der echte Claudius, der echte Augustus oder der echte Caligula waren, ist auf ewig in einem Wirrwarr aus politisch gefärbter Geschichtsschreibung und Propaganda verloren. Daher kann sich eine Serie wie Ich, Claudius auch diese Freiheiten herausnehmen. Die historischen Ereignisse sind allesamt enthalten, der Weg dahin ist es, der den Reiz einer historischen TV-Serie aus macht. Und als solche ist Ich, Claudius ein voller Erfolg. Nach dem Ende der letzten Folge schaltet der Zuschauer nicht nur hochzufrieden den DVD-Player in der Gewissheit aus, gerade eben vortrefflich unterhalten worden zu sein, nebenbei kennt er dann auch die Geschichte der ersten Kaiser Roms. Und die wurde bei weitem nicht so dröge transportiert, wie es bei so manchem überforderten Gymnasial-Pädagogen der Fall gewesen wäre. 
Die deutsche DVD-Box ist sauber aufgemacht - die 13 Folgen wurden auf vier Silberscheiben verteilt, eine fünfte beinhaltet die ordentlichen Extras. Ein Lob gebührt für die Ergänzungen - Szenen, die in den jeweiligen Sprachfassungen eventuell gefehlt haben (was unter anderem daran liegt, dass die erste beiden Episoden in Großbritannien zu einem längeren TV-Film zusammengefügt wurde), sind nun wieder enthalten, teilweise dann in anderen Synchro-Fassungen, dafür aber mit Untertiteln. Wer der englischen Sprache mächtig ist, der sieht sich seinen Claudius unbedingt im Originalton an, die deutsche Synchro entspricht sauberem TV-Standart der damaligen Zeit, kann aber natürlich mit Stimmgewaltigen Schauspielern wie Brian Blessed oder Patrick Stewart nicht ganz mithalten. Das Bild entspricht ebenfalls der Zeit - auf eine kostspielige digitale Aufarbeitung müssen wir verzichten und dafür gelegentlich mit einer gewissen Unschärfe leben, aber Ich, Claudius lebt in erster Linie von Figuren und Dialogen, da kann man bei einem nicht immer knackscharfen Bild durchaus ein Auge zudrücken. Jeder, der begeistert Rome verschlungen hat und nun unbedingt wissen will, wie die Geschichte des Imperium Romanum nun weiter geht, ist bei Claudius ganz richtig - nach ein bis zwei Folgen ist die Umstellung in Sachen Erzählweise verdaut und der sich einstellende Suchtfaktor steht der modernen Rom-Interpretation in keinster Weise nach. Verwandte Artikel: Review: Rome Text Copyright 2007 Thomas Nickel Cover, Screenshots Copyright BBC |