|
Dernbach im Westerwald. Ein beschauliches Örtchen, umgeben von viel Natur, viel Wald, viel Ruhe und fernab jeglicher großstädtischer Hektik. Zumindest 364 Tage im Jahr. Denn am 28.04.2007 wurde Dernbach von einer blechernen Lawine überrollt. Mehrere tausend Menschen pilgerten aus allen Ecken Deutschlands in den Westerwald, und alle hatten nur ein Ziel. Die Autoverwertung der Ludolf Brüder, die am letzten Samstag Tür und Tor öffnete, um ihren Fans Eintritt in die heiligen Hallen des Schrotts und die Geburtsstätte des Haufenprinzips zu gewähren. Die Ludolfs auf DVD gibts hier. Bilder einfach Anklicken, um sie in Originalgröße zu bewundern.
Aber warum nehmen Menschen Strecken von teilweise mehr als 600 km in Kauf, nur um etwas Schrott zu sehen? Nun, wer sich diese Frage stellt, der kennt die Ludolfs, ihr Lagersystem und die dazugehörige Fernsehserie nicht. Das Ludolfsche Haufenprinzip ist weltweit einmalig. In einer fußballfeldgroßen Halle werden Ersatzteile nicht etwa in Regalen, Schubladen oder Kisten gelagert, sondern ausschließlich auf unvorstellbar riesigen Haufen, sortiert wird lediglich nach Bauteilart. Doch den eigentlichen Charme der Serie machen die vier Brüder aus. Peter ist das Computerhirn und zuständig für das Auffinden und Ablegen der ausgeschlachteten Ersatzteile. Peter weiß, laut eigener Aussage, wo sich jedes der ca. 3 Millionen Ersatzteile im Lager befindet und kann dieses auf Anfrage auch hervorzaubern. Außerdem ist Peter der Hauskoch der Ludolfs und kredenzt jeden Mittag ein neues Kulinarisches Meisterwerk aus dem Nudeltopf. Manni ist das kindgebliebene Nesthäkchen der vier Brüder. Der technikbegeisterte und penible Youngtimerfan kann sich stundenlang in Schwärmereien über die gute, alte Autozeit verlieren, und das, obwohl sein wertvollster Schatz ein nagelneuer Audi A6 ist, der aber lediglich zu besonderen Anlässen aus der Garage geholt wird. Uwe, der Womanizer der Brüder, ist zusammen mit Manni für das Ausschlachten der Schrottautos zuständig. Uwe ist Charmeur der alten Schule, und wo eine hübsche Frau technische Hilfe benötigt, ist Uwe nicht weit. Komplettiert wird das Quartett von Günter. Günter ist zuständig für den Kundenservice, das heißt, er betreut Kunden an der Haustür und am Telefon. Ersatzteilanfragen werden von ihm pflichtbewusst sofort an seinen Bruder Peter weitergegeben, der meist relaxend neben Günter in der Küche sitzt, denn nur Peter weiß, welche Teile sich noch auf Lager befinden.
Günter wurde vor einigen Jahren von seiner Frau betrogen und verlassen. Von diesem Schicksalsschlag hat er sich bis heute nie ganz erholt. So kommt es, dass er sich lediglich von einer Diät aus Kaffee und drei Päckchen Zigaretten am Tag ernährt. Auch zeigt der ruhigste der Vier meist wenig Interesse an den Ausfahrten der Brüder. So hält er meist stoisch die Stellung im Büro, während Peter, Uwe und Manni ihrer Abenteuerlust frönen.
Bekannt wurden die skurrilen Brüder und ihre etwas andere Autoverwertung über diverse Dokumentationen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen und auf Kabel Eins. Seit einiger Zeit wird nun auch die Doku-Soap Die Ludolfs – Vier Brüder auf'm Schrottplatz produziert, die mittwochs und sonntags auf dem neuen „Männer- und Dokusender“ DMAX ausgestrahlt wird. Nun wurde die erste Staffel dieser Soap auf DVD veröffentlicht. Verpackt in einem ansehnlichen Digipak findet der Ludolfs-Fan die ersten zwölf Folgen auf drei DVDs. Schön aufbereitet im anamorphen 16:9 Format und Dolby Digital Tonspur. Leider fehlen Extras oder Bonusfeatures – schade. Denn das DVD-Medium schreit ja geradezu nach Features wie eine virtuelle Hausführung, ein Ludolfs O-Ton-Quiz etc… Naja, bleibt zu hoffen, dass man sich hinsichtlich der Extras bei der zweiten Staffel etwas mehr Mühe gibt. Vorbildlich ist allerdings, dass zwei Euro jeder DVD-Box an die Kinderhilfsaktion "Wünschdirwas" gespendet werden. Dass die Serie keine Eintagsfliege ist, beweist die Produktion einer weiteren Staffel, die ab Mittwoch den 02.05.2007 ausgestrahlt wird. Aber was hebt „Die Ludolfs“ von anderen Reality Soaps ab? Warum kann eine Serie, die weder mit schlecht erzogenen Kindern, streitenden Eltern, rüpelhaften Polizisten oder leicht bekleideten Mädchen einen ganzen Ort in den Ausnahmezustand stürzen und tausende Fans aus ganz Deutschland an einen einzigen Punkt locken? Das Besondere an den Ludolfs ist, dass es in der Serie niemals ernsthafte Konfrontationen, Streit oder wirklich böse Worte gibt. Das Ludolfsuniversum ist ein Platz voller Harmonie und Verständnis. Hier wird niemandem auf den Schlips getreten, jeder wird toleriert. Die Brüder haben immer ein paar versöhnende Worte auf den Lippen, egal ob es nun um holländische Autos, französische Küche oder rassige Frauen geht. Und selbst wenn Manni mal wieder von Uwe aufgezogen wurde, baut dieser seinen Frust nicht in unkontrollierten Wutausbrüchen ab, sondern schimpft stattdessen seine Gartenzwerge aus, die stellvertretend für seine Brüder die Standpauke empfangen. Wenn wir nur alle etwas mehr Ludolf wären, wäre der Weltfrieden in greifbarer Nähe. Ein weiterer Punkt, der die Serie zu etwas besonderem macht ist die Authentizität der Ludolfs. Natürlich sind die vielen Abenteuer die die Brüder erleben das Ergebnis von findigen Drehbuchautoren (wie z.b. die Teilnahme an der Creme21 Rally, ein Autorennen auf dem Flugplatz, ein Campingtrip in den Westerwald oder eine Fahrt in die alte Heimat im Ruhrpott) aber in der Durchführung und Umsetzung bliebt den Brüdern weitestgehend freie Hand, daraus resultiert, dass alles auf ludolftypische Art angegangen wird. Und selbst die gespielten Drehbuch Szenen, in denen sich die vier zum Beispiel die Idee einer Teilnahme an der Rally vortäuschen müssen, wirken aufgrund der nur begrenzten schauspielerischen Fähigkeiten der Jungs auf ihre Art lustig und stören den Gesamteindruck nicht. Außerdem kennt man die Brüder und ihren Schrottplatz auch schon von den ersten echten Dokumentationen, viel Spielraum für Charakterformung blieb den Drehbuchautoren also sowieso nicht. Und wer braucht schon gespielte Witze, wenn bei den Ludolfs ganz alltäglich O-Töne und Stilblüten fallen wie zum Beispiel: „Martin Astor ist eine meiner Lieblingsautomarken“ (Manni schwärmt über Englische Autos), „das sieht jetzt primitiv aus, funktioniert aber ganz einfach“ oder „Natur ist schön und alles, nur drin Wohnen ist scheiße“ (Peter beim Campingausflug). Das alles macht die Ludolfs zu meiner aktuellen Lieblingsserie und zum wöchentlichen Pflichtprogramm. Als die Ludolfs vor ca. einem Monat ihren Tag der offenen Tür auf ihrer Homepage (www.dieludolfs.de) ankündigten, war für mich klar, dass ich diesem Event beiwohnen musste. Doch was mich dann vor Ort empfing, sprengte all meine Erwartungen. Obwohl der Tag der offenen Tür lediglich auf der Homepage publik gemacht wurde, empfing mich schon an der Autobahnausfahrt der erste Stau. Etliche Hilfskräfte verteilten die wartenden Autos auf Parkplätze rund um Dernbach herum, ein Anblick wie ich ihn bisher nur von großen Musikfestivals kannte. Auf dem Weg ins Örtchen Dernbach wurden die Menschenmassen immer dichter, vereinzelt konnte man am Wegesrand und in den Feldern Zelte und Campingbusse entdecken. Nette DMAX-Hostessen verteilten kostenlos Poster und Aufkleber – auch keine Selbstverständlichkeit. Circa 200 Meter vor dem Schrottplatz der Ludolfs verdichtete sich die Menschenmasse und ich war am Ende der Warteschlange angekommen. Unvorstellbar, dass all diese Menschen irgendwie durch die enge Schrotthalle geschleust werden sollten. Und so stand ich da, mit meiner Freundin eingekeilt zwischen Hunderten von Menschen, die alle nur ein Ziel hatten: das Wallhalla des Schrottes, die heiligen Hallen der Ersatzteile, die Schrotthalle der Ludolfs. Die Menschenmasse bewegte sich nur sehr zäh. Vorwärtsbewegung war kaum auszumachen. Untermalt wurde das Ganze von einem typischen Alleinunterhalter, der mit Hilfe seines Midi-Keyboardes das Best Of von Tom Jones und Co. herunterratterte – ein höchst surreales Gefühl, man kam sich vor wie von der Serie aufgesaugt. Vom Anfang der Schlange bis zur Hofeinfahrt stand ich nun schon eine Stunde, die Sonne brannte in mein Gesicht und der erste Liter Wasser war mit Sicherheit schon ausgeschwitzt.
Nach knapp zwei Stunden war ich fast auf Höhe des Hoftores, als plötzlich Manni und Peter die Treppe neben der Einfahrt herunterkamen, um ihren Fans persönlich die Hand zu schütteln und Autogramme zu verteilen. Die Ludolfs wurden gefeiert wie der Papst, Tokio Hotel sind wohl nichts dagegen. So ergatterte ich eine Unterschrift auf meinem Poster, ein Foto und einen Händedruck von Peter und Manni.
Nach etwas mehr als zwei Stunden waren wir im Innenhof angekommen, wo Uwe ebenfalls für Autogramme und Fotos bereitstand. Und schon ging es weiter, an die nächste Schlange. Nach weiteren eineinhalb Stunden Anstehen war es endlich soweit. Wir standen vor dem Hintereingang der Schrotthalle. Und was uns dort empfing war unglaublich. Oftmals kommen einem Dinge im Fernsehen größer und gigantischer vor als diese in Wirklichkeit sind. Von den Pyramiden von Gizeh zum Beispiel war ich etwas enttäuscht, als ich das erste Mal wirklich davor stand. Die Ersatzteilberge in der Ludolfschen Schrotthalle wirkten jedoch überlebensgroß, und man konnte sehen, dass so gut wie jedem Besucher beim ersten Anblick die Kinnlade nach unten fiel. Vor allem der riesige, extrem hohe Auspuffhaufen - von den Fans liebevoll „Mt. Auspuff“ getauft – der fast bis unter das Dachgebälk der Halle reicht, spottet jeglicher Beschreibung. Das Haufenprinzip ist vielleicht nicht die effektivste Art, Teile zu lagern, aber mit Sicherheit die beeindruckendste.
Nach einer Viertelstunde erreichten wir das andere Ende der Halle. Glücklicherweise kam gerade ein Kamerateam von Westerwald TV zu Besuch, die sich in der Küche, die sich gegenüber des Hallenausgangs befindet, aufbauten. So konnte ich noch ein Foto und einen Händedruck vom menschenscheuen Günter erhaschen, der vor dem ganzen Trubel lieber in seine geliebte Küche geflüchtet war.
Als ich dann durch den eigentlichen Eingang wieder ins Freie kam und die Menschenmassen sah, die jetzt, knapp vier Stunden später, immer noch vor der Hofauffahrt der Ludolfs anstanden - im Presseportal von DMAX konnte man von über 10.000 Fans lesen - wurde mir klar: Die Ludolfs sind eben echt was besonderes.
Weitere Fotos aus Dernbach gibts hier: http://www.flickr.com/photos/el-berto/ Mehr Informationen über die Ludolfs und ihre Serie findet ihr hier: DVD-Review: Die Ludolfs - Vier Brüder auf'm Schrottplatz Text, Fotos Copyright Mischa Elbert |