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Die Stadt und das Mädchen
Stadt Japan (2005) 

Autor/Artwork: Jiro Taniguchi, Übersetzung: Tsuwame und Resel Rebiersch

Erschienen bei: Schreiber und Leser
ISBN: 3933102650
Preis: 16,95€ Die Stadt und das Mädchen bei Amazon.de

Erinnert sich jemand? Vor ein paar Monaten beschlossen wir unsere begeisterte Review von Jiro Taniguchis Kurzgeschichten-Sammlung Der Wanderer im Eis mit folgenden Worten:

"Wer den Elch auf blauem Grund in der Buch- oder Comichandlung seines Vertrauens entdeckt, sollte schnell den Geldbeutel zücken und den mächtigen Paarhufer mit nach Hause nehmen. Und wenn das genug Leser tun, dann bekommen wir in Deutschland hoffentlich bald mehr von Jiro Taniguchis hervorragenden Comics."

Und wir sind einfach mal so selbstherrlich und reden uns ein, unser eindringlicher Appell für den Elch habe etwas damit zu tun, das der Schreiber & Leser Imprint Shodoku nun mit Die Stadt und das Mädchen ein weiteres Werk von Taniguchi in Deutschland veröffentlicht. Und das hat es in sich - zwar kostet die über 300 Seiten starke, leicht überformatige Graphic Novel gut so viel wie drei andere Manga-Büchlein aus den Häusern Carlsen oder EMA - aber Die Stadt und das Mädchen ist jeden Cent wert. 

stadtstadt

Taniguchis Handschrift ist sofort erkennbar. Hauptfigur Shiga ist Bergsteiger. Er lebt auf einer abgeschiedenen Hütte weit weg von seinen Mitmenschen. Seit sein bester Freund beim Besteigen des Dhaulagiri im Himalaya gestorben ist, gibt er sich die Schuld an der Tragödie. Wer weiß, wäre er dabei gewesen, vielleicht hätte er es verhindern können? Den letzten Wunsch seines besten Freundes respektiert er trotz seiner inneren Zerissenheit: in einem Brief, den er kurz vor seinem Tode an Shiga geschickt hatte, bat er darum, ein Auge auf seine Frau Yoriko und seine junge Tochter Megumi zu haben. Und genau das tut Shiga. Als Yoriko ihn entgeistert anruft und erzählt, dass Megumi seit Tagen bereits verschwunden ist, reist Shiga nach Tokyo und stellt sich einer völlig neuen Wildnis - kommt der raue Einsiedler Shiga auch mit dem verwirrenden, schrillen, blinkenden Großstadtdschungel von Tokyos Stadtteil Shibuya zurecht?

In Prinzip befindet sich Taniguchi also in vertrautem Territorium - bereits seine Kurzgeschichten in  Der Wanderer im Eis erzählten von Menschen in Extremsitutionen. Und das gleiche gilt für Shiga in der Großstadt - für den ehrlich-direkten Naturmenschen ist die Stadt eine ebenso große Herausforderung wie eine steile Gebirgswand. Neben diesem interessanten, für Taniguchi recht klassischen Topos hat Die Stadt und das Mädchen aber auch einen sehr sozialkritischen Aspekt. Schnell stellt sich heraus, dass sich die kleine Megumi, an die sich Shiga noch als aufgeweckte, unschuldige 12-jährige erinnert, mit Freundinnen in Shibuya herumgetrieben hat. Die Mädchen dort lassen sich von mehr oder weniger wohlhabenden Männern mittleren Alters ausführen - manche suchen dort einfach nur etwas Zuneigung und Aufmerksamkeit, andere aber weitaus mehr...

Diese Welt zeigt Taniguchi durch die Augen eines Außenseiters und seziert sie auf diese Weise sowohl für japanische, als auch für westliche Leser. Was für Mädchen sind das? Warum verkaufen sie sich an ältere Salarymen mit Halbglatze? Und wie unsicher sind Männer, die sich an diese jungen Mädchen heranmachen? 

Je tiefer Shiga in die Halbwelt von Shibuya abtaucht, desto schwieriger wird seine Suche nach Megumi - er trifft auf eine Wand des Schweigens und nur durch seine direkte, ehrliche Art gelingt es ihm, langsam das Vertrauen einiger weniger zu erwerben. Als er schließlich einen Verdacht hat, wo er Megumi finden wird, steht er vor einer weiteren scheinbar unüberwindlichen Wand. Aber mit eisernem Willen ist der passionierte Bergsteiger auch bereit, diese zu überwinden. Und, wer weiß, vielleicht kann er durch das Bezwingen seines eigenen Dhaulagiri selbst Frieden mit sich und seinem toten Freund machen.

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Wie schon Jiro Taniguchis erste Veröffentlichung zeichnet sich auch Die Stadt und das Mädchen vor allem durch die wunderbar klare Erzählweise aus, die Taniguchi von seinem Lehrer Kyota Ishikawa übernahm. Wer hierzulande die exzellenten Comics von Naoki Urasawa (Monster, 20th Century Boys) kennt, der weiß in etwa, was ihn erwartet: Ein sehr klarer, übersichtlicher Zeichenstil umschmeichelt das Auge, der auf wilde Splash-Pages und unübersichtliche Layouts der Masse anderer her erhältlicher Mangas völlig verzichtet. Taniguchis Zeichenstil ist sehr sauber und steckt voller Details - der Zeichner hat keine Angst vor detaillierten Szenerien und Hintergründen; oft sind die Szenarien genauso wichtig wie die Akteure, der Zeichner versteckt sich selten hinter permanenten Großzeichnungen der Figuren. Und dafür sind wir dankbar. Die großartige Darstellung des glitzernd-schillernden, aber auch abgründigen Shibuya zeigt diese Seite der japanischen Kultur in einem faszinierenden Licht. Und vor allem bezieht Autor und Zeichner Taniguchi tatsächlich Stellung - er zeigt diese Entwicklungen der japanischen Gesellschaft als etwas unzweifelhaft negatives und belässt es nicht einfach dabei, sie abzubilden.

Die Aufmachung des Comics ist exzellent - eine saubere Übersetzung und ein gelungener Druck lassen Die Stadt und das Mädchen in der deutschen Ausgabe sehr wertig erscheinen. Durch die oft weitaus weniger als in anderen Mangas ausgeprägte Dekomprimierung hat der Comic auch weitaus mehr "Fleisch" auf den Rippen als manch anderer Manga - an Die Stadt und das Mädchen liest der aufmerksame Leser weitaus länger als an den aktuellen Bänden von Dauerserien Marke Naruto - und mehr zu sagen, als viele seiner Kollegen, hat Taniguchi ohnehin. Egal, wie ihr zum Thema Manga steht - ob ihr jetzt Fan seid, oder japanische Comics als Klischeeansammlung mit Kulleraugen, giggelnden Schulmädchen und stachelhaarigen Teenagern, die sich gegenseitig verprügeln, abtut, Die Stadt und das Mädchen ist unverzichtbare Literatur für jeden Comic-Leser.

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Text Copyright Thomas Nickel 2007
Artwork Copyright Jiro Taniguchi 

 
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