Japan (2004) Autor: Tatsuhiko Takimoto, Artwork: Kendi Oiwa Erschienen bei: Carlsen ISBN: 3551790612 Preis: 7,50€ Welcome To The N.H.K. bei Amazon.de
Was für eine unheimlich schizophrene Angelegenheit. Welcome to the N.H.K. ist entweder eine grausame Abrechnung mit sämtlichen gängigen Otaku-Auswüchsen oder eine Glorifizierung und Rechtfertigung selbiger. Auch nach mehrfachem Lesen und einiger Recherche bin ich mir da nicht wirklich sicher. Aber hey, alleine die Tatsache, dass man einen Manga weglegt und sich denkt "Wie war das jetzt gemeint?" (im Gegensatz zum sonst oft üblichen "Was sollte das jetzt eigentlich?!") ist ja schonmal ein gutes Zeichen und Grund genug, die Serie, die sich doch stark von den anderen Serien, die in der japanischen Anthologie Shonen Ace (in der sonst eher Fan-Service-lastige Serien wie Sergeant Frog oder Steel Angel Kurumi zu finden sind) laufen, abhebt, einmal etwas genauer zu betrachten. N.H.K. steht für Nippon Hōsō Kyōkai, einen öffentlich rechtlichen Sender in Japan. Tatsuhiro Sato, die Hauptfigur (ich sträube mich gegen die Bezeichnung "Held") hat aber eine andere Theorie, er glaubt N.H.K. stehe für Nippon Hikikomori Kyōkai - die Gesellschaft der Hikikomori Japans. Hikikomori, das sind Menschen, die sich komplett von der Außenwelt abschotten, meist, weil sie dem Erfolgsdruck der japanischen Gesellschaft nicht gewachsen sind. Sie verlassen ihre vier Wände nicht mehr und meiden den Kontakt zu Mitmenschen, oft sind die besten Freunde dann Video- und Computerspiele, Animes, Mangas - das ganze Spektrum der Popkultur eben. Und ein solcher Hikikomori ist eben auch Sato. Seit bereits drei Jahren lebt der 23-jährige in selbstgewählter Isolation. Er hat hochgradig paranoide Züge und bildet sich meist ein, dass seine Mitmenschen ihn kritisieren - natürlich beginnt er dann sich vor den eingebildeten Angriffen zu verteidigen und reitet sich dabei immer mehr rein. Wirklich lustig ist das allerdings nicht, die Figur hat tatsächlich ein gewaltiges Fremdschäm-Potenzial.   
Das wird durch seinen Nachbarn Kaoru Yamazaki nur noch verstärkt. Der ist durch und durch ein Vollblut-Otaku der übelsten Sorte. Er betrachtet Frauen als Objekte, liebt seine pornografischen Animes, Mangas und Computerspiele und zieht so auch Sato immer tiefer in den Otaku-Sumpf hinein - er macht ihn durch die Recherche für das Hentai-Spiel, das die beiden im Laufe der Serie gemeinsam entwickeln wollen, zum Lolikon-Otaku - das Kapitel, in dem Sato offenbar unter Drogen Grundschülerinnen aus einem Gebüsch heraus fotografiert, liest sich ebenso unangenehm wie das Kapitel, in dem die beiden Antihelden gemeinsam die Heldin ihres Spiels entwerfen - die scheinbare Personifikation und gleichzeitig die grenzenlose Übersteigerung des Moe-Motivs darstellt - ein grenzdebiles, kaum lebensfähiges sabberndes Etwas in einer Hausmädchen-Uniform. Machen wir uns also nichts vor - Sato und Yamazaki sind im Grunde wirklich abstoßende Charaktere. Als scheinbare Gegenpole dazu dienen Misaki Nakahara und Hitomi Kashiwa - erstere hat sich selbst zum Ziel gesetzt, Sato von seinem Hikikomori-Dasein zu befreien. Das tut sie, indem sie ihn regelmäßig auf einer Parkbank trifft und dort mit ihm redet. Tatsächlich wirkt das aber eher so, als habe sie alles, was sie sagt aus einer billigen Do-it-yourself-Psychoanalyse-Broschüre gelernt. Außerdem hat sie selbst ein paar ziemliche Macken - sie scheint nicht nur eine chronische Lügnerin zu sein, sie legt teilweise fast schon unheimliche Stalker-Verhaltensmuster an den Tag. Kann es sein, dass sie vor allem um Sato bemüht ist, damit sie jemanden hat, der noch kaputter ist als sie?   
Ähnlich ist es um Hitomi Kashiwa bestellt - nach außen hin wirkt sie wie eine erfolgreiche Geschäftsfrau, tatsächlich pumpt sie sich aber ordentlich mit Drogen voll, um mit dem Druck da draußen fertig zu werden. Ist das dann die Aussage von Welcome to the N.H.K.? Alle sind kaputt, egal ob niedliches Mädchen, erfolgreiche Geschäftsfrei oder perverser Otaku? Quasi eine Rechfertigung für die Leser, die sich in Sato oder schlimmstenfalls in Yamazaki wieder erkennen? Oder ist der Sinn des Mangas doch, dem Leser tatsächlich eine Warnung zu sein, nicht zu Typen wie Sato und Yamazaki zu werden? Nun, das wird sich in den kommenden Bänden zeigen. Während in den USA der dritte Band gerade erschienen ist, sind die Japaner bereits bei Band 8, die Serie läuft weiter. Wir wissen leider auch nicht, in welche Richtung sie sich entwickelt. Wird es eine Otaku-Redemption-Story oder werden sich die Protagonisten immer tiefer in ihr zumindest teilweise selbst verursachtes Elend hineinreiten? Und was ist letzten Endes die Message des Ganzen? Nun, was immer am Ende herauskommen mag, Welcome to the N.H.K. ist eine böse, zynische Angelegenheit, stets hart an der Grenze des guten Geschmacks und oft genug auch weit drüber - ob das nun das bereits erwähnte Kapitel in dem Sato Grundschülerinnen ablichtet oder seine mehr als bedenklichen Phantasien bezüglich Misaki sind - Welcome to the N.H.K. ist ein interessanter und teilweise auf fremdschämerische Art und Weise wirklich schmerzhafter Comic, der dem Leser ein paar der Abgründe des modernen Lebens offenlegt und oft genug den Finger genau an die Stelle setzt, an der es besonders wehtut. Und das Beste: der Manga ist jetzt tatsächlich beim Carlsen-Verlag erschienen - tolle Sache! Schaut mal rein, einen Band solltet ihr euch definitiv mal zulegen! Text Copyright Thomas Nickel 2007 Artwork Copyright Kendi Oiwa |