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Das große Rennen von Belleville

coverFrankreich (2003), Regie: Sylvain Chomet, Buch:  Sylvain Chomet, Art-Direction: Thierry Million , Musik: Benoit Charest, Mathieu Chadit
Originaltitel:
Les Triplettes de Belleville

Bildformat: 1,78:1
Spielzeit: 78 Minuten 

Erschienen bei: Concorde
Preis: ca. 15,- Euro Das große Rennen von Belleville bei Amazon.de

Dem modernen Zuschauer wird einiges zugemutet. Die ersten Minuten des großen Rennens von Belleville kommen in kratzigem Schwarz-Weiß daher - geboten wird eine Varieté-Nummer der Belleville-Drillinge. Dazwischen taucht schonmal ein Stepptänzer auf, der von seinen eigenen Schuhen gefressen wird und eine exotische Tänzerin, die mit ihrem Bananenrock nicht von ungefähr an Josephine Baker erinnert. Werden bei Ersterem noch die beleibten Damen im Publikum schwach, gehen bei Letzterer eher mit den neben ihren properen Gattinnen doch etwas verloren wirkenden Herren der Schöpfung die Pferde durch... Die Stimmung ist am kochen.

Schnitt - auf einmal sind wir Jahre später  in Frankreich. Irgendwo vor den Toren von Paris lebt Oma Souza mit ihrem Enkel Champion. Der ist irgendwie nie so wirklich glücklich, selbst Bruno, der Hund mit der Aversion gegen Züge, reißt den kleinen Bengel nicht aus seiner Lethargie. Denn er will eigentlich nur eins: Als Radsport-Champion bei der Tour de France mitfahren. Und tatsächlich: Sein erstes Dreirad weckt Champions Lebensgeister und so bringen er und Oma Souza die nächsten Jahre damit zu, aus dem rundlichen Buben einen drahtigen Rennfahrer zu machen, der nur noch aus muskelgestählten Waden zu bestehen scheint, um bei Frankreichs großem Radrennen ganz vorne dabei zu sein. Doch es kommt alles anders - wie Champion, Oma und Bruno nach Belleville kommen, was die französische Weinmafia damit zu tun hat und wie die Drillinge in die Geschichte passen, das seht ihr euch am besten selbst an.

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Oma Souza und Hund Bruno wirken im übergewichtigen Amerika recht verloren. Zum Glück gibt es da die Triplettes de Belleville bei denen die beiden Unterkommen. Die warmen Farben des Films sind eine wahre Augenweide. 

Das große Rennen von Belleville ist kurios, es ist grotesk, es ist seltsam, es ist witzig, es ist melancholisch, es ist beeindruckend, es ist verstörend... nur eines ist es nicht: gewöhnlich. Sylvain Chomet nutzt das Medium Zeichentrickfilm vollkommen aus und zeigt eine Welt, in der alles etwas größer, alles etwas überzeichneter ist als in der drögen Realität. Da werden die Radfahrer zu keuchenden Rennpferden, die Wolkenkratzer von Belleville recken sich hunderte Meter weit in den Himmel und Mafia-Handlanger im schwarzen Anzug werden nach dem Schema "quadratisch, praktisch, fies" gezeichnet. An Realismus besteht hier keinerlei Bedarf. Zu dieser Ästhetik passt auch die Handlung. Was spricht dagegen, dass Oma Souza und Bruno per Tretboot den Atlantik überqueren, immerhin gilt es Champion zu Hilfe zu eilen! Und wie gut, dass eine der Drillinge immer im richtigen Moment eine Granate parat hat - die lässt sich nämlich nicht nur ausgezeichnet zum Frösche fangen einsetzen, auch aufgebrachte Gangster kann man so gut in Schach halten.

Wo der Film bei Handlung und Ästhetik auf gepflegte Übertreibung setzt, zeichnet er die Protagonisten sehr differenziert. Besonders Hund Bruno ist prächtig gelungen. Das leicht unförmige Tier mit dem geregelten Tagesablauf (warten, Bahn anbellen, warten, Bahn anbellen, ad nauseam...)  und dem Hang zu recht surrealen Träumen ist tatsächlich ein Hund, der sich auch wie ein solcher verhält und kein verkappter menschlicher Sidekick. Auch Champion, die Oma und die Drillinge sind trotz aller Überzeichnung und Albernheiten immer noch sehr menschlich. Und das, obwohl der Film über weite Strecken vollkommen ohne Sprache auskommt - tatsächlich lassen sich sämtliche Texte des Films wohl locker auf eine Schreibmaschinenseite packen. So mögen wir das - die Bilder erzählen die Geschichte, warum soll man dann das Ganze noch totreden? Da passt es auch gut, dass der Film sich Zeit lässt. Sylvain hetzt nicht von Plot-Element zu Plot-Element, tatsächlich ist die Handlung eher ein Gerüst, um die teilweise grotesk seltsamen Szenen zusammenzuhalten. Hektik kommt dabei nie ins Spiel. Selbst wenn Champion die Tour de France fährt, sehen wir ihn nur, wie er in mäßigem Tempo die Bergettapen hochstrampelt, die abschließende Verfolgungsjagd ist ebenfalls so gemächlich, dass es gar kein Problem ist, wenn mal jemand kurzfristig das Gefährt verlassen muss.

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Das Vorbild des grinsenden Kellners ist sicherlich Fawlty Towers-"Held" Basil (John Cleese). Rechts sehen wir Oma Souza die das erste mal die Drillinge trifft und sie mit ihren musikalischen Fähigkeiten an der Fahrradspeiche beeindruckt.

Freunde des gepflegten schwarzen Humors kommen in Belleville voll auf ihre Kosten. Dort geht man mit Sprengstoff auf Amphibienfang  und  der gemeine Amerikaner weist  eine gute Tonne Volumen auf. Und auch wenn ungeduldige und Plot-versessene Naturen bei den ruhigen Szenen drauf und dran sind, hibbelig werden, presst der Film sie durch sein atemberaubendes Design in den Sessel. Im Gegensatz zu auf Hochglanz polierten US-Produktionen gibt es hier sehr warme, kräftige Aquarellfarben, famos überzeichnete Städteansichten und Computer-Unterstützung genau im richtigen Maß. Die Effekte fügen sich wunderbar in das Gesamtbild ein, nichts wirkt aufgesetzt  oder künstlich. Und wenn der Film nach nur 78 Minuten vorbei ist, fragt man sich, was das alles jetzt eigentlich sollte - worum ging es jetzt eigentlich, was wollten die Antagonisten jetzt wirklich? Und war das alles jetzt echt oder aber..?  Und trotz all dieser Fragen kommt man nicht umhin zuzugeben, dass der Film ganz schön seltsam, aber irgendwie auch ganz schön gut war!

Text Copyright 2006 Thomas Nickel
Film, Verpackungsartwork, Screenshots Copyright Concorde Home Entertainment GmbH
 
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