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R. W. Day: A Strong and Sudden Thaw
erschienen bei: Iris Print ISBN: 0978753119 Preis: € 10,50 A Strong and Sudden Thaw bei Amazon.de An english version of this review can be found here. Iris Print ist ein kleiner und sehr idealistischer amerikanischer Verlag, an dessen Publikationen man in Deutschland seit Kurzem sogar ohne Aufwand über Amazon kommt. Gut so, denn ds Verlagsprogramm wird bestimmt auch hierzulande auf große Resonanz stoßen. Als erster im Okzident hat Iris Print sich nämlich auf das Genre "Boys' Love" spezialisiert - für Frauen geschriebene schwule Liebesgeschichten. Doch es sieht so aus, als hätten die Redakteure sich mit ihrer ersten Romanveröffentlichung direkt im Stoff vergriffen. RW Days A Strong and Sudden Thaw ist alles - nur kein Buch gewordener Yaoi-Manga. Denn wer Boy's Love als neues Genre etabilieren will, kann kaum verneinen, dass es dem japanischen Comic entstammt. Dort existieren schon seit der Nachkriegszeit sogenannte Yaoi- oder Shounen-Ai Manga, deren Protagonisten ein schwules Paar sind und die sich an eine heterosexuelle, weibliche Leserschaft richten. Als Pendant zu den auf Männer zugeschnittenen Werken wie Love Hina, geht es bei Yaoi darum, möglichst viele gutaussehende, gefühlsverwirrte Männer abzubilden. Die Liebesgeschichte plus ein eventuelles Coming-Out und die damit verbundenen Schwierigkeiten stehen hierbei im Mittelpunkt. Die Helden haben eine ausgesprochen weibliche Seite, die sie seitenlang über ihre Gefühle diskutieren lässt, während die eigentliche Handlung in der Mehrzahl der Fälle klischeehaft und vorhersehbar ist. Yaoi wird gelesen, um sich an schönen Männern zu erfreuen, ohne dass eine weibliche Protagonistin die Aufmerksamkeit an sich zieht, nicht um des komplexen Plots willen. Wenn es dennoch eine Hintergrundgeschichte gibt, dann bleibt diese buchstäblich im Hintergrund und dient lediglich dazu, den Charakteren exotische Kleidung anzuziehen oder Steine in den Weg ihrer Liebe zu legen. Wer nun Thaw kauft, weil er nach einer schwulen Alternative zum Groschenroman sucht, sollte sein Geld besser in die neueste Ausgabe von Kizuna investieren. Sicher, es ist auch ein Liebesroman, die homosexuelle Beziehung zwischen den Protagonisten rückt oft in den Vordergrund, sie ist aber nicht Selbstzweck. Zwar beginnt der Roman recht klischeehaft damit, dass der siebzehnjährige David dem neuen Heiler der Stadt, Callan, begegnet, und sich plötzlich fragt, wie dessen Hände sich auf seinem Körper anfühlen würden, ohne genau zu wissen, was er da eigentlich empfindet - eine sehr traditionelle Eröffnung, bei der dem erfahrenen Leser nicht nur klar wird, dass David die Liebe seines Lebens getroffen hat, sondern im Idealfall auch, wie im Folgenden die Rollenverteilung sein wird. Denn charakterisch für Yaoi ist es, dass einer der beiden Protagonisten körperlich schwächer ist und weibliche Charakterzüge an den Tag legt, unter Umständen sogar häufig weint, während sein Gegenpart die klassische männliche Beschützerrolle übernimmt. David, der im harten Klima von Moline aufgewachsen ist, scheint tatsächlich dazu prädestiniert, den sanften und gebildeten, blonden Heiler durchs Leben zu tragen. Doch schon nach wenigen Kapiteln wird klar, dass das Klischee bei Thaw nicht funktioniert. Beide sind facettenreiche Charaktere, mit eigenen Stärken und Schwächen - und beide sind ganz eindeutig Männer. Und die homoerotische Beziehung, die in der mittelalterlichen Welt, die uns in zweihundert Jahren erwartet, grundsätzlich verboten ist, stellt lediglich die treibende Kraft für einen größeren, wichtigeren Handlungsbogen dar. Schließlich fliegen Drachen über der Stadt und töten kleine Kinder. Ganz richtig, Drachen. Würde in Virginia heutztage ein fliegender Drache gesichtet, so stünde das in allen Zeitungen und Legionen von Forschern würden sich aufmachen, um diesen ausfindig zu machen und zu sezieren. Doch nicht so, nachdem eine nicht näher bekannte Katastrophe die Erde buchstäblich zurück vor die Erfindung der Elektrizität geworfen hat. Die Witterungsverhältnisse erinnern mehr an Sibirien, mit Wintern, in denen es bereits lebensgefährlich ist, das Haus zu verlassen und Sommern, die die 20 Grad Celsius kaum erreichen. Da der Umschwung offensichtlich über Nacht geschehen ist, ging ein großer Teil der wissenschaftlichen und sozialen Erkenntnisse in der nachfolgenden Panik verloren. Die Erdressourcen an Eisen und anderen Werkstoffen sind nahezu erschöpft, was den Wiederaufbau stark bremst. Menschen leben nun wieder in Großfamilien in Bauernhäusern und ernähren sich von dem, was sie mit eigenen Händen gepflanzt oder gefangen haben. Auch wenn überall noch Zeichen dafür zu sehen sind, dass es mal eine andere Zeit, das Before, gab, sind Penicillin und elektrisches Licht unerreichbar. Und für David, der die zweite Generation in diesen neuen Lebensumständen darstellt, sind Drachen kein Objekt von Interesse, sondern lebensgefährlich und vor allem unmöglich umzubringen. Was den Roman teilweise zu schwerer Kost macht ist das omnipräsente Gefühl der Hilflosigkeit, das die Protagonisten verfolgt. David ist noch nicht volljährig, Callan kaum älter und kurz davor, aus der Stadt gejagt zu werden - kein Erwachsener in Moline würde je auf sie hören. Beide haben Vormunde, ob sie jemals zusammen sein könnten ist trotz gegenseitiger Verliebtheit noch lange nicht klar. Als Callan eine lebensgefährliche Reise antritt und David ihm folgt, geschieht dies nicht als Folge übertriebenen Mutes. Es gibt bloß keine andere Wahl. Die drückende, düstere Atmosphäre wird durch das ewig kalte, nasse Wetter verstärkt, das wiederum wie ein Fluch über der Bevölkerung von Moline hängt und die gesamte Lebensführung bestimmt. Die einzige wirkliche Waffe dagegen ist die Wärme, die man im eigenen Herzen trägt. Aber ob sie dazu reicht, um auch die feindselige Umgebung zum Schmelzen zu bringen, ist bis zum Schluss nicht klar. Wohin führt das Verschwinden der Zivilisation die Menschen? Diese Frage hat R. W. Day sich beim Schreiben offensichtlich wie schon viele vor ihr gestellt. Man stelle sich einfach The Day After Tomorrow hundert Jahre später vor. Eine Konsequenz der Fast-Apokalypse ist, dass panische Christen als erstes den größten Teil der Errungenschaften unseres Zeitalters über Bord geworfen haben. "Sodomiten" erwartet die Todesstrafe, diese gibt es wieder flächendeckend. Auch die meisten Bücher müssen in der anfänglichen Panik dran glauben, als die Menschen alles ins Feuer werfen, was brennbar ist. Wenige bleiben übrig: Mark Twain, Dostojewski, Dante... Diese sind jedoch in Moline nur wenigen zugänglich. Die meisten Familien besitzen gar nur eine Bibel. Davids Welt ist geschrumpft und mit ihr leider auch die Geister, sagt die Autorin, es ist wahrscheinlich, dass die Menschen sich hinter der Bequemlichkeit ihres Glaubens verstecken würden. Ich glaube wirklich, das die "richtige" Krise uns ziemlich schnell zurückwerfen würde. Irgendwo habe ich gelesen, dass die Zivilisation drei Mahlzeiten davon entfernt ist, zusammenzubrechen, und dem gebe ich Recht. Vor diesem Hintergund, wo Mann und Frau heiraten, um den Besitz zu vergrößern und Kinder zu zeugen, erscheinen Davids aufkeimende Gefühle für Callan noch rührender und zarter, als vielleicht in einer in der Gegenwart angesiedelten Geschichte. Der eigentliche Plot ist bis auf wenige Durchhänger spannend und stimmig erzählt, bis zum Schluss gibt es genug Fragen zu klären, ohne dass A Strong and Sudden Thaw langweilig wird. Vieles deutet jedoch darauf hin, dass R. W. Day trotz mehrerer veröffentlichten Kurzgeschichten mit ihrem ersten Roman noch in ihren schriftstellerischen Anfängen steht. So fällt es bald auf, dass die Charaktere, so liebevoll ausgearbeitet sie auch sein mögen, ziemlich eindeutig schwarz oder weiß gezeichnet sind. Dabei sollte man gerade vom Ich-Erzähler David, der die erste Liebe, große Literatur und die Bürden des Erwachsensein entdeckt, mit der Zeit stärkere Veränderungen erwarten. Gewöhnungsbedürftig ist auch seine sehr spezielle, grammatikalisch oft nicht ganz korrekte Sprache, die sich wie ein roter Faden durch den ganzen Roman zieht. Die Wahl von Davids Sichtweise verbietet es R. W. Day auch, besonders viel über die Welt zu verraten - er bleibt ein Jäger, der nie weiter gereist ist als in die Nachbarsstadt. Weitere Erklärungen kommen von Callan oder indirekt durch Davids Großmutter, jedoch sind sie nicht wirklich subtil. Gerade am Anfang des Romans entsteht so leicht das Gefühl, von einer Erklärkeule erschlagen zu werden. Dieses Manko verschwindet jedoch rasch, wenn die Geschichte ihren Lauf nimmt und für derlei Hinweise buchstäblich keine Zeit mehr bleibt. Vielleicht auch nicht ohne Grund, denn eine Fortsetzung ist fertig geschrieben und wartet auf einen Verleger. Ich sehe es ein bisschen wie J. K. Rowling bei ihren Harry Potter Büchern, sagte Day dazu, die ersten drehen sich um Harry und seine Freunde, und nur langsam sehen wir die weitere Welt außerhalb von Hogwarts. Nicht dass ich mich mit Rowling vergleichen würde! Verwandte Artikel: Interview mit R.W. Day Text Copyright Darina Goldin Cover Copyright Iris Press
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