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An english transcript of this interview can be found here. Wer ist R. W. Day? Nun, wir lassen die gute Dame sich am besten selbst vorstellen: Seit ich mich erinnern kann habe ich immer Bücher mit mir herumgetragen. Meine Familie reiste sehr viel und ich hab viele tolle Ausblicke verpasst, weil ich meine Nase immer in Bücher hatte. Ich nehme Bücher mit wo immer ich auch hingehe, ich habe mir sogar einen Palm Pilot gekauft damit ich Geschichten runterladen und lesen kann wenn ich beim Gemüsehändler in der Schlange stehe. Daher ist es kein Wunder, dass diese Fixierung meine Berufslaufbahn beeinflusst hat. Zunächst war ich Englisch-Lehrerin, jetzt bin ich eine quasi-Bibliothekarin. (...) Ich führe ein recht glückliches Leben mit einem Ehemann, eine Tochter im Teenager-Alter, vier Hunden, zwei Katzen und den den Geistern verschiedener Nager, Hamster und Fische. (www.rwday.net) Alsdann, auf zum Interview! Darina Goldin: Hallo, Becky. Wie fühlt es sich an, deinen ersten Roman in den Händen zu halten? R. W. Day: Ich habe noch gar nicht richtig begriffen, dass er wirklich von mir ist. Ich sehe das Buch im Regal stehen und denke mir, hey, da ist doch was falsch. Iris arbeitet daran, es über den Buchhandel zu vertreiben, vielleicht wird es für mich dann wahr, wenn ich es im Ladenregal sehe, aber jetzt, auch nach einigen Monaten, fühlt es sich immer noch ziemlich an wie ein Traum. Aber es ist auch eins der befriedigensdsten Erlebnisse, die ich je hatte. Ich kann es nur weiterempfehlen! Darina Goldin: Du hast bis vor ein paar Jahren Fan-Fiction geschrieben. Ist es leichter, mit deinen eigenen Charakteren und Settings zu arbeiten? Und was macht mehr Spaß? R. W. Day: Sowohl Fan-Fiction als auch eigenständiges Schreiben haben ihre Vorteile. Ich liebe Fan-Fiction als eine Möglichkeit, schreiben zu lernen. Man kann sich ausschließlich auf die Handlung konzentrieren, Welt und Charaktere sind ja schon da. Zudem ist die Fan-Community aus mehreren Sichten ein guter Nährboden - ohne das Feedback, das ich damals für meine Fan-Fiction bekam, hätte ich nie den Mut gehabt, etwas eigenes an einen Verlag zu schicken, obwohl ich geschrieben habe, seit ich klein bin. Natürlich gibt es auch Sachen, die man durch Fan-Fiction nicht lernen kann - wie man eine Welt aufbaut, Charakterentwicklung, etc., aber das alles wiederum lernt man, wenn man wirklich aktiver Fan eines Werks ist. Denn dann beschäftigt man sich mit dem Kanon bis ins unglaublich kleinste Detail. Auf der anderer Seite ist die Freiheit, die man als Autor hat, um Welten, Charaktere, Situationen zu kreieren, unvergleichlich. Ich glaube, näher kommen wir nicht ran, Götter zu sein. Fan-Fiction zu schreiben ist vielleicht leichter, doch etwas Eigenes zu kreieren macht definitiv mehr Spaß. Darina Goldin: Iris Print hat sich auf Boy's Love spezialisiert, ein Genre, das heterosexuelle Frauen ansprechen soll. Doch bei Thaw habe ich das Gefühl, einen düsteren Science Fiction Thriller zu lesen. Glaubst du, dass dein Werk die richtigen Leser erreicht? R. W. Day: Das glaube ich. Das hoffe ich! Auch wenn ich natürlich liebend gerne ein größeres Publikum erreichen möchte. Science Fiction Literatur zeichnet sich dadurch aus, dass sie schon immer offen gegenüber schwulen und lesbischen Protagonisten gewesen ist. Dieses Jahr findet man allein auf dem amerikanischen Buchmarkt Carnival von Elizabeth Bear, Privilege of the Sword von Ellen Kushner, Mordred: Bastard Son von Douglas Clegg, Vellum von Hal Duncan, die alle homo-, bi- oder transsexuelle Helden und Motive haben, und mit Sicherheit gibt es noch viel mehr davon. Meine Bücher nach Genres aufzuteilen fällt mir schwer, da viel davon diese Grenzen überschreitet. Darina Goldin: Welche Erfahrungen hast du mit männlicher Homosexualität? Wenn aus der Sicht von zwei Jungen schreibst, versuchst du, sie so realistisch wie möglich zu gestalten, oder entspringt ihr Verhalten eher deiner Fantasie? R. W. Day: Naja, ich bin kein männlicher Homosexueller, also habe ich auch keinerlei direkte Erfahrungen damit. Ich glaube, dass jede heterosexuelle Frau, die aus der Sicht von schwulen Charakteren schreibt, die Erlebnisse echter schwuler Männer berücksichtigen sollte, und das versuche ich auf jeden Fall, soweit die Erzählung es erlaubt. Als ich noch Fan-Fiction geschrieben habe, holte ich mir Informationen und Eindrücke auf Seiten wie Minotaur's Sex Tipx for Slash Writers oder durch lesen von Werken schwuler Autoren. Manchmal habe ich kurz Zweifel und glaube, dass es anmaßend ist, aus einer Perspektive zu schreiben, mit der ich keine Erfahrung habe, aber weißt du, der Schlüssel zu jeder Art von Schreiben ist Fantasie. Wenn ich aus der Sicht eines Mädchens im 25. oder eines Mannes im neunten Jahrhundert, oder eines Marsianers schreiben kann, dann kann ich es auch aus der Sicht eines schwulen Mannes. Was Realismus angeht, natürlich will ich, dass meine Charaktere bis zu einem gewissen Punkt realistisch bleiben, aber seien wir ehrlich. Die meisten Menshen lesen Unterhaltungsliteratur nicht, um über Menschen wie du und ich zu lesen. Wir wollen doch, dass die Helden heldenhaft und ein Bischen überlebensgroß sind. Darina Goldin: Wie David es irgendwann selbst sagt, nichts von der Geschichte wäre passiert, wenn einer der beiden Helden eine Frau gewesen wäre. Waren die Charaktere vor der Handlung da? R. W. Day: Nein, nicht wirklich. Ich sollte das nicht zugeben, da es von erschreckend wenig Planung zeugt, aber Thaw begann, als ich meinen Sohn ins College in Backsburg, Virginia gebracht hatte und nach Hause fuhr. Wir überquerten diese niedrigen Berge und ich sah einen Schatten über ein Tal voller Felder und Häuser streichen und stellte mir vor, es sei ein Drache. Von diesem Punkt aus entstand die Welt. Die Helden kamen später dazu. Ich begann aus der Ich-Perspektive zu schreiben, ohne eine richtige Ahnung zu haben, wer das Ich war. David entstand beim Schreiben und Callan tauchte einfach plötzlich auf und war schon fast komplett geformt. Es ist das einzige Mal, dass ich auf diese Weise gearbeitet habe. Keine Outline, keine Planung. Es war zunächst eine Erzählung und diese diente dann als eine Art Leitfaden, um einen Roman daraus zu machen. Darina Goldin: Molines Welt ist größer als David oder sogar Callan sich vorstellen können. Wieviel weißt du, ohne es zu sagen? Weißt du, woher das Eis kam?
R. W. Day: Ja, das weiß ich. In der Erstfassung der Geschichte hatte ich die Ursache für das Eis angedeutet, aber viel davon ist beim Kürzen rausgeflogen. Wenn die Fortsetzung jemals ans Tageslicht kommt, werde ich wahrscheinlich viel von diesem Material miteinbeziehen. Für Thaw allerdings hat das mit dem Eis wenig Relevanz. Es ist einfach Teil des Settings, auch wenn es selbstverständlich eine Welt sowohl inner- als auch außerhalb von Moline gibt, von der insbesondere David keine Ahnung hat. Ich sehe es ein Bisschen wie J. K. Rowling bei ihren Harry Potter Büchern - die ersten drehen sich um Harry und seine Freunde, und nur langsam sehen wir die weitere Welt außerhalb von Hogwarts. Nicht dass ich mich mit Rowling vergleichen würde! Darina Goldin: Glaubst du, dass ein solches Ende unsere Welt erwartet? R. W. Day: Gewissermaßen. Ich glaube, dass uns sicherlich einige Klima- und Umweltveränderungen bevorstehen, auch wenn ich da eher an eine globale Erwärmung als an eine neue Eiszeit denke. Was das Ausmaß an Intoleranz und religiöser Bigotrie angeht, das ist etwas, was im Westen bis zu einem gewissen Grad zurückgegangen ist, aber ich glaube wirklich, das die "richtige" Krise uns ziemlich schnell zurückwerfen würde. Irgendwo habe ich gelesen, dass die Zivilisation drei Mahlzeiten davon entfernt ist, zusammenzubrechen, und dem gebe ich Recht. Darina Goldin: Wenn Bücher verbrannt werden, muss ich immer an Fahrenheit 451° denken, während das vorherrschende Gefühl der Hilflosigkeit gegenüber Kälte und Macht auch in den Erinnerungen der meisten politischen Gefangenen auftachen, die nach Sibirien abtransportiert wurden. Hattest du konkrete Inspirationsquellen für den Roman? R. W. Day: Ich würde definitiv sagen, dass ich von Bradbury beeinflusst wurde - er ist einer meiner Lieblingsschriftsteller, ein absoluter Meister der Kurzgeschichte. Marschroniken ist wahrscheinlich eins meiner absoluten Lieblingsbücher, aber ich liebe auch Fahrenheit 451°. Was reale historische Ereignisse angeht, die das Buch beeinflust haben könnten, da fällt mir nichts bewusst ein. Aber ich glaube nicht, dass ein moderner Mensch über Unterdrückung und Grausamkeiten des Staats schreiben kann, ohne den großen Einfluss, den die Ereignisse des 20. Jahrhunderts auf uns hatten, anzuerkennen. Obwohl, jetzt wo ich darüber nachdenke, habe ich als Kind und junge Erwachsene viele Bücher über den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust gelesen, sowie Werke wie Endlose Steppe von Esther Hautzig, und diese waren bestimmt mindestens unterbewusst eine Inspiration. Ich habe als ich jung war auch viele postapokalyptische und DISTOPISCHE Romane gelesen, angefangen mit Lobgesang auf Leibowitz, Alas, Babylon, Das höllische System des großen verstorbenen Kurt Vonnegut, 1984 und natürlich Schöne neue Welt - da gibt's jede Menge an Hilflosigkeit. Darina Goldin: J. K. Rowling sagte mal, dass sie weinen musste, nachdem sie Sirius Black getötet hatte. Genauso Tiziano Sclavi nach Johnny Freak. Wie gingst du mit den vielen Toden in Thaw um? R W. Day: Wartet mal bis die Fortsetzung draußen ist - der Bodycount darin ist mit den Terminator-Filmen vergleichbar. Mit einer psychisch schwierigen Szene gehe ich so um, dass ich sie im Kopf viele, viele Male durchspiele, bevor ich auch nur daran denke, sie aufzuschreiben. Ich probe sie, spreche sie im Auto durch, während ich zur Arbeit fahre, träume von ihr nachts und ja, ich weine dabei wie ein kleines Kind. Aber wenn ich mich hinsetze, um diese Szenen aufzuschreiben, bin ich nicht emozional involviert - es ist, als würde ich etwas aufschreiben, was schon passiert ist, ich denke nicht bewusst darüber nach, was ich gerade schreibe. Wenn ich es dann anschließend durchlese und sich etwas in mir rührt, weiß ich, dass ich meine Arbeit gut gemacht habe. Wenn nicht, dann fange ich an, die Stellen zu überarbeiten. Darina Goldin: Die Einwohner von Moline sind homophob, aber sie scheinen über Rassismus zu stehen? R. W. Day: Dort tut sich einiges. Auch heute gelten in Virginia noch Gesetze gegen Sodomie. Sie werden dank der Entscheidung des US Supreme Court im Fall Lawrence gegen Texas nicht umgesetzt, aber abgeschafft wurden sie auch nicht. Rassismus ist jedoch so gut wie überall verpönnt. Als ich aus Ohio nach Virginia umgezogen bin, erwartete ich auf jede Menge Rassismus zu treffen. Doch in Wirklichkeit sah ich davon viel weniger als im Norden. Natürlich gibt es hier Rassisten und die wird es auch immer geben, aber die verschiedenen Rassen leben hier heutzutage weitestgehend zusammen, gehen zusammen zur Arbeit und zur Schule. Meiner Meinung nach wird eine Katastrophe wie der Beginn einer Eiszeit nichts daran ändern, aber es ist wahrscheinlich, dass die Menschen sich hinter der Bequemlichkeit ihres Glaubens verstecken würden. Mit der Ausnahme der ganz, ganz weit am Rand stehen den Gruppen, wird Rassismus im religiosen Zusammenhang nicht unterstützt. Homophobie jedoch schon. Davids Welt ist geschrumpft und mit ihr leider auch die Geister. Darina Goldin: Am Ende von Thaw ist die Love Story erzählt. Die Hintergrundgeschichte ist jedoch erst ins Rolen gekommen, vergleichbar mit The Hobbit und Lord of the Rings. Darf man auf eine Fortsetzung hoffen? R. W. Day: Sie ist geschrieben und ich fange gerade an, sie zu überarbeiten, deshalb ja, ich hoffe doch sehr! Und der Anfang der Liebesgeschichte mag erzählt sein, aber wie du weißt verläuft der Weg einer wahren Liebe nie glatt. David und Callan sind keineswegs in Sicherheit. Darina Goldin: Was gibt's während der Wartezeit noch von dir zu lesen? R. W. Day: Ich habe einige Kurzgeschichten veröffentlicht, hauptsächlich SPECULATIVE FICTION. Eine Liste davon findet man auf meiner Website, www.rwday.net. Ich habe auch einige Homoerotica unter meinem Fan-Fiction-Namen Eumenides veröffentlicht, aber ich glaube, die einzige davon, die es noch zu kaufen gibt, ist mein Beitrag in Best Gay Love Stories 2006. Darina Goldin: Vielen Dank für das Gespräch. R. W. Day: Vielen Dank für die Möglichkeit, über mein Schreiben zu sprechen! Verwandte Artikel: Review: A Strong and Sudden Thaw Text Copyright Darina Goldin 2007 Bilder Copyright R.W. Day, Iris Press |