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Gorilla des Monats

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The BOYS
The BoysUSA / UK (2007) 

Autor: Garth Ennis, Artwork: Darick Robertson, Farben: Tony Avina

Erschienen bei: Dynamite
ISBN: 1845764943
Preis: 16,50 € The Boys bei Amazon.de

Der Superheld ist das Rückgrat und gleichzeitig auch der Fluch der amerikanischen Comics. Die Burschen und Mädels in ihren Knappen Leibchen und ihren Capes halten die Fans bei der Stange, füllen Kinosäle und sind in den Händen fähiger Autoren wie Grant Morrison oder manchmal auch Mark Millar ebenso frisch und originell wie unterhaltsam. Gleichzeitig dominieren sie aber in einer derartigen Weise das Medium Comic, dass für die meisten Zeitgenossen Comichefte gleichbedeutend mit Superhelden-Geschichten sind. Zudem ist ein Großteil zeitgenössischer Helden-Kost hastig hingeschlunzte Massenware, die lediglich einen Zweck erfüllt, nämlich dreißigjährigen Kellerkindern genau den gleichen Stoff zu liefern, den sie schon seit Jahren lesen. Und war es in der 80er-Jahren noch eine große Sache, wenn ein Frank Miller (The Dark Knight Returns) oder ein Alan Moore (Watchmen) den Mythos Superheld dekonstruierte und hinterfragte, kam es in den letzten Jahren unter manchen Autoren ziemlich in Mode, Comics zu veröffentlichen, die sich auf eine simple Aussage zusammen fassen ließen: "Superhelden sind blöd."

Hierbei tat sich besonders der Nord-Ire Garth Ennis hervor – nachdem der sich mit seiner Interpretation der Alan Moore-Figur John Constantine (Hellblazer) einen Namen machte und schließlich mit der abgeschlossenen Preacher-Serie gemeinsam mit Zeichner Steve Dillon sein großes Werk schuf, das ihm auf ewig einen Platz im Comic-Olymp (und möglicherweise auch in der Hölle diverser Glaubensgemeinschaften...) sichern wird, brachte er ein schmutziges, kleines, aber gleichzeitig durchaus unterhaltsames Pamphlet namens The Pro heraus. Inhalt: Eine genervte Prostituierte erlangt Superkräfte, schließt sich einer Variation der Justice League of America an und zeigt, wie idiotisch und überholt Superhelden eigentlich sind. The Pro war kurz, bissig und böse. Tja, und jetzt ist der erste Paperback von Ennis neuer großen Serie erschienen: Das zusammen mit Transmetropolitan-Zeichner Darick Robertson geschaffene The BOYS, eine Serie, die, wie weiland der Preacher, recht langfristig angelegt ist. Und Überraschung: Das Ganze scheint am Ende wieder auf die etwas dünne Aussage "Superhelden sind blöd" herauszulaufen. Ach Garth, du hattest uns auch schon mal mehr zu erzählen...

Aber nichtsdestotrotz verdienen die Boys eine faire Chance. Robertson und Ennis haben uns in den letzten Jahren einfach zu gut unterhalten, als dass man ihr neues Werk abtut. Und wenn eine der am besten laufenden Serien im Verlagsprogramm ohne Angabe von Gründen von der DC-Chefetage abgesägt wird, ist das gleich noch ein Grund, die BOYS genauer unter die Lupe zu nehmen. Denn auch wenn sie im Hause DC nicht mehr länger willkommen sind, ist in diesen Tagen der erste Paperback erschienen – beim kleinen Publisher Dynamite haben die BOYS ein neues Zuhause gefunden. Aber genug der Vorrede, worum geht’s hier eigentlich?

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In der Welt der BOYS wimmelt es nur so von Superhelden – die selbsternannten Vigilanten mit den verschiedenen Superkräften vermöbeln Superschurken, vereiteln Geiselnahmen, nehmen Gangster hoch... was Superhelden eben so tun. Dummerweise sind sie meist nicht so wirklich erfolgreich – die Fehlerquote ist weitaus höher als bei regulären Polizei-Einsätzen, dazu kommen die regelmäßig vorkommenden Kollateralschäden. Ein solcher ist auch die Freundin von Hugh Campbell, genannt Wee Hughie. Gerade als es mit ihr perfekt läuft kommt so ein idiotischer Superheld aus Amerika daher, vermöbelt einen ebenso idiotischen Superschurken und schleudert ihn dummerweise mitsamt Freundin gegen eine Wand. Alles was dem verdutzten Hughie (der dem britischen Comedian Simon Pegg nicht nur zufällig ähnlich sieht) bleibt, sind die Arme der Herzensdame, die er immer noch in der Hand hat. Dem Superhelden, A-Train von der Elite-Truppe The Seven (die wieder einmal frappierend an die JLA erinnert) ist das recht egal – er lässt einen flotten Spruch ab und wetzt wieder ins heimische Amerika.

Aber für solche Fälle gibt es ja die BOYS. Die unterstehen direkt dem Präsidenten der USA und haben die Aufgabe, den Superhelden zu zeigen, wer wenn's hart auf hart kommt der Chef ist. Und zugegeben, die Truppe ist dafür auch geradezu prädestiniert. Chef Butcher ist ein stets bösartig grinsender Brite mit dem beeindruckenden Statur eines Berufshooligans, im Schlepptau hat er stets seinen ebenso grimmig grinsenden Hund Terror, der vielleicht nicht immer beißt, dafür aber andere, delikatere Befehle ohne zu zögern ausführt. Dann haben wir da Mother's Milk. Hinter dem seltsamen Namen verbirgt sich ein schwarzer, bärtiger Hüne, der die ganze Truppe zusammenhält. Er behält den Überblick, er behält einen klaren Kopf und er ist der, der dafür sorgt, dass das neue Hauptquartier der Boys erst mal einen ordentlichen Anstrich bekommt. Für die nötige Schlagkraft sorgen der Frenchman und The Female: Ersterer ist ein hagerer Glatzkopf mit Fliegerbrille, der eigentlich der freundlichste Mensch der Welt ist bis man ihn ärgert. The Female, wie der Name schon sagt die Frau der Truppe, ist klein, asiatisch, redet kein Wort und wer sie anfasst wird es nicht überleben – wenn die Polizei eine Leiche mit abgerissenem Gesicht im Anus findet ist bereits klar, dass The Female ihre Hand im Spiel hatte. Und letzter im Bunde ist eben Hughie: Er ist Butchers Ansicht nach genau der richtige, um die bunte Boys-Truppe zu komplettieren. Wenn jemand einen Hass auf Superhelden haben sollte, dann er.

Aber Moment mal, sind die Superhelden denn nicht eigentlich die Guten? Tja, nicht im BOYS-Universum – die Superhelden hier sind arrogant, eingebildet, amoralisch und vollkommen unsympathisch. Wenn die BOYS-Äquivalente von Superman, Batman und The Flash eine ordentliche Runde Oralsex zur Aufnahmebedingung einer unschuldig-blonden Heldin aus dem Bible-Belt machen oder sich die Teenager-Heldentruppe Teenage Kix nach einem errungenen Sieg erst mal quer durch ein Bordell vögelt und sich in einem Kinderkrankenhaus Drogen beschafft, dann fällt es nicht schwer, die Boys im Recht zu sehen, wenn sie das Heldenpack souverän zusammenfalten. Und das tun sie in bekannter Garth Ennis-Manier äußerst ausführlich. In Sachen Deutlichkeit halten Autor und Zeichner nicht hinterm Berg. Gut, bisher hat die Gewalt noch nicht die Ausmaße eines The Walking Dead oder des Preachers angenommen – aber die BOYS sind ja noch in der Aufwärmphase.

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Und auch wenn die BOYS allesamt gewalttätige Bastarde sind, so muss man die seltsame Truppe doch einfach mögen. Butchers ansteckendes Haifischgrinsen oder das gnadenlos falsche Französisch des Frenchman lassen dem Leser die Anthihelden-Truppe überraschend schnell sympathisch werden. Trotz allen Unterhaltungspotenzials sind die BOYS aber noch weit vom Niveau des Preachers entfernt. Klar, bei beiden wird geschossen geprügelt und gepimpert bis der Arzt kommt, doch den ernsten Hintergrund um die Beziehung der Preacher-Protagonisten Jesse, Tulip und Cassady, eben das Element, dem Preacher seine Glaubwürdigkeit verdankt, finden wir in den ersten fünf Ausgaben der BOYS bisher leider noch nicht.

Trotzdem machen die BOYS Spaß. Klar, die Aussage "Superhelden sind blöd" ist ausgelutscht, aber die abstoßend-sympathischen Figuren, die tollen Zeichnungen von Darick Robertson und die tollen Texte von Garth Ennis zaubern einfach immer wieder ein Grinsen aufs Gesicht des Lesers. Und hey, noch liegen jede Menge Ausgaben vor den BOYS und wer weiß, vielleicht gewinnt die Serie mit der Zeit tatsächlich noch an der bisher fehlenden Tiefe. Auf alle Fälle ist es schön, Garth Ennis endlich wieder mit einer regelmäßigen Creator-Owned-Serie beschäftigt zu sehen. Wir sind gespannt, welchen Kurs der verrückte kleine Ire mit seinen BOYS in Zukunft einschlagen wird. Auch wenn wir ihm widersprechen müssen: Superhelden sind nämlich nicht blöd. Zumindest nicht immer. Aber immerhin ziemlich oft.

Paninis deutsche Fassung macht derweil eine mehr als ordentliche Figur: Bernd Kronsbein bedient sich ziemlich treffsicher und amüsant der niederen Register der deutschen Sprache und trifft damit den Ton von Ennis' Originaldialogen oft genau. Auch das Panini-übliche Präteritum verwendet er angenehm selten. Eine vollends empfehlenswerte deutsche Fassung also, der man allenfalls vorwerfen kann, dass sie das Bonusmaterial des amerikanischen Paperbacks nicht mitübernimmt.
 

Text Copyright Thomas Nickel 2007
Artwork Copyright Darick Robertson

 
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