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Deutschland, Italien, Frankreich, UK 1975
Buch: Antonia Lucatelli, Emilio Salgari (Vorlage), u.a. Regie: Sergio Sollima, Musik: Guido De Angelis, Maurizio De Angelis, Kamera: Marcello Masciocchi, mit: Kabir Bedi, Carole André, Philippe LeRoy, Adolfo Celi Erschienen bei: Koch Media ca. Preis: 30€ Sandokan - Der Tiger von Malaysia (3 DVDs) Es ist nun 30 Jahre her, dass Sandokan Deutschlands Straßen leerfegte und eine Legende der TV-Geschichte entstand. Mittlerweile fristet Hauptdarsteller Kabir Bedi ein Gutteil seines schauspielerischen Daseins in Bollywoodfilmen und Versuchen, Sandokan wieder zum Leben zu erwecken (Der Sohn des Sandokan 1998; Die Rückkehr des Sandokan 1996). Warum kommt man auch als Zuschauer von Sandokan nicht los? Was macht diesen Italoschund so faszinierend? Der Atlantik, die karibische See und der Wilde Westen sind dem Freund der Abenteuerliteratur sattsam bekannt. Hier haben Lederstrumpf, Captain Blood und Winnetou jeden verfügbaren Zentimeter Land bereits durchschritten und mit dem Blut ihrer Feinde getränkt. Malaysia als Schauplatz ist eher ungewöhnlich. Sicher, es ist exotisch, doch erfüllt es seine Aufgabe des Eskapismus nicht einwandfrei, weil es kein vorgefertigtes kulturelles Bild des Inselstaats im Westen gibt. Malaysia ist exotisch, also erlaubt es den Zuschauern aus ihrem Alltag zu entfliehen, aber niemand weiß, wo die Reise hingeht. Das Setting alleine kann also der Grund für die Faszination an Sandokan nicht sein. Emilio Salgari, der Autor der Buchvorlage, verwendet in seiner Romanserie gerne Begriffe aus der Originalsprache und auch viele seiner Figuren sind historisch belegt, aber er webt kein dichtes Hintergrundtableau. Seine Figuren reden und handeln. Ob sie nachdenken, ist fraglich. Ob Salgari 1900 seine Geschichte durchdacht oder einfach nur heruntergeschrieben hat, ebenso. Selbst wenn man die lückenhafte Logik von Abenteuerromanen, die in wöchentlicher Folge geschrieben wurden, gewohnt ist, macht die Lektüre der Sandokan-Romane keinen Spaß. Massive Stimmungsumschwünge innerhalb von Zeilen, von der Handlung völlig unmotivierte Informationen, die für den Leser nachgeschoben werden, und ein Stil, dass die Augen bluten (was zugegebenermaßen auch an der deutschen Übersetzung von Gitte Bonelli liegen kann) machen es kaum verwunderlich, dass die Sandokan-Romane auf dem deutschen Buchmarkt kaum erhältlich sind. Der Name Sandokan und seine Heimat Mompracem aber sind in Italien Legende, seit der Salgari seine Romane schrieb.   Und an dieser Legende knüpft Sergio Sollima, italienischer Regisseur der zweiten Garde, mit der TV-Serie an. Er bekam den Zuschlag für die Serie, weil kein Sergio Leone "und auch sonst niemand" Zeit dafür hatte, wie er in der von Koch Media zur DVD-Veröffentlichung produzierten Featurette gutgelaunt berichtet. Gemeinsam mit seinen Co-Autoren Antonia Lucatelli, Giuseppe Mangione und Manlio Scarpelli bügelte er die übelsten Schlaglöcher der Romanvorlage aus und schrieb ein Drehbuch, das über sechs Stunden eine abwechselungsreiche Geschichte erzählt, bei der man aber auch nie den großen Bogen aus dem Blick verliert. Seine Erfahrungen als Drehbuchautor bei solchen Perlen wie Ursus (1961), Goliath und die Giganten (1961) oder Spartacus und die zehn Gladiatoren (1964), die fraglos die liebevolle Bezeichnung "Italoschund" verdienen, dürfte hierfür eine gute Lehre gewesen sein. Obwohl Sollima in dieser Tradition der Männer mit den großen Muskeln und dem viril gelockten Haar verwurzelt ist, wollte er seine Sandokan-Serie anders gestalten als die vorausgegangenen Kinofilme mit Steve Reeves (Der Tiger von Mompracem 1963 und Die Piraten von Malaysia 1964). Sollima wollte nicht mit Modellbooten planschen, sondern auf richtigen Schiffen drehen. Er wollte keine Studiolandschaften in Technicolor, sondern verlegte kurzerhand den ganzen Dreh nach Malaysia. Fast möchte man ihn glauben, dass er sich mit seinem Sandokan-Projekt den Helden des Neorealismo wie Vittorio de Sica und Roberto Rossellini seine Ehrerbietung erweisen wollte, wie er mit einem Verweis auf de Sicas Umberto D (1952) im Interview nonchalant nahelegt. Das ist vielleicht etwas zu hoch gegriffen, zweifellos zeichnet sich Sandokan aber durch eine exzellente Kameraarbeit aus, die an die Meisterwerke des Neorealismo erinnert.
  Sollima füllt die Leerstelle des Hintergrunds "Malaysia" mit einem bunten Sammelsurium an indischer Pracht (wie dem Sandokan-Darsteller Kabir Bedi), chinesischen Spelunken und polynesischer Inselidylle - es gibt sogar Unterwasser-Ninja. Wir schreiben das Jahr 1842 und die East India Company versucht, den Südosten Asiens in ihren eisernen Griff zu bekommen. Das Zeitalter des Kolonialismus bricht auch im fernsten Orient heran. Eine der letzten Bastionen gegen die Ausbeutung und Fremdherrschaft ist die Insel Mompracem, auf der der Freibeuter Sandokan und seiner Männer ihren Unterschlupf haben. Sie bieten den Engländern kühn die Stirn und schlagen dem Gouverneur James Brook, dem "Weißen Radscha von Sarawak", immer wieder ein Schnippchen. Als sich aber eines Tages Sandokan in die Tochter des Beauftragten der East India Company verliebt, deren Vater es gerne sähe, wenn seine Tochter einen englischen Offizier heiratete, nehmen die Schwierigkeiten und Verwicklungen ihren Lauf....
Moment, wird man sich hier denken. Kenne ich das nicht von irgendwoher? Piraten, die der globalisierenden Macht der East India Company die Stirn bieten? Höhere Tochter verliebt sich in einen Piraten? Ein farbenfrohes Sammelsurium an exotischen Hintergründen? Nun ja, die Pirates of the Caribbean-Serie ist mit Sicherheit nicht der einzige Piratenfilm, der sich durch diese Elemente auszeichnet, aber ob des jüngst gestarteten dritten Teils noch in aller Munde. Sowohl Sandokan als auch Pirates of the Caribbean sind auf epische Breite hin angelegt. In beiden Serien gibt es einen bedrückten Freibeuter (William Turner und Sandokan) und einen gutgelaunten Glücksritter (Jack Sparrow und Yanez). Nur steht in Sandokan der edle, aber vom Schicksal gebeutelte Freibeuter im Vordergrund und Pirates of the Caribbean wird zur Manege für Frohgeister wie Sparrow oder Barbossa. Der Sidekick entwickelt sich zur Hauptattraktion; die große Geste wird zur Nebensache. Hierin liegt vielleicht der Hauptgrund, warum Sandokan auch heute noch eine solche Faszination ausübt: man nimmt ihm die große Geste ab. Egal, ob seine Dialoge streckenweise unerträglich banal sind, der Held steht über solchen Dingen. Sandokan kann echte Bewunderung inspirieren und Sollima gibt dem Charakter mit einer solchen Aufrichtigkeit Raum, dass man seinen Bezug auf den Neorealismo auf einmal nicht mehr nur als flapsige Bemerkung abtun möchte. Auch Salgaris Romane gelten als ehrliche Kritik an Kolonialismus und Imperialismus durch seinen integren indigenen Helden und haben vor allem in der spanischsprachigen Welt als Kindheitslektüre Autoren wie Gabriel Garcia Marquez und Isabel Allende geprägt. Selbst von Che Guevara wird berichtet, dass er 62 von Salgaris Büchern verschlungen habe.
  Ein solch' ungebrochenes Heldenbild scheint heute nicht mehr möglich zu sein, betrachtet man sich aktuelle Abenteuerfilme wie Pirates of the Caribbean. Große Swashbuckler wie Errol Flynn (Captain Blood 1935, The Sea Hawk 1940) oder Sandokan erschienen, obwohl diese Filme einen feinen Sinn für Humor zeigen, als Karikaturen ihrer selbst. Man mag bedauern, dass es nie wieder so sein wird wie in den guten alten Tagen, aber eigentlich ist es eine gute Sache, dass die Helden von ihrem Sockel geholt wurden. Unreflektierte Heldenverehrung hat stets zu mehr Problemen als Lösungen geführt. Salgari selbst, der Autor der Sandokan-Serie, hatte sich irgendwann so in seiner Fantasiewelt verrannt, dass er durch rituellen Selbstmord (der japanische Seppuku-Ritus) seinen Schulden entfloh. Am besten, man hält sich seine Helden auf dem Bildschirm. Und wenn die Sehnsucht nach einer Zeit kommt, in der Männer noch echt Männer waren, dann kann man guten Gewissens zur DVD-Box der Sandokan-Serie greifen und sich einige Stunden bestens vom Tiger von Malaysia unterhalten lassen, bevor es wieder zurück in die Realität geht.
Text Copyright Karin Dannecker 2007 Bilder Copyright Koch Media
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