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Walter Moers: Die Stadt der Träumenden Bücher erschienen bei: Piper ISBN: 3492045499
Preis: 10 € (Paperback) Die Stadt der träumenden Bücher bei Amazon.de (Paperback) 25,90 € (Hardcover) Die Stadt der träumenden Bücher bei Amazon.de (Hardcover) Bei der Frage „Welches ist dein Lieblingsbuch?“ hab ich bisher immer die Augen verdreht. Sowas kann man jemanden, der den ganzen Tag lang mit Büchern zu tun hat und ständig irgendwas neues, tolles sieht, nicht stellen, es sei denn, er hat eindeutig seine Prioritäten gesetzt. Ich hatte das bis heute nicht und kam bei dieser Frage immer gehörig ins Stottern. Doch diese Zeiten sind vorbei! Nachdem ich dieses Buch durchgelesen hatte, beschloss ich feierlich, nun endlich ein Lieblingsbuch zu küren, das diesen Titel bis in alle Ewigkeit innehaben sollte: Die Stadt der Träumenden Bücher. Denn dieser Roman aus Walter Moers' Zamonien-Universum ist neben vielen anderen Dingen eine Liebeserklärung an die Literatur und zugleich eine, nun ja, Betrachtung der etwas merkwürdigen Branche drumherum. Die Geschichte spielt in Buchhaim auf dem zamonischen Kontinent, der Stadt, die von Büchern lebt, aus Büchern besteht, in der die Bücher angeblich leben, deren Einwohner Bücher herstellen, verkaufen, jagen, kaputtmachen, kaufen, schreiben, lesen, sammeln und essen. Und noch viele andere Dinge, aber die sind mitunter nicht sehr gesund. Nach Buchhaim kommt der blutjunge ambitionierte Schriftsteller Hildegunst von Mythenmetz von der Lindwurmfeste. Der verstorbene Dichtpate des Sauriers hinterließ ihm ein sonderbares Manuskript, das so perfekt geschrieben war, dass so mancher Autor, der es las, fortan vor lauter Unwürdigkeit nie mehr ein Wort zu Papier brachte. Vielleicht lag es auch daran, dass sich Hildegunsts Dichtpate zeitweise für einen Schrank voll ungeputzter Brillen gehalten hatte, aber ich schweife ab. Dieses Manuskript also möchte Hildegunst unbedingt einem lebenden Wesen zuordnen, und nach dem anfänglichen reizüberfluteten Schock bei seiner Ankunft in Buchhaim beginnt er mit seinen Nachforschungen. Doch alle, denen er das Manuskript zum Lesen gibt, reagieren gar merkwürdig und sehr abweisend - sogar mit Hausverboten wird nicht gegeizt. Seine Suche führt ihn schließlich nicht ganz freiwillig in die Katakomben von Buchhaim, dem unheimlichen, dunklen und gefährlichen Träger der Geschichte der Stadt. Hier befinden sich die riesigen alten Lager längst verstorbener Antiquare, vergessene Hallen voller Altbestände gammeln vor sich hin, hier jagen die schwergerüsteten Bücherjäger nach seltenen Werken (oder ungeliebten Kollegen), für die sie an der Oberfläche reich belohnt werden. Hildegunst sieht ein, dass er mit seiner Suche nach dem geheimnisvollen Autoren schlafende Hunde geweckt hat und muss nun regelmäßig seine Haut retten. Wie soll er wieder an die Oberfläche kommen? Um die Katakomben ranken sich düstere Geschichten, da sind die Bücherjäger mit ihren Waffenarsenalen noch die harmloseren Genossen. Stimmen die Gerüchte über die fürchterlichen Buchlinge, die angeblich Bücher fressen und weiß der Himmel was noch alles? Und dann gibt es ja noch die Legende von dem schaurigen Schattenkönig, den noch niemand gesehen hat – das heißt, es ist noch keiner lebend zurückgekehrt, der von einer Begegnung mit ihm berichten könnte. Nein, das hier unten ist keine geeignete Umgebung für einen Schriftsteller! Die Lage erscheint aussichtslos – doch Hildegunst erhält schließlich Hilfe von unerwarteter Seite und verbringt so in den Katakomben nicht nur die gefährlichste, sondern auch die aufregendste und erkenntnisreichste Zeit seines Lebens. In Buchhaim kursiert eine Legende über das sogenannte Orm. Das Orm ist eine substanzlose Kraft, die der eine oder andere Schriftsteller in sich hat und die ihn zu dichterischen Höchstleistungen befähigt. Ich muss gestehen, dass ich Herrn Moers das Orm bei meinen bisherigen Erfahrungen mit seinen Büchern nicht zugestanden hätte. Aber bei diesem Werk hatte es definitiv seine Finger (oder was auch immer) im Spiel. Es ist nicht nur die spannende Story um Hildegunsts größtes Abenteuer, die das Ganze so besonders macht. Zum einen webt er durch die Hauptfigur wunderbare Beobachtungen der Bücherbranche und Literaturszene in die Geschichte ein, gleichzeitig aber gehen diese (selbst?-)kritischen Betrachtungen hoffnungslos in der Begeisterung für Bücher und das Lesen vor die Hunde. Wir kennen ja bereits aus früheren Büchern Moers' Einfallsreichtum, und in diesem Buch lässt er richtig die Sau raus. Nicht nur die Schauplätze, die verschiedenen zamonischen Wesen und deren Charaktere lassen den Leser staunen, auch die unglaublich kreativen Details des Buches. Zuerst wundert man sich beispielsweise über all die einfallsreichen Schriftstellernamen, die Moers sich ausgedacht hat, aber sobald man sein erstes Aha-Erlebnis hatte, hinter den Namen Gofid Letterkerl oder Perla La Gadeon Anagramme von Gottfried Keller und Edgar Allan Poe erkannt hat, gibt’s kein Halten mehr. Ich hab mich mehrmals dabei ertappt, minutenlang über einem Namen zu brüten, um rauszukriegen, wer sich dahinter verbirgt, statt einfach weiterzulesen. Ich hab aber trotzdem noch längst nicht alle rausgefunden. Das macht aber überhaupt nichts, denn dieses Buch kann und sollte man immer wieder von vorne lesen. Auch wenn sich der Berg neuer Bücher bis an die Decke türmt, es ist keine verschwendete Zeit, lieber nochmal Die Stadt der Träumenden Bücher zu lesen. Herr Moers, ich ziehe vor Ihnen meinen Hut. Sie haben es geschafft, mir endlich ein Lieblingsbuch zu bescheren. Danke. Text Copyright Anna-Selina Sander Cover Copyright Piper |