Advertisement

Gorilla des Monats

bernie 
Home arrow Musik und Hörspiele arrow El-P: I’ll Sleep When You’re Dead
El-P: I’ll Sleep When You’re Dead

el Plattenfirma: Definitive Jux
Tracks: 13
Spieldauer: 54:52 Minuten
Erscheinungsdatum: 16. März 2007
ASIN: B000NA7FT6
Preis: 16.95 € I'll Sleep When You Are Dead bei Amazon.de

Falls ihr glaubt, Rapmusik beschränke sich darauf, ein Sample leicht zu modifizieren und es auf eine Funk-Scheibe zu legen… Die letzte El-P-Scheibe beweist das Gegenteil. El-P ist New Yorker Rapper, Produzent, Filmmusiker, Labelchef und Remixer für unzählige Künstler (darunter unter anderen TV on the Radio und Beck). Seine Karriere zeichnet sich durch ein ständiges Höherlegen der Messlatte für sich selbst und andere aus: Erst Bahnbrechendes mit Company Flow, dann Trennung von seinem damaligen Label Rawkus und Aufbau eines eigenen Labels Def Jux mit mindestens (!) zwei richtungsweisenden Releases (Aesop Rock und Cannibal Ox), anschließend noch genialer auf seinem ersten Album (Fantastic Damage, 2002) und jetzt das hier:

„I’ll Sleep When You’re Dead“.

Dieses Album zeigt einen gereiften, stets innovativen Produzenten und Musiker, der nicht krampfhaft versucht, über den Tellerrand zu schauen. Hier wird nicht versucht, Bedürfnisse „alternativer“ Raphörer zu befriedigen, sondern organische Songs zu liefern, die sowohl experimentierfreudigen Rockern als auch Elektronikern gefallen könnten, nichtsdestotrotz aber schlicht und einfach Hiphop sind.

„TPC, motherfucker!“


Das Album beginnt mit einer sprichwörtlichen Achterbahnfahrt namens Tasmanian Pain Coaster, in der El Producto in Kollaboration mit Omar Rodriguez-Lopez (Mitbegründer der Latino-Experimental-Fusion-Rocker „The Mars Volta“) das Treffen mit einem unangenehmen Zeitgenossen, einem alten Kollegen schildert. Dessen Wettern gegen die Gesellschaft und das einhergehende Schieben der Verantwortung auf sein soziales Umfeld wurde auf einem psychedelischen, synthielastigen Triphop-Beat inszeniert. Dies ist musikalisch so einwandfrei und abwechslungsreich gestaltet, dass der Opener auf mehr von diesem Kaliber hoffen lässt. Spätestens als nach einem Break Omars Falsett mit den Worten „your future’s uncertain here now / the plot smears on the wall” einsetzt, ist auch klar, dass es so weitergehen wird.

„give me the dramatic intro… machines!”

„Smithereens“ - ein absolutes Monster von Beat, genial-simple Breaks und ein Maschinenflow lassen diesen Antikriegssong den Hörer wieder daran erinnern, dass El-P neben all der Experimente vor allem für eins steht: Hiphop, und das ruhig Oldskool. „Up All Night“ überzeugt gleich danach mit einem treibenden, stark perkussiven Beat. Inhaltlich ein typischer Representer, so weit man das bei El-P sagen kann. Simpel aber extrem cool ist folgende Zeile aus der Hook: „I might have been born yesterday, sir / but i stayed up all night, right?” Das glauben wir El-P aufs Wort…
el
Danach ist Zeit für einen typischen, absolut abgefahrenen, düsteren Synthietrack namens „EMG (Everything Must Go)“, und der Name ist Programm: hochassoziative Gedankenflüsse, die eine hypnotische Stimmung aufkommen lassen. Diese Stimmung wird von dem nahtlos anschließenden „Drive“ zwar weitergeführt, jedoch thematisch auf einer anderen Schiene: Das ist der düsterste Cruising-Song, der mir je in die Ohren gelangt ist, nicht zuletzt dank der herrlichen Wortspielereien und Anspielungen auf Popkultur und Gesellschaft

„ridin shotty with jesus of nascareth“

Nach dem unvermeidlichen Crash folgt ein Filler, der auf einer anderen Rapscheibe wahrscheinlich wieder ein langweiliges Skit-Etwas geworden wäre mit bekifften, scheißelabernden Homies oder so. Nicht so bei El-P: „Dear Sirs“ ist ein anderthalbminütiges Statement, das durch die geschickte Einarbeitung von Schreibmaschinentippsounds überzeugend vermittelt, wie El-P einen bösen Brief ans Weiße Haus schreibt. Kann man ihm vorwerfen, dass es inzwischen schick ist, sich gegen die Politik seines Landes auszusprechen? Wohl kaum, wenn es so gekonnt gemacht ist:

„me fighting in your war is still by a large margin / the least likely thing that will ever fucking happen ever“

Um nicht weiterhin jeden Song im Detail zu beschreiben, was allerdings absolut gerechtfertigt wäre, hier noch die wichtigsten Nummern der noch verbleibenden halben Stunde. Da wäre erst einmal „Run The Numbers“, ein mooglastiger treibender Song, in dem El-P zusammen mit Aesop Rock die Schrecken jeden Krieges aus der Sicht junger, unerfahrener Soldaten schildert.

„she could help me clean my gun and i could help her clean the floor / back to something natural we’ll live off of the land“


„Habeas Corpses (Draconian Love)“ featuring Cage erzählt von einer Liebesgeschichte eines Scharfrichters zu seiner Gefangenen in einer dystopischen Zukunftsgesellschaft, die mit dem den ganzen Song begleitenden Geräusch einer feuernden Schrotflinte tragisch endet :

„damn it lindt… fire your weapon! / yes sir“

„The Overly Dramatic Truth“ ist zwar der Song mit den lieblichsten Akkorden, jedoch wird triefend vor Sarkasmus eine kaputte Beziehung beschrieben:

„help me help you (walk away)“


In „Flyentology“ – entstanden in Zusammenarbeit mit Trent Reznor – lacht El-P über sich selbst und seine übertriebene Flugangst, die den ansonsten unreligiösen Künstler bei jedem Flug zu Gott beten lässt. Schließlich ist noch „The League Of Extraordinary Nobodies“ hervorzuheben, eine Abrechnung mit gesellschaftlichen Konventionen und Verhaltensweisen, die jedem Hörer zumindest teilweise aus eigener Erfahrung besonders von Wochenenden in Clubs oder auf Partys bekannt sein dürften:

„i just realized the tragedy of this is that her hand is on my leg and she so clearly wants to fuck / and though i’m wired and i would certainly oblige i can’t continue getting high and then confusing it for lust“

El-P bietet hier Experimente, wahre Straßenpoesie, Meinung, Gefühle, irrsinnige Drumsets, dicke Synthies, in einem sehr komplexen, mit Dutzenden von Samples zusammengefrickelten, aber nichtsdestotrotz eingängigen Album. Es wird tatsächlich alles geboten, was eine gute Platte, gleich welcher Musikrichtung, bieten muss. In den gut 54 Minuten schwankt des Hörers Stimmung von traurig bis euphorisch, wütend bis entspannt, und doch ist alles wie aus einem Guss, dieses Stück Musik in sich stimmig. Für jeden, der den Blick über den Tellerrand nicht scheut, ist diese CD Zeugnis dessen, was mit einem freien Geist und extrem hohem handwerklichen Geschick möglich ist. Empfohlen werden für den perfekten Genuss übrigens Kopfhörer oder richtig gute Boxen (ruhig Monitorboxen), um, zumindest nach dem zehnten Hören, auch wirklich alle Details wahrzunehmen. Boombox geht aber auch…

Text Copyright Matin Wasiri 2007
Coverartwork Copyright Definitive Jux

 
< zurück   weiter >
© 2012 www.g-wie-gorilla.de
Joomla! is Free Software released under the GNU/GPL License.